Mehr Frust an den Universitäten: Die Motivation der Studierenden im Schatten von COVID-19

 „Distance Learning“ lautet die Devise an Österreichischen Hochschulen seit Mitte März. Der Frage, welche motivationalen und emotionalen Veränderungen für die Studierenden damit einhergehen, sind Forscher*innen der Universitäten in Innsbruck, Salzburg und Klagenfurt sowie dreier deutscher Universitäten in einer Studie mit mehr als 1800 Studierenden nachgegangen. Die Ergebnisse machen deutlich, wie sich die Umstellung von Präsenz- auf Distanzlehre negativ auf die Lernmotivation und den Kontakt zu den Lehrenden und Studierenden auswirkt.

Seit Mitte März 2020 wurde der Lehrbetrieb an den Universitäten weitgehend auf Distance Learning umgestellt. Damit verbundene Auswirkungen und Herausforderungen sind für die Studierenden enorm: Sie sind mit neuen Formen des Lehrens und Lernens sowie mit einem veränderten Sozialleben konfrontiert. Wie sich diese Umstellung auf das Befinden, auf die Lernbedingungen sowie auf die Studienmotivation auswirkt, wurde in einer Studie mit 1800 Studierenden nachgegangen. Das binationale Projekt „Motivation in times of Distance Learning“ (kurz MoDiLe) wurde von Bildungswissenschaftler*innen aus je drei Universitäten in Österreich (Salzburg, Innsbruck, Klagenfurt) und Deutschland (Augsburg, Bielefeld, Osnabrück) initiiert.

Im Vergleich zu Untersuchungen aus der Zeit vor der COVID-19-Pandemie bewerten Studierende die derzeitige Situation im Distance Learning in Österreich und in Deutschland deutlich negativer:
Die psychische Vitalität der Studierenden während der Corona-Krise sinkt. 35% der Studierenden geben an, weniger Energie und Tatkraft für ihr Studium aufzuweisen. Zudem nehmen sich weniger als 20% als ausgeprägt aufmerksam und wach wahr. Auf die allgemeine Lebenszufriedenheit der Studierenden hat sich die veränderte Lebenssituation allerdings nicht ausgewirkt. Über 80% sind mit ihrem Leben weiterhin zufrieden bzw. sehr zufrieden.

Das auffälligste Ergebnis der Studie ist, dass die intrinsische Lernmotivation der Studierenden, die mit Begeisterung und Interesse einhergeht, in beiden Ländern deutlich zurückgeht. Dies ist insofern dramatisch, da die intrinsische Motivation maßgeblich für nachhaltigen Lernerfolg und für die Qualität des Lernprozesses verantwortlich ist sowie mit psychischem Wohlergehen zusammenhängt.

Obwohl das Studium von den Studierenden weiterhin als wichtiger Teil des Lebens beschrieben wird, identifizieren sie sich im Distance Learning deutlich weniger mit ihrem Studium. Ergänzend dazu steigt die extrinsische Studienmotivation, die mit erlebtem Druck und dem Gefühl der Außensteuerung einhergeht. Aus anderen Studien ist bekannt, dass diese Form der Motivation weitgehend negative Auswirkungen auf die Qualität des Lernens und des Erlebens aufweist.

Gründe für den beschriebenen Rückgang der Motivationsqualität können unter anderem in der fehlenden sozialen Einbindung sowie dem erhöhten Arbeitsaufwand gesehen werden: Schon nach wenigen Wochen im Online-Studium verzeichnet sich ein eklatanter Rückgang in der Bewertung der sozialen Kontakte im Studium. Studierende beklagen auf der einen Seite einen mangelnden Austausch mit ihren Kommiliton*innen, auch wenn es noch gelingt, sich im Online-Studium gegenseitig zu unterstützen und bei Studienproblemen gemeinsame Lösungen zu finden. Auf der anderen Seite verschlechtert sich die soziale Einbindung zwischen Studierenden und Lehrenden maßgeblich. So sind die Lehrenden aus der Sicht der Studierenden schlecht erreichbar, zudem fühlen sich Studierende beim Lernen auffallend weniger unterstützt. Mangelndes Feedback sowie die zum Teil fehlenden Interaktionen und Diskurse im Online-Studium begründen diese Wahrnehmung.

Die Studierenden bemängeln zudem den deutlich gestiegenen Arbeitsaufwand und die damit einhergehende Überforderung im Online-Studium, was sich im Rückgang der Lernmotivation bemerkbar macht.

Positive Befragungsergebnisse finden sich in Zusammenhang mit der erlebten Autonomie der Studierenden. Dies kommt etwa dadurch zum Ausdruck, dass ihre Entscheidungsfreiheit durch das Distance Learning kaum eingeschränkt wird.

„Eine große Herausforderung ist es, die intrinsische Motivation aufrechtzuerhalten und die Qualität der sozialen Interaktionen zu verbessern“, so der Motivationsforscher und Mitinitiator der Studie Florian Müller von der Universität Klagenfurt. Gegenwärtig scheint es im Distance Learning schlecht zu gelingen, dieser Herausforderung gerecht zu werden, sodass die Lernmotivation aufrechterhalten bleibt und nachhaltiges Lernen befördert wird.

Im kommenden Wintersemester wird an den meisten österreichischen und deutschen Universitäten ein Großteil der Lehrveranstaltungen weiterhin online angeboten. An der Universität Klagenfurt finden Lehrveranstaltungen im Wintersemester 2020/21 primär als Präsenzlehre statt. Die weiteren Untersuchungen im Rahmen des Projekts MoDiLe werden zeigen, inwiefern sich die Zufriedenheit und Motivation der Studierenden aufgrund der Erfahrungen mit dem Distance Learning aus dem letzten Semester verbessern werden.

Weitere Informationen zu MoDiLe und den Projektpartner*innen unter https://ius.aau.at/de/modile