Junge Stimmen, politischer Wandel: Camila Ponce Laras Forschung zu Protest, Engagement und klimabewegten Start-Ups
Studierendenproteste in Chile, gesellschaftliche Bewegungen in Lateinamerika und grüne Start-Ups in Europa: Die Sozialwissenschaftlerin Camila Ponce erforscht, warum sich junge Menschen politisch engagieren – und wie Emotionen, Protest und Innovation gesellschaftlichen Wandel vorantreiben.
Vor und nach der Jahrtausendwende wurde in Chile das Bildungssystem massiv umgebaut. Das Schul- und Hochschulwesen wurde in weiten Teilen privatisiert, was dazu führte, dass ein Großteil der Studierenden private oder staatliche Kredite aufnehmen musste, um die Ausbildung zu finanzieren. Schließlich kam es 2011 zu großen Protesten von Schüler:innen und Studierenden. Die Organisation übernahmen vor allem Studierendenverbände, aber auch viele andere Gruppen brachten ihren Unmut über das Bildungssystem des Landes zum Ausdruck.
Diese Proteste in Chile brachten einen großen Widerspruch zu wissenschaftlichen Theorien dieser Zeit zum Ausdruck, erzählt Camila Ponce, die als Projektmitarbeiterin am Institut für Gesellschaft, Wissen und Politik tätig ist. „Damals glaubte man stark, dass junge Menschen nicht an Politik interessiert seien. Die Proteste zeigten aber: Junge Menschen kümmern sich um Politik. Und sie bringen ihre Haltung auch weithin sichtbar zum Ausdruck“, so Camila Ponce. Die Proteste aus dem Jahr 2011 in ihrem Heimatland Chile waren lange zentraler Bestandteil ihrer Forschungsarbeiten. Mehr als 60 Interviews hat sie mit Studierenden und anderen Personen im Umfeld dieser Proteste geführt und in ihren Publikationen dazu gezeigt, wie sehr junge Menschen mit Politik verbunden sind.
Ihre Arbeiten hat sie dann auch mit anderen Kolleg:innen aus anderen Ländern in Lateinamerika weitergeführt. 2016 schloss sie ihren PhD dann an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris ab. Danach war sie für vier Jahre als Full Professor an der Universidad Católica Cardenal Raúl Henríquez in Santiago in Chile tätig. „Ich war es gewohnt, im Ausland zu leben. Das hat mir sehr gefehlt, deshalb habe ich mich von dieser Position aus wieder neu aufgemacht, um ein anderes Land zu entdecken.“ Camila Ponce kam an die Philipps-Universität Marburg, wo sie sich weiterhin mit gesellschaftlichen Bewegungen beschäftigte, mit einem Fokus auf Chile und Tunesien. „Dabei kam ein ökologischer Fokus hinzu. Mich interessierte, wie man in Lateinamerika, aber auch in Nordafrika mit ökologischen Problemen wie dem Extraktivismus, also dem Abbau und Export von Rohstoffen mit geringer Verarbeitung im Herkunftsland, umgeht. Ich habe mich in dem Zusammenhang vor allem mit Menschen beschäftigt, die versuchen, mit der Gründung von grünen Start-Ups gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen.“
Seit September 2025 ist Camila Ponce nun an der Universität Klagenfurt im Projekt City Science Lab tätig, das sie begleitend beforscht und koordiniert. Ausgangsbasis für das City Science Lab ist die Initiative der Stadt Klagenfurt, als einzige österreichische Stadt an der EU-Mission „100 Climate-neutral and Smart Cities by 2030“ teilzunehmen. Um die Klimaziele zu erreichen, sind ehrgeizige und finanzintensive Projekte in Umsetzung und geplant, von der Dekarbonisierung der Busflotte bis zum Ausbau des Ökostromangebots. Die Universität Klagenfurt unterstützt die Stadt auf ihrem Weg zur Klimaneutralität durch Kompetenzen aus einem breiten Fächerspektrum der Sozial-, Kultur-, Wirtschafts- und Technikwissenschaften. Auch in diesem Projekt interessiert sich Camila Ponce insbesondere für Start-Ups, die versuchen, mit ihrer nachhaltigen Geschäftsidee zur klimaneutralen Stadt beizutragen.
Menschen, die mit ihrer Arbeit einen Beitrag zu einer besseren Welt leisten wollen, sind der Rote Faden in Camila Ponces wissenschaftlicher Karriere. Danach gefragt, was sie alle gemeinsam haben, erklärt sie: „Emotionen können sehr viel bewegen. Wenn ich merke, dass mich Umstände wütend machen oder die Vision für eine bessere Welt positive Emotionen weckt, entsteht daraus oft Handlungswillen. Weil wir soziale Wesen sind, schließen wir uns in diesem Kontext oft zu Gruppen zusammen oder schon bestehenden Gruppen an.“ Heute seien es jedoch häufig nicht klassische Parteien, die von solchen Bewegungen profitieren würden, sondern: „Das Internet bietet vielen Menschen den Raum, sich mit anderen zu verbinden und so sichtbar zu werden. Vorurteile gegenüber einer vermeintlich faulen Gen Z stimmen nicht: Viele jungen Menschen sind sich heute mehr als andere der Probleme dieser Erde bewusst. Sie bemerken oft schneller, was falsch läuft. Gleichzeitig sind die Gefahren der Manipulation durch die Sozialen Medien mehr denn je gegeben.“
Wie nachhaltig Bewegungen wirksam sein können, hänge von vielen Faktoren ab. „Gabriel Boric Font, der 2011 Präsident der Vereinigten Studierendenschaft der Universidad de Chile (Federación de Estudiantes de la Universidad de Chile) und eine wichtige Figur der Studierendenproteste war, ist noch bis März dieses Jahres Präsident von Chile. Bewegungen haben häufig Hochs und Tiefs. Sie können manchmal mehr, manchmal weniger Menschen für ihre Ziele gewinnen.“ Für Camila Ponce, die das freie Forschen und Arbeiten in der akademischen Welt sehr schätzt, wird es weiterhin genügend Forschungsthemen geben, um die Triebfedern des Engagements von Menschen, die sich für eine bessere Welt einsetzen, zu ergründen.
Auf ein paar Worte mit … Camila Ponce Lara
Wann haben Sie zuletzt mit jemandem außerhalb der Wissenschaft über Ihre Forschung gesprochen?
Ich versuche, diese Gespräche so oft wie möglich zu führen, indem ich beispielsweise meiner dreijährigen Tochter erkläre, was Forschung ist und dass Ärzt:innen nicht nur Mediziner:innen sind – das ist eine große Herausforderung.
Was machen Sie im Büro morgens als Erstes?
Ich trinke Kaffee und versuche, etwas Interessantes zu lesen, bevor ich meine E-Mails checke.
Wer ist für Sie die größte Wissenschaftler:in der Geschichte und warum?
Es gibt so viele, aber ich bin sehr inspiriert von Marie Curie, die zwei Nobelpreise gewann, zu einer Zeit, als fast keine Frauen Zugang zur Wissenschaft hatten, und von Hannah Arendt, die eine außergewöhnliche Karriere im Ausland machte, aber auch durch ihre Ideen das politische Denken tiefgreifend geprägt hat.
Was bringt Sie in Rage?
Fake News und der Mangel an Empathie, obwohl es so viel Ungerechtigkeit auf der Welt gibt.
Und was beruhigt Sie?
Meditieren und Tauchen.
Machen Sie richtig Urlaub? Ohne an Ihre Arbeit zu denken?
Ich versuche, so oft wie möglich tauchen zu gehen, aber das ist nicht immer möglich. Ich versuche, wirklich abzuschalten, aber manchmal ist das schwierig.
Wovor fürchten Sie sich?
Dass es kein Zurück mehr gibt.
Worauf freuen Sie sich?
Dass wir eine bessere Welt schaffen können.










KK

