IfEB-Spotlight Oktober 25: Mitch Noah Münzer „Transformatives Lernen in Diversitätstrainings“
Arbeitstitel
Transformatives Lernen in Diversitätstrainings: Methoden zur Förderung kritischer Denkprozesse.
Welches Thema bearbeitest Du und was bedeutet es für Dich?
In meiner Masterarbeit, verortet im Themenfeld der allgemeinen Erwachsenenbildung sowie der berufsbezogenen Weiterbildung untersuche ich, wie spezifische reflexive Methoden in Diversitätstrainings Lernprozesse anstoßen können, die über eine reine Wissensvermittlung hinausgehen. Mein Interesse liegt darin, wie Einstellungen, Handlungsmuster und Bedeutungsperspektiven durch kritische Reflexion in Bewegung geraten – insbesondere innerhalb von Bildungssettings, welche Machtverhältnisse, Diversität und gesellschaftliche Ungleichheit adressieren. Die Arbeit ist eng mit meiner eigenen politischen und biografischen Verortung verbunden: Als queer-feministische Person begreife ich Bildung vor allem als einen Ort der Auseinandersetzung, Irritation und Selbstverortung. Queer-Feminismus bedeutet für mich, tradierte Ausschlussmechanismen in Gesellschafts- und Bildungsstrukturen sichtbar zu machen und zugleich utopische Möglichkeitsräume zu eröffnen. Die Forschung ist daher nicht ausschließlich ein akademisches Vorhaben, sondern auch ein politischer Beitrag zu der Entwicklung von Lernsettings, die Begegnungen ermöglichen, Perspektivenwechsel fördern und verunsichernde, aber dennoch fruchtbare Prozesse unterstützen. Mich beschäftigen insbesondere jene gesellschaftlichen Leerstellen, in welchen kein echter Austausch, keine Aushandlung und keine kritische Selbstreflexion mehr stattfinden. Solche Lücken zeigen sich selbst dort, wo eigentlich dialogische Formate vorhanden wären – etwas künstlerische Interventionen, öffentliche Diskussionen oder reflexive Settings. Oft können diese ihr Potential jedoch nicht entfalten, weil strukturelle Barrieren, sprachliche Ausschlüsse oder Berührungsängste im Umgang mit Differenz den Zugang erschweren und den Dialog begrenzen. Genau an diesem Punkt setzt meine Forschung an: In Diversitätstrainings untersuchte ich, wie reflexive Methoden dazu beitragen können, solche Hemmnisse zu überwinden, transformative Lernprozesse anzustoßen und Lernräume so zu gestalten, dass Begegnung, kritisches Denken und nachhaltige Veränderung möglich werden.
Wie ist dieses Thema mit Deinem Studium verbunden?
Mein Studium der Erwachsenenbildung und berufliche Bildung stellt für meine Forschung nicht nur den formalen Rahmen, sondern einen inhaltlichen Resonanzraum dar. Besonders prägend waren Lehrveranstaltungen wie „Bildungsbe(nach)teiligung über die Lebenspanne: Perspektive auf Ungleichheit und Beiträge zur Erhöhung der Teilhabe“, „Sozio-ökologisches Engagement Erwachsener und transformative Bildung“ und „Lern- und Bildungstheorien in erwachsenenpädagogischer Perspektive“, in welchen ich mich intensiv mit Fragen kritischer Bildung, transformativem Lernen und sozialer Teilhabe auseinandersetzen konnte. Theoretisch basiert meine Arbeit auf der transformativen Lerntheorie nach Mezirow – allerdings in einer erweiterten Form, welche soziale, spirituelle, körperlich-somatische und emotionale Dimensionen integriert. Diese Weiterentwicklung – etwa von Dirkx, Cranton, Goleman, Lawrence oder Fenwick vorangetrieben, ermöglicht es, Reflexion nicht nur als kognitiven Prozess, sondern als ganzheitliche Transformation zu begreifen. Ich verstehe Lernen als einen multidimensionalen Prozess – als ein Wechselspiel zwischen Handeln, Wissen, Emotionen, Haltungen und Körpererfahrungen. Diese Perspektive zieht sich wie ein roter Faden durch meine wissenschaftliche wie auch praktische Arbeit, wie etwa in meiner Lehrtätigkeit bei Motolino – ein Zentrum für zertifizierte Aus- und Weiterbildung in Motopädagogik sowie für kindgerechte Entwicklung und praxisnahe Pädagogik und meiner Mitarbeit bei schau.Räume – einem interdisziplinären Performanceformat, welches marginalisierte gesellschaftliche Themen in Leerständen und im öffentlichen Raum partizipativ inszeniert. Durch diskursive und künstlerische Interventionen entstehen temporäre Begegnungs- und Aushandlungsräume, die Vielfalt sichtbar machen, alternative Erzählformate erproben und Impulse für gesellschaftliche Veränderung setzen.
Wie gehst Du im Forschungsprozess vor?
Ich arbeite qualitativ-interpretativ und verorte mich methodologisch in einer kritisch-reflexiven Bildungsforschung, welche Subjektpositionen nicht ausklammert, sondern explizit reflektiert. Mein Erkenntnisinteresse zielt darauf ab, die Dynamiken reflexiver Prozesse, ihre Wirkung auf Bedeutungsschemata sowie ihre Nachhaltigkeit im pädagogischen Kontext besser zu verstehen. Die Datengrundlage sind zwei Erhebungsinstrumente, welche ich im Rahmen meiner eigenen Lehrveranstaltung erprobt habe: Zum einen Reflexionsjournale, in welchen die Teilnehmenden über einen Zeitraum von sieben Wochen zu gezielten Fragen schreiben – differenziert nach kognitiven, affektiven, somatischen und sozialen Dimensionen. Zum anderen eine Follow-up Fokusgruppe, welche nach Beendigung des Lernjournales stattfindet und kollektive Sinnbildungsprozesse sowie Transferwirkungen in den Blick nimmt. Die Daten werden mittels der qualitativen Inhaltsanalyse nach Udo Kuckartz ausgewertet. Ich wähle einen deduktiven Zugang, um auf Basis der transformativen Lerntheorie erste, theoriegeleitete Kategorien zu entwickeln. Ergänzend setzt ich ein induktives Vorhaben ein, um aus dem Material heraus neue und bislang theoretisch nicht erfasste Phänomene sowie Bedeutungsmuster zu identifizieren. Diese Kombination ermöglicht es mir, theoriegeleitet zu arbeiten und zugleich offen für die Tiefe des Materials zu sein. Ergänzt wird das durch mein Forschungstagebuch, in welchem ich den gesamten Prozess, meine Rolle im Forschungsprozess, meine Hypothesen und die darin erlebten Spannungen dokumentiere – von Momenten der Unsicherheit, intellektueller Irritation und Frustration bis hin zu Phasen produktiver Neugier und neuer Erkenntnisse. Damit leistet es einen Beitrag zur Forschungstransparenz und zur Reflexion meiner eigenen Verflechtung mit dem Feld.
Was möchtest Du anderen Studierenden an Erfahrungen und Tipps mitgeben?
Wissenschaftliche Arbeit ist nie neutral. Sie ist situiert, widersprüchlich und prozessorientiert. Ich habe gelernt, dass Pläne sich verändern dürfen. Die Dynamik des Feldverlaufs machte deutlich, dass eine Anpassung der ursprünglich geplanten Abfolge – zunächst den Theorieteil zu verfassen und erst danach die empirische Erhebung durchzuführen – sinnvoll war. Ich habe mich bewusst entschieden, die Datenerhebung vorzuziehen und weitere inhaltliche Anpassungen vorzunehmen, um die Gelegenheiten im Feld optimal zu nutzen und mein Erkenntnisinteresse präziser zu verfolgen. Diese Entscheidung habe ich methodologisch fundiert und im Sinne meines qualitativ-interpretativen Paradigmas in das Forschungskonzept integriert. Dieses Aushalten von Spannung war Teil des Lernens. Ich empfehle: Wähle ein Thema, welches dich persönlich bewegt. Reflektiere deine Rolle und Perspektive – nicht nur einmal, sondern fortlaufend. Plane Ruhephasen ein. Lege deine Arbeit auch mal zur Seite, um neue Perspektiven zu gewinnen. Achte auf deine Ressourcen: Der internalisierte Anspruch, alles allein leisten zu müssen, ist Ausdruck eines leistungsorientierten Systems, dem wir etwas entgegensetzen sollten. Was mir geholfen hat: Austausch mit anderen. Kritisches Lesen von Literatur jenseits eurozentrischer, cis-männlicher Perspektiven. Die Haltung, dass Wissenschaft nicht von Objektivität, sondern von Transparenz, Verantwortung und Situiertheit lebt. Mein Leitsatz: Wissenschaft ist kein Sprint. Sie braucht Pausen, Zwischentöne und manchmal den Mut, das Ziel neu zu denken.













