Neuerscheinung: Was, wenn Pandas Verwandtschaft erkennen? Folgen für den Artenschutz
Große Pandas werden als globales ‚Naturerbe‘ und als Chinas ‚Nationalschatz‘ geschützt. Christof Lammer zeigt, wie hinter dem Rampenlicht der Panda-Diplomatie kulturelle Ideen über Verwandtschaft – und die darauf basierenden genealogischen, genetischen und verhaltenswissenschaftlichen Messungen – den Artenschutz beeinflussen.
Ein kürzlich veröffentlichter Fachartikel und ein Arbeitspapier von Christof Lammer (Institut für Gesellschaft, Wissen und Politik) untersuchen, wie Artenschützer:innen entscheiden, welche Pandas sich fortpflanzen sollen; wie ein Matchmaking-Algorithmus, der auf genealogischen Berechnungen und genetischen Messungen basiert, dafür kritisiert wird, dass er zu ‚unglücklichen arrangierten Ehen‘ führt, und wie einige Forscher versuchen, die Handlungsfähigkeit der Pandas anzuerkennen, um Tieren mehr Mitspracherecht beim Schutz ihrer eigenen Art zu geben. Doch diese Versuche verändern die Beziehungen zwischen Mensch und Panda auf unvorhergesehene Weise.
Anstatt den geschützten Tieren menschliche Verwandtschaftsmessungen aufzuerlegen, untersuchen einige Forscher, ob Pandas selbst Verwandte erkennen können. Während solche Bemühungen den Menschen dezentrieren, zeigt Lammer, dass sie zugleich unbeabsichtigt die menschliche Fixierung auf Verwandtschaft verstärken. Insbesondere werden Handlungen der Pandas im Licht kultureller Vorstellungen von Heterosexualität, Fürsorge und Inzest verstanden, und dabei wird auf genau jene Messpraktiken zurückgegriffen, die bereits den Pandaschutz dominieren.
Obwohl Studien zur Verwandtschaftserkennung dazu beitragen können, dass Pandas unter menschlicher Obhut bei Paarungsentscheidungen mitbestimmen, können dieselben Studien andernorts die menschliche Kontrolle verstärken. Dies geschieht etwa durch die Ablehnung von Pflegemutterschaften oder durch strengere Regelungen, welche Jungtiere zusammengehalten werden sollen. Beide vorgeschlagenen Maßnahmen beruhen wiederum auf menschlichen Messpraktiken zur Bestimmung von Verwandtschaft bei Pandas.
Im Gegensatz zu weitreichenden Vorschlägen zur Revolutionierung des Naturschutzes – etwa durch marktorientierte „New Conservation“, einen Neoprotektionismus, der die Wiederkehr der Wildnis in bislang ungekanntem Ausmaß fordert, oder durch posthumanistische Ethiken – plädiert Lammer für einen bescheideneren, scheinbar paradoxen Schritt: Über den Anthropozentrismus hinauszugehen erfordert zugleich eine Zentrierung des Menschen, nicht um menschliche Vorherrschaft zu bestätigen, sondern um menschliche Wissenspraktiken sichtbar und rechenschaftspflichtig zu machen. Selbst wenn wir uns im Naturschutz bewusst zurücknehmen, bleiben wir zentral beteiligt. Daher ist es unerlässlich zu verstehen, wie menschliche Versuche, nicht‑menschliche Handlungsfähigkeit zu erkennen, spezifische Implikationen für artenübergreifenden Beziehungen nach sich ziehen.
Lammer, Christof. 2025. Can Pandas Measure Kinship to Conserve the Species? Implications of Knowing More-Than-Human Heritage Making. tbc. working through heritage concepts 4. https://doi.org/10.18452/34379.
Lammer, Christof 2026. When Scientists Study Panda Kin Recognition: Decentring and Recentring the Human in Conserving China’s National Treasure. International Journal of Heritage Studies. https://doi.org/10.1080/13527258.2026.2655940.
Diese Open-Access-Publikationen entstanden aus Christof Lammers Forschungsprojekt “Panda Heritage: Kinship Measurements and Life’s Value in Species Conservation” während eines Fellowships am Käte Hamburger Kolleg inherit – heritage in transformation an der Humboldt-Universität Berlin (2024–2025).













