Ein radikaler Neuanfang

Seit einigen Jahren diskutieren Geologinnen und Geologen über die Existenz eines neuen Zeitalters. Das Anthropozän zeichnet sich durch die massive Veränderung der natürlichen Umwelt durch den Menschen aus. Geographin Heike Egner sieht diese neue Epoche als Chance für die Wissenschaft und die Menschheit.

Stehen wir am Anfang eines neuen Zeitalters?
Wenn wir in der Geologie von unterschiedlichen Epochen sprechen, dann geht es normalerweise um Zeiträume von mindestens mehreren Millionen Jahren. Das macht die Diskussion darüber, ob
es das Anthropozän gibt oder nicht, so schwierig. Wird ein neues Zeitalter definiert, muss man dafür global gültige Kriterien finden. Stellen Sie sich vor, in 10 Millionen Jahren graben Menschen oder wer auch immer in der Erde, dann müssen sie Marker finden, die sich auf die heutige Zeit datieren lassen.

Welche Marker könnten das sein?
Für das Anthropozän wird gerade darüber diskutiert, ob es die Atombombentests und ihre Spuren sind. Dann würde man den Beginn des Anthropozäns auf die 1950er Jahre legen. Einige Geologinnen und Geologen sind aber nicht glücklich damit. Sie sehen die Industrialisierung als Start des neuen Zeitalters.

Das heißt, die GeologInnen sind sich zumindest darüber einig, dass wir im Anthropozän angekommen sind?
Nein, keineswegs. Es gibt WissenschaftlerInnen, die es arrogant finden, über ein neues Zeitalter zu sprechen. Wir haben sonst mit Zeitaltern zu tun, die über Millionen von Jahren reichen, und nennen einen Zeitraum, der im geologischen Vergleich gesehen ein Hundertstel eines Wimpernschlags ist, ein neues Zeitalter. Was für eine Arroganz! Ich kann diese Haltung verstehen, ist es doch das erste Zeitalter, das im Entstehen benannt wird und dessen Entwicklung wir miterleben.

Wie stehen Sie dem Konzept des Anthropozäns gegenüber?
Ich finde es gut, denn anders als der Begriff der Nachhaltigkeit stellt das Anthropozän die Dimension und die Dramatik unserer Situation klar. Die Nachhaltigkeitsdebatte hingegen verweist auf uns als Individuen. Uns wird das Gefühl gegeben, wenn wir nur unser Konsum- und Mobilitätsverhalten ändern, könnten wir verhindern, dass die Erde sich weiter zum Schlechten transformiert.

Also können wir als Einzelpersonen nichts gegen Klimawandel und Erderwärmung tun?
Wir leben in Strukturen, in denen es fast unmöglich ist, sich widerständig dagegen zu lehnen und die Welt zu retten. Das ist meines Erachtens der Grund, warum das Konzept der Nachhaltigkeit so schwer zu verkaufen ist. Die Nachhaltigkeit scheitert daran, dass wir als Individuen es eben nicht richten können.

Und das ist beim Anthropozän anders?
Ja, denn hier sind wir als Gruppe gefordert, als gesamte Menschheit. Wir haben durch unser Tun unbeabsichtigt – keiner zerstört absichtlich die Umwelt – unsere Lebensbedingungen verschlechtert. Das ist natürlich deprimierend, aber durch das Konzept des Anthropozäns ist die Last nicht mehr auf dem Einzelnen, sondern nimmt die Gesellschaft in die Verantwortung – und damit die Politik und die Wirtschaft.

Wir hören ständig, dass es nicht gut um unseren Planeten steht. Wie kann uns das Anthropozän helfen, ihn zu retten?
Vorab, es geht uns nicht um die Erde, es geht uns nur um uns! Der Vorteil des Anthropozän ist, dass wir beginnen, den Gesamtkomplex zu sehen und nicht nur mehr einzelne Komponenten wie den Klimawandel oder den CO2-Ausstoß. Wir erkennen, dass unser Tun Wirkungen hat, die unsere Lebensgrundlage gefährden. Wir machen das nicht willentlich. Trotzdem erleben wir gerade das größte Massenaussterben von Arten, das die Erde je gesehen hat. Dieser Biodiversitäts-Verlust ist dramatischer als viele vielleicht denken.

Wenn wir bis jetzt noch nicht einlenken, muss es erst zu einer Katastrophe kommen?
Katastrophen kennzeichnen sich dadurch, dass sie nicht vorstellbar sind, deshalb kann man sich nicht vorbereiten. Beim Beispiel von Fukushima war es das Zusammentreffen von Erdbeben, Tsunamis und einem Atomkraftwerk. Nach so einer Katastrophe gibt es ein window of opportunity, ein Zeitfenster, innerhalb dessen ein Umdenken möglich ist. Nach Fukushima hat Japan den Atomausstieg diskutiert und ein Systemwechsel wäre möglich gewesen. Aber der Druck durch die Wirtschaft war so groß, dass sich das Fenster schloss, bevor etwas verändert wurde.

Tsunamis, Klimawandel, Versauerung der Meere und das Artensterben? Ist es nicht schon zu spät, um zu handeln?
Ich denke nicht. Die Debatte um das Anthropozän hat schon eines gebracht: Der Weltklimavertrag wäre aus meiner Sicht nicht so schnell beschlossen und ratifiziert worden. Neben den ganzen
Katastrophenmeldungen verlieren wir diese Errungenschaft aus dem Blick. Im Gegensatz zum Katastrophismus, der ein Prozess des Schwarzmalens ist und uns das Gefühl gibt, es ist alles so schlimm, dass wir nur vor Angst erstarrt dasitzen können, bewirkt das Anthropozän ein Umdenken. Wenn wir tatsächlich feststellen, dass wir im Anthropozän leben, sind ab diesem Zeitpunkt alle Schul- und Geologiebücher falsch. Dann können wir den Menschen nicht mehr fern von der Natur verstehen. Wir sind dann Teil der Natur und die Natur Teil von uns. Die Philosophie, die Anthropologie, die Gesellschaftswissenschaften müssen von vorne beginnen. Es ist ein radikales Konzept, aber genau das brauchen wir. 2016 war das wärmste Jahr seit Beginn unserer Aufzeichnungen.

Ist Geoengineering, also der Eingriff in das Klimasystem der Erde mit technischen Mitteln, eine Option?
Ich finde es beängstigend und halte es für grundlegend falsch, nur nach technologischen Lösungen zu suchen. Für eine gewisse Zeit mögen sie helfen, aber wir kennen das Risiko nicht. Unser Klima hat eine Zeitverzögerung, und wir erleben jetzt die Erwärmung von vor 70-80 Jahren. Die durch unsere rasante technische Entwicklung entstandenen Probleme können nicht mit noch mehr Technologie gelöst werden. Wir brauchen eine Reduktion von Technik und sollten nur Dinge tun, die wir wirklich verstehen.

für ad astra: Katharina Tischler-Banfield

Zur Person

Heike Egner ist seit 2010 Universitätsprofessorin am Institut für Geographie und Regionalforschung der AAU. Sie forscht zu den Beziehungen zwischen Gesellschaft, Mensch und Umwelt, widmet sich u. a. geographischer Risiko- und Katastrophenforschung und Fragen der nachhaltigen Entwicklung.

Heike Egner | Foto: aau/Tischler-Banfield

Dem Konzept des Anthropozäns widmet sich im Sommersemester 2017 auch das „Interdisziplinäre Sparkassenseminar“, an dem Lehrende aller vier Fakultäten mitwirken. Die Lehrveranstaltung ist für Masterstudierende und DoktorandInnen aller Studienrichtungen geeignet, die an einer interdisziplinären Auseinandersetzung mit dem Thema interessiert sind. Das Seminar wird in Kooperation mit der Privatstiftung der Kärntner Sparkasse veranstaltet.