Ein Jahr Lockdown: Von müden Pandemievernünftigen, denen die Bürgermeister den Impfstoff wegschnappen

Mitte März 2020, als SARS-CoV2 auch das Leben in Österreich stilllegte, hat die Universität Klagenfurt Interviews mit Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Fachbereichen zur aktuellen Situation veröffentlicht. Ein Jahr danach haben wir drei von ihnen dazu eingeladen, aus Sicht ihrer Disziplinen über Gelerntes und Erlebtes des vergangenen Jahres zu reflektieren. Lesen Sie hier das Gespräch mit Alexandra Schwell, Professorin für Empirische Kulturwissenschaft, Paolo Rondo-Brovetto, Professor für Öffentliche Betriebswirtschaftslehre und Stephan Dickert, Professor für Kognitionspsychologie.

Herr Rondo-Brovetto, Sie haben in unserem ersten Gespräch ausgeführt, das österreichische System sei zu wenig zentralistisch und habe es daher schwierig, eine Pandemie zu bekämpfen. Haben Sie sich im letzten Jahr bestätigt gefühlt?

Paolo Rondo-Brovetto: Nun, es gibt gesellschaftliche und wirtschaftliche Situationen, für die eine föderale Struktur geeignet ist und andere, wo das weniger geeignet ist. Leider ist für die Bekämpfung einer Pandemie eine föderale Struktur nicht geeignet. Im letzten Jahr sind in Österreich aber hinsichtlich dieser Frage wesentliche Verbesserungen eingetreten. Als Beispiel möchte ich die Novelle des Pandemiegesetzes nennen, mit der einiges zentralisiert wird, was nicht gut in den Händen der Bundesländer aufgehoben ist. Auch die Koordinationsmechanismen zwischen Bundesverwaltung und Landesverwaltungen sind enorm verbessert worden. Ein negatives Beispiel für eine zentralisierte politische Aktion ist aber die problembehaftete Impfstoffbeschaffung in der Europäischen Union: Das war eine schöne politische Idee (niemand wird bevorzugt), aber sie ist in der praktischen Umsetzung gescheitert, weil die EU keine Erfahrung und Kompetenzen in dieser Sache hat. Diese Aufgabe wäre bei Krankenhausverwaltungen oder bei den Krankenkassen besser aufgehoben gewesen.

Andere Staaten wie Israel scheinen hier besser aufgestellt gewesen zu sein. Gleichzeitig reüssiert China bei der Pandemiebekämpfung damit, äußerst restriktiv vorzugehen. Frau Schwell, Sie meinten in unserem ersten Interview, unsere Demokratien mit ihren mündigen Bürger*innen seien gut gerüstet, um mit der aktuellen Situation umzugehen. Trotzdem ergeht es uns in der Pandemie schlechter. Warum?

Alexandra Schwell: Ich glaube, dass es Aufgabe des Staates ist, die Staatsbürger*innen mit dem Rüstzeug auszustatten, damit sie mit den neuen Herausforderungen umgehen können. Ich muss dafür als Staat meine Bürger*innen ernst nehmen und entsprechende Rahmenbedingungen schaffen, indem ich transparent, nachvollziehbar und wissenschaftlich fundiert informiere und handle. Zu Beginn der Krise hat die österreichische Regierung in der Tat relativ souverän agiert. Wir alle waren damals in der Situation, auf Sicht fahren zu müssen, und man konnte nicht erwarten, dass perfekte Lösungsvorschläge auf dem Tisch liegen. Schnell wurde dann aber auf Nationalisierung gesetzt: „Österreich kommt besser und schneller durch die Krise“, war immer wieder als Leitmotiv der Maßnahmen zu hören. Dieses Mantra halte ich für unpassend, weil es letztlich doch darum gehen muss, dass wir alle – in der Europäischen Union und global – gut durch diese Zeit kommen.

Herr Dickert, wo hat die Regierung in ihrer Kommunikation die Bevölkerung psychologisch verloren?

Stephan Dickert: Die Reaktionen auf die Kommunikationsstrategie der Regierung hängen natürlich auch sehr vom Individuum ab. Nicht alle wurden von dieser erreicht. Ganz zu Beginn hat man beispielsweise COVID-19 mit einer Grippe verglichen, was sicher auch den damaligen fehlenden Informationen über die Pandemie geschuldet war. Das hat meines Erachtens aber dazu beigetragen, dass viele Menschen diese Krankheit bis heute nicht so ernst nehmen, wie es eigentlich nötig wäre. Auch wurden aussagekräftige Statistiken oft nicht adäquat kommuniziert: Den Verlauf und die Bedeutung einer exponentiellen Infektionskurve hätte man zum Beispiel klarer darstellen können. Für Menschen, die mit diesen Zahlen nicht erreicht werden, sind eigene Erfahrungen oft ausschlaggebender als abstrakte Statistiken. Wenn man im eigenen Umfeld Beispiele von einem mildem Krankheitsverlauf hat, kann man die Angst vor einer Infektion verlieren und darin bestätigt werden, dass die Maßnahmen der Regierung unverhältnismäßig oder sogar unbrauchbar sind.

Wie bringt die Politik die Menschen dazu, für die Pandemiebekämpfung sinnvolle Entscheidungen zu treffen?

Paolo Rondo-Brovetto: Jetzt wird es um die Impfung gehen. Wenn einmal das Produktionsproblem und die logistische Herausforderung rund um die Impfung gelöst sind, müssen die Menschen überzeugt werden, sich auch impfen lassen zu wollen, weil viele werden die Impfung verweigern und damit die Bekämpfung der Pandemie erschweren. Nehmen wir dafür das sehr einfache Beispiel der Tempolimits: Es gibt diejenigen, die sich daran halten, weil das sinnvoll ist und weil sie niemanden anderen gefährden wollen. Und es gibt diejenigen, die Limits einhalten, weil sie eine Strafe fürchten. Der Staat muss entscheiden, welchen Weg er in dieser Sache gehen will. Der EU-Impfpass, wenn er denn jemals einen Konsens bei den 27 Mitgliedsländern findet, ist ein Weg, die Nicht-Impfung mit harten Restriktionen zu verbinden. Man kann beispielsweise nur fliegen, nur reisen oder nur ins Restaurant oder zu einer Sportveranstaltung gehen, wenn man geimpft ist. Diesen Vorgang nennen wir im Public Management nudging. Die schwierige Frage ist dabei: Wie hart oder wie sanft stoßen wir die Menschen in die richtige Richtung? Um eine Antwort darauf zu finden, brauchen wir etwas, das in diesen Tagen eine Rarität zu sein scheint: gute Führungskräfte in der Politik und in der Verwaltung.

Führt das Anstupsen zu einer bestimmten Verhaltensweise nicht auch zu Widerständen, insbesondere bei jenen, die sich momentan generell gegen die politischen Entscheidungen wenden und häufig Verschwörungstheorien anhängen?

Alexandra Schwell: Zum Impfen nudgen kann man nur, wenn man auch die Gelegenheit zum Impfen anbietet. Das ist bei uns noch nicht für alle der Fall. Wir sollten auch darauf achten, wie die Diskussion geführt wird: Es ist so, dass unsere Grundrechte durch die Maßnahmen im Interesse der öffentlichen Gesundheit eingeschränkt sind. Man braucht also nicht eine Erklärung für das Grundrecht, sondern man braucht eine Erklärung dafür, warum man das Recht legitimerweise einschränkt. Die entstehende Ungleichheit wird allerdings nur solange akzeptiert, wie alle das Gefühl haben im gleichen Boot zu sitzen. Und dieses Boot kommt natürlich ins Wanken, wenn sich die Bürgermeister vordrängen. All das trägt dazu bei, dass sich die Menschen von der Erzählung der großen Solidarität abwenden und manchmal sogar Verschwörungstheorien zuwenden. In Summe habe ich allerdings den Eindruck, dass selbst die Coronaleugner mittlerweile mürbe geworden sind.

Im öffentlichen Diskurs ist häufig die Rede von der „richtigen“ Verhaltensweise im Sinne der Pandemiebekämpfung.

Alexandra Schwell: Die Menschen verhalten sich auf eine bestimmte Weise, wenn sie sehen, dass sich auch andere so verhalten. Ich versichere mich meiner täglichen Wirklichkeit, wenn ich sehe, dass die Menschen um mich herum in der gleichen Wirklichkeit leben. So ist im letzten Jahr vieles für uns normal geworden: Wir halten Abstand, wir tragen Maske, etc. Man will nicht unangenehm auffallen, sondern ein normaler Teil dieser Gesellschaft sein. Ich nehme die Tatsache, dass so vieles bereits normal geworden ist, als Zeichen, dass wir uns sehr schnell an neue Verhaltensweisen gewöhnen und ungewohnte Dinge akzeptieren. Vielleicht akzeptieren wir manchmal auch die falschen Dinge, wer weiß das schon.

Zu Beginn der Pandemie waren es vielfach Emotionen, die uns dazu bewegt haben, die neuen Verhaltensweisen anzunehmen. Wird es funktionieren, immer wieder mit Bildern von Intensivstationen und Bestattungsunternehmen zur Vernunft zu mahnen?

Stephan Dickert: Das glaube ich nicht, da es schwierig ist, in diesem Kontext über einen langen Zeitraum kontinuierlich starke Emotionen auszulösen. Einerseits gewöhnt man sich an die gegebene Situation und passt sich emotional an, andererseits nutzen sich diese Bilder mit der Zeit einfach ab.  Wenn man dieser Art der Risikokommunikation zu lange ausgesetzt ist, kann sich desaster fatigue einstellen; also ein Zustand, in dem man emotional nicht mehr reagiert oder reagieren will.  Letztlich kommt es auch immer auf die individuelle Person an und in welcher Realität sich diese befindet. Viel funktioniert wie vorher ausgeführt über die Orientierung an Normen, aber es gibt auch Menschen, die unabhängig von jeder Evidenz enorm coronafürchtig sind oder sehr leger mit dem Virus umgehen. Diese Menschen weichen sehr selten von ihrer eigenen Wahrnehmung ab. Grundsätzlich denke ich, dass die Bekämpfung nur machbar ist, wenn alle an einem Strang ziehen. Wenn man andere sieht, die nicht mitmachen, färbt das ab.

Die ersten Wochen der Krise in Europa waren von einem Solidaritätsgefühl geprägt. „Siamo distanti ma uniti“, heißt es in der italienischen Corona-Hymne. Wie kommen wir zu einem solchen Gemeinschaftsgefühl in der derzeitigen Situation zurück?

Paolo Rondo-Brovetto: Als die Särge mit den Militärtransportern aus Bergamo transportiert wurden, hat in Italien tatsächlich ein gesellschaftlicher Wandel stattgefunden. Ein Jahr danach ist in dieser Woche der 100.000. Patient in Italien verstorben. Der traditionelle Individualismus ist sehr schnell verschwunden. Die Gesellschaft hat Personen mit antisozialem Verhalten selbst isoliert. Das war in Österreich weniger zu spüren. Letztlich lernen wir aus dieser Situation aber sehr deutlich: Die Auswahl unserer Führungskräfte in der Politik und in der Verwaltung hat eine immense Bedeutung für unser Leben. Wenn alles gut läuft, neigen wir dazu zu vergessen, wie wichtig diese Auswahl ist: Denn wenn Politik und Verwaltung die falschen Signale senden, werden die Probleme noch schlimmer, als sie schon sind.

Am Ende unseres Gesprächs darf ich Sie noch nach Ihren Perspektiven für die Zukunft fragen. Wie kommen wir aus dieser Situation heraus – und wie wird es uns danach ergehen?

Stephan Dickert: Die Pandemie ist weiterhin real und bedrohlich. Sie bietet aber auch die Chance, als Gesellschaft zusammenzurücken, gemeinsame Lösungen zu finden und über Ungleichheiten und Verantwortung zu reflektieren. Liegt die Verantwortung zur Eindämmung der Pandemie mehr bei der Bürger*in oder beim Staat? Wie bereit ist man, den gesetzlichen Notfallmaßnahmen zu folgen, um sich und andere zu schützen? Dies schließt auch die Bereitschaft ein, sich testen und impfen zu lassen. Ebenso ist Vertrauen in eine hoffentlich kompetente Regierung nötig. Im Grunde befinden wir uns in einem globalen public goods game, bei dem das erfolgreiche Resultat wesentlich vom kooperativen Verhalten aller abhängt. Sollten diese Voraussetzungen gegeben sein, kann ich mir vorstellen, dass wir auch gestärkt aus der Pandemie herauskommen. Sollte dies nicht gelingen, könnte die Pandemie uns mehr entzweien als zusammenbringen. Leider hat man im letzten Jahr immer wieder gesehen, dass sowohl auf individueller wie auch nationaler Ebene nicht alle bereit sind, sich kooperativ zu verhalten. Zum Beispiel sind Staatsoberhäupter, die sich in ihrer Kommunikation zur „Bekämpfung“ des Coronavirus der Kriegsrethorik bedienen und das nationale vor das internationale Interesse stellen wahrscheinlich nicht sehr hilfreich, eine globale Antwort auf die Pandemie zu geben.

Alexandra Schwell: Ich hoffe, dass alle, die das möchten, bald geimpft werden können. Ich hoffe zudem, dass dabei der Blick nicht nur auf Österreich und die Europäische Union beschränkt bleibt, sondern dass wir auch die globale Ungleichheit in der Impfstoffversorgung bekämpfen. Ich vermute – und ich hoffe, ich irre mich – dass sich letztlich gar nicht so viel ändern wird, wenn wir alles überstanden haben. Genauso schnell, wie wir uns an die Pandemie angepasst haben, werden wir wieder zu unseren alten oder zu hybriden Verhaltensweisen (zurück-)finden. Wenn ich an das Balkonklatschen für die Systemerhalterinnen zurückdenke, hatte ich zwischenzeitlich die Hoffnung, dass diese Krise ein Weckruf sein könnte und diese Menschen, die häufig migrantischen Hintergrund haben, besser entlohnt würden. Wir haben nach wie vor die Chance, hier einiges zurecht zu rücken. Ich befürchte aber, dass es heißen wird: „Es ist ja eh irgendwie gegangen,“ und alles bleibt beim Alten. Die, die bisher keine Stimme haben, werden vermutlich auch danach keine haben.

Paolo Rondo-Brovetto: Zuerst ist es jetzt wichtig, dass wir schnell aus dieser Situation kommen. Es sterben noch immer Menschen. Das hat so rasch als möglich aufzuhören. Außerdem werden die ökonomischen Verhältnisse durch die Pandemie extrem verändert. Einerseits gibt es im österreichischen Haushalt (so wie anderswo) ein enormes Ungleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben. Diese Schulden werden zurückzuzahlen sein. Die Differenz ist erschreckend und das kann nicht mehr länger so weitergehen. Gleichzeitig wurden tatsächlich die Ungleichheiten in der Gesellschaft verstärkt. Die finanziellen Interventionen des Staates haben dazu geführt, dass die Preise für assets wie Immobilien und Finanzvermögen steigen. Diejenigen, die diese schon hatten, sind dadurch wohlhabender geworden, die anderen ärmer und die dadurch gewachsenene Ungleichheit um so schwieriger zu vertragen. Der Staat wird sich darum kümmern müssen, diese Probleme zu lösen und zwar mit viel weniger Geld, als es früher möglich gewesen wäre. Diese Aufgabe wird in meinen Augen noch schwieriger als die Pandemiebekämpfung sein. Ich wiederhole mich also: Gute Staatsmänner und -frauen sowie gutes Personal an den Spitzen der Sektionen und Abteilungen ist nötiger denn je.

Das Gespräch führte Romy Müller.

 

Alexandra Schwell ist Professorin für Empirische Kulturwissenschaft am Institut für Kulturanalyse der Universität Klagenfurt. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Anthropologie des Politischen, Border Studies, Emotion und Affekt, Institutionen und Bürokratien sowie Sicherheitsforschung.

Alexandra Schwell

15. Sitzung des Budgetausschusses - Öffentliches Expertenhearing zum Bundesfinanzrahmengesetz 2016-2019, Foto: Rondo-Brovetto P.

Paolo Rondo-Brovetto hat den Lehrstuhl für Öffentliche Betriebswirtschaftslehre (Public, Nonprofit und Health Management) inne. Er arbeitete in Forschungs- und Entwicklungsprojekten mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Europäischen Kommission und den Vereinten Nationen zusammen und war Berater und Begleiter zahlreicher Staatsreformprozesse in Osteuropa und im Mittleren Osten, insbesondere in Bereich der Gesundheitssysteme.

Stephan Dickert ist Universitätsprofessor für Allgemeine Psychologie und Kognitionsforschung am Institut für Psychologie. Er forscht zu angewandter Kognitionspsychologie, Entscheidungsforschung, Risikowahrnehmung und Wirtschaftspsychologie.

Dickert Stephan