Farah Naz | Foto: aau/Müller

Ein Ball im Aus

In Madrid, Barcelona oder München bemühen sich Millionäre darum, Bälle in Tore zu schießen. Selbige Bälle werden um wenige Cent in China, Indien, Pakistan und Thailand hergestellt. Globale Märkte fordern ethische Standards für die Produktionsländer, die dort aber wiederum zu existenzbedrohenden Schwierigkeiten führen. Farah Naz hat für ihre Dissertation die Fußballproduktion in Pakistan untersucht und erklärt im Interview, warum in Grautönen statt in Schwarz-Weiß gedacht werden muss.

Wie werden hochwertige Fußbälle hergestellt?
Die Hauptstadt der Fußballproduktion liegt in Pakistan, wo die einzelnen Waben in Fabriken hergestellt und dann von Heimarbeiterinnen zu Fußbällen verarbeitet werden. In der Herstellungskette gibt es viele Subauftragsnehmer. Das letzte Glied sind diese Frauen, die bisher meist zuhause arbeiteten und nur rund 30 bis 40 Cent pro Fußball, der hierzulande für cirka 100 Euro verkauft wird, verdienen. Die Diskrepanz zwischen den verschiedenen Welten ist stark spürbar: So war ich für meine Forschungsarbeit in kleinen Dörfern, die weit entfernt von den Millionenmetropolen liegen und schwer erreichbar sind. Dort hat mir eine Heimarbeiterin einen Ball mit der Aufschrift „Red Bull Salzburg“ gezeigt. Das war das Letzte, was ich dort erwartete.

Sind die Produktionsbedingungen dort so, wie wir es im Westen gerne hätten?
Im Westen sind Konsumentinnen und Konsumenten immer bewusster in ihren Entscheidungen. Dieser Druck führt dazu, dass Unternehmen und internationale Marken viel in Corporate Social Responsibility investieren und sich so um ein gutes Image bemühen. Nichtregierungsorganisationen und Konsumentenvereinigungen üben auch einen großen Druck aus. Die Folge sind Vorgaben, Strategien und Übereinkünfte, wie in Pakistan und in anderen Ländern gearbeitet werden soll. Damit soll vor allem die Öffentlichkeit zufrieden gestellt werden.

Das ist doch unterstützenswert, oder?
Ja, aber man muss auch die kulturellen und ökonomischen Bedingungen in den Produktionsländern sehen und erkennen können, dass dort auch ein anderes Wertesystem gilt. Es kann sein, dass gut gemeinte Vorgaben anderswo katastrophale Konsequenzen haben.

Können Sie ein Beispiel nennen?
In den 1990er Jahren gab es einen Skandal, der sich um Kinderarbeit in der Fußballindustrie drehte. Die Folge war, dass die Heimarbeit verboten wurde. Die Näherinnen sollten also in Produktionszentren ihrer Arbeit nachgehen; so wollte man die Kinderarbeit verhindern. Nun ist es aber auch in solchen Zentren unsicher, ob dort alle Arbeiterinnen einen Arbeitsvertrag und entsprechende Rechte haben. Das Verbot der Heimarbeit war für viele pakistanische Frauen desaströs.

Warum?
Frauen waren plötzlich diskriminiert: Die Infrastruktur ermöglicht es vielen Frauen nicht, zu einem Produktionszentrum zu fahren. Außerdem gibt es in Pakistan kaum Kinderbetreuung, auch die Krankenversorgung ist schwierig und kostspielig. Kulturell bedingt ist es außerdem für viele Frauen unmöglich, einer Erwerbsarbeit außerhalb des eigenen Haushalts nachzugehen, da in der Regel noch die Männer öffentlich als diejenigen gelten, die Geld verdienen. Plötzlich brach den Familien also ein wichtiges Einkommen weg.

Mit welchen Folgen?
In den Familien, die ich interviewt habe, geht es nicht um Luxusgüter, sondern um die nächste Mahlzeit. Für die Organisation alles Häuslichen sind Frauen verantwortlich; sie verfügen aber plötzlich über kein Einkommen mehr. Insgesamt ist dadurch die Fußballproduktion stark zurückgegangen, was weitere entscheidende Einschnitte in die regionale Wirtschaftsstruktur zur Folge hat.

Haben nicht wenigstens die Kinder davon profitiert?
Nein, schlechtere Einkommen für die Familien erzeugen in der Regel auch schlechtere Bedingungen für die Kinder. Wenn sie vorher zuhause im familiären Kontext mitgeholfen haben, so müssen sie nun oft am freien Arbeitsmarkt erwerbstätig sein, was für sie sehr viel gefährlicher sein kann. Außerdem ist Schulbildung so noch weniger verfügbar, zumal das pakistanische Bildungssystem durch einen stark wachsenden privaten Sektor geprägt ist.

Inwiefern werden diese Effekte auch für den Westen spürbar?
In diesen Gebieten gab es einen informellen Weg, wie Wissen weitergegeben wurde; in diesem Fall das Know-how zur Herstellung von hochwertigen Fußbällen. Kinder haben das Handwerk schon früh von ihren Müttern erlernt. Außerdem hatte die Arbeit einen gewissen Status, der nun auch zurückgeht. Insgesamt verliert also die ganze Welt an Humankapital und Wissen.

Was ist also schief gelaufen?
Man muss global viel mehr über die Mechanismen und Konsequenzen des eigenen Handelns nachdenken. Wenn an einem Ort Richtlinien verabschiedet werden, müssen die andernorts nicht unbedingt Gutes bewirken. Zwischen Schwarz und Weiß gibt es viele Grautöne, die es zu bedenken gilt. Ich habe mit vielen Eltern gesprochen: Sie alle haben Träume für ihre Kinder und wünschen ihnen eine bessere Zukunft. Um ihnen das zu ermöglichen, muss man aber die großen Lösungen anstreben.

Was meinen Sie damit?
Der Westen muss sich fragen: Wollen wir, dass kein Kind arbeitet? Oder wollen wir eine Welt, in der kein Kind arbeiten muss? Diejenigen, die in der Fußballproduktion arbeiten, bekommen sehr wenig bezahlt. Mit solchen Löhnen werden sich die Bedingungen nicht verbessern.

Was kann ich als Konsumentin tun?
Das Verhalten der Konsumentinnen und Konsumenten hat Druck auf internationale Marken gemacht. Davor hatten sie Ethik überhaupt nicht im Fokus, das heißt, ein erster Schritt wurde gemacht. Das geweckte Bewusstsein muss dann aber in die richtige Richtung gelenkt werden: Es müssen alle ein tieferes Verständnis dafür entwickeln, dass wir zwar in einer globalisierten Welt mit internationalen Märkten, aber mit starken regionalen Unterschieden leben. Alles ist miteinander vernetzt. Dessen müssen wir uns bewusst sein.

für ad astra: Romy Müller

Zur Person

Farah Naz kam gemeinsam mit ihren zwei Kindern für drei Jahre nach Österreich, um bei Dieter Bögenhold (Institut für Soziologie) ihre Dissertation zum Thema „Political Economy and Business Ethics of Football Production. How Do Female Home-Based Workers Contribute to Global Supply Chains?“ zu verfassen. Im Winter 2016 schloss sie ihre Arbeit ab. Sie arbeitet als Dozentin an der University of Sargodha in Pakistan.

Neuer Masterstudiengang: Science, Technology & Society Studies

Um gesellschaftliche Herausforderungen der Gegenwart zu lösen, braucht es wissenschaftlich-technische Innovationen, die zur allgemeinen und individuellen Wohlfahrt beitragen und damit nachhaltig und zukunftsfähig sind. Ein neues Masterstudium an der Alpen-Adria-Universität bietet die Grundlage dafür: Studierende erlangen ein fundiertes Wissen über die Hervorbringung, Regulierung und Nutzung neuer Felder und Anwendungen von Forschung und Innovation sowie Fertigkeiten, diesbezügliche Kontroversen in der Öffentlichkeit zu verstehen und für Entscheidungsprozesse in verschiedenen Bereichen demokratischer Gegenwartsgesellschaften zu berücksichtigen. Mehr

Platz vor dem Nordtrakt | AAU/tinefoto.com