AbsolventInnen werfen Rollen in die Luft | Foto: aau/tinefoto.com

Commencement Speech von Johanna Rachinger

Was gibt die Universität ihren Absolventinnen und Absolventen mit? In den USA ist es üblich, an der Schnittstelle von Universitätsabschluss und Beruf Rednerinnen und Redner aus Öffentlichkeit, Wirtschaft und Kultur aufs Podium zu bitten. Eine solche „Commencement Speech“ fand an der Universität Klagenfurt im November 2019 statt: bei der Sponsions- und Promotionsfeier der Fakultäten für Kulturwissenschaften und für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung. Wir geben die Commencement Speech von Johanna Rachinger, Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek, hier im Volltext wieder.

Sehr geehrter Herr Rektor,
sehr geehrte Absolventinnen und Absolventen,
sehr geehrte Festgäste,

ich freue mich, dass ich heute hier sein darf, und ich bedanke mich sehr herzlich für die ehrenvolle Auszeichnung, diese Commencement Speech hier an der Universität Klagenfurt halten zu dürfen.
Erlauben Sie mir, dass ich zunächst Ihnen, den Absolventinnen und Absolventen zum erfolgreichen Abschluss ihrer akademischen Ausbildung gratuliere.
Ich erinnere mich noch gut an meinen eigenen Studienabschluss und an die gemischten Gefühle, die damit verbunden waren sowohl bei mir, als auch bei meinen Eltern, die sich – so wie vielleicht auch manche der Eltern, die heute hier sind – Gedanken darüber gemacht haben, welchen Weg nun ihre Tochter mit einem geistes- bzw. kulturwissenschaftlichen Abschluss in der Tasche einschlagen werde.
Dass Eltern sich um die Zukunft ihrer Kinder sorgen und Ihnen nur das Bestmögliche wünschen, war wohl immer so und wird – zumindest hoffe ich das – auch in Zukunft so bleiben.
Wie erleben heute tagtäglich wie die Digitalisierung und die elektronischen Medien unseren Alltag bestimmen und wie sie die Kommunikation unter Gleichaltrigen und die Kommunikation zwischen den Generationen verändern. Manchmal fragen wir Älteren, wenn wir kryptische Sprachnachrichten und emojis von unseren Kindern, Nichten, Neffen und Enkeln bekommen, ob wir überhaupt noch in der selben Welt leben und ob wir einander noch verstehen und uns austauschen können. Und wir fragen uns natürlich auch, welcher Ausbildung und welches Studiums es bedarf, um in der heutigen Zeit und in Zukunft erfolgreich, glücklich und zufrieden sein zu können.
Aber bei all diesen berechtigten Fragen und leisen Zweifeln, ob wir die richtige Wahl getroffen haben und welchen Weg wir gehen sollen, sollten wir auf einige grundlegende Dinge nicht vergessen, die die Voraussetzung dafür sind, dass wir uns diesen Zweifeln überhaupt erst stellen können: Wir sollten daran denken, dass die Möglichkeit zu universitärer Ausbildung auch heute keine Selbstverständlichkeit ist.

Dass Sie, liebe Absolventinnen und Absolventen überhaupt die Chance dazu hatten, verdanken Sie neben Ihren Eltern, die für sie gesorgt haben, auch einer Generation, die für den freien Hochschulzugang gekämpft hat, die wusste, was es bedeutet, nicht in einer Zeit des Friedens und des Wohlstands zu leben und die nicht das Glück hatte, in einem freien Land aufzuwachen, in einem demokratischen und souveränen Österreich, das Teil der europäischen Völkergemeinschaft ist.
Wir sollten auch daran denken, was für eine großartige Sache es ist, frei wählen zu können, was man studieren möchte, Auslandssemester zu absolvieren und aus ganz vielen Studiengängen in Österreich und international auswählen zu können.
Wenn wir schon so viel über Europa reden, dann sehe ich im Austausch von Wissen, gerade auch von kulturellem Wissen in einem sehr weiten Sinn eine der besten europäischen Errungenschaften. Und gerade für den Austausch mit anderen Menschen sind die europäischen Universitäten im Speziellen und die Universitäten weltweit sehr gute Orte.
Damit komme ich zum Dritten und vielleicht wichtigsten Punkt: Gerade der Name der Fakultät, der Sie angehören, nämlich die Fakultät für Kulturwissenschaften und Interdisziplinäre Forschung, steht für die Erforschung der materiellen und symbolischen Dimension von Kulturen, kurz für deren Vielfalt und den Respekt vor dieser Vielfalt.
Dabei geht es zunächst gar nicht darum, ob das eine oder andere Gelernte nützlich und verwertbar ist, sondern einfach darum, dass eine freie Universität und eine freie Gesellschaft die Geisteswissenschaften und die interdisziplinären Kulturwissenschaften als Grundlage brauchen.
Das war übrigens immer schon so. In den ersten Jahrhunderten nach der Gründung der Universitäten an vielen Orten in Europa war es für alle Studierenden verpflichtend, zunächst die sogenannten „Artes liberales“, also die freien Künste zu durchlaufen. Danach konnte man dann Jus, Medizin oder Theologie studieren. Das bedeutete, dass man zumindest ein Grundwissen in „Grammatik“ vermittelt bekam, sich also mit Sprache und Literatur auseinandersetzen musste, aber auch mit Logik und mit Naturwissenschaften.
Die Wissenswelten waren im europäischen Mittelalter noch nicht so getrennt wie heute, wenn wir zwischen den Geisteswissenschaften und den Naturwissenschaften unterscheiden und diese voneinander trennen. Aber wenn ich heute sage, so ist dies vielleicht nicht mehr ganz zutreffend.
Denn wenn wir auf die immensen Fortschritte in der Genetik mit der Entschlüsselung des genetischen Codes und in der modernen Gehirnforschung blicken, so werden wir feststellen, dass der alte Gegensatz von Körper und Geist, auf dem die neuzeitliche europäische Wissenschaft ihr Fundament gebaut hat, nicht länger unüberbrückbar scheint und sich wieder aufzulösen beginnt zugunsten einer neuen Wissenschaft vom Menschen – einer Wissenschaft vom Menschen, die auf einer
biologischen Grundlage beruht und die uns zu neuen von mehr Verständnis geprägten Einsichten in das Wesen des Menschen führen wird.
Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen an dieser Stelle eine kleine Geschichte erzähle: vor gut einem Jahr haben wir in Wien das Haus der Geschichte Österreich eröffnet, weil wir überzeugt sind, dass es wichtig ist unserer Jugend, die die Zukunft unseres Landes ist, die Geschichte Österreichs zu vermitteln und an sie zu erinnern. Die Eröffnungsrede zu diesem Haus der Geschichte hat Eric Kandel geschrieben, der 1929 in Wien geboren wurde und 1939 mit seiner Familie in die USA emigrieren musste. Kandel studierte Geschichte und Literatur an der Harvard University und danach Medizin an der New York University. Für seine Forschungen erhielt er im Jahr 2000 den Nobelpreis für Medizin.
2006 erschien sein Buch „Auf der Suche nach dem Gedächtnis. Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes“. 2012 kehrte er mit seinem Buch „Das Zeitalter der Erkenntnis“ zurück in die Stadt seiner Kindheit. Er versucht aus der Sicht eines Neurologen die Künstler, die Kunstwerke und das Geistesleben des Wiens der Jahrhundertwende zu begreifen und so Geist, Kunst und Biologie miteinander zu versöhnen.
Warum erzähle ich Ihnen das? Ich erzähle es Ihnen, weil Eric Kandel in allen seinen Büchern niemals vergisst zu erwähnen, warum er zu dem geworden ist, was er ist und was ihn sein ganzes Berufsleben bewegt und angetrieben hat: Dies gilt auch für sein jüngstes Buch, das 2018 unter dem Titel „Was ist der Mensch? Störungen des Gehirns und was sie über die menschliche Natur verraten“ erschienen ist.
Ganz am Anfang dieses Buches beschreibt Eric Kandel den Antrieb für seine ganze Berufslaufbahn: „Nachdem ich als kleiner Junge kurz nach der Besetzung durch Hitler aus Wien geflohen war, faszinierte mich eines der größten Rätsel im Dasein der Menschen: Wie kann eine der am höchsten entwickelten und kultiviertesten Gesellschaften auf Erden sich so abrupt dem Bösen zuwenden?“
Auch in seiner Rede „Österreich: Ein Land ohne Juden“, die Eric Kandel zur Eröffnung des Haues der Geschichte geschrieben hat, kommt er auf dieses Ereignis zurück und er beschreibt als Neurobiologe wie traumatische Ereignisse tiefgreifende Veränderungen im Gehirn bewirken.

Sie können die Rede auf der Webseite des Hauses der Geschichte Österreich nachlesen – und ich bin überzeugt, Sie werden nicht nur berührt sein, sondern auch Erkenntnisse daraus gewinnen, die für sie ganz persönlich als Individuum und als soziales Wesen wichtig sind.
Gerade diese Einsicht in das Wesen des Menschen und seine Wertschätzung als ein gemeinsames und individuelles Menschsein ist es, was die Arbeiten Eric Kandels auszeichnet.
Ich bin überzeugt davon, dass die kultur- und geistesgeschichtlichen Bezugspunkte seiner Biografie auch für seine naturwissenschaftlichen Forschungen eine wichtige Grundlage bildeten und vielleicht sogar eine notwendige Voraussetzung dafür waren.
Deshalb ist es wichtig, Trennungen zu überwinden und zumindest Akzeptanz und Verständnis dafür zu entwickeln, was die anderen tun und denken.
Ich denke, gerade ihre Studien sind dafür besonders geeignet; geht es darin doch oft darum zu verstehen, wie moderne Wissensgesellschaften funktionieren, was sie antreibt.

Liebe Absolventinnen und Absolventen,

mit dem Abschluss Ihres Studiums gehören Sie in Zukunft zur Gruppe der Wissensarbeiterinnen und Wissensarbeiter – also zu jenen Personen, die aufgrund ihrer intellektuellen Qualifikation und Ausbildung hoffentlich auch gute Chancen in der Berufswelt haben werden – die darüber hinaus aber auch eine besondere Verantwortung in unserer Gesellschaft tragen.
Was ich Ihnen heute mitgeben möchte, klingt einfach, ist aber nicht einfach einzulösen.
Zum einen: Vertrauen Sie auf Ihre Fähigkeiten, auf Ihr Wissen und die Kompetenzen, die Sie erworben haben. Wobei universitäre Ausbildung immer bedeutet oder bedeuten sollte, dass es nicht nur auf Qualifikationen und fachliche Kompetenz ankommt, sondern auch auf Allgemeinbildung in einem weiten Sinn. Dies gilt, seit es Universitäten gibt, insbesondere im Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften,
Zum anderen: Übernehmen Sie Verantwortung. Sehen Sie Ihre akademische Ausbildung nicht nur als Sprungbrett zu einer persönlichen Karriere. Sehen Sie diese höhere Bildung vor allem als Verpflichtung oder Einladung, sich verantwortlich zu fühlen für die drängenden Probleme unserer Gesellschaft. Die von Ihnen gewählten Studiengänge befähigen Sie dazu in besonderem Maße.
Ein kultur- oder geisteswissenschaftliches Studium führt nicht unbedingt in einen ganz klar vorgezeichneten Berufsweg, wie etwa das Studium der Medizin oder der Technik.
Aber ich denke, Ihr besonderes Plus – und dessen sollten Sie sich immer bewusst sein – ist die Breite Ihres Wissens, das Verständnis historischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge und nicht zuletzt auch eine sprachliche Sensibilität und Ausdrucksfähigkeit, die Sie sich mit Ihrem Studium erworben haben. Erlauben Sie mir, dass ich als Verantwortliche für eine sehr traditionsreiche Kultur- und Wissensinstitution, die Österreichische Nationalbibliothek, in deren Zentrum Bücher und Texte stehen, die in vielen Sprachen verfasst wurden und die in sehr unterschiedlichen kulturellen und historischen Kontexten angesiedelt sind, ein paar Sätze zu dieser sehr grundlegenden Fähigkeit sage:
Die Fähigkeit, Texte in all ihrer Vielschichtigkeit zu verstehen, ist notwendiger denn je.
Viele von uns bewegen sich – noch, muss man wohl hinzufügen – zwischen Dialekt, Umgangssprache und Hochsprache, sozusagen von Haus aus schon zwischen den Kulturen; was eine gute Schule für die Einübung in sprachliches Differenzierungsvermögen ist und außerdem den Blick für kulturelle Unterschiede schärft. Ich sage das aus eigener Erfahrung, mit dem Hintergrund einer ländlichen Herkunft, wie wahrscheinlich nicht wenige auch unter Ihnen. Die Klagen über den Verlust dieser sprachlichen Ausdrucksfähigkeiten, wegen Twitter, Instagram oder unserer oft ziemlich reduzierten Email-Sprache, sind nicht falsch; als bloßes Lamento greifen sie aber zu kurz.
Denn die Klage enthält auch gleich ein starkes Gegenargument: Wer besser spricht, besser argumentiert, besser versteht, zum Beispiel die Zwischentöne zwischen den Zeilen, der ist nicht nur erfolgreicher, sondern er oder sie verfügt mit diesen Fähigkeiten zur sprachlichen Differenzierung über die Voraussetzungen, besser zu verstehen, was politisch und gesellschaftlich vor sich geht.
Ein gutes Verständnis der Funktionen von Sprache und Bildern in den sozialen Medien ist notwendig für das Verständnis jener Welt, in der wir leben. Aber es ist eben nicht alles und ersetzt das andere nicht:
Die Geistes- und Kulturwissenschaften stehen heute an einer Schnittstelle zwischen der Welt der sozialen Medien, der Welt der digital vermittelten Bilder und einer immer noch sehr materiellen und analogen Welt, in der Sprachen, Kulturen und Texte eine große Rolle spielen. Manchmal scheint das sehr weit weg zu sein, dann ist nicht selten die Rede von den Orchideenfächern und den unnützen Themen, mit denen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beschäftigen. Aber all diese Forschungsrichtungen und Forschungsgegenstände machen eine Universität aus; ihre Vielfalt zeichnet auch Ihre Fakultät für Kulturwissenschaften und interdisziplinäre Forschung aus.
Was ist letztendlich das Ziel akademischer Bildung, von Bildung überhaupt?
Das Modell der neuzeitlichen europäischen Wissenschaft, das der universitären Ausbildung zu Grunde liegt, hat sich in den letzten Jahrhunderten als überaus erfolgreich und wirkungsvoll erwiesen. Wir haben mittlerweile ein riesiges, in unzähligen Bereichen anwendbares Wissen angesammelt. Ein Wissen, mit dem wir etwa in der Medizin enorme Fortschritte erreichen konnten, und auch unsere Umwelt grundlegend verändert haben – nicht immer nur zum Positiven.
Die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung ist ein hoher Wert, wie aber lassen sich ihre Ziele definieren, mit Blick auf einen verantwortungsvollen Umgang mit unseren Ressourcen, den natürlichen und den kulturellen?
Von Immanuel Kant stammt die Formulierung, „Wissenschaft hat ihren eigentlichen Wert nur als ein Organ der Weisheit.“ Das klingt heute etwas altväterlich oder antiquiert, trotzdem ist es ein wichtiger Satz: Wie das Organ Teil eines Organismus ist, so sollte die Wissenschaft im Dienst eines größeren Ganzen stehen. Wissenschaft bedarf eines Regulativs, etwas, das ihren Einsatz, ihre Ausrichtung bestimmt, eine ganzheitliche Perspektive, die den hochspezialisierten Einzeldisziplinen fehlt.
Was aber können wir dem ehrwürdigen Begriff der „Weisheit“ heute noch abgewinnen?
Im Daodejing, einem berühmten chinesischen Weisheitsbuch, das einige Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung entstanden ist, lesen wir ganz zum Schluss: „Der Weise ist nicht gelehrt, / der Gelehrte ist nicht weise.“
Der Weise ist nicht gelehrt. – Das Ideal der Weisheit besteht nicht in einer Anhäufung von Wissen. Denn alles Wissen ist wertlos, wenn wir es für falsche, destruktive, inhumane Zwecke einsetzen. Was ich damit sagen will, ist: Weisheit hat viel zu tun mit Menschlichkeit. Menschlichkeit war für Konfuzius, einen anderen großen Weisen Chinas, die grundlegendste aller Tugenden.
Auf die Frage, was er denn unter Menschlichkeit verstehe, gab Konfuzius die einfache Antwort: „Die Menschen lieben.“ Manchmal sind die einfachen Antworten die schwierigsten, aber auch die überzeugendsten.
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich möchte damit keineswegs den Wert, die Bedeutung von akademischer Bildung oder Wissenschaft schmälern. Sie sind hohe und wertvolle Güter, darüber gibt es überhaupt keinen Zweifel. Was ich meine, ist, dass echte Bildung nur zusammen mit Menschlichkeit von Wert ist und niemals von ihr getrennt werden darf, sonst wird sie nutzlos und sogar gefährlich.
Ein anderer großer Denker, der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein, spricht etwas ganz Ähnliches in einem Brief an seinen Schüler Norman Malcolm an (der Brief stammt vom 16. November 1944):
„Was nützt es Philosophie zu studieren, wenn alles was es für Dich bringt, darin besteht, dass Du mit einiger Überzeugung über einige abstruse Probleme der Logik u.ä. reden kannst und wenn es nicht Dein Denken über die wichtigen Fragen des alltäglichen Lebens verbessert […].“
Wie immer Sie Ihr Wissen einsetzen, um damit Ihren Lebensunterhalt zu verdienen, Sie sollten auch das größere Ganze nicht aus den Augen verlieren. Es sind bedrängende und komplexe Fragen, vor denen wir alle heute stehen:
Wie können wir in einer multikulturellen, globalisierten Gesellschaft friedlich zusammenleben? Wie können wir die ungleiche Verteilung von Wohlstand und den ungleichen Verbrauch von Ressourcen zum Besseren verändern? Wie erhalten wir eine lebenswerte Umwelt?
Das sind Fragen, die mit Bildung, Beruf und Berufung unmittelbar zusammenhängen. Und welch besseren Ort als die Universität gibt es, um sie zu stellen?
Der Philosoph Hans Jonas hat in seinem bereits 1979 erschienenen, viel beachteten Buch „Prinzip Verantwortung“ versucht, einen „ökologischen Imperativ“ zu formulieren. Er lautet: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit dem Fortbestehen echten menschlichen Lebens auf Erden.“
Das ist eine einfach klingende Bestimmung, und doch liegt darin eine enorme Schwierigkeit. Warum sollten wir heute auf etwas von unserer Bequemlichkeit verzichten, zugunsten von Menschen, die noch gar nicht geboren sind? Es erfordert eine besondere und gar nicht selbstverständliche Anstrengung, die Auswirkungen unseres Handelns auf eine Zeit zu berücksichtigen, in der wir selbst nicht mehr auf dieser Welt sein werden.
Ich komme damit zum Schluss. 2005 hielt der bekannte amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace eine berühmt gewordene Commencement Speech am Kenyon College in Ohio mit dem Titel: „This is water“. Ich möchte mit einem Zitat aus dieser beeindruckende Rede schließen:
„Die größte der Fragen ist nicht jene über das Leben nach dem Tod. Die Wahrheit im Vollsinn des Wortes dreht sich um das Leben vor dem Tod. […] Sie dreht sich um den wahren Wert wahrer Bildung, die nichts mit Noten oder Abschlüssen, dafür aber alles mit schlichter Offenheit zu tun hat – Offenheit für das Wahre und Wesentliche, das sich vor unser aller Augen verbirgt, sodass wir uns immer wieder daran erinnern müssen: »Das hier ist Wasser.«
Es ist unvorstellbar schwer – tagein, tagaus bewusst und erwachsen zu leben. Und das bedeutet, dass noch ein Klischee wahr ist: Wir lernen wirklich fürs Leben – und die Ausbildung geht jetzt erst los. Ich wünsche Ihnen weit mehr als Glück.“

Da darf ich mich anschließen.

Vielen Dank.

 


Zur Person:
Dr.in Johanna Rachinger ist Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek. Sie studierte Theaterwissenschaften und Germanistik an der Universität Wien und promovierte 1986. 2001 wurde Rachinger in ihre derzeitige Position berufen, ihre Verträge jeweils 2010 und 2016 verlängert. Von 2004 bis 2009 war Rachinger Mitglied des österreichischen Wissenschaftsrats, in der Funktionsperiode 2018 bis 2023 ist sie Mitglied des Universitätsrates der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz. 2003 erhielt sie den Wiener Frauenpreis, 2016 wurde Rachinger das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse verliehen.