Vanessa Satler – Ein ruhiger Abend.

Vanessa Satler

Ein ruhiger Abend

 

Es ist Nachmittag, der Schnee glitzert weiß. Die Schneedecke ist bestimmt eineinhalb Meter hoch, auch die Berge im Hintergrund zeigen ihre beeindruckenden Schneehauben. Alles ist ruhig, der Wald hinterm Haus schweigt still. Die Tiere in den Ställen wurden gerade mit frischem Heu und Wasser versorgt, hier hört man nur das Kauen der malmenden Mäuler. Der Atem wird sichtbar aus ihren Nasenlöchern gestoßen. Es ist klirrend kalt, doch die Kühe, Schweine, Hühner und auch die Pferde sind daran gewöhnt. Am Berg gibt es nämlich nur wenige warme Monate. Doch ein lautes Krachen lässt die Köpfe so mancher Tiere hochschellen. Es ist ein Mann, Mitte 50. Er trägt gerade das frisch gehackte Holz in das Haus. Seine Strickjacke, seine Mütze und auch seine dicken Stiefel helfen ihm, sich selbst warm zu halten. Dieser Mann ist mein Urgroßvater. Ich kenne seinen Namen nicht. Ich habe nur ein Bild, welches ich hier veranschaulichen will. Er kommt wieder raus aus dem großen, gelben Haus. Jenes hatte er selbst Jahre zuvor mit seinem Vater erbaut. Der Mann hat eine Schaufel in der Hand und sogleich hörte man das Knacken, welches die brechende Schneedecke verursacht hatte, als er die Schaufel hineinstieß, um den Hauseingang freizuschaufeln. Denn bald stand Weihnachten vor der Tür und der Eingang sollte schön und gepflegt aussehen. Aus dem Kamin steigt Rauch. Seine Frau, meine Urgroßmutter, musste wohl gerade das Abendessen kochen. Als der Mann fertig war, ging er sofort zum Haus. Die Kälte machte ihm schwer zu schaffen. Die Schaufel ließ er an der Hauswand stehen. Er wird sie morgen sowieso wieder brauchen. Sobald er das Haus betrat und die Türe hinter sich schloss, kam ein kleiner Junge mit vielleicht vier Jahren auf ihn zu gerannt. Sein Name ist Lorenz, noch weiß er nicht, dass er einmal mein Großvater werden wird. Jetzt freute er sich nur, seinen Vater zu sehen.

Endlich ist Papa wieder da. Ich wollte nicht raus zu ihm, weil es schon sehr, sehr kalt ist. Papa kam zuerst herein, hob seinen Kopf, um den Geruch des guten Abendessens besser riechen zu können. Es brodelte schon laut auf dem Herd. Plötzlich lachte Papa laut auf, als ich mich umdrehte sah ich Mama in ihrem Kittel und dem Kopftuch den Kochlöffel schwingend und Papa, der seine rauen dicken Finger reibt. Er musste wohl den noch unfertigen Eintopf gekostet haben. Mama ist da sehr empfindlich und streng, nicht einmal ich durfte kosten. Mama strahlte über das ganze Gesicht als Papa ihr ein Bussi auf die rote Wange drückte. Wie das schmatzte. Papa war sehr müde vom Schneeschaufeln. Ich sprang sofort auf seinen Schoß, aber dann taten mir plötzlich die Finger weh. Ich habe heute am Morgen schon brav Schnee geschaufelt, aber leider habe ich Blasen bekommen. Ich bin nämlich schon groß und muss beim Arbeiten helfen, dafür bekomme immer einen Löffel süßen Honig. Der klebt immer so. Ich kuschel mich an ihn, er wirft mich hoch, ich quieke vergnügt. Er fängt mich wieder auf und beginnt mit mir einen Turm aus meinen Bausteinen zu bauen. Die Bausteine hatte ich zusammen mit ihm gebastelt. Ich durfte sie schleifen.

Plötzlich klingelt es. Ich laufe schnell zur Türe, mir hat niemand gesagt, dass wir Besuch bekommen. Papa drückt mich weg, damit er die Türe aufbekommt. Mein Bruder ist da, er hat seine Frau mitgenommen. Haben sie mir etwas mitgebracht? Leider nicht, dafür bekomme ich etwas Besonderes, wenn ihr Christkind kommt. Jetzt ist Mama auch neugierig und kommt aus der Küche, um den Besuch zu begrüßen. Sie ist so froh, die beiden zu sehen und umarmt sie lachend. Ich will auch so umarmt werden und laufe zu ihr. Sie sieht mich kurz böse an und sagt ich solle nicht so ungeduldig sein. Dann gehen die beiden Frauen in die Küche, um den Tisch zu decken. Ich darf nicht helfen, weil ich vorgestern einen Teller fallen gelassen hatte, deshalb schaue ich nur zu. Heute werden wir im Wohnzimmer essen. Dort steht der große Christbaum. Ich durfte beim Schmücken mithelfen, aber ich darf die glitzernde Girlande nicht anfassen, sonst bekomme ich einen Klaps auf die Finger. Die Girlande war besonders. Draußen ist es schon dunkel und die Girlande leuchtet noch heller. Ich will sie anfassen. Es ist keiner im Wohnzimmer, ganz schnell berühre ich sie. Sie fühlt sich so weich an. Jetzt kommen sie. Ich muss sofort weg. Wie aufregend. Mein Bruder fragt mich, ob ich nicht die Kerzen am Adventkranz anzünden möchte. Ich nicke begeistert. Er gibt mir ein großes Streichholz, es brennt mit orangener Flamme und erfüllt die Luft mit dem typischen Geruch des Feuers, welcher sich mit dem Geruch des Tannenbaums vermischt und er hebt mich hoch. Der Adventkranz hängt nämlich ganz weit oben an der Decke im Wohnzimmer. Jetzt leuchtet es noch schöner im Wohnzimmer. Das Essen verläuft schweigend, das einzige hörbare Geräusch ist mein Schmatzen. Nach dem Essen bringen mein Bruder und mein Vater mich ins Bett. Ich war schon so müde. Ich flüstere noch schnell meiner Mama und der Frau meines Bruders, die gerade abwaschen, ein leises Gute Nacht.

Als dies alles geschehen war, saßen sie wieder am Tisch, sie fingen an über alltägliche Themen zu reden. Niemand bemerkte, dass der jüngere Mann ein Foto machte. Er fing einen Moment ein, ohne zu wissen, dass genau dieser Moment, dieses Bild, die Grundlage für einen Text, viele Jahre später sein wird. Der jüngere Mann stellte die Kamera wieder auf den Tisch und setzte sich zu der Runde. Sie lachten, aber redeten auch über ernste Themen. Der Herbst war kälter und härter als die Jahre zuvor und hatte einen großen Teil der Ernte zerstört und auch der Winter war kalt und sehr schneereich. Er machte ihre Arbeit sehr schwer. Doch bald war wieder Weihnachten. Die Hoffnung, die dieses Fest mit sich bringt, lässt die Sorgen und die Verbitterung dieses Umstandes weichen. Die Sicht auf den einfachen, mit Lichtern und Girlanden geschmückten Weihnachtsbaum, erleuchtete die Gesichter der dort am Tisch Sitzenden. Sie wollten alle gemeinsam zur Christmette gehen und dem kleinen Jungen ein schönes, besinnliches Weihnachtsfest bescheren. Die Frau des jüngeren Mannes holte noch schnell ihren ersten selbstgebrannten Schnaps. Als sie aufstand, um ihn zu holen, hörte man den alten Holzboden knarzen.

Darlin Raschun – Der kleine Junge und sein großer Tag.

Darlin Raschun

Der kleine Junge und sein großer Tag

 

Es wurde mein 60ter Geburtstag gefeiert. Ich hatte bereits eine Tochter, die selbst schon zweifache Mutter war. Mit meinen wunderschönen Enkelkindern. Die ältere sechs Jahre alt und die jüngere zwei fast drei. Beide ähneln ihrer Mutter sehr.

Sie gingen alle drei vor mir her, als wir das alte Holzhaus betreten, das schon seit mehreren Jahrzehnten mir und meiner Frau gehörte. Früher hatten auch noch meine Eltern hier gewohnt, aber als mein Vater starb und meine Mutter zu pflegebedürftig wurde, schickten wir sie in ein Heim. Wir besuchen sie jedoch noch immer fast täglich.

Bis jetzt war es ein wunderschöner Tag. Die Sonne hoch am Himmel, der Garten blüht wie schon lange nicht mehr und ich war glücklich.  Im Haus, in der Küche angekommen, wartete mein Geburtstagskuchen, den meine bezaubernde Frau mir gebacken hatte. Sie wusste, dass ich Apfelkuchen über alles liebte und es mich an meine schöne Kindheit auf den Bergen auf einem Bauernhof erinnerte. Das ganze Haus roch nach Zimt, Apfel und Teig, da Gabriela ihn heute frisch gebacken hatte.

Ich war so in meine Gedanken vertieft, dass ich nicht gemerkt hatte, wie meine Frau mir den Kuchen mit einer schon angezündeten Kerze vor die Nase hielt. Ich blies dann zwar die Kerze aus, konnte mir jedoch nichts wünschen, da ich wunschlos glücklich war.

Ich durfte den Kuchen anschneiden und bekam, wie es üblich war, das erste Stück. Ich nahm den ersten Bissen, schmeckte den Zimt und den Apfel, wie sie auf meiner Zunge zergehen und schloss genüsslich die Augen.

Vor meinem inneren Auge kamen Erinnerungen hoch.

WILLHELM ALS KLEINER JUNGE

Wir schieben uns aus der Kirche, raus ins Getümmel. Alle meine Freunde stehen bei ihren Eltern. So wie ich. Neben mir: Großmutter, Mutter, Vater und meine Geschwister Ferdi und Richard. Alle stehen wir nebeneinander. Dicht an dicht, um uns nicht zu verlieren in dieser riesigen Menschenmasse. Den meisten erwachsenen Menschen reiche ich nur bis zum Ellenbogen.

Langsam löst es sich auf und auch wir begeben uns auf den Weg nach Hause. Dort wartet schon das größte Festmahl, das ich seit langem gesehen habe. Wir alle sitzen zusammen und lachen über alle möglichen Dinge. Auch Großmutter ist dabei. Ach, wie selten es doch geworden ist, dass wir einander sehen. Ich genieße das Essen wie selten etwas. Auch wenn wir nicht zu der ärmsten Schicht der Bevölkerung gehören, ist so ein Essen am Land sehr selten. Normalerweise kommt immer das Gleiche auf den Tisch, außer an Festtagen wie diesen.

Kaum habe ich zu Ende gegessen, will Ferdinanda, wie sie eigentlich heißt, schon mit mir spielen gehen. Draußen auf die Wiese oder zu den Tieren in den Stall. Aber Vater erlaubt es nicht. Warum erlaubt er das nicht? Aber wenn Vater gesprochen hat, dann ist es besiegelt. Wenn wir uns widersetzen, gibt es Schläge. Aber das war ja normal damals. Trotzdem frage ich mich, ob er denn nie so alt war wie ich. War er immer schon der alte, strenge Mann, der er jetzt ist? Keine Ahnung…

Was ist jetzt? Er steht auf. Will er mich jetzt schlagen? Nein. Kann nicht sein. Oder habe ich doch zu trotzig geschaut?

Nein, anscheinend doch nicht. Wo geht er dann hin? Was soll in dem Schrank neben dem Sofa sein, das er gerade aufmacht? Ach ja, die Kamera.

Auf geht’s. Zwar mag ich es nicht so… Bilder machen. Aber Vater und Mutter bestehen immer darauf.

Ferdi, oder auch Ferdinanda, holt auf Anweisung der Mutter einen Stuhl für Großmutter. Sie ist ja schon alt und hat auch schon Probleme beim Gehen. Wir stellen uns auf. Vater sagt irgendwas von „Ameisenscheiße“ und alle fangen an zu lachen, außer ich und Großmutter. Aber die lacht und lächelt ja nur selten. Ich runzle meine Stirn und natürlich drückt Vater genau da ab. Na toll. Jetzt schau ich aus wie Großvater, der hat auch immer so streng geschaut.

Aber Vater macht es anscheinend nichts aus. Er bittet mich zum Einzelfoto. Ich stelle mich neben einen Baum. Hinter mir sieht man bestimmt die Felder. Unsere Felder. Vater liebt seine Felder. Ferdi und ich auch. Wenn wir nicht gerade am Hof helfen müssen, spielen wir da. Fangen spielt Ferdi am liebsten. Ich nicht so, aber wenigstens will sie noch mit mir spielen. Richard nicht. Richard darf nicht mehr mit uns spielen und muss viel mehr am Hof helfen als wir.

Gerade als Vater abdrücken will, sehe ich Ferdi hinter seinem Rücken. Ferdi, die die schlimmsten Grimassen zieht. Ich muss so sehr lachen und genau da drückt Vater wieder ab. Dieses Mal lächle ich wenigstens auf dem Foto.

Wir gehen wieder ins Haus, während Ferdi Großmutter hilft und Richard wieder den Stuhl ins Haus trägt. In der Küche erwartet uns ein duftender Kuchen, den Mutter, kurz bevor wir in die Kirche gegangen sind, gebacken hatte. Apfelkuchen.

 

ZURÜCK IN DER GEGENWART

Ich war so in meine Erinnerungen vertieft gewesen, dass ich alles andere ausgeblendet hatte und alles andere vergessen hatte. Denn damals war alles noch schön. Nur die Sorgen eines kleinen Kindes, das noch nichts vom Leben gelernt hatte. Dem wahren Leben. Die kindliche Unschuld damals in unseren Augen… ich kann mich daran erinnern, als wäre es erst gestern gewesen. Aber an meinem Geburtstag will ich nicht in Traurigkeit verfallen und an längst vergangene Zeiten denken. Das alles war vorbei.

Und so wendete ich mich zu meiner Familie, in der ich hoffentlich noch viele Jahre verbringen darf.

Sabrina Oberdorfer – Ein gewöhnlicher Sonntag.

Sabrina Oberdorfer

Ein gewöhnlicher Sonntag

 

Seit Tagen ist dem Kind regelmäßig langweilig und die Eltern wissen nicht mehr, wie sie es beschäftigen sollen. So auch an diesem Sonntag. Eine Zeit lang spielt es ruhig und allein mit seinen Autos, doch plötzlich möchte es nicht mehr. Das Mädchen läuft zur Großmutter und will sie zum Spielen überreden. Diese ist jedoch gerade damit beschäftigt, Socken zu stricken. Deshalb kommt ihr Onkel zu ihr, hebt sie auf und trägt sie in den Garten. Dort angekommen hilft er ihr auf die Schaukel zu kommen und beginnt sie leicht anzutauchen. Der Großvater, welcher bis vor kurzem noch im Schuppen war, kommt hinzu. Nach kurzem Überlegen geht er ins Haus hinein, um den Fotoapparat zu holen. Als er den Garten wieder betritt, sieht er, wie sich seine Gattin locker mit ihrem Sohn unterhält. Er bittet sie, sich doch etwas näher zusammenzustellen, da er ein Foto schießen möchte. Der Onkel stoppt also die Schaukel ab, damit das Foto nicht verschwommen wird. Nachdem das erledigt ist, hat das Kind keine Lust mehr zu schaukeln und beginnt wie wild mit den Beinen zu zappeln. Kaum hat der Onkel das Kind vorsichtig auf dem Boden abgesetzt, läuft es auch schon auf das Haus zu. Der Onkel und die Großmutter setzen unterdessen ihre Unterhaltung fort.

Kurze Zeit später hören sie ein lautes Poltern im oberen Stockwerk. Der besorgte Onkel eilt sofort hinauf, um nach seiner Nichte zu sehen. Doch diese sitzt gut gelaunt inmitten von hundert Holzklötzen. Der Krach erklärte sich mit dem Ausleeren der Klötze. Doch nun, wer hätte es sich nicht gedacht, wird dem Mädchen gleich wieder langweilig. Also hebt der Onkel die Kleine auf und setzt sie erneut auf die Schaukel.

Und der gewöhnliche Sonntag nimmt seinen Lauf…

Anna Miklautz – Blumen im Jahr 1943.

Anna Miklautz

Blumen im Jahr 1943

 

Die Hand blättert durch die bereits vergilbten Seiten des Familienalbums. Jede Seite brachte bis jetzt, aus Momentaufnahmen liebgewonnen, Erinnerungen hervor.

Erinnerungen in Form eines kurzen Filmfetzens und den damit verbundenen Emotionen.

Die Hand zögert nun beim Umblättern. Auf der aufgeschlagenen Seite ist nur ein Bild. Es ist alt wie die restlichen, doch unterscheidet es sich dahingehend, dass es das einzige seiner Art ist, aus einer Welt, in der der Mensch als Objekt betrachtet wurde und die oftmals auch die gleichen Rechte besaß.

Es zeigt eine Familie, einen Teil meiner Familie, den ich nie kennenlernen durfte. Meine Großmutter Barbara, die zu dieser Zeit sicherlich nicht daran dachte, dass sie dereinst Kinder, geschweige denn Enkelkinder haben wird. Sie steht neben ihrem Bruder und blickt direkt in die Kamera. Zu ihrer Rechten sitzt ihre Mutter. Eine hagere Frau, die ihren Lebtag auf Familie und Arbeit fokussierte. Ihr direkt gegenüber ist mein Urgroßvater. In Arbeitsmoral und Pflichtgefühl in keinster Weise seiner Frau nachstehend, konnte er dennoch seiner Familie lediglich ein karges Leben ermöglichen, welches durch Augenblicke wie diese Fotographie versüßt wurde. Der kleine Bruder Valentin -liebevoll Volti genannt- war schon in seinen jungen Jahren ein kleiner Freiheitskämpfer, der seinen Willen stets durchsetzen wollte, und er schaut auch jetzt schelmisch am Fotographen und somit dem Betrachter vorbei.

Die Mitte des Familienkreises schmückt ein Kornblumenstrauß. Kurz vor der Aufnahme von dem Mädchen gepflückt, dekoriert er derzeit das Bildzentrum und später die triste Einzimmerwohnung der Familie.

Als kleiner Farbklecks am Küchentisch stehend haucht er dem spärlich eingeräumten Zimmer Leben ein, sodass die Illusion eines Domizils erweckt wird. Der eigentliche Ort, der als „Zuhause“ bezeichnet werden darf, liegt stattdessen hunderte Kilometer von dem Entstehungsort des Bildes entfernt. Dort steht das rustikale Bauernhaus mit seinen zugigen Fluren und quietschenden Türen, welches nur noch die liebgewonnenen Erinnerungen an eine bessere Zeit beherbergt.

Seit über einem Jahr lebt dort niemand mehr, freiwillig ist niemand gegangen.

Seit über einem Jahr besteht das Leben dieser vier Personen aus Zwangsarbeit bis zur physischen Erschöpfung.

Leid, Schmerz und Hass verloren durch ihre stete Präsenz den Schrecken, welchen sie an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit ausgelöst hätte.

Aus ihrem alten Leben ist allein die Hoffnung geblieben.

Jenes vage Gefühl, welches Halt zu geben scheint in einer scheinbar nicht enden wollenden Farce, die zur Realität wurde.

Für diese Familie sollte diese Ungewissheit erst nach drei Jahren, acht Monaten und sieben Tagen enden.

Am 14. November des Jahres 1945 betrat meine Großmutter jenes Haus wieder, in dem sie geboren wurde.

 

Sechs Jahre sollten vergehen, bis meine Großmutter ihren Familiennamen und das Haus zurückließ, dreizehn bis mein Urgroßvater an Tuberkulose verstarb und siebenunddreißig als meine Urgroßmutter friedlich auf ewig einschlief. Das Haus existiert schon lange nicht mehr.

Vor nicht einmal einem Jahr tat auch Volti seinen letzten Atemzug.

Einzig meine Großmutter lebt noch.

 

Es ist spät.

Das Fotoalbum wird zugeschlagen.

Im Flur steht eine Vase mit blauen Blumen.

Ein Lächeln, das die Augen nicht erreicht.

Jonas Knoll – Eine neue Welt.

Jonas Knoll

Eine neue Welt

 

Ich hörte einmal eine Geschichte meines Opas aus der späten Nachkriegszeit, die war für ihn so einprägsam, dass er sie sogar seinen Kindern und dann auch seinen Enkelkindern (also mir) erzählt hatte. Die ging so:

Eines Morgens wachte ich auf, es war eisig kalt, sogar mit der dicken Decke. Ich gab mir einen Ruck und stand auf, kramte mein Leibchen, die Hose und Unterhose und meine Lieblingssocken aus dem Schrank. Als ich mich angezogen hatte, ging ich ins Badezimmer und wusch mich, putzte mir die Zähne und rannte die Treppe hinunter. Das machte immer einen Höllenlärm, weil die Treppe schon ganz alt war und aus Holz bestand.

Ich setze mich zum Küchentisch. Heute gab es Semmeln zum Frühstück –  eine echte Besonderheit. Ich strich mir eine Semmel mit Marmelade und eine mit Honig, ich finde ja, dass frische Semmeln mit Honig etwas besser schmecken als mit Marmelade.

Mein Vater las das Neueste in der Zeitung und trank dazu eine Tasse schwarzen Kaffee. Meine Mutter fragte, ob ich alles für die Schule eingepackt habe. Ich schüttelte den Kopf und rannte die knarrende Treppe hinauf, packte meine Schulsachen und starrte auf das Fenster. Ich sah, wie die Eiskristalle anfingen zu schmelzen. Es faszinierte mich, die Sonne wärmte mich und es war mir auch nicht mehr kalt. Es machte irgendetwas mit mir. Es erfüllte mich mit Energie, die ich so oder so nötig hatte.

Nach ein paar Minuten hörte ich meine Mutter, die mich in leicht genervtem Ton fragte, wo ich denn bliebe, und dass meine Schulkollegen schon draußen auf mich warteten. Also polterte ich die Stiege wieder runter, um mich noch von meinen Eltern zu verabschieden. Sie wünschten mir einen schönen Tag. Ich erwiderte ihre Glückwünsche und zog mir den warmen Filzmantel und meine Lederschuhe an.

Dann ging ich nach draußen. Die eisige Luft schlug mir ins Gesicht, mein Atem verwandelte sich in Rauch. „Da bist du ja endlich!“, sagte Mark. Peter fügte noch hinzu: „Wir müssen uns beeilen, wenn wir noch rechtzeitig zu Unterrichtsbeginn in der Schule sein wollen!“ – „Dann laufen wir, oder?“, fragte ich. Beide nickten und wir rannten los. Wir huschten noch rechtzeitig in die Klasse. Ich war schon am Nachhauseweg, als Mark plötzlich ganz aufgeregt auf mich zu rannte. Er sagte: „Guck mal, was ich habe!“ Er hatte eine Dose aus Aluminium in der Hand, sie sah aus wie eine Bonbondose. „Das sind Kaugummis“, erklärte er mir, „probier mal!“

Ich steckte den Kaugummi ganz vorsichtig in den Mund. Während er eine große Blase machte und sie zerplatzen ließ. „Ja, es schmeckt wirklich wie ein Minzbonbon! Herrlich! So etwas brauch ich auch!! Wo hast du das her?“

Mark flüsterte: „Du darfst es niemandem verraten!! Versprich mir das! Ich habe es von einem englischen Soldaten geschenkt bekommen!“ Ich war fasziniert und ein bisschen erschrocken darüber, weil mir meine Eltern den Kontakt mit Soldaten streng verboten hatten. Er versprach mir, noch solche Kaugummis zu besorgen, da ich sein bester Freund war.

Jedes Mal, wenn ich einen Kaugummi esse, muss ich an diese Geschichte denken.

 

 

Florian Klösch – Herbstfreuden.

Florian Klösch

Herbstfreuden

 

 

Im Herbst des Jahres 1972 kam es zur Entstehung eines Bildes, das meiner Familie noch lange in Erinnerung bleiben sollte. Wie gewöhnlich pflegte es meine Mutter an spätsommerlichen Tagen in ihrem schwarzen Lieblingskleid, darunter trug sie eine weiße Bluse und eine weiße Strumpfhose, im Freien zu spielen. Sie dürfte sehr glücklich gewesen sein, als mein Großvater sie spontan auf den Kofferraum seines neuen Autos, ein Opel, setzte. Vermutlich befanden meine Großeltern diese Szene einfach als herzig, bevor sie sich entschlossen, ein Bild von meiner Mutter zu machen. Man sieht der Sechsjährigen an, dass es ihr eine große Freude bereitet, die Hauptfigur dieses Fotos zu sein. So widme auch ich ihr ein kleines Gedicht:

 

Vor langer Zeit es gab einmal.

Es ereignete sich nach dem Mittagsmahl.

Im Freien tollte ein junges Kind

mit großen Schritten eilte es geschwind.

Ein weißes Fahrzeug war sein Ziel,

welches ihm sehr gefiel.

Die Freude sah man dem Kinde an,

als der Vater um die Ecke kam.

Des Weiteren seine Tochter in den Arm nahm,

er hatte schon einen Plan

und setzte seine Erstgeborene flott auf den Wag‘n.

Die Mutter bemerkte die Möglichkeit,

nutzte des Tochters Besonnenheit,

machte mit der Kamera ein paar Schnappschüsse

und zog daraus sehr herzige Schlüsse.

Schon war es auserkoren,

das Bild, das wir noch lange bewahren.

Wer es wieder einmal sieht,

erinnert sich so gut, wie an

ein altes Lied.

 

Nach dem Knipsen des Fotos nahm mein Großvater meine Mutter wieder vom Kofferraum runter. Sie war sehr glücklich und rannte in die Stube des Bauernhofes, wo ihre zwei Schwestern zu Mittag aßen, und berichtete ihnen von ihrem positiven Erlebnis.

 

Waltraud Isimekhai – Blick in eine Familiengeschichte aus dem Rosental.

Waltraud Isimekhai

Ein Blick in eine Familiengeschichte aus dem Rosental

Meine Familie stammt aus dem Rosental; diese Aufnahme wurde im Jahre 1959 vor dem Elternhaus meines Vaters gemacht und zeigt vier Generationen: Urgroßmutter, Großmutter und Großvater, meine Tante und mich mit ungefähr eineinhalb Jahren. Meine Eltern, mein Bruder und ich lebten im nächsten Dorf, wo mein Vater eine Tischlerei betrieb. Die Familie meines Vaters lebte von einem kleinen Hof mit drei Kühen, zwei Schweinen und Hühnern.  An das nicht sehr beliebte Heugnen und Einführen, das Kartoffelklauben, Türkenfiedern, Schweineschlachten und Hühnerrupfen, erinnere ich mich noch. Auch das Bild einer laufenden Henne ohne Kopf – meine Oma hatte ihn wie üblich an den Schlachttagen auf dem Hack-Tschock abgetrennt – hat sich in meinem Kopf abgespeichert. Meine Tante ist jetzt 84 und wird von ihrer um ein Jahr jüngeren Schwester betreut.

Rund ein Jahr nach dieser Aufnahme starb mein Großvater nach einem Sturz mit dem Fahrrad an einer Wirbelsäulenverletzung. Ich erinnere mich noch dunkel an ihn, laut Erzählungen spielten wir immer mein Lieblingsspiel mit einer kleinen „Neger-Puppe“.

Oma starb mit 87 Jahren wenige Tage nach einer Krebsoperation, zu der sie gegen ihren Willen genötigt wurde. Jahrzehnte lang lebte sie ohne für uns sichtbare Probleme mit diesem Leiden und verweigerte jede medizinische Behandlung, was sie meiner Überzeugung nach so alt werden ließ.

 

Oma war eine weise und weltoffene Frau mit einem starken Glauben. Obwohl sie nur die Pflichtschule besucht hatte, las sie viel und interessierte sich für viele Dinge. Das Haus verließ sie allerdings selten. Ihre enge Bauernküche mit Bretterboden direkt auf die Erde gelegt und dem Sommer wie Winter eingeheizten Holzherd, auf dem immer Töpfe mit warmgehaltenem Essen standen, war das Kommunikationszentrum des Dorfes. Es wurde gekocht, gebacken, diskutiert, philosophiert, getratscht, gebetet, gesungen oder gesponnen und die kleine Stube war meist voll mit Besuchern unterschiedlicher Bildungsschichten und Generationen. Der Herr Primarius oder die Schuldirektorfamilie kamen zum Einkaufen vorbei, blieben gern zu Gesprächen und waren bei allen Familienfesten willkommen. Eine entfernte Verwandte verweilte immer, wenn sie von Depressionen geplagt wurde, mehrere Tage bei Oma, bis sie, wieder aufgerichtet von ihrem Mann abgeholt wurde. Alle Nachbarn und Kinder gingen hier ein uns aus, die Bibelstunde der deutschen „Missionare“ wurde hier abgehalten und der Kirchenchor probte rund um den Küchentisch. Niemals verließ jemand das Haus mit leerem Magen und für die Kinder gab es immer ein kleines Taschengeld.

Ein Vorfall blieb mir besonders in Erinnerung: An einem heißen Sommertag in den 70ern stand ein autostoppender Hippie stundenlang an der nahegelegenen Straße und niemand bleib stehen. Nach einiger Zeit wollte er sich beim kleinen Greißler im Ort etwas zu essen kaufen, doch als ihn die beiden alten Besitzerinnen kommen sahen, ließen sie aus Angst die Jalousien herunter und sperrten den Laden zu. Durstig und hungrig ging er zurück auf die Straße. Schnell sprach sich dieser Vorfall im Dorf herum. Als meine Oma das erfuhr, lud sie den jungen „Ausländer“ mit wallendem Haar und Bart ins Haus ein und packte seinen Rucksack voll mit Köstlichkeiten für die nächsten Tage: Backhendl, Kuchen, Speck, Bauernbrot und frisches Wasser aus dem Brunnen. Mir, die ich in meiner Jugend gerne per Interrail in ganz Europa unterwegs war, erzählte sie damals, sie hätte dabei an mich gedacht, wenn ich in der „Ferne“ unterwegs war und bestimmt glücklich über jede freundliche Geste gewesen wäre.

 

Dieser Großmut ist bis heute ein Merkmal unserer Familie in diesem kleinen Dorf nahe der slowenischen Grenze, in dem man zu dieser Zeit vorwiegend „windisch“ sprach und die „Slowener“ geringschätzte.
Jahre später sollte ich diejenige sein, die einen „Ausländer“ ins Dorf brachte. Diesmal war seine Hautfarbe schwarz und mein Vater kündigte an, „mit den Holzzockeln in der Hand über die Felder davonzulaufen“, falls er auf Besuch kommen sollte. Doch es kam anders, denn schon bald nachdem mein zukünftiger afrikanischer Mann und Vater meiner Töchter seinen Erstbesuch abstattete, flogen ihm die Herzen der Familie zu. Sieben Jahre später sollte mein Vater auf seinem Totenbett im Krankenhaus, wo mein Mann ihm täglich Bibelstellen vorlas, zu seinen Gesangsbrüdern und Freunden sagen: „Erzählt bitte jedem im Dorf, dass ich den liebsten und besten Schwiegersohn der Welt habe.“

 

Das nachfolgende Foto, fünf Jahre nach Vaters Tod im Elternhaus aufgenommen, zeigt die Schwiegermutter aus Afrika, inzwischen auch verstorben, bei ihrem ersten und einzigen Besuch in Europa mit meiner Mutter, mir und meinen Töchtern.

Damals waren mein Mann und ich schon wieder geschieden, aber „Oma-Afrika“ war herzlich willkommen. Wie auch mein Ex-Mann und alle seine weiteren Kinder bis heute gern gesehene Gäste im Rosental sind und das Herz meiner inzwischen 81-jährigen Mutter erfreuen.  Als echte Oma meiner beiden Kinder wurde sie von weiteren sieben kleinen schwarzen „Murlis“ der neuen Familie meines Ex-Mannes sowie der Familie seiner Schwester einstimmig zur Adoptivoma ernannt und wir alle hoffen, dass sie diese Ehrenfunktion noch lange ausüben wird.

 

05.03.: Andrea Grill: „Cherubino“, Lesung

Andrea Grill

„Cherubino“

Lesung, 19.30 Uhr

 

Musik: Marie Orsini-Rosenberg
Moderation: Christina Glinik

 

Eine starke Frau, zwei Männer, eine Schwangerschaft und die große Oper – in ihrem neuen Roman erzählt Andrea Grill eindringlich von einer Sängerin zwischen Kind und Kunst.

 

Die 39-jährige Sängerin Iris Schiffer ist zielstrebig, selbstbewusst und auf gutem Karriereweg. Demnächst gibt sie als Cherubino in Mozarts Oper „Hochzeit des Figaro“ ihr Debüt an der Met, und unverhofft wird ihr eine Hauptrolle bei den Salzburger Festspielen angeboten. Aber die schönste Nachricht ist ihre Schwangerschaft, von der Iris zunächst weder den beiden in Frage kommenden Vätern noch ihrer Agentin etwas verrät, zumal die Premiere in Salzburg und der Tag der Geburt nah beieinander liegen. Andrea Grill erzählt von einer souverän handelnden Frau, die erst allmählich bereit ist, ihre Schwangerschaft anzunehmen. Von den Männern nimmt sie, was sie braucht. Denn das, was zählt, sind sie und ihr Kind.

 

Andrea Grill, 1975 in Bad Ischl geboren, studierte u. a. in Salzburg und Thessaloniki und promovierte an der Universität Amsterdam in Biologie. Sie wurde u. a. mit dem Förderpreis zum Bremer Literaturpreis (2011) und dem Förderpreis für Literatur der Stadt Wien (2013) ausgezeichnet. Cherubino wurde für die Longlist zum deutschen Buchpreis 2019 ausgewählt.

 

 

Deutschnationalismus, hohe Schreibkunst und eine blutige Grenze? Öffentliche Vorlesungsreihe zum „Mythos Kärnten“

Gehen in Kärnten die Uhren anders als in den restlichen Bundesländern Österreichs? Spätestens beim dramatischen Abgang Jörg Haiders stellte man sich diese Frage auch im Ausland. Die Vorstellungen von einem Besonders- und Anders-Sein Kärntens ist zu einem Klischee geworden, im Laufe eines Jahrhunderts sind Fakten, Halbwahrheiten und pure Erfindungen zu etwas gefroren, das man als einen Mythos bezeichnen kann. An 15 Terminen bietet die Universität Klagenfurt im Sommersemester eine Ringvorlesung mit Beiträgen hiesiger und auswärtiger Wissenschaftler*innen. Die Veranstaltungsreihe ist öffentlich zugänglich.

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Dino Celebič – Ein Nest, aus dem das Leben schlüpft.

Dino Celebič

Ein Nest, aus dem das Leben schlüpft

 

Im Mai 1981 hatten meine Mutter und ihre Familie Besuch von Verwandten aus Bosnien. Am Bauernhof, auf dem meine Großeltern heute noch immer leben, hatten sie damals neben einem Hund und Hühnern ein großes Feld für Fruchtbäume und den Anbau von Gemüse. Hinter dem Grundstück befindet sich noch ein Fluss in einem Wald, dort haben sie oft gespielt. An jenem Tag kam der Fotograf des Dorfes zu ihnen und da es dort nur einen gab, war dies ein besonderes Ereignis. Aus diesem Grund informierten meine Großeltern die Kinder und sie machten ein Foto davon, wie sie mit den vor kurzem geschlüpften Küken spielen. Meine Mutter, ihre zwei Schwestern, ein Cousin und eine Cousine sind auf dem Bild mitten auf der Wiese; es wirkt so wie ein Nest, in dem sich alle Kinder befinden. Mitten im Nest ist ein kleiner Junge namens Valentin zu sehen. Ein kleines Küken, mitten im Geschehen. Es symbolisiert das Schlüpfen ins Leben und man erkennt die Freude in den Gesichtern aller Kinder. Ein Strahlen und Lachen erfüllt diesen Moment. Außerdem tragen alle drei Mädchen den gleichen lila-rosa gestreiften Pullover, obwohl sie keine Zwillinge (Drillinge) sind. Im Hintergrund des Bildes ist das Tor eines Zaunes zu erkennen, ein schmaler Weg führt zum Hof und in den angrenzenden Wald. Gleich daneben stehen eine Hütte und ein kleines Gebäude, genau dort sind heute ihre Autos geparkt und auf der anderen Seite des Tors befindet sich der Hühnerstall. Ein Stall mit Hühnern, mitten drinnen ein Nest, aus dem das Leben schlüpft.