Mara Reisinger – Sommernachmittage.

Mara Reisinger

Sommernachmittage

 

Das Lachen der Kinder schallt durch den Garten. Es ist einer von diesen Nachmittagen im Spätsommer, wo die Sonne nicht mehr so viel Kraft hat, aber die Welt trotzdem in eine angenehme Wärme taucht. Ein leichter Wind raschelt durch die noch grünen Blätter und die Vögel zwitschern, bevor sie sich auf Richtung Süden machen. Noch hat die Schule für die Kinder nicht angefangen. Es ist eine Leichtigkeit in der Luft, die nur der Sommer an sich hat. Durch die Löcher im Holz und die Nischen im hohen Gras schleicht sich schon die kühle Schwere des Herbstes an. Doch noch ist es nicht so weit.

Voller Energie wird im Garten hinterm Haus Fangen gespielt, Schmetterlingen hinterhergejagt und es werden die großen Fußballspiele der drei Geschwister ausgetragen. Ihre blonden Haare hüpfen bei jeder Bewegung mit und schwingen im Wind. Noch scheint die Welt gut und wird von Kinderlachen und Freudenschreien erfüllt.

Auf der Bank neben dem Haus sitzt Opa und hält alles, so gut er kann, mit der neuen Kamera fest. Die Fotos, zwar noch schwarz-weiß, aber doch viel schärfer als die mit der vorherigen Kamera. Und da entstehen dann doch ein oder zwei Schnappschüsse, wenn der Opa Fotos machen will, aber die Kinder ja viel lieber spielen. Wer schießt wohl das nächste Tor?

Es sind Bilder und Erinnerungen, an denen man sich in kühlen Zeiten festhalten wird. Momente und Gefühle, die unvergesslich bleiben.

Agnes Lampersberger – Geborgenheit.

Agnes Lampersberger

Geborgenheit

 

War es ein Samstag oder doch ein Sonntag? Ein langer Tag, spät im Jahr 1969 wird müde.

Vor dem großen einstöckigen Wohnhaus, dem sogenannten „Neuhaus“, das auch heute immer noch so heißt, obwohl es längst in die Jahre gekommen ist, wird es ruhig. Das „Neuhaus“ ist schon ganz auf Winter eingestellt. Die grünen klappbaren Fensterläden, die das Haus im Sommer schmücken, wurden ausgehängt und mühsam auf den Dachboden geräumt. Dort überwintern sie. Sie warten, bis sie im nächsten Frühjahr mit den ersten warmen Sonnenstrahlen wieder auf Sommerfrische dürfen. Damit es in der Wohnung nicht zu kalt wird, wurden ergänzend zu den Innenfenstern wieder die weißgerahmten Außenfenster eingehängt. Es sind Sprossenfenster. Die einfachen kleinen Glasscheiben sind mit braunem Kitt im Fensterrahmen verankert. Einbrecher haben es im „Neuhaus“ schwer. Im Mauerwerk des Erdgeschosses sichern jeweils drei waag- und drei senkrechte schwarze Gitterstäbe jedes einzelne Fenster.

Draußen ist es dunkel.

Drinnen, in der großen „Kuchl“, drängeln sich sechs Kinder um ihre Mutter. Das kleine Mädchen mit den blonden, schulterlangen Haaren, war heute Abend wohl am schnellsten. Sie hat es auf Mutters Schoß geschafft. Alle Plätze an Mutters Seite sind vergeben. Rechts, links, vorne, hinten. Die vier Mädchen und zwei Buben sind ihr ganz nah. Die Wärme und Geborgenheit, die ihnen die Mutter verheißt, möchten sie spüren. Immer und immer wieder.

Ein Adventskranz mit zwei roten und zwei weißen Christbaumkerzen steht auf dem Küchentisch. Mir kommt es vor, als könnte ich das grüne Tannenreisig noch heute riechen. Frisch schauen die Zweige aus, obwohl schon drei Kerzen am Adventskranz brennen. Die Flamme am vierten Kerzchen ist noch ganz klein, sie hat sich noch nicht entschieden. Aber eines ist klar, das Christkind wird bald zu den Kindern kommen. Sicher hat Mutter auch diesen Adventskranz selbst gebunden. Vater brachte ihr dafür immer Zweige von seiner Arbeit als Holzknecht mit nach Hause.

Die Mutter singt. Sehr gerne und sehr schön. Sie ist noch so jung, gerade mal 33 Jahre. Und sie strahlt aus vollstem Herzen. Keine Mühe ist ihr anzusehen. Sicher ist sie, so wie jeden Tag, sehr früh aufgestanden. Was hat sie wohl an diesem Tag zusätzlich zu den Fixpunkten, dem Zubereiten von Frühstück, Mittagessen und Nachtmahl noch alles an Arbeit erledigt?

Sie trägt einen blauen Pullover, darüber eine rosa-blau gemusterte Kleiderschürze. Mutter gibt es nur an Festtagen ohne ihre Schürze. Daran hatte sich im Laufe der Zeit nichts geändert. Ihre Schürzenmodelle aber veränderten sich. Aus den unbequemen Kleiderschürzen wurden welche mit langen Bändern, die sie bequem um ihre Röcke wickeln kann. Natürlich braucht jede Schürze eine große Tasche, damit sie ihr Stofftaschentuch, falls nötig, auch den Hausschlüssel einstecken kann. All diese Öko-Wörter wie Upcycling oder Recycling nahm Mutter nie in den Mund, aber Nachhaltigkeit hat sie schon ewig praktiziert. „Auftråg‘n und Nåchtråg’n“ war und ist ihr Motto. Schürzen werden nicht gekauft, nein, aus gebrauchten Stoffen, die für einen Putzfetzen noch zu schade sind, werden sie schnell genäht

Ihre langen braunen Haare sind zu einem „Knödel“ zusammengebunden. So trägt sie ihre Frisur immer. Auch heute, Jahrzehnte später, ist es noch so. Allerdings beschwerlicher. Ihre Haare sind dünn geworden. Nur mit Tricks und etlichen „Spangalan“ kann sie ihre Haare zu ihrem typischen Knoten binden, damit er auch hält. Stolz auf ihre Frisur ist Mutter immer noch. Besuche beim Friseur, eventuell ein Kurzhaarschnitt mit Dauerwelle kamen ihr nie in den Sinn. Nur ein einziges Mal, im April 1960, kurz vor ihrer Hochzeit, machte sie eine Ausnahme und leistete sich den Luxus eines Friseurbesuches.

Mutter liebt ihre Ohrringe. Mir gefallen sie nicht, denn sie sind aus den Eckzähnen von Hirschen gemacht. Die ersten beiden „Hirschgrandeln“ bekam sie als junges Mädchen von einer benachbarten Bauernfamilie geschenkt. Zu der Zeit kannte sie schon unseren Vater. Ein Juwelier und Uhrmacher in der Stadt fertigte für die Grandeln je eine Fassung aus Gold an. Das war wahrer Luxus. Mutter kann sich nicht mehr erinnern, wie viel Vater dafür bezahlte. Im Laufe ihres langen Lebens verlor Mutter zwei Mal ihre Hirschgrandeln. Die Fassung aus Gold blieb aber nie lange alleine. Einmal gab ihr ein Jäger aus St. Oswald neue Hirschzähne. Das zweite Mal schenkte ihr die „Schlossfrau“, so wurde die Gattin des Gutsherren, der fast allen Familien unseres kleinen Ortes Arbeit gab, immer ehrfürchtig genannt, wieder neue Hirschgrandeln.

Das Buch, aus dem Mutter uns vorsingt, vielleicht auch eine Geschichte vorliest, gibt es schon lange nicht mehr. Gerade fällt mir ein, eigentlich hatten wir nur ganz wenige Bücher zu Hause. Bücher waren, wie so vieles andere auch, Luxus. Ab und zu machte Vater eine Ausnahme und kaufte sich welche Bücher. So den, wie er sich sicher dachte, praktischen Ratgeber „Der österreichische Hausjurist“ von Dr. Robert Rimpel. Auf 752 Seiten wird in der Ausgabe vom Jahre 1959 erklärt, dass „Unwissenheit nicht vor Strafe schützt“. Weiters wird in diesem dicken Wälzer mit dem grellgelben Einband erläutert, dass „der Umgang mit den Ämtern, dem Gericht und der Polizei, dem Finanzamt und allen übrigen Behörden gar nicht so schwer ist.“ Wenn ich dies lese, muss ich leicht schmunzeln. Mutter hat dieses Buch sicher nie zur Hand genommen, wohl aber immer alle Behördenwege, besonders beim späteren Hausbau, erledigt. Ich kann mir vorstellen, dass Mutter mit Vater fest geschimpft hatte, als sie sah, dass dieses Buch damals 180 Österreichische Schillinge kostete. Ja, Mutter konnte zu Vater streng sein, wenn er ihrer Meinung nach wieder Geld für unnütze Dinge ausgab.

Was gab es sonst noch an Lesestoff in unserem Elternhaus? Natürlich kaufte Vater Atlanten, andere diverse Ratgeber für das Leben, von der Deutschen Buchgemeinschaft Wien das DBG-Lexikon mit 35.000 Stichworten, 64 farbigen Bildtafeln und 32 Schwarzweißtafeln. Auch einige Romane, geschrieben in Kurrentschrift gibt es noch aus dieser Zeit. Jedes Buch wurde von Vater mit weißem Packpapier eingebunden. So liegen sie heute noch in einem „Wohnzimmerkastl“.

Früher gab es beim Kauf von Kinderschuhen der Marke Salamander kleine Heftchen von Lurchi, dem schlauen Salamander, als Werbegeschenk dazu. Aus diesen Werbeheftchen – heute würde man wohl Give Aways dazu sagen – wurden später Sammelbände. Eine ältere Nachbarin schenkte sie uns. Das waren, soweit ich mich erinnern kann, anfangs so ziemlich die einzigen Kinderbücher, die wir hatten. Was liebten wir unsere reich illustrierten „Lurchi-Bücher“! Mutter las uns diese durchgehend gereimten Geschichten von Lurchi und seinen Freunden Hopps dem Frosch, Pieps der Maus, dem tollpatschigen Unkerich und Zwerg Piping gefühlte tausend Male vor. Jedes einzelne Abenteuer, geschrieben in Schreibschrift, kannten wir in- und auswendig. Was konnte ich mich wundern, wie jemand so schön und so gleichmäßig ein Buch schreiben kann. Erst viel später kam ich hinter das Geheimnis, dass wohl eine Schreibmaschine im Einsatz war. Groß war meine Freude, als ich viele Jahre später unsere „Lurchi-Bücher“ wieder auf einem Flohmarkt entdeckte…

Ich merke, ich schweife ab, deshalb schnell zurück zu meiner Fotografie.

Die Wände in der „Kuchl“ hat Vater mit einer gemusterten Gummirolle grün  verziert. Die Gummirolle war max. 20 cm breit. Wie oft musste er wohl mit ruhiger Hand die Gummirolle auf- und abwärts bewegen, bis die Wände schön gemustert waren. Ich stehe auf der „Kuchlbank“. Mit großen Augen, roten Wangen und offenem Mund schaue ich zum Vater. Er hält diesen stimmungsvollen Adventabend, ein kleines Stück heile Welt, für alle Ewigkeit mit seinem Fotoapparat fest. Damals war er noch ein besonders liebevoller und fürsorglicher Vater. Der ganze Herrgottswinkel schaffte es nicht mehr aufs Bild. Gerade für die blau-weiß gemusterte Zierdecke war noch Platz. Vater lebt schon zwölf Jahre nicht mehr.

Auch meine älteste Schwester, die voller Freude mitsingt, und die meinen kleinsten Bruder lockt und ihre Hand besorgt um seinen Bauch legt, lebt nicht mehr. Es war wieder ein Abend im Advent, ein paar Tage vor ihrem 50. Geburtstag. Ohne Warnung, ohne Vorankündigung hatte ihr Herz nach einem Hinterwandinfarkt keine Kraft mehr zu pumpen. Ausgepumpt. Bewegungslos. Kälte.

Wie gerne möchte man oft in die Zukunft schauen, aber es ist schon eine segensreiche Fügung, dass wir nicht wissen, was das Schicksal noch so alles für uns bereithält.

Vanessa Göderle – Die Spaziergänge.

Vanessa Göderle

Die Spaziergänge

 

Mein verstorbener Uropa Manfred Kofler spazierte mit seinen Brüdern und seinem Vater einen ganzen Tag in Vorarlberg umher, um die Natur besser kennenzulernen.

Der Grund lag jedoch nicht nur darin, die Natur besser kennenzulernen, sondern die sechs Söhne sollten auch mehr Zeit mit ihrem Vater verbringen. Da dieser sehr viel arbeitet, um die ganze Familie zu ernähren, bleibt nicht sehr viel gemeinsame Zeit. Die Mutter ging in der Zeit mit ihren Töchtern einkaufen. Der Familie war das Verhältnis untereinander sehr wichtig.

Seit fünf Uhr morgens waren sie unterwegs. Trotzdem scheinen alle immer noch voller Motivation zu sein. Das Foto, welches der Vater schoss, entstand an einem Teich, an dem die Kinder im Sommer sehr viel Zeit verbrachten. Mein Uropa und seine fünf Brüder trugen jeweils einen Rucksack und einen Stock mit sich. Sie waren auch etwas wärmer angezogen, da es schon Herbst war. Überall lagen Blätter, auf der Wiese und im Teich. Alles war ziemlich verwüstet von den ganzen Blättern, die von den nun kahlen Bäumen heruntergeflogen waren.

In letzter Zeit gab es viele Konflikte in der Großfamilie, besonders zwischen den Söhnen und dem Vater. Er hat einfach viel zu wenig Zeit. Seine Familie und vor allem seine Jungs standen völlig im Hintergrund.

Fünf Jahre später wurde es zur Tradition, dass es alle zwei Wochen einen Tag für Vater und Söhne und Mutter und Töchter gab. Die Jungs gingen auch auf die Jagd und lernten, wie man eine Großfamilie ernährt. Die Mädchen lernten viel über den Haushalt, also wie man kocht und solche Sachen.

 

 

 

 

 

Tim Hu – Die Geburt.

Tim Hu

Die Geburt

 

Am 13. Juli 1975 wurde mein Vater geboren. Er kam etwas früher als erwartet zu Welt, weshalb meine Großeltern es nicht mehr rechtzeitig ins Krankenhaus geschafft hatten. Mein Opa musste den Nachbarn fragen, ob er einen Arzt anrufen könne, da sie selbst kein Telefon besaßen. Nach wenigen Minuten war der Arzt eingetroffen und führte sofort die Geburt durch. Meine Oma hatte davor schon ein Kind zur Welt gebracht und wusste, wie schmerzvoll es sein würde. Die Geburt wurde bei ihnen zu Hause durchgeführt und die nötigen Hilfsmittel waren nicht vorhanden, weshalb es zu kleinen Komplikationen kam. Die Geburt zögerte sich hinaus, nach wenigen Stunden in den Wehen, kam es dann endlich zur Geburt. Die Erleichterung war dem Arzt und vor allem meinen Großeltern ins Gesicht geschrieben. Um die gelungene Geburt zu feiern, wurde wenige Tage später ein Festessen organisiert. Freunde und Familienmitglieder waren eingeladen und da meine Großeltern zu diesem Zeitpunkt nicht viel Geld besaßen, haben die Gäste Lebensmittel wie Fleisch und Gemüse selbst mitgebracht. Alle haben beim Kochen mitgeholfen. Es wurde ausgiebig gefeiert. Die Freude über das zur Welt gekommene Kind war groß.

 

 

 

„Es war so heiß zur frühen Stunde

Sie tat so weh die alte Wunde.

Das Kind im Bauch, es schmerzte mich

Zum Glück, dass mein Mann nicht von meiner Seite wich.

Endlich kam dann auch mein Retter

Schwitzend von dem Sommerwetter.

Durch kurze Handgriffe, ganz geschwind

Kam zur Welt mein zweites Kind.“

 

Anna Will – Für immer und ewig.

Anna Will

Für immer und ewig

 

Sie steht an seinem offenen Grab. Der Regen, der vom Himmel fällt, vermischt sich mit der Nässe ihrer Tränen. Sie klammert sich an die Rose in ihrer Hand, bis die Dornen sich in das Fleisch  ihrer Handfläche bohren. Doch dieser Schmerz ist nichts gegen den, den sie tief in ihrem Inneren verspürt. Er wird nie wieder zurückkommen. Er ist für immer weg. Sein Körper leblos in einer Holzkiste, tief unter der Erde vergraben, seine Seele bei Gott im Himmel. Sie wird jeden Tag an ihn denken, wird sich an den gemeinsamen Erinnerungen und Momenten festklammern. Doch irgendwann werden auch diese verblassen. Sie wird für ihn beten und hoffen, dass er auf sie warten wird, so wie sie damals auf ihn gewartet hatte.

 

 

75 Jahre davor

 

Eine Träne kullert über die Wange des Mädchens, als er sich von ihr  mit einer langen Umarmung verabschiedet. Sie bahnt sich langsam einen Weg über ihr schönes Gesicht und tropft schließlich vom Kinn auf ihr blaues Kleid. Sie sieht ihm noch lange nach. Sogar als er schon nicht mehr zu sehen ist, steht sie noch auf der Straße und sieht gedankenverloren in die Richtung, in die er verschwunden war. Irgendwann beschließt sie wieder zurück nach Hause zu gehen. Zurück zu den Erinnerungen, die er für sie dagelassen hatte. Sie werden überall auf sie warten, sie zum Lachen, zum Weinen oder zum Nachdenken bringen, so lange er nicht bei ihr sein kann. Währenddessen wird er draußen fürs Vaterland kämpfen, für das schon tausende andere Unschuldige ihr Leben gelassen hatten.

Sie lässt die Rose los, ganz langsam, als würde sie damit das letzte Stück von ihm verlieren. Die Blume fällt wie in Zeitlupe mit einem dumpfen Geräusch auf den nassen Sarg. Ihre Hände zittern und sie krallt sich verzweifelt an die blaue Schürze, die er immer so geliebt hatte. Er wird in ihren Erinnerungen weiterleben, bis sie endlich zu ihm kommen kann. Und dann erinnert sie sich wieder:

 

70 Jahre zuvor

 

Er steht vor ihr. Äußerlich scheint er sich kaum verändert zu haben. Er ist noch immer sehr groß und hat noch immer dieses schöne Lächeln, das nur für sie bestimmt ist. Doch wenn sie genauer hinsieht, bemerkt sie, wie müde und abgekämpft er aussieht. Außerdem ist das fröhliche Strahlen aus seinen Augen verblasst. Seine Augen blicken zwar in ihre, aber es scheint, als würde er noch immer weit weg sein. Wo ist dieses Strahlen in seinen Augen? Wo ist die unbeschwerte Art des Mannes, den sie liebte? Er hat es verloren. Der Krieg hat es ihm genommen, so wie er vielen anderen Menschen das Leben geraubt hatte. Doch sie will ihm alles wieder zurückgeben. Sie will ihren Mann wieder so wie vorher, ohne vor Sorge gefurchter Stirn und Abwesenheit in seinen Augen. Sie werden es schaffen. Gemeinsam. Es wird Worte, Zeit und einfache gemeinsame Momente brauchen, doch sie ist bereit auf ihn zu warten, denn sie weiß, dass er zurückkommen wird. Sie wissen, dass sie beide bereit sind, mit vereinigter Kraft  die Steine aus dem Weg zu räumen und gemeinsam über die Hürden zu springen. Sie haben einander und das ist im Moment das Einzige, was zählt.

 

Zwanzig Jahre später

 

Das Kleid, das sie an diesem Tag trägt, geht ihr bis zum Knie und ist am Hals mit einem zarten Häkelsaum verziert. Stolz hält sie ihr zwölftes Kind im Arm, welches in dem großen Taufkleid wie ein kleines, zerbrechliches Wesen wirkt, und lächelt in die Kamera. Neben ihr steht ihr vor Glück strahlender Mann, der in jedem Arm ein Kleinkind hält. Auch er ist stolz. Stolz auf seine hübschen, klugen Töchter und Söhne, die im Halbkreis um sie versammelt sind und sich vor der Kamera mit ihrem breitesten Lächeln zeigen, stolz auf seine Frau und vor allem auf seine Familie. Sie würden immer zusammenhalten, egal was auch passieren wird. Der Blitz der Kamera blendet sie kurz und sie muss ein paarmal blinzeln, damit die bunten Farbpunkte vor ihren Augen wieder verschwinden. Morgen würden sie in der Zeitung zu sehen sein. Das Bild einer glücklichen Großfamilie mit zwölf Kindern, welche mit dem starken Band der Liebe verbunden waren.

Sie hält sich an diesen Erinnerungen fest, wie eine ertrinkende an einem Rettungsring, als sie gemeinsam mit ihren Kindern den Friedhof verlässt. Er wird über sie und ihre Kinder, Enkel und Urenkel  wachen, wie ein Schutzengel. Dann würde sie irgendwann zu ihm kommen und sie würden gemeinsam über alle wachen, die ihnen lieb sind. Sie würden sich umarmen und gemeinsam Freudentränen vergießen, so wie damals als er zurückkam. Sie schließt kurz ihre Augen und merkt, wie ein winziger Teil ihrer Trauer durch einen  Hoffnungsfunken ersetzt wird. Er ist nicht tot. Er würde so lange in ihr weiterleben, bis sie zu ihm kommen konnte. Für immer und ewig.

 

Sigrun Stuller – Der Wahre Traum von Anna.

Sigrun Stuller

Der wahre Traum von Anna

Eines Herbsttages sah sie aus dem Fenster hinaus,

es sah wie ein wunderbarer Tag für ein Fotoshooting aus.

In den 70er Jahren waren High-Waist-Hosen in,

deshalb sah Anna auch eine modische Abstimmung mit ihrem lilafarbenen Pullover darin.

So machte sie sich in knalliger Kleidung mit ihrem Freund auf den Weg in die Stadt.

Schon aus der Tür hervorgetreten schien beiden die Sonne ins Gesicht

und der passende Ort lag

an einer Wiese, die voll war mit orangenen Blättern, die fielen durch ihr eigenes Gewicht.

Sonst verbrachte sie ihre Zeit unter der Woche in der Bank,

doch heute war ein Tag für ihre wahre Passion – Gott sei Dank.

Fokussiert und mit abwechselnden Posen sieht sie in Richtung Kamera,

die ihr späterer Ehemann mit Bewunderung in Händen hielt und feststellte – sie ist sonderbar!

Lila ist die Farbe der mentalen Stärke,

dies zeichnete auch ihre Persönlichkeit aus und ich merkte,

beim Durchblättern des Fotoalbums sofort

die Verbundenheit zu ihr und zufälligerweise stehe ich gerade an demselben Ort.

Florian Rindler – Weihnachten – Das Fest der Familie.

Florian Rindler

Weihnachten – Das Fest der Familie

 

Der Wecker reißt die Familie aus dem Schlaf. Etwas benommen und noch von Müdigkeit geplagt, ringt der Vater im Bett, um noch ein paar kostbare Minuten Schlaf zu ergattern. Doch es hilft nichts. Der Tag ist lang und es gibt viel zu tun. Ganz anders der Junge. Nahezu panisch und von Kraft erfüllt springt er aus dem Bett. Ein weiterer Dezembermorgen. Ja doch nicht nur dies. Es war der Morgen des 24.12.1968. Es war Weihnachten. Voller Begierde und Vorfreude erwartete er den Tag schon seit Wochen. So schnell ihn seine Beine tragen können, springt der Junge in die Küche. Die Mutter, welche schon geraume Zeit wach war, bereitete mit Sorgfalt das Frühstück vor. Neben ihr die kleine Schwester, welche durch ihre Unwissenheit nicht in der Lage war, die Bedeutung dieses Tages zu begreifen. Wie konnte sie auch. Sie hatte noch nicht viele Weihnachten erlebt und selbst wenn, könnte sie sich an diese sicher nicht erinnern. Nun schlürft auch der Vater, noch vom Schlaf besessen, in die Küche, um sich seinen morgendlichen Kaffee zu holen. Es war anders als ein normaler Morgen. Es lag eine Aufregung in der Luft, welche sich wie ein leichter Wind im ganzen Raum verbreitete. Weihnachten ist ein Fest der Freude und Besinnlichkeit. Bis die Freude und Besinnlichkeit sich Ausdruck verleihen dürfen, muss jedoch noch einiges getan werden. Sofort nach dem Frühstück setzte sich der Vater in sein Auto und machte sich auf den Weg, noch einen Satz Kerzen für den Baum zu kaufen. Genervt von dieser unnützen Tätigkeit ergriff der Vater das Ziel, diese Aufgabe so schnell wie möglich zu erfüllen und sich dann wieder mit Genuss seinen Zeitschriften zu widmen. Währenddessen war der Junge bereits im Hof. Unter der Voraussetzung, rechtzeitig zu Hause zu sein, hatte ihm die Mutter erlaubt, noch etwas zu spielen, bevor sie mit den letzten Vorkehrungen für das heilige Fest beginnen. Die Mutter selbst begann in diesem Moment die ersten Dinge für die Beilagen klein zu schneiden. Schon poltert der Vater die Treppe hinauf, die Kerzen in der Hand. Nun waren bald alle Vorkehrungen getroffen und der Vater widmete sich wohl verdienter Weise seinen Zeitschriften. Nun packte die Aufregung auch das Mädchen. Es scheint, ich liege die Aufregung nun mehr als explosiv in der Luft. Der Tag neigt sich mehr und mehr dem Dunkel der Nacht. Die Mutter, welche soeben den Braten vollendet hatte, schob diesen ins Rohr und begann den Tisch zu decken. Der Junge sollte ihr helfen, jedoch war er so aufgezogen und schon passierte diesem ein Missgeschick und er ließ einen der Teller fallen. Erzürnt schimpfte der Vater mit ihm. Dies brachte die Schwester zum Weinen. Auf einmal war der Raum mit etwas ganz anderem erfüllt. Es war schwer zu begreifen, doch es war als ob alle Freude sich für einen Moment in Eis verwandelte. Die Mutter beruhigte die Tochter und die Familie stellte sich für ein kurzes Bild zusammen. Für wahr nicht der perfekte Moment, um ein Bild zu machen. Nachdem das Foto geschossen wurde und noch einige Lieder angestimmt wurden, fand sich die Familie am Esstisch ein. Viel Neues gibt es zu erzählen, viele Gedanken auszutauschen und viele Ratschläge zu erteilen. Das Mahl war ausgezeichnet. Doch dies stand längst außer Frage. Die Familie hatte schon längst den betörenden Geruch wahrgenommen, welcher vom Braten ausging. Nach dem Essen war es endlich so weit. Bescherung. Mit großen Kulleraugen öffneten die Kinder ihre Geschenke. Von einer riesigen Freude übermannt strahlen die Kinder heller als jeder Stern. Nichts könnte schöner sein als dieser Moment und die Wärme der Liebe, der Freude und des Beisammenseins. Was für einen Moment als verschwunden galt, fand sich nun wieder in jedem von ihnen.

Vanessa Satler – Ein ruhiger Abend.

Vanessa Satler

Ein ruhiger Abend

 

Es ist Nachmittag, der Schnee glitzert weiß. Die Schneedecke ist bestimmt eineinhalb Meter hoch, auch die Berge im Hintergrund zeigen ihre beeindruckenden Schneehauben. Alles ist ruhig, der Wald hinterm Haus schweigt still. Die Tiere in den Ställen wurden gerade mit frischem Heu und Wasser versorgt, hier hört man nur das Kauen der malmenden Mäuler. Der Atem wird sichtbar aus ihren Nasenlöchern gestoßen. Es ist klirrend kalt, doch die Kühe, Schweine, Hühner und auch die Pferde sind daran gewöhnt. Am Berg gibt es nämlich nur wenige warme Monate. Doch ein lautes Krachen lässt die Köpfe so mancher Tiere hochschellen. Es ist ein Mann, Mitte 50. Er trägt gerade das frisch gehackte Holz in das Haus. Seine Strickjacke, seine Mütze und auch seine dicken Stiefel helfen ihm, sich selbst warm zu halten. Dieser Mann ist mein Urgroßvater. Ich kenne seinen Namen nicht. Ich habe nur ein Bild, welches ich hier veranschaulichen will. Er kommt wieder raus aus dem großen, gelben Haus. Jenes hatte er selbst Jahre zuvor mit seinem Vater erbaut. Der Mann hat eine Schaufel in der Hand und sogleich hörte man das Knacken, welches die brechende Schneedecke verursacht hatte, als er die Schaufel hineinstieß, um den Hauseingang freizuschaufeln. Denn bald stand Weihnachten vor der Tür und der Eingang sollte schön und gepflegt aussehen. Aus dem Kamin steigt Rauch. Seine Frau, meine Urgroßmutter, musste wohl gerade das Abendessen kochen. Als der Mann fertig war, ging er sofort zum Haus. Die Kälte machte ihm schwer zu schaffen. Die Schaufel ließ er an der Hauswand stehen. Er wird sie morgen sowieso wieder brauchen. Sobald er das Haus betrat und die Türe hinter sich schloss, kam ein kleiner Junge mit vielleicht vier Jahren auf ihn zu gerannt. Sein Name ist Lorenz, noch weiß er nicht, dass er einmal mein Großvater werden wird. Jetzt freute er sich nur, seinen Vater zu sehen.

Endlich ist Papa wieder da. Ich wollte nicht raus zu ihm, weil es schon sehr, sehr kalt ist. Papa kam zuerst herein, hob seinen Kopf, um den Geruch des guten Abendessens besser riechen zu können. Es brodelte schon laut auf dem Herd. Plötzlich lachte Papa laut auf, als ich mich umdrehte sah ich Mama in ihrem Kittel und dem Kopftuch den Kochlöffel schwingend und Papa, der seine rauen dicken Finger reibt. Er musste wohl den noch unfertigen Eintopf gekostet haben. Mama ist da sehr empfindlich und streng, nicht einmal ich durfte kosten. Mama strahlte über das ganze Gesicht als Papa ihr ein Bussi auf die rote Wange drückte. Wie das schmatzte. Papa war sehr müde vom Schneeschaufeln. Ich sprang sofort auf seinen Schoß, aber dann taten mir plötzlich die Finger weh. Ich habe heute am Morgen schon brav Schnee geschaufelt, aber leider habe ich Blasen bekommen. Ich bin nämlich schon groß und muss beim Arbeiten helfen, dafür bekomme immer einen Löffel süßen Honig. Der klebt immer so. Ich kuschel mich an ihn, er wirft mich hoch, ich quieke vergnügt. Er fängt mich wieder auf und beginnt mit mir einen Turm aus meinen Bausteinen zu bauen. Die Bausteine hatte ich zusammen mit ihm gebastelt. Ich durfte sie schleifen.

Plötzlich klingelt es. Ich laufe schnell zur Türe, mir hat niemand gesagt, dass wir Besuch bekommen. Papa drückt mich weg, damit er die Türe aufbekommt. Mein Bruder ist da, er hat seine Frau mitgenommen. Haben sie mir etwas mitgebracht? Leider nicht, dafür bekomme ich etwas Besonderes, wenn ihr Christkind kommt. Jetzt ist Mama auch neugierig und kommt aus der Küche, um den Besuch zu begrüßen. Sie ist so froh, die beiden zu sehen und umarmt sie lachend. Ich will auch so umarmt werden und laufe zu ihr. Sie sieht mich kurz böse an und sagt ich solle nicht so ungeduldig sein. Dann gehen die beiden Frauen in die Küche, um den Tisch zu decken. Ich darf nicht helfen, weil ich vorgestern einen Teller fallen gelassen hatte, deshalb schaue ich nur zu. Heute werden wir im Wohnzimmer essen. Dort steht der große Christbaum. Ich durfte beim Schmücken mithelfen, aber ich darf die glitzernde Girlande nicht anfassen, sonst bekomme ich einen Klaps auf die Finger. Die Girlande war besonders. Draußen ist es schon dunkel und die Girlande leuchtet noch heller. Ich will sie anfassen. Es ist keiner im Wohnzimmer, ganz schnell berühre ich sie. Sie fühlt sich so weich an. Jetzt kommen sie. Ich muss sofort weg. Wie aufregend. Mein Bruder fragt mich, ob ich nicht die Kerzen am Adventkranz anzünden möchte. Ich nicke begeistert. Er gibt mir ein großes Streichholz, es brennt mit orangener Flamme und erfüllt die Luft mit dem typischen Geruch des Feuers, welcher sich mit dem Geruch des Tannenbaums vermischt und er hebt mich hoch. Der Adventkranz hängt nämlich ganz weit oben an der Decke im Wohnzimmer. Jetzt leuchtet es noch schöner im Wohnzimmer. Das Essen verläuft schweigend, das einzige hörbare Geräusch ist mein Schmatzen. Nach dem Essen bringen mein Bruder und mein Vater mich ins Bett. Ich war schon so müde. Ich flüstere noch schnell meiner Mama und der Frau meines Bruders, die gerade abwaschen, ein leises Gute Nacht.

Als dies alles geschehen war, saßen sie wieder am Tisch, sie fingen an über alltägliche Themen zu reden. Niemand bemerkte, dass der jüngere Mann ein Foto machte. Er fing einen Moment ein, ohne zu wissen, dass genau dieser Moment, dieses Bild, die Grundlage für einen Text, viele Jahre später sein wird. Der jüngere Mann stellte die Kamera wieder auf den Tisch und setzte sich zu der Runde. Sie lachten, aber redeten auch über ernste Themen. Der Herbst war kälter und härter als die Jahre zuvor und hatte einen großen Teil der Ernte zerstört und auch der Winter war kalt und sehr schneereich. Er machte ihre Arbeit sehr schwer. Doch bald war wieder Weihnachten. Die Hoffnung, die dieses Fest mit sich bringt, lässt die Sorgen und die Verbitterung dieses Umstandes weichen. Die Sicht auf den einfachen, mit Lichtern und Girlanden geschmückten Weihnachtsbaum, erleuchtete die Gesichter der dort am Tisch Sitzenden. Sie wollten alle gemeinsam zur Christmette gehen und dem kleinen Jungen ein schönes, besinnliches Weihnachtsfest bescheren. Die Frau des jüngeren Mannes holte noch schnell ihren ersten selbstgebrannten Schnaps. Als sie aufstand, um ihn zu holen, hörte man den alten Holzboden knarzen.

Darlin Raschun – Der kleine Junge und sein großer Tag.

Darlin Raschun

Der kleine Junge und sein großer Tag

 

Es wurde mein 60ter Geburtstag gefeiert. Ich hatte bereits eine Tochter, die selbst schon zweifache Mutter war. Mit meinen wunderschönen Enkelkindern. Die ältere sechs Jahre alt und die jüngere zwei fast drei. Beide ähneln ihrer Mutter sehr.

Sie gingen alle drei vor mir her, als wir das alte Holzhaus betreten, das schon seit mehreren Jahrzehnten mir und meiner Frau gehörte. Früher hatten auch noch meine Eltern hier gewohnt, aber als mein Vater starb und meine Mutter zu pflegebedürftig wurde, schickten wir sie in ein Heim. Wir besuchen sie jedoch noch immer fast täglich.

Bis jetzt war es ein wunderschöner Tag. Die Sonne hoch am Himmel, der Garten blüht wie schon lange nicht mehr und ich war glücklich.  Im Haus, in der Küche angekommen, wartete mein Geburtstagskuchen, den meine bezaubernde Frau mir gebacken hatte. Sie wusste, dass ich Apfelkuchen über alles liebte und es mich an meine schöne Kindheit auf den Bergen auf einem Bauernhof erinnerte. Das ganze Haus roch nach Zimt, Apfel und Teig, da Gabriela ihn heute frisch gebacken hatte.

Ich war so in meine Gedanken vertieft, dass ich nicht gemerkt hatte, wie meine Frau mir den Kuchen mit einer schon angezündeten Kerze vor die Nase hielt. Ich blies dann zwar die Kerze aus, konnte mir jedoch nichts wünschen, da ich wunschlos glücklich war.

Ich durfte den Kuchen anschneiden und bekam, wie es üblich war, das erste Stück. Ich nahm den ersten Bissen, schmeckte den Zimt und den Apfel, wie sie auf meiner Zunge zergehen und schloss genüsslich die Augen.

Vor meinem inneren Auge kamen Erinnerungen hoch.

WILLHELM ALS KLEINER JUNGE

Wir schieben uns aus der Kirche, raus ins Getümmel. Alle meine Freunde stehen bei ihren Eltern. So wie ich. Neben mir: Großmutter, Mutter, Vater und meine Geschwister Ferdi und Richard. Alle stehen wir nebeneinander. Dicht an dicht, um uns nicht zu verlieren in dieser riesigen Menschenmasse. Den meisten erwachsenen Menschen reiche ich nur bis zum Ellenbogen.

Langsam löst es sich auf und auch wir begeben uns auf den Weg nach Hause. Dort wartet schon das größte Festmahl, das ich seit langem gesehen habe. Wir alle sitzen zusammen und lachen über alle möglichen Dinge. Auch Großmutter ist dabei. Ach, wie selten es doch geworden ist, dass wir einander sehen. Ich genieße das Essen wie selten etwas. Auch wenn wir nicht zu der ärmsten Schicht der Bevölkerung gehören, ist so ein Essen am Land sehr selten. Normalerweise kommt immer das Gleiche auf den Tisch, außer an Festtagen wie diesen.

Kaum habe ich zu Ende gegessen, will Ferdinanda, wie sie eigentlich heißt, schon mit mir spielen gehen. Draußen auf die Wiese oder zu den Tieren in den Stall. Aber Vater erlaubt es nicht. Warum erlaubt er das nicht? Aber wenn Vater gesprochen hat, dann ist es besiegelt. Wenn wir uns widersetzen, gibt es Schläge. Aber das war ja normal damals. Trotzdem frage ich mich, ob er denn nie so alt war wie ich. War er immer schon der alte, strenge Mann, der er jetzt ist? Keine Ahnung…

Was ist jetzt? Er steht auf. Will er mich jetzt schlagen? Nein. Kann nicht sein. Oder habe ich doch zu trotzig geschaut?

Nein, anscheinend doch nicht. Wo geht er dann hin? Was soll in dem Schrank neben dem Sofa sein, das er gerade aufmacht? Ach ja, die Kamera.

Auf geht’s. Zwar mag ich es nicht so… Bilder machen. Aber Vater und Mutter bestehen immer darauf.

Ferdi, oder auch Ferdinanda, holt auf Anweisung der Mutter einen Stuhl für Großmutter. Sie ist ja schon alt und hat auch schon Probleme beim Gehen. Wir stellen uns auf. Vater sagt irgendwas von „Ameisenscheiße“ und alle fangen an zu lachen, außer ich und Großmutter. Aber die lacht und lächelt ja nur selten. Ich runzle meine Stirn und natürlich drückt Vater genau da ab. Na toll. Jetzt schau ich aus wie Großvater, der hat auch immer so streng geschaut.

Aber Vater macht es anscheinend nichts aus. Er bittet mich zum Einzelfoto. Ich stelle mich neben einen Baum. Hinter mir sieht man bestimmt die Felder. Unsere Felder. Vater liebt seine Felder. Ferdi und ich auch. Wenn wir nicht gerade am Hof helfen müssen, spielen wir da. Fangen spielt Ferdi am liebsten. Ich nicht so, aber wenigstens will sie noch mit mir spielen. Richard nicht. Richard darf nicht mehr mit uns spielen und muss viel mehr am Hof helfen als wir.

Gerade als Vater abdrücken will, sehe ich Ferdi hinter seinem Rücken. Ferdi, die die schlimmsten Grimassen zieht. Ich muss so sehr lachen und genau da drückt Vater wieder ab. Dieses Mal lächle ich wenigstens auf dem Foto.

Wir gehen wieder ins Haus, während Ferdi Großmutter hilft und Richard wieder den Stuhl ins Haus trägt. In der Küche erwartet uns ein duftender Kuchen, den Mutter, kurz bevor wir in die Kirche gegangen sind, gebacken hatte. Apfelkuchen.

 

ZURÜCK IN DER GEGENWART

Ich war so in meine Erinnerungen vertieft gewesen, dass ich alles andere ausgeblendet hatte und alles andere vergessen hatte. Denn damals war alles noch schön. Nur die Sorgen eines kleinen Kindes, das noch nichts vom Leben gelernt hatte. Dem wahren Leben. Die kindliche Unschuld damals in unseren Augen… ich kann mich daran erinnern, als wäre es erst gestern gewesen. Aber an meinem Geburtstag will ich nicht in Traurigkeit verfallen und an längst vergangene Zeiten denken. Das alles war vorbei.

Und so wendete ich mich zu meiner Familie, in der ich hoffentlich noch viele Jahre verbringen darf.

Sabrina Oberdorfer – Ein gewöhnlicher Sonntag.

Sabrina Oberdorfer

Ein gewöhnlicher Sonntag

 

Seit Tagen ist dem Kind regelmäßig langweilig und die Eltern wissen nicht mehr, wie sie es beschäftigen sollen. So auch an diesem Sonntag. Eine Zeit lang spielt es ruhig und allein mit seinen Autos, doch plötzlich möchte es nicht mehr. Das Mädchen läuft zur Großmutter und will sie zum Spielen überreden. Diese ist jedoch gerade damit beschäftigt, Socken zu stricken. Deshalb kommt ihr Onkel zu ihr, hebt sie auf und trägt sie in den Garten. Dort angekommen hilft er ihr auf die Schaukel zu kommen und beginnt sie leicht anzutauchen. Der Großvater, welcher bis vor kurzem noch im Schuppen war, kommt hinzu. Nach kurzem Überlegen geht er ins Haus hinein, um den Fotoapparat zu holen. Als er den Garten wieder betritt, sieht er, wie sich seine Gattin locker mit ihrem Sohn unterhält. Er bittet sie, sich doch etwas näher zusammenzustellen, da er ein Foto schießen möchte. Der Onkel stoppt also die Schaukel ab, damit das Foto nicht verschwommen wird. Nachdem das erledigt ist, hat das Kind keine Lust mehr zu schaukeln und beginnt wie wild mit den Beinen zu zappeln. Kaum hat der Onkel das Kind vorsichtig auf dem Boden abgesetzt, läuft es auch schon auf das Haus zu. Der Onkel und die Großmutter setzen unterdessen ihre Unterhaltung fort.

Kurze Zeit später hören sie ein lautes Poltern im oberen Stockwerk. Der besorgte Onkel eilt sofort hinauf, um nach seiner Nichte zu sehen. Doch diese sitzt gut gelaunt inmitten von hundert Holzklötzen. Der Krach erklärte sich mit dem Ausleeren der Klötze. Doch nun, wer hätte es sich nicht gedacht, wird dem Mädchen gleich wieder langweilig. Also hebt der Onkel die Kleine auf und setzt sie erneut auf die Schaukel.

Und der gewöhnliche Sonntag nimmt seinen Lauf…