Mladen Savić: Immer wieder Gartengesänge

Wieder und immer wieder, genauer gesagt, jedes Mal, wenn ich das Haus verlasse oder eben in meine Residenz am Viktringer Ring zurückkehre nach schönen Ausflügen und ausgiebigem Feiern, bin ich überrascht und überwältigt von dem Farbenreichtum und der Üppigkeit des wilden Gartens, der nicht nur für mich einen Zufluchtsort im Stadtzentrum darstellt, eine wahre Oase für Ruhe und Rückzug, sondern auch ein wertvolles Habitat für eine ganze Reihe von Vögeln, Säugern, Amphibien und Insekten.

Über Monate hinweg, in denen ich hier hause, ist es mir möglich gewesen, diesen gleichsam antiautoritären Garten, natürlich wachsend und selbständig sich anordnend, wie er, abgesehen von kleineren Eingriffen, ist, nach und nach zu beobachten. Radial sind manche Stauden größer geworden, doch das horstig wachsende Dickicht bleibt überschaubar. Die Laubbäume mit ihren saftigen Kronen wiegen sich im Wind und säuseln eine Melodie, fast so alt wie das Wellenrauschen am Wasser seit Urzeiten. Vor mir erstreckt sich, versteckt hinter Villa, Radweg und Straße, eigentlich eine Nische für Flora, Fauna und Biodiversität.

Wo im Frühling noch dicht verstreut am Boden lauter Blütenblätter gelegen sind, als Notblüten wahrscheinlich, weil das Wetter spinnt, dort unter dem Magnolienbaum, wo ich gerne sitze und raste und entspannt in die Welt hinausschaue, grünt nun alles. Früher sind da flauschige Samen zu finden gewesen, von Kuhschellen, glaube ich, und Mutterkraut, das irgendwie an Gänseblümchen erinnert und den Schnecken angeblich verhasst ist, und Löwenzahn, der eine Leber schützende und Krebszellen hemmende Wirkung hat und bekanntlich für den Salat verwendet werden kann.

Man stelle sich bloß einmal vor: Ein Bienenvolk muss ungefähr 50.000 bis 100.000 Löwenzahnbesuche durchführen, um ein einziges Kilogramm Honig daraus zu gewinnen. Schon die Größenordnungen übersteigen meine Vorstellungskraft, von den weltweit jährlich produzierten 1,8 Tonnen süßer Köstlichkeit ganz zu schweigen … Und je diverser die pflanzlichen Arten vor Ort, von dem sich Bienen dann den Nektar holen, desto besser und schmackhafter der Honig! All das wäre ohne derlei Nischen, die ja Lebensräume für die Tiere sind, viel schwerer.

Andere krautige Blütenpflanzen scheinen einander im Garten der For-Forest-Villa an Präsenz und Farbenpracht überbieten zu wollen, und auch der angepflanzte Meerrettich, wie ich sehe, hat an Größe deutlich zugenommen. Überhaupt stellt dieser Ort eine Ausnahmeerscheinung dar mit all seinen pflanzlichen Gartenvagabunden, die ich seit meiner Ankunft im Frühling erspäht habe: dunkle Akeleien und helle Christrosen in engen Spalten, Krokusse in der Wiese, Dahlien mitten im Gebüsch, Lilien am Teich und duftender Lavendel, der in mir, solange er nicht im Kleiderschrank liegen muss, um die Motten zu vertreiben, aromatisch so etwas wie mediterrane Lebensgeister weckt.

Ich mag es sehr. Manchmal bedauere ich, kein Gärtner geworden zu sein, der sich mit Pflanzen praktisch auskennt – ein bisschen zumindest. Als Stadtkind hat so ein Wissen, eines über Hortikultur nämlich, auf mich meist wie ein Vorzug gewirkt gegenüber dem Kennen aller Automarken oder Fernsehserien, wie es für die Bewohner der Betonwüste üblich ist. Ansonsten neige ich nicht zur Romantisierung der sogenannten Bodenständigkeit und Naturnähe. Ein wilder Garten indes ist ein großes Glück!

Darüber hinaus, wie ich bei Gelegenheit anmerken möchte, fördert die wissenschaftliche Forschung von heute zutage, dass das berüchtigte Spielen im Dreck, was Kinder gemeinhin lieben, und das gärtnerische Wühlen in der Erde mit nackten Händen tatsächlich gesund seien, und zwar insofern, als sich im Boden ein gewisses Mycobacterium vaccae befindet, welches den besonderen Effekt aufweist, physische Schmerzen zu lindern und das emotionale Wohlbefinden zu unterstützen. In Testversuchen soll das interessante Bakterium aus dem Erdreich ähnliche Erfolge verzeichnet haben wie künstlich hergestellte Antidepressiva, in erster Linie wegen seiner Förderung der Balance im Immunsystem sowie der Serotoninproduktion im Gehirn. Unglaublich!

Tatsache und ebenso einleuchtend ist, dass heimische Pflanzen, die sich eigenständig ihren Standort suchen, entsprechend perfekt daran angepasst sind. Wörtlich haben sie weise gewählt, denn das Sinnvolle setzt sich durch. Stets setzt die lebendig-dynamische Pflanzenverwendung einen bestimmten Kreislauf voraus: passender Standort und Nachbarn – Blüten – Insekten – Bestäubung. Selbiger ist Voraussetzung für einen gelungenen Garten. Vom Sommer bis zum Herbst findet man an den verblühten Blüten und ausgetrockneten Beeren verschiedene Vögel wie Amseln und Finken, beispielsweise an Distelarten. Ab Herbst essen Käfer, Mäuse und Bilche die vorhandenen Samen oder sammeln sie als Futtervorrat für den Winter.

Es ist rechtens, auch hierorts von einem standortgerechten Wuchs zu reden, wenn Pflanzen sich ihr Plätzchen selbst aussuchen, auf natürliche Art und Weise, ohne allzu viel äußeren Zwang. Dieser Zugang offenbart zugleich ein mikrosoziales Bekenntnis zum ökologischen Gleichgewicht im gegenwärtigen Gezerre zwischen Natur und Kultur. Die menschlichen Störungen dieses Gleichgewichts durch die Einführung invasiver Arten haben anschaulich gezeigt, was für gefährliche Folgewirkungen dabei auftreten können: bei Tieren die geschichtlich berühmte australische Hasenplage aufgrund fehlender, natürlicher Feinde und bei Pflanzen in Europa nunmehr die ungebremste Ausbreitung der amerikanischen Lupine oder des japanischen Staudenknöterichs auf Kosten anderer Vegetation.

Die Gartenkunst als solche gibt es schon lange. Die mehr als 4000 Jahre alten Felsengräber im ägyptischen Benni Hassan belegen mit ihren Abbildungen ein kultisches Anlegen von Gärten, da im antiken Ägypten die Bäume allgemein als heilig gegolten und, neben dem zur Schau gestellten Wohlstand, auch das religiöse Versprechen der Wiedergeburt symbolisiert haben. Auch daheim am alten Kontinent haben sich nach der Verwüstung Roms über Jahrhunderte allmählich die Mönche zwecks landwirtschaftlicher Unabhängigkeit Nutzgärten und später Aristokraten Lustgärten zu kontemplativ-ästhetischen Zwecken angelegt, angefangen mit Charlemagne alias Karl dem Großen, einem persönlichen Freund des Kalifen Harun ar-Raschid, der ihm großzügige Geschenke gemacht hat – so allerlei, von einem weißen Elefanten bis hin zu feinsten Früchten und Zierpflanzensamen.

Der Garten hat einstmals den greifbaren Gegensatz zur ungezähmten Naturlandschaft verkörpert, wobei das Geometrische daran, von Versailles bis Schönbrunn, als ein Ausdruck des Kultivierten und Veredelten, des bewusst Künstlichen gelten soll. Die konzeptuelle Beschränkung allein auf Struktur, Gestalt und Geometrie reicht nicht aus, um den Begriff des künstlichen Objekts abseits seiner Funktion sinnvoll herauszuschälen. Doch fest steht, wie Jacques Monod einmal gesagt hat, dass „der Ordnungsgrad selbst des einfachsten Organismus unvergleichlich viel höher ist als der eines Kristalls“, welcher „makroskopischer Ausdruck einer mikroskopischen Struktur“ ist – auch wenn ein Außerirdischer zu Besuch auf unserem Planeten die regelmäßige, kristalline Form anfänglich wohl kaum für eine natürlichen Ursprungs halten würde. Auf ähnliche Weise ist der Ordnungsgrad eines Waldes um ein Vielfaches höher und komplexer als der eines von Menschenhand angelegten, begehbaren, botanischen Gartens.

Heutzutage, da überhaupt wenig Wildnis in der Landschaft und wenig Natürlichkeit im menschlichen Lebensraum anzutreffen ist, sondern hauptsächlich artifizielles Umfeld, steigt wieder der Wunsch nach dem Unberührten, das teils sich selbst überlassen wäre, nach dem Ausgleich von Natur und Kultur. Dieser Wunsch kündigt sich an als kollektiv unbewusste Gegenwehr zur übermäßig geometrischen Architektur und zur Strenge und begleitenden Lebensfeindlichkeit gängiger urbaner Planung.

Ohnehin strotzt der Alltag vor statischen, monotonen und berechenbaren Formen, in nahezu jeder Hinsicht. Doch das Bedürfnis im Menschen, sich Lebensbereiche zu schaffen und frei zu räumen, in denen dennoch eine natürliche Dynamik und eine naturverbundene Ästhetik herrschen, ist als Anlage vorhanden und bleibt uns, solange wir wahrlich Menschen sind, auch erhalten. Darum möchte ich die impliziten Wertigkeiten des Antiautoritären, obwohl es nur den Garten betreffen mag, in diesem Zusammenhang nicht unterschlagen: Toleranz und Affinität für das Ungeplante als eine Art Ablehnung von kompletter Komposition und durch und durch reglementierter Totalität.

 

Alle TEXTE von Mladen Savić

 

FOR FOREST – Serie in Kooperation mit dem Musil-Institut, Teil 9

 

Mladen Savić: Nur ein Nachtrag

Das Ende ist nie das Ende. Ereignisse haben die sture Angewohnheit, nicht zum Erliegen zu kommen. Auf etwas folgt immer wieder etwas. Dies lässt sich sagen ohne nähere Bestimmung oder schlechtes Gewissen. Bewegung und nicht Starre definiert die Welt, wie das geschichtliche Denken anhand seiner Belege beweist – wenngleich es im Leben vorschnell scheinen mag, als würden die Dinge sich kaum ändern. In meinem Fall hat es sich begeben, dass ich während des Sommers doch noch in Kärnten verbleibe, allem voran aus Freude über gewonnene Freunde, über die Menschen hier und die natürlichen Reize, über Stadt, See, Wald und die Berge rundum. Es gefällt mir in der Gegend, und dies ist sozusagen mein trunkenes Glück, als ein schriftstellerischer und persönlicher Segen.

Die Sinngebung meines verlängerten Aufenthalts ergibt sich dabei aus der urteilenden Betrachtung der Ereignisse und nicht aus dem Sammeln von Fakten und Beschreibungen. Auch in der Auseinandersetzung mit allgemeinen Entwicklungen überwiegt weiterhin die Vorstellung, Geschichte im weitesten Sinn, bis hin zur Biografie, befinde sich entweder in einem fortschrittlichen Prozess auf aufsteigender Linie wechselnder Zyklen des Erfolgs oder in einem rückschrittlichen Prozess auf absteigender Linie vom „goldenen“ Zeitalter zum Untergang. Das Ganze ist viel komplizierter, versteht sich. Die gefühlten Sicherheiten und gedanklichen Gewissheiten in der Menschheit, deren Teil ich bin, sind längst aufgebrochen und angeknackst, aber an deren Stelle ist nichts getreten als die postmoderne Lobhudelei gegenüber der Ambivalenz. Kurz, gesellschaftlich ist die Verwirrung groß. Das Leben hingegen, durch und durch konkret und von ambivalenten Haltungen unbeeindruckt, drückt seinen Wesen die wesenhafte Gegenständlichkeit auf, wie jeder greifbare Gegenstand einen Schatten wirft. Heute ist noch die Luft zu atmen, der Körper bewohnbar, das Wasser trinkbar, der Boden bebaubar, das Getier benutzbar und die Nahrung essbar – und morgen?! Wir befinden uns ökologisch und darum auch geschichtlich kopflos auf steinigen Wegen.

Ich versuche mich nun in keinem Rückgriff auf zyklische Geschichtstheorien, in denen göttliche Vorsehung wie in der Antike, ein Walten von Fortuna und Kontingenz wie in der Renaissance und die Allmacht von Relativität wie in der Postmoderne den Fluss des Lebens zum Glücksrad führt, welches alles Erreichte entweder zunichtemacht oder in ein Treppenhaus des stufenweisen Fortschritts verwandelt. Abfolgen und Entwicklungen sind schier eine Tatsache, und die Erinnerung an ihre Phasen, Höhen und Tiefen erfüllt allem voran die Aufgabe, den Höchststand der materiellen und geistigen Möglichkeiten erkennen zu lassen sowie im prüfenden Rückschluss die Bedingungen festzumachen, die diese Möglichkeiten entweder befördern oder behindern. Dass, was meines Erachtens wahr ist, der weltgeschichtliche Höhepunkt im Sinne einer Spitzenstellung der Gegenwart fortwährend vom erneuten Absturz in die Barbarei, Entmenschlichung oder gar Vernichtung bedroht ist, kann meinetwegen in Abrede gestellt, aber nicht auf ein Neues in einen zyklischen Weltbrand samt Wiedergeburt gepackt werden, welcher dem Bild des Blühens und Welkens der Natur und Kulturkreise entspräche. Diese Idee hat ausgedient und sich bestenfalls im gegenwärtig lebensweltlichen Zynismus wiedergefunden, wonach die Menschheit auf der Erde einem vorübergehenden, zerstörerischen Virus gleiche, an dem sie leide.

Die Überzeugung eines zeitlosen Schicksals oder einer überzeitlichen Gemeinsamkeit gewisser Entwicklungsepochen hat lange der geschichtlichen Selbsterkenntnis konzeptuell den Blick versperrt und täte es immer noch, wenn man sich narrativ darauf einließe. Das will ich nicht; dafür ist mir die Welt zu wichtig. Ein objektives Urteil und eine perspektivische Wertung vergangener Epochen im Umgang mit Mensch und Natur läge erst dann in Reichweite, nachdem das Übergewicht traditionalistischer Denkformen und systemisch etablierter Lebensgewohnheiten abgenommen hätte – was ja nicht der Fall ist. Wie gesagt, will ich auch morgen noch mit Frischluft in der Blumenwiese und ohne Hautkrebsbedenken in der Sonne liegen können. Dass ich mir überhaupt derlei Gedanken machen muss, provoziert mich in Wirklichkeit, aber soll ausführlicher ein andermal erzählt werden. Auch ist es mir kein Anliegen, eine Lanze zu brechen für die lineare Fortschrittstheorie, welche überholt ist und bereits von Bernard Fontanelle im 17. Jahrhundert aufgedröselt worden ist durch die Feststellung eines stetigen Wachsens von Erfahrungen und Erkenntnissen, ungeachtet aller Rückschläge und Irrwege. Fontanelle führt als Voraussetzung für ein kontinuierliches Anhäufen von Erfahrungswissen und nützlichen Techniken das Argument der gleichbleibenden physischen Konstitution des Menschen an und als Bedrohung und Grund für das Scheitern von Fortschritt, abgesehen von barbarischer Gewalt, den mächtigen Einfluss von Tradition, Unvernunft und die Neigung geschichtlich starr eingefasster Subjekte, trotz besseren Wissens in den Bahnen des Angestammten und Gewohnten zu verharren.

Sein Zeitgenosse Jacques Bossuet, ansonsten Bischof, hat diesbezüglich in seinem „Discours sur l’histoire universelle“ einst zu Recht klargestellt, dass kein besseres Mittel existiert aufzudecken, „was die Leidenschaften und Interessen, die Zeiten und Umstände, die guten und schlechten Ratschläge vermögen“, als das Studium der Vergangenheit selbst: „Die Geschichte besteht nur aus den Taten derer, die sie beherrschen, und alles scheint für deren Gebrauch gemacht. Wenn die Erfahrung für sie vonnöten ist, um jene Klugheit zu erwerben, die gut regieren lässt, so ist nichts nutzbringender für ihre Unterweisung, als mit den Erfahrungen der vergangenen Jahrhunderte die Erfahrungen zu verbinden, die sie Tag für Tag machen.“ Mit anderen Worten, die Aussage enthält, von ihrer Unbeholfenheit hinsichtlich der Herrschaftsverhältnisse einmal abgesehen, Keim und Kern eines notwendigen Geschichtsbewusstseins, das uns heute noch helfen kann, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Der sterbende Planet Erde wird eines brauchen, das wir ihm im Idealfall bereitstellen könnten. Sonst ist der Naturschützer, wie Richard Schuberth mokiert, in der Tat bloß: „Aktivist, den sich das zu schützende Objekt leider nicht aussuchen kann“.

Auf jeden Fall sind, wie sich mehr und mehr abzeichnet, der Zweifel und das Unverständnis gegenüber den zukunftsträchtigen Möglichkeiten moderner, materieller Kultur mitunter dem geschichtslosen Bewusstsein zu schulden, das mit der bestehenden, instrumentellen Lebensweise unmittelbar zusammenhängt – auch darum, weil das Gegebene nicht ansatzweise am Möglichen gemessen wird, sondern sich anderen verkündeten Relevanzen und Imperativen verschreibt, etwa den weltwirtschaftlichen, den unternehmerischen, den besitzorientierten und dergleichen. Es ist an der Zeit, uns ernsthaft zu fragen, was im Gegensatz zur altbekannten, administrativen Flickschusterei uns optimale geschichtliche Perspektiven eröffnen könnte, damit wir die in der unumkehrbaren Vorwärtsbewegung beschlossene, tragende Tendenz des Geschichtsprozesses von heute nicht völlig verfehlen und uns sinnvolles, kollektives Handeln erlauben. Das notwendige Kettenglied des Gesamtverlaufs der Weltgeschichte, an der wir alle wohl oder wehe teilnehmen, sind wir selber – ganz gleich, ob wir sie nun aktiv schreiben oder passiv erleiden. Die Umwelt stellt insoweit nur die Rahmenbedingungen dar, unter denen wir weiterleben können, und die gesellschaftlichen Widersprüche, infolge derer das Ökosystem keucht und in letzter Konsequenz auch wir ächzen, spitzen sich sichtlich zu. Sogar die heutigen Kids, die durchaus brave Konsumenten verkörpern, schaffen es nimmer, ihre Sorgen darüber zu verbergen, wie viel Wirtschaft denn die Natur in Summe verträgt und worauf der Welthandel geschichtlich hinausläuft. Eine Entscheidung naht, die uns alle betrifft, und wir sollten es endlich zur Kenntnis nehmen. Fragt sich freilich: Ist Überleben überhaupt noch die ultimative Ideologie?

Der Philosoph Immanuel Kant hat, passend zu dieser Frage, Rousseaus Problemlösung zu Natur und Kultur, zu Gesellschaft und Individuum, zu Lebenszeit und Geschichtlichkeit folgendermaßen bejahend zusammengefasst: „wie die Kultur fortgehen müsse, um die Anlage der Menschheit als einer sittlichen Gattung zur ihrer Bestimmung gehörig zu entwickeln, sodass diese jener als Naturgang nicht mehr widerstreite.“ Es geht in irgendeiner Form um Einklang und eine Dynamisierung des Weltverständnisses. Andere aufklärerische Denker wie etwa Baron d’Holbach haben das Streben der Menschen nach Selbsterhaltung, nach Befriedigung ihrer Interessen und Bedürfnisse und nach Verbesserung ihrer Lebensbedingungen als Triebkraft des Fortschritts angesehen. Nicht dass man mich missversteht: Ich habe keineswegs die Absicht, wie eine Art philosophischen Nostalgikers piekfein in die Posaune der Aufklärung zu blasen und so den moralischen Zeigefinger zu erheben. Allein, sogar die geschichtlich abgelaufenen Gedanken und zuweilen unausgereiften Konzepte bieten Anhaltspunkte zur Besinnung auf Elementarfragen, die als solche in unserem schnelllebigen Zeitalter nicht mehr oder bestenfalls in verkürzter Form gestellt werden. Oder, wie der große Herder poltert: „Sollte es nicht offenbaren Fortgang und Entwicklung, aber in einem höheren Sinne geben, als man’s gewährt hat?“

 

 

K O M M E N T A R von Gernot Waldner

Der Text beginnt damit, dass der Erzähler offen lässt, ob es sich bei ihm um ein Ereignis handelt oder nicht. Dafür, dass er ein Ereignis ist, spricht der Umstand, das Ereignisse persistieren, ebenso wie der Erzähler in Klagenfurt. Dagegen, dass er ein Ereignis ist, spricht die Aussage, dass es „im Leben vorschnell scheinen mag, als würden die Dinge sich kaum ändern“. Mit dieser Ambivalenz lässt der Erzähler die Landeshauptstadt Kärntens in dankenswerter Ungewissheit.

In Abgrenzung von zyklischen Geschichtsmodellen und Narrativen des Fortschritts oder des Verfalls, positioniert sich der Erzähler historiographisch. Ihm liegt daran, die Bedingungen der Möglichkeit von Entwicklungen festzumachen. Diese Position ist Teil einer großen Tradition in der Geschichtswissenschaft. Der Erzähler geht aber darüber hinaus, indem er auch eine Art Ziel seiner Analysen andeutet, nämlich „den Höchststand der materiellen und geistigen Möglichkeiten erkennen zu lassen“, aus dem „sinnvolles, kollektives Handeln“ folgen könnte. Ich bin gespannt, was For Forest von diesem Vorschlag hält.

Eine Passage, die mir in ihrer Abstraktheit nicht ganz einleuchtete, ist die, in der behauptet wird, das „geschichtslose[ ] Bewusstsein“ hänge mit der bestehenden „instrumentellen Lebensweise“ unmittelbar zusammen. Wegen der Lebensweise werde das Bestehende nämlich nicht am „Möglichen gemessen“, sondern stehe unter „weltwirtschaftlichen, unternehmerischen, besitzorientierten“ „Imperativen“. Dem widerspricht die Diagnose des französischen Kulturpsychologen Alain Ehrenberg: er geht davon aus, dass das Mögliche noch nie so eine große Rolle gespielt hat wie im Neoliberalismus. Jeder Beruf, jede Weiterbildung, jedes Projekt hat den Anschein des Möglichen – für Ehrenberg die Ursache der stetig steigenden Zahl an Depressionen, da die Arbeitenden Subjekte nie bei sich selbst ankommen und dazu verdammt sind, dank des Möglichen, im Zustand des eigenen Ungenügens zu leben. Es könnte immer mehr gehen. Dem könnte der Erzähler entgegnen, dass sich dieses Mögliche eben an unternehmerischen Zielen orientiere. Die pointierte Rückfrage wäre hier: Wie nähert man sich dem Möglichen konkret, wenn man kein Erzähler ist?

 


 

FOR FOREST – Serie in Kooperation mit dem Musil-Institut, Teil 7

Mladen Savić: Regenwetter vor dem Abschied

Der Mai ist vorbei und heuer eher kühl gewesen, zum Ausgleich sozusagen für den warm-trockenen, sehr sommerlichen April. Mir scheint, das Wetter spinnt wieder. Die Radiatoren bei mir zu Hause heizen zum Beispiel. Bis auf ein paar Badewettertage bislang ist auch die erste Junihälfte recht kalt ausgefallen – auf jeden Fall unter der erwarteten Durchschnittstemperatur. Das Klima, denke ich mir immer öfter, ändert sich sichtlich. Wohl muss es allen auffallen, auch wenn sie mit anderen Dingen beschäftigt sein mögen. Die Jahreszeiten weichen auf und bilden keine festen Einheiten mehr. Die Temperaturschwankungen von Woche zu Woche, von einem Tag auf den nächsten sind vergleichsweise größer geworden – als neue Natürlichkeit im Ausschlagen der Kurve. Das Extrem nistet sich ökologisch in die Normalität ein und verkürzt so die Zeit zur natürlichen Anpassung.

Es regnet wieder, doch diesmal ausgiebig. Bis zur Berieselung prasseln die Tropfen abwechselnd auf den blechernen Fenstersims. Und obwohl ich Regen nicht sonderlich mag oder zu genießen weiß, muss ich zugeben, dass mich seine Klänge und sein Geruch auf eigentümliche Weise beruhigen. Der Natur tut es gewiss gut. Pflanzen brauchen eben Wasser. Überhaupt riecht die Luft dann frischer. Dafür ist der Himmel deutlich dunkler. Ich selbst freue mich mäßig, aber mein inneres Ringen mit den Witterungen belustigt mich auch irgendwie. In Voltaires philosophischem Wörterbuch findet sich die wendige Frage des skythischen Bauern Dundendak, gerichtet an den griechischen Theologen Logomachos, wozu ein Gebet zu dessen Gott schon tauge und mit welchem Recht man sich Sonne für die Laune wünschen könne, wenn der Nachbar sich Regen für Feld und Saat wünsche. Ähnliches spielt sich in mir ab, wenn der Verstand meiner trüben Stimmung spottet.

In zwei Wochen etwa sollte ich Celovec bzw. Klagenfurt wieder verlassen. Da kommt die persönliche Prise Trübsal wahrscheinlich her. Mein Mandat, wenn man so will, läuft hier aus. Im Gebäude des Musil-Instituts werden vor dem Herbst keine Veranstaltungen mehr stattfinden. Terminlich hat sich einiges verschoben. Die For-Forest-Villa, wo während der Corona-Krise Musikerinnen und Musiker ohne Einnahmen sich getummelt und für etwas Taschengeld ihre Lieder aufgenommen haben, wird mich vermissen. Unter ihnen hat es auch andere Künstlerinnen und Künstler mit würzig-interessanten Geschichten gegeben: professionelle Tontechniker mit absolutem Gehör auch für Zwischentöne, körpernahe Kunstprojektanten mit kaputten Brillen, schlitzohrige Theaterleute mit Eheproblemen, begabte Schauspieler mit einmaligen Sprechblockaden, Poeten des großen Blabla, Tänzer mit manischen Anfällen und ihre Verteidiger, Maler mit bäriger Stimme und großem Herzen.

Gefühlter Maßen habe ich kaum Zeit gehabt, Stadt und Leute genügend kennenzulernen. Die ersten Eindrücke formen sich bereits zu letzten. Doch das Glück, die Bekanntschaft besonderer Personen zu machen, die mir meinen hiesigen Aufenthalt mit wahrlich menschlichen Begegnungen versüßt haben, ist nicht von meiner Seite gewichen. In einem Atelier namens „Favela“ habe ich so etwas wie emotionale Familie getroffen, woran ich eigentlich gar nicht mehr glaube, und unabhängig von all den unmöglichen bis unheimlichen Zufällen, die dort zusammenlaufen, das gesellige Trinken als gesundes Ventil wiederentdeckt. Im Gasthaus „Pumpe“ habe ich in einem überdachten Innenhof unter einem Baum unlängst mit einem lieben Kollegen zu Mittag gegessen. Im berühmten Theatercafé, und dies wird womöglich eigenartig klingen, habe ich den gesamten Trupp der Kärntner Mondlandung miterlebt, samt Kamerateam, und auf Einladung eine dosierte Portion Gulasch gegessen. Das ist dort so.

Mein literarisches Engagement zu Umweltthemen, wie ursprünglich beabsichtigt, wirkt auf mich selbst im Nachhinein zum Teil unbeholfen und verworren: zu wenig von der Umwelt und zu viel von mir als Literat. Andererseits lässt sich das biologische Leben vom individuellen und sozialen niemals völlig trennen. Davon erhoffe ich mir Absolution. Die gemeinsamen Parameter von Mensch und Welt, welche die Biozönose als eine Gemeinschaft von Organismen bestimmen, könnten, sofern erkannt und anerkannt, auch zur Versöhnung von Kultur und Natur dienen. Wenn ich nur daran denke, dass da draußen in Form von Managementvorgaben, genannt ISO 14.000, internationale Normen zum Schutz der Umwelt vorhanden sind und über 50.000 verschiedene Organisationen in 120 Ländern, von UNEP bis WWF, die allesamt keinen praktischen Schritt weiter kommen unter den weiterhin unantastbaren Imperativen der Wirtschaft und des Handels – wird mir zuweilen regelrecht übel.

Fast fürchte ich mich davor, zu langweilen und mich zu wiederholen. Indes kann die Wahrheit, ob unbequem, beschwerlich oder verschüttet, nicht oft genug gesagt, ausgesprochen und nachgereicht werden. Mächtige Worte zur Verteidigung eines sinnvollen Zusammenlebens mit der lebenden Natur stoßen beim schlussendlichen Machtwort des Kapitals auf ihr eigenes, gestopftes Maul. In Krisenzeiten spürt man es mehr als sonst. Dafür bürgt der bürgerliche Staat, der das materielle Gefälle, die Warenproduktion und die Umweltzerstörung so verwaltet, dass das Toxische daran einstweilen massenhaft verträglich bleibt. Das Ganze läuft ungeachtet seines definitiven Ablaufdatums dennoch wie geschmiert. Zu schnellen Schlüssen lasse ich mich dadurch aber nicht verleiten.

Das ungeheure Anwachsen der postfaktischen Dummheit bedeutet keineswegs eine endgültige Zusage der Massen für ihr Programm, sondern lediglich eine unbewusste Absage an das bestehende, nationalstaatliche System und dessen Untauglichkeit für die gemeinschaftlichen Wege der Zukunft, und zwar auf allen Ebenen. Auch ist sie Ausdruck der Hilflosigkeit und Verwirrung von unzähligen Kleinbürgern, deren Aluminiumhüte auch in Demonstrationen vor der Kärntner Landesregierung aufblitzen und deren lächerliche Parolen gegen Impfpflicht und 5G-Hochfrequenzelektronik mehr von sagenhafter Unwissenheit und unverarbeiteter Bevormundung künden als vom reinen Wahnsinn. Allerdings ist es anderswo um das Bildungswesen und Bewusstsein noch schlimmer bestellt. In den Vereinigten Staaten von Amerika existiert sogar eine „Flat Earth Society“ mit Millionen Anhängern, wohlgemerkt: „all around the gobe“ …

Vielerlei müsste derweil bedacht werden, um in einer bewohnbaren, besseren Welt zu landen statt in einer mehr und mehr unbewohnbaren, verdummten, untergehenden: sozio-ökonomischer Hintergrund, Trinkwasserversorgung, Landflächennutzung, Waldzustand, Artenreichtum, Küstenlandschaften, Atmosphäre, urbane Gebiete, Mikroklima, industrielle Verschmutzung, Ressourcenabbau, Naturkatastrophen usw. Wenn ich mir auch nur flüchtig vor Augen führe, was denn alles zu bedenken und zu begreifen wäre, um adäquat zu handeln, welche Mengen an Wissen und aufrechtem Interesse vonnöten wären, um strategischer vorzugehen, wie sehr doch die Zeit drängt, um die Menschheit von Kapital und Idiotie zu befreien, wird mir stets ein bisschen schwindelig. Natürlich ist es machbar – nur eben nicht im Kapitalismus! Entweder siegt die Intelligenz, von der die meisten gerne behaupten, sie entbehre einer eindeutigen Definition, so als wäre sie dadurch hinfällig, oder wir verschwinden als Spezies allesamt. Dies ist meiner Meinung nach der springende Punkt in diesem Millennium. Dabei wissen wir das Wichtigste ohnehin, nämlich, dass niemand von dieser Erde entfliehen kann.

Die geografisch, klimatisch und historisch bedingte ungleichmäßige Entwicklung der Regionen, bekannt auch als Kolonialismus und Imperialismus, hat zuerst zu einem Ungleichgewicht zwischen Güterproduktion und Leistungsverteilung geführt und im Anschluss zu einem Missverhältnis zwischen sozialer Entwicklung und rationalem Umgang mit natürlichen Ressourcen. Abholzung und Brandrodung hängen auf diese Weise miteinander zusammen, die großflächige Ausbeutung von Bodenschätzen mit dem Verschwinden selbstversorgter Lebensweisen, die Bewässerung mit der Versalzung, die Umwandlung in Agrarflächen mit Landzerstörung usw.

Ich bin davon überzeugt, dass die Menschen schlicht keine Vorstellung von den destruktiven Dimensionen haben, zumindest keine anschauliche in Zahlen. Sonst wäre Ernährungssicherheit als globales Zukunftsproblem für sie auch in der Provinz ein reges Thema. Land wird als Anbaufläche unbrauchbar infolge von Korrosion nach Bewässerungsmaßnahmen (56%), Erosion durch Wind und Wetter nach Abholzung (28%), Vergiftung nach Pestizidanwendung (12%) und anderen Formen (4%) nach Auslaugen des Bodens, Brandrodung usw. Faktisch handelt es sich um zwei Milliarden Hektar Agrarland, welche das kapitalistische System in den letzten vier Jahrzehnten zerstört hat (15% der agrarisch nutzbaren Erdoberfläche), wobei die Gesamtfläche der Erde, wo Boden unter den Füßen liegt, insgesamt 13,4 Milliarden Hektar beträgt. Weltweit sind nicht mehr als 1,45 Milliarden Hektar Ackerland übrig. Davon entfallen nur noch 260 Millionen Hektar auf menschliche Nahrungsmittel, bereits 55 Millionen Hektar auf Biotreibstoffe und üppige 1030 Millionen Hektar auf tierische Futtermittel. Ich selbst frage mich, wenn ich derlei Zahlen zusammenklaube, was das für mich hier und jetzt im Klagenfurter Umfeld bedeuten könnte, und fühle mich überfordert, sowohl informativ als auch emotional.

Vom dramatischen Waldrückgang ganz zu schweigen. Um 1900 herum sind 12% des Planeten mit Wald bedeckt gewesen, nunmehr sind es nur noch ungefähr 7,8%. Jährlich verringert sich der Regenwaldbestand um 12 Millionen Hektar mit steigender Tendenz. Aus einem mir nicht ganz einsichtigen Grund werden diese schwindenden Flächen in den Massenmedien meist in Fußballfeldern angegeben. Im Jahrestakt wird die Menge des in Wäldern gebundenen Kohlenstoffs um jährlich eine Gigatonne netto reduziert, was klimaaktiven Kohlensäure-Emissionen von vier Gigatonnen entspricht. Das sind für wissenschaftlich geschulte Ohren horrende Zahlen.

Die sogenannte Informationsgesellschaft ist, Hand aufs Herz, schlecht informiert in jeder Hinsicht und von notwendiger Allgemeinbildung und wissenschaftlichem Weltbild meilenweit entfernt. Zwar haben alle von saurem Regen schon gehört und wissen vage Bescheid um den Schaden am globalen Baumbestand. Die Säureskala mit dem ph-Wert von 1 bis 14 sagt ihnen höchstens vom Hörensagen etwas: 1 heißt sauer, 7 neutral und 14 alkalisch. Saurer Regen zwischen ph-Wert 5 und darunter vergrößert die Konzentration von Schwermetallen, verhindert das Aufgehen von Keimen, greift Rinde und Blattwerk an, wäscht aus der Erde zum Wachstum unverzichtbare Mineralien heraus und tötet mit einer Säurekonzentration unter 3 allerlei Bakterien, Pilze, Amphibien und Fische. Unter einem ph-Wert von 5 sterben Frösche, unter einem von 4 Forellen, unter einem von 3 jedweder Fisch und Meeresgetier, sodass selbst die Möglichkeit zur Bildung von Schalen und Krusten völlig versagt. So steht es also um unsere Nahrungskette. Bei diesen Gedanken blicke ich in den Himmel hinauf und hoffe auf eine prometheische Wendung, ganz gleich aus welcher Richtung. Was ich jedoch sehe, ist kein rettender Prometheus, kein leuchtender Perun oder polternder Thor, sondern allein dichte Wolken und graue Fäden voller saurer Regentropfen.

 

 

Kommentar von Gernot Waldner

Für mich war der stärkste Satz des ganzen Textes dieser: „Die ersten Eindrücke formen sich bereits zu letzten.“ Er fasst für mich den Duktus des Textes gut zusammen: Abschied von einem Ort zu nehmen, schärft die Wahrnehmung und lässt, wenn man fit genug im Kopf ist, auch unterschiedliche emotionale Perspektiven zu. Schade, dass Du den Umkehrschluss nicht diskutiert hast: wer immer am gleichen Ort lebt, sieht vieles nicht mehr. Sehr gelungen fand ich auch die Passagen, in denen Du die Leute aus der Villa beschreibst. Du schaffst es, mit wenigen Worten eine Person klar zu kennzeichnen, ohne ihren Namen zu nennen (Datenschutz), aber wahrscheinlich verrätst Du den Personen auch etwas Neues über sie selbst. Wärst du Pfarrer in Niederösterreich geworden, Bürgermeister und Bezirkshauptmann hätten große Angst vor Dir.

 

Was die Ursachen für die fehlenden Aktionen gegen die drohende Klimakatastrophe betrifft, werden drei Faktoren genannt. Erstens die Perpetuierung des kapitalistischen Systems, anschaulich dargelegt anhand von Zahlen, die die Vernichtung von Ressourcen und Lebensraum belegen. Zweitens, auf der Ebene der Menschen, das Anwachsen einer „postfaktischen Dummheit“, das von „unverarbeiteter Bevormundung“ und „sagenhafter Unwissenheit“ zeugt. Auch deshalb hätten, drittens, viele „schlicht keine Vorstellung“ von den Dimensionen der Zerstörung. Mir leuchtet das ein und ich stimme Dir zu, dass Wahrheiten wiederholt werden müssen.

 

In den 1970er Jahren soll es noch üblich gewesen sein, alte Kühlschränke direkt im Wörthersee zu entsorgen. Ich schreibe das, weil ich einmal evangelisch war, Du an einer Stelle „Absolution“ erhoffst und, wenn ich mich richtig erinnere, die Taufe die Voraussetzung für die Absolution war. Lieber Mladen, hoff Du kannst den Wörthersee noch genießen, Du wirst an seinen Ufern unvergessener bleiben als die Kühlschränke und es bleibt allen hier zu wünschen, dass auch Du wieder einmal auftauchst, um in Deiner umgänglichen Art auf falsche Prämissen und akkute Probleme hinzuweisen.

 


FOR FOREST – Serie mit dem Musil-Institut, Teil 6

 

Mladen Savić: Destination Bios

Überschattet von der Corona-Krise, ihren medialen Schwerpunkten, sozialen Umstellungen und existenziellen Fallen, ist nahezu nebenher der Frühling ins Land gezogen und hat seine flauschigen Fühler nach allen Seiten hin ausgestreckt. Im großen Garten hinter der For-Forest-Villa hat sich über Boden und Flächen überall dichter Blütenstaub gelegt. Sattes Grün in allen Nuancen hat sich in die Äste und Baumkronen gehängt. Flügelförmige Baumsamen trudeln, um ihre Achse tänzelnd, von oben herab und bedecken Gras und Liegen. Die Goldfische im Teich, ein paar Dutzend an der Zahl, lassen sich davon nicht stören. Die Vogelkonzerte schon früh morgens scheinen hier, mitten in der Stadt, lauter und lebendiger zu sein als auf den Waldwegen von Kreuzbergl. Das wohltuende Wetter lässt die Laune nie kippen. Sonne und Wärme, blauer Himmel mit weißen Wölkchen und die Buntheit der Blüten stimmen die Tage auf einen gelassenen Gang und eine heitere Note ein. Es tut gut, jedes Mal aufs Neue zu erleben, wie das frühlingshafte Erwachen der Natur sich selbst besingt und feiert, wie zügig der Sommer immer einzieht, jahrein, jahraus, so als wäre der Vergänglichkeit vorübergehend eins ausgewischt und sie selbst vorerst wieder besiegt worden. Mit fortschreitendem Alter und welkender Lebenskraft geht meist einher, dass der Kreislauf der Natur sich für uns Menschen melancholisch einfärbt. Deshalb, wie ich annehme, kümmern die Alten sich so liebevoll und geschäftig um ihre angelegten Zierbeete.

 

Alle Blumen könne man abschneiden und doch den Frühling nicht verhindern, habe ich vor einigen Jahren auf einer Hauswand von Barcelona zu lesen bekommen, unweit des Strands in einer kleinen Seitengasse. Bestimmt würde es Pablo Neruda, den Poeten der Lebensbejahung und Verständigkeit, nicht stören, dass ihm das Zitat zugeschrieben wird, wenn auch fälschlicherweise. Sein Name ist nämlich unter das Graffiti gesprüht gewesen. Die Natur sei gewissermaßen eine mächtige Größe, mit der wir erstens rechnen müssen – und zweitens mit ganz anderen Maßstäben als den gegenwärtigen. So deute ich die Aussage. Weltbezogenheit dieser Art stellt ein hohes Gut dar in Zeiten, in denen Konsum, Industrie, Transport und Ökosystem in einen zweifelsfreien Zusammenhang gesetzt worden sind, geradezu als gruseliger Gemeinplatz des Jahrhunderts. Wie sehr ich mich also zur Außenwelt in Bezug setze, so sehr nehme ich an ihr auch teil, nicht mehr und nicht minder, und der Bezug sollte möglichst sinnvoll sein. Ohne diese Anteilnahme aber begegnen wir der Wirklichkeit mit der Zärtlichkeit eines Stemmeisens und unweigerlich auch dem Subjekt als bloßem Objekt. Eine Situation zu unserem Nachteil ist dann teilweise vorprogrammiert. Zu sagen, wenngleich in bester Absicht, wir könnten gegen die Natur niemals siegen, impliziert indes, dass wir gegen sie längst Krieg führen, gegen ihr empfindliches, bewegtes Gleichgewicht, gegen ihr Überleben und das unsrige. Ein umsichtiger Umgang mit Mensch und Umwelt täte jedenfalls not, und Umsicht als ein Baustein der Intelligenz hat freilich viele Formen und Facetten.

 

Doch das falsche Wirkliche hat immer auch dessen innewohnende Wendung gebracht und hervorgebracht: das an sich Mögliche, das nur noch nicht Wirkliche, den richtigeren Gedanken, den besseren Entwurf – infolge innerer Entwicklung und in Form von kritischer Fantasie und realer Kritik. Kein Ort existiert zwar, an dem nicht das falsche Wirkliche triumphieren würde, sondern allein das richtige Mögliche. Ich zumindest kenne keinen, aber ich glaube auch nicht an die bestehende als die beste aller Welten. Jedoch, keine Zeit hat jemals existiert, da der utopische Nicht-Ort als etwas Notwendiges und Wünschenswertes nicht auch Druck gemacht und Zugeständnisse an die Verbesserung erzwungen hätte. Diese Dynamik ist ebenfalls nichts Neues. Die Forderung nach einem Ausgleich mit der Welt, der natürlichen wie der menschlichen, nach einem dem Logos naturgemäßen Leben, nach einer Verbindung von tätigem Dasein mit geistigen Dingen, diese Forderung ist in der Philosophie recht alt und reicht, in der Begriffsgeschichte bekannt als Bios, bis in die Antike zurück. Die Sozialphilosophen der Moderne haben auf ihre Weise nach einem höheren Gleichgewicht gesucht durch den Grundgedanken einer harmonisierten Befriedigung der Bedürfnisse und einer Befreiung von Arbeit. Die Ökologen, bemüht um eine gesamtheitliche Perspektive und nachhaltige Harmonie, verkörpern, aus einem geschichtlichen Winkel heraus, die weitere Ausweitung der Fragestellung und insoweit die nächste Stufe auf dem Weg ins Reich der Freiheit, denn sie fragen nach den Bedingungen der Möglichkeit von Leben und nach dessen Gesetzen. Und gut so! Die Anerkennung allgemeiner Größenordnungen und Abhängigkeiten erweitert als geistige Grenzziehung schlussendlich unseren Handlungsspielrahmen.

 

Kurz, Koexistenz kann keine Herrschaftstechnik sein – nicht mehr in diesem Jahrhundert, und sicherlich nicht in Bezug auf die Naturgewalten. Die Industrie hat sich als ökologische Massenvernichtungswaffe herausgestellt. Da werden, um die obige Metapher abermals aufzugreifen, nicht bloß Blumen geschnitten, sondern Wälder gerodet, Flüsse verödet und Berge leergepumpt. Die Motorisierung fährt wörtlich Land und See zugrunde. Vielleicht ließe sich der Frühling am Ende doch noch verhindern, indem wir durch Extremklima die Jahreszeiten auslöschen? Der Mensch, mehr als nur eine Tierart und weit weniger als ein Gott, hat sich sozusagen selbst vom Thron der Welt gestoßen. Wie irreparabel die angerichteten Schäden an seinem Lebensraum und mitunter am eigenen Wesen sind, am menschlichen Körper, an der Psyche, am Massencharakter, wird sich schon noch zeigen … Bios und Logos müssten umso umgehender zueinanderfinden wie auch die Kultur zur Natur und der Massenmensch zur Umwelt als seiner wichtigsten Existenzbedingung. Ein umfassender Umbau der gesamten Lebensweise steht bevor, entgegen herrschenden Interessen und samt allem, das an Maßnahmen dazugehört. Nur an diesem noch nicht geschaffenen Ort erkannter Notwendigkeit, rationaler Grenzen und nützlicher Fantasie wird kommenden Generationen genuin gelingen, was wir gemeinhin als Frieden, Glück und Sinn bezeichnen. Mit alledem könnten die Kids von morgen ziemlich ins Schwitzen kommen, etwa, wenn die Feuchtkugeltemperatur über 30 Grad Celsius ansteigt, was nicht nur der Grenzwert dafür ist, wie kühl unser Schweiß den Körper halten kann, sondern auch das, was bestimmte Erdregionen für unsere Spezies atmosphärisch unbewohnbar macht. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass ich hier keinerlei Zukunftsprognose zeichne – solche Zonen und Regionen gibt es auf dem Planeten bereits. Ausgleich mit der Welt sieht anders aus, würde ich meinen.

 

Nun ist aber das meiste, was uns als modernen Menschen normal und vertraut vorkommt, streng genommen, ein durch und durch künstliches Umfeld, von Menschenhand gebaut. In freier Natur finden sich weder Treppen noch Gehsteige, weder Maschinen noch Glühbirnen. Fragt sich: Was ist schon „natürlich“, was soll das letztlich sein? Wir lernen, während wir aufwachsen, wofür das sprachliche Zeichen, der Begriff ungefähr steht, und wissen ausgewachsen immer noch nicht, was es wirklich bedeutet, konzeptuell, emotional, weil uns der entsprechende Erfahrungswert fehlt und weil die Natürlichkeit als solche zu einem reinen Konzept geworden ist, welches sich nirgends unmittelbar beobachten lässt. Einerseits hilft uns im Urteil der Komparativ: die Kategorie des nächst Natürlicheren oder eben des weniger Natürlichen. Andererseits müsste vorher genauer geklärt werden, wie die Bestimmung der Natürlichkeit an und für sich zustande kommt, nach welchen Kriterien, ob aus hinreichenden Gründen, und so in einem fort. Vieles verkompliziert sich in der kollektiven Entscheidungsfindung sehr schnell. Was uns unbenommen bleibt und mich als Zeitzeugen bizarrer Weise tröstet, ist die Einsicht, ihrerseits immer manifester in der Weltgemeinschaft, dass die Künstlichkeit auf uns zurückwirkt und alle allmählich davon erfahren – sodass wir uns ein bisschen bewusster aussuchen sollten, was uns da, als gesellschaftlich Ersonnenes und Hingestelltes, im Gegenzug beeinflusst. Immerhin eröffnet sich durch Information ein menschliches Betätigungsfeld.

 

Wenn man zu lange oder ausschließlich im künstlichen Umfeld weilt und verweilt, verliert sich der würdige Bezug zu äußeren Determinanten, und man merkt manchmal, in welchem Maße man verlernt hat, den kulturellen Tunnelblick abzulegen und das Natürliche und seine Macht in und außer uns wahrzunehmen. Am besten offenbart sich dieser Umstand in der nervösen, urbanen Unfähigkeit, in einer Naturlandschaft entspannt Zeit zu verbringen, zur Ruhe zu kommen und sie vollends zu genießen sowie Pflanzen und Tiere überhaupt noch als Lebewesen zu empfinden, außer dem Wissen nach, im klassifizierenden Sinne, aber nicht dem Verhalten nach. So oder so interagieren wir mit Flora und Fauna. Vor allem persönliche Erlebnisse mit Lebendigem prägen dahingehend meinen Zugang. In Wien füttere ich unter meinem Fenster im ersten Stock regelmäßig die schreckhaft-vorsichtigen Krähen, unter die sich hin und wieder Täubchen mischen, und sehe verwundert zu, wie ein wenig Rasen sich im Nu schwarz färbt und in ein gefräßiges Getümmel verwandelt. Dabei kann ich nicht behaupten, durch ein Schnabelklopfen auf die Fensterscheibe noch nie geweckt worden zu sein, im Gegenteil. Lebewesen reagieren immer auf uns. In Klagenfurt habe ich bislang keine solche Angewohnheit entwickelt, wundere mich nach jedem Fensteröffnen wiederum über die unaufdringliche Anwesenheit oder eben Abwesenheit eines Holzameisenvolks, das drinnen im Rahmen und wohl in der Mauer wohnt und sich zum Glück nicht in mein Hoheitsgebiet ausbreitet, vermutlich weil es draußen genügend Nahrung zu finden weiß. Wir haben wenig miteinander zu tun. Dafür sind die hiesigen Amseln viele und äußerst zutraulich. Was ich damit sagen will: So oder so reagieren Flora und Fauna auch auf uns.

 

An erstaunlichen Erfahrungen mangelt es mir dahingehend nicht, weder mit irgendwelchen mir am Arbeitsplatz geschenkten Topfblumen, die ich so sehr gehasst habe, dass sie – ohne Übertreibung – unerklärlicherweise über Nacht eingegangen sind, noch mit einer legendären Sandbiene am Wienerbergsee, die so lange und so lästig um meinen Kopf gekreist ist, bis ich nachgebend mein Handtuch um einen Meter verschoben habe und sie, aha, zu ihrem Hauseingang hat gelangen können – von faszinierend persönlichen Beziehungen mit eigenen und fremden Haustieren ganz zu schweigen. Manche Geschichten sind rührend. Ein argentinischer Fischer, habe ich in einem Dokumentarfilm einst gesehen, hat alljährlich Besuch von einem Pinguin, den er früher gerettet und gesundgepflegt hat, wobei dieser tausende von Kilometern zurücklegt, nur um seinen menschlichen Freund zu besuchen. Und Koko aus Kalifornien, ein unlänst gestorbener Gorilla, der den Spiegeltest bestanden und die Gebärdensprache mit einigen hundert Worten beherrscht hat, soll recht reflektiert gewesen sein und sich selbst nach einem Tobanfall als „störrischer Teufel“ beschrieben haben. Diese Wunder der Natürlichkeit sind in Wirklichkeit keine, sondern vielmehr der sichtbar gewordene Kommunikationsraum alles Lebendigen unter sich.

 

Die Natur ist insgesamt mehr als ein biologisches Faktum. Sie bedeutet Leben in der ganzen Breite des Begriffs. Wenn wir heutzutage lapidar von Umweltschutz und Klimaveränderungen reden, darf nicht vergessen werden, dass es auch ein neues gesellschaftliches Klima braucht, um den Herausforderungen der Zukunft entsprechend sensibel entgegenzutreten, eine angepasste Haltung, eine andere Form von Bewusstsein, völlig veränderte Modelle für das Arbeiten, Ernähren, Wohnen und Mobilsein in Massen. Nicht nur unser irrationales Verhältnis zu den natürlichen Ressourcen, beispielsweise zu den Bodenschätzen, dem fruchtbaren Land und dem trinkbaren Wasser, müsste strukturell überwunden, sondern individuell auch der Blick für die äußeren und inneren Gefährdungen des Ökosystems geschärft werden: von den kosmischen, klimatischen, tektonischen, vulkanischen und viralen Phänomenen über Rodungen, Schädlinge, Kriege, Urbanisierung, unkontrollierte Demografie und industrielle Verschmutzung bis hin zur madig modernen Mentalität, alles Leben – Pflanzen, Tiere, Menschen! – für Objekte zu halten, die man sich untertan machen kann, sprich, bis hin zur gesellschaftlich funktionellen Desensibilisierung des Einzelnen, was wiederum zu global instabilen Systemen führt. Wie könnte das keine Konsequenzen haben? Das Eintreten verschiedener Gefährdungen in engeren Intervallen erfordert, wie mir scheint, eine Vielzahl verschiedener Strategien zur Eindämmung der Folgeschäden. Anfangen kann man mit der persönlichen Sicht, und die meinige hat sich durch die Beschäftigung mit diesen Themen gewiss gewandelt. Ich kann Lebewesen längst nicht mehr nur als Nutznießer betrachten. Das Leben lebt und bejaht sich selbst, und zu leben heißt insofern, mit Lebendigem in Berührung zu kommen.

 

Kommentar von Gernot Waldner

Einer Deiner Gedanken, die mich am meisten überzeugt haben, findet sich auf Seite 3: „Immerhin eröffnet sich durch Information ein menschliches Betätigungsfeld.“ Mir ist dieser Gedanke beim Grammatikunterricht das erste Mal klar geworden. Die meisten Studierenden landen mit einer normativen Vorstellung von Grammatik an der Universität: Grammatik bestimmt, wie man richtig schreibt. Als erstes muss man ihnen leider beibringen: das ist falsch. Grammatik bestimmt nicht, wie man richtig schreibt, sondern versucht mit Regeln zu beschreiben, wie Sprache funktionieren kann.

Dennoch sitzt das Ressentiment tief: Warum muss ich denn lernen, welche sieben Arten des Genitiv sich bestimmen lassen? Die einfachste Antwort ist die: weil man mit dem Wissen über die sieben Arten des Genitiv mehr mit seiner Sprache anfangen kann als ohne sie. Übertragen auf die Ökologie fällt mir dazu ein Format von BBC4 ein: Gardener’s Question Time. In dieser Radiosendung rufen Leute mit Gartenproblemen an: perverser Nachbar, tote Hecke, Hund mit Verdauungsproblemen, schottische Winter ohne Blüten. Alle Probleme haben mit einer ökologischen Situation zu tun und die vier ExpertInnen, die auf die Anrufenden reagieren, haben fast immer vier unterschiedliche Antworten auf das Problem. Auch für die Ökologie gilt also, dass mehr Information zu einem größeren Betätigungsfeld führen. Gerade für eine Kulturstiftung scheint mir dieser Gedanke unbezahlbar wertvoll.

Bei Deinem Absatz zum „kulturellen Tunnelblick“, in dem Du meinst, es gebe eine „nervöse, urbane Unfähigkeit, in einer Naturlandschaft entspannte Zeit zu verbringen“, war ich mir nicht sicher, ob ich Dir zustimme. Zunächst wegen dem Argument, das Georg Simmel in „Die Großstädte und das Geistesleben“ gemacht hat, dass gerade in Städten intellektuell anregendere Gespräche stattfinden können. Meine Erfahrung bestätigt das und was von Dir „Unfähigkeit“ genannt wird, würde als Fähigkeit sozusagen mein Wiener Biotop bedrohen. Die grundlegendere Frage ist aber, ob der Zugang zur „Natur“ nicht immer auch ein entfremdeter sein muss, sofern man darüber wissenschaftlich etwas lernen will. Natürlich ist „Entspannung“ und „Ökologie“ kein Widerspruch, aber dass ersteres eine Bedingung für letzteres sein soll, leuchtet mir nicht ein.

Schließlich thematisiert der Text einen „Ausgleich mit der Welt, der natürlichen wie der menschlichen“ und bietet einen kurzen Überblick über die Geschichte dieses Gedankens, von den antiken Philosophie über die „Sozialphilosophen der Moderne“ bis zur Ökologie. Was mir hier etwas zu kurz kam, war, dass „Information“ über Natur auch immer schon politisch genutzt wurde und es nicht leicht ist, ein Kriterium zu finden, wie man ideologische Beschreibungen von „anderen Modellen für Arbeit…“ unterscheiden könnte.

Ein Autor, der den letzten Teil seines Lebens in der niederösterreichischen Natur verbracht hat, hat gegenüber dem Vorbild der Natur seine schönsten Bedenken angemeldet:

 

W.H. Auden: Bestiaries are out (July 1964)

A sweet tooth tought us to admire

The bees before we’d made a fire:

Nemorivagrant tribes at least

Could serve wild honey at a feast

 

Accustomed in hard times to clem

We started soon to envy them

An industry that stocks their shelves

With more food than they need themselves

 

By estimation, too, inclined

Towards a social stead of kind

We sought from study of their hives

To draw some moral for our lives,

 

And when conspiracy, revolt,

Gave Princes of this world a jolt,

Philosophers and Christian Preachers

Upheld the Bee as Civics Teacher

 

Now bestiaries are out, for now

Research has demonstrated how

They actually behave, they strike us

As being horridly unlike us:

 

Though some believe (some even plan

To do it) that from Urban Man,

By advertising plus the aid

Of drugs, an insect might be made.

 

No. Who can learn to love his neighbor

From neuters whose one love is labor,

To rid his Government of knaves

From commonwealths controlled by slaves?

 

How, for us children of the word,

Anthropomorphic and absurd

To ask what code they satisfy

When they swoop out to sting and die,

 

Or what catharsis undergo

When they put on their biggest show,

A duel to the death between

A tooting and a quacking Queen.

 


FOR FOREST – Serie in Kooperation mit dem Musil-Institut, Teil 5

 

 

Mladen Savić: Was tun? Gute Frage!

„Das Schlimmste im Leben“, hat mir ein Freund einmal gesagt, „ist es, wenn man eine Situation, aber keine Strategie hat“. Immer wieder denke ich zu den unterschiedlichsten Anlässen an die Aussage und ertappe mich genauso oft dabei, dass ich schmunzle. Es umfasst ja einiges, wenn man so will, und ist auf vieles anwendbar. Insbesondere in der Umweltfrage stellt sich automatisch auch die Frage der Praxis und kulturellen Reaktion auf die neuen Gegebenheiten: auf die längst bekannte Bedrohung des Ökosystems, die wir vorzugsweise mit vermeidendem Verhalten bewältigen.

Die Anpassung an situative Sonderlichkeiten lässt sich allgemein auffassen als Fähigkeit von Systemen, ungünstige Einwirkungen der Umgebung so abzufangen, dass ihr inneres Gleichgewicht nicht geschädigt wird. Dieses innere Milieu ist letztlich verantwortlich dafür, wie angenehm oder unangenehm das Überleben sich gestaltet und wie möglich es darin ist: nicht nur in Staat, Ehe oder Job, sondern in der Natur insgesamt, in erster Linie für ihre Lebewesen, von den primitivsten Organismen bis zu den komplexesten, welche wir Menschen darstellen – angesichts unseres großen, gefurchten, gelegentlich genutzten Gehirns.

Wenn wir die Natur beobachten und daraus lernen, durchschauen wir die Dynamiken von Prozessen in natürlichen Systemen. Wenn wir Experimente durchführen, versuchen wir beispielsweise, ein System von den Faktoren der Umgebung zu isolieren. Entsprechend systematisieren wir das aus der Erfahrung gewonnene Wissen, das wir dann über die Welt haben, und gliedern es in Wissenschaften und Disziplinen. Um der kommenden Klimakrise gewappnet zu begegnen, werden wir die Hilfe und Kooperation aller wissenschaftlichen Forschungsfelder auch bitter brauchen, doch sie allein werden nicht reichen. Auch die Massen brauchen Bewusstsein.

Als literarischer Utopist, der an den Primat der Intelligenz und prinzipiell die Macht der Wahrheit glaubt, gebe ich die Hoffnung indes nie auf, dass es sich irgendwann herumspricht: Die Abhängigkeit des Menschen von der Umwelt ist schier eine Tatsache, auch wenn die Umwelt nun eine nur unterworfene Natur ist und kein Haus des Lebens. Interessanterweise bedeutet das altgriechische Wort „oikos“, das im Begriff „Ökologie“ steckt, Hausgemeinschaft, Hof, Heim. Wir freilich fühlen uns in der Natur und auch in unserer gesellschaftlichen, zweiten Natur nicht eingebettet, sondern von ihr vielmehr getrennt. Dieser Umstand ist teils Erziehungssache, teils der ungebremsten Ausweitung des künstlichen Umfelds, allgegenwärtiger Nicht-Natur, geschuldet.

So thronen wir auf dieser 6.000 Trillionen Tonnen schweren und 4,56 Milliarden Jahre alten Erde innerhalb einer bedrohten Biosphäre, wo Leben sich in den buntesten Formen erhält, in einer Blase sozusagen, einem geschlossenen System mit weiteren, wechselwirkenden Subsystemen. Auf allen Ebenen des Lebens vermeine ich darum eine Dialektik von System und Umfeld vorzufinden, einen Tanz der Natur am gespannten Tau des Abgrunds entlang, den Kampf gegen Entropie und Tod neben der Anpassung zum Überleben und Gedeihen. Und wir tanzen mit.

Mein Onkel, wenn er einen guten Tag hat, meint manchmal, er sei in eine Welt geboren, die weder die humanste noch die intelligenteste wäre, aber immerhin in einer Zeit, da er die Möglichkeit gehabt hätte zu erleben, wie Blumen duften und ein blauer Himmel aussieht, was saubere Luft ist, trinkbares Wasser und eine sichere, warme Mahlzeit. Würde er zur letzten Generation gehören, die Gleiches behaupten könnte? Die Natur wird vielfach für eine Endlosressource und obendrein für eine Mülldeponie gehalten! Obwohl ich weiß, dass es einstmals vielleicht üblich gewesen ist, muss ich zugeben, dass nicht nur meinem Onkel, sondern auch mir trinkende Pferde am Fluss als romaneskes Bild heute schwer vorstellbar erscheinen – ich würde in den meisten Gewässern, dreckig, schaumig, industriell verschmutzt, wie sie sind, nicht einmal meine Socken waschen.

Eine Gegenüberstellung von Mensch und Umwelt lehne ich ab. Jakob Uexküll, der Wortschöpfer des Umweltbegriffs, hat 1909 das Ökologieverständnis auf den Menschen erweitert und damit einen Referenzbezug auf das Individuum und handelnde Subjekt geschaffen: Umwelt sei ihm zufolge zu unterscheiden von der Umgebung eines Organismus, denn die Umgebung nehme Lebewesen als Objekte auf, während die Umwelt von ihnen gestaltet werde. Kurz, das Leben soll und darf nicht isoliert betrachtet werden! Wenn wir uns gedanklich und handelnd aus der Naturgeschichte ausgliedern und Weltgeschichte als abgetrennt davon deuten, verkennen wir, über kurz oder lang, die Notwendigkeit zur Anpassung im Prozess permanenter Veränderungen. Das Milieu ist, wo alles stattfindet, jene Umgebung eines Lebewesens, welche auf es selbst einwirkt und seine Lebensumstände beeinflusst. Dies gilt, genau genommen, auch auf unsere Gattung im Umgang mit natürlichem und künstlichem Lebensraum.

In Bezug auf die Umwelt ist das Schlagwort des global village wohl wahrer als sonstwo; das Ökosystem kennt schließlich keine Landesgrenzen, und der Planet ist ein einziger und dieser allein. Unser Beitrag zu seiner Zerstörung ist zudem evident. Wenn wir demnach von den Umständen gebildet werden, die auf uns zurückwirken – und in ökologischer Hinsicht ist das für Milliarden von uns Menschen entscheidend –, dann müssen wir menschliche Umstände bilden, die die Natur und den Lebensraum und die Lebensgrundlagen der Menschheit schonen. Praktisch zu denken und gezielt zu handeln täte not, denn das Schlimmste wäre doch, für diese globale Situation keine Strategie zu entwickeln … Ich schreibe es, wenn nötig, gerne auf jede Wand und Mauer.

Das Leben in all seinen Erscheinungen und Formen und in seiner ganzen genialen Vielfalt ist bislang ausschließlich auf dem Planeten Erde zu finden. Darauf als Gegenstand, und auf nichts Anderes, konzentriert sich die Ökologie. Als Wissenschaft untersucht sie die Parameter des dynamischen Gleichgewichts alles Lebendigen im Austausch von Materie und Energie sowie das Auftreten von Phänomenen: einmal, mehrmals, zyklisch. Prozesse, deren Gesetzmäßigkeiten und Abweichungen inklusive, werden in einzelnen Disziplinen erforscht und sind aus ökologischer Sicht von größter Bedeutung. Mehr noch, da alle Ökosysteme dynamische Eigenschaften aufweisen, ist die elementare Form ihres Bestehens in einem operativen System die ständige Wiederholung eines Zyklus. Das macht, genau genommen, das dynamische Gleichgewicht aus, auf das wir als Laien vermehrt achten sollten.

Leben auf der Erde, möchte ich ergänzend noch erwähnen, erhält sich vorrangig auf Basis primärer Prozesse, aufgrund von: Photosynthese, Eutrophie, Dissimilation und Reproduktion. Die Photosynthese produziert mithilfe von Sonnenenergie, Kohlensäure, Wasser und Mineralien organische Materie und bildet somit den Anfang der Nahrungskette, sodass sie zur Steigerung der gesamten organischen Produktion beiträgt, nicht zuletzt durch das Nebenprodukt Sauerstoff, zuerst bei Blaualgen, dann bei Pflanzen. Die Eutrophie als regelmäßige Versorgung mit Nährstoffen bei Energiezufuhr macht sich diesen Umstand zunutze. Die Dissimilation als Verbrauch von Körpersubstanz besteht darin, dass komplizierte Stoffe abgebaut und in einfache umgewandelt werden – ohne dem wäre es unmöglich, Energie aus dem Abbau organischer Nahrung zu ziehen. Die Reproduktion als zuerst diploide, dann zweigeschlechtliche Vermehrung ermöglicht durch Rekombination der Gene eine Höherentwicklung von Organismen und deren gesteigerte Anpassungsfähigkeit.

Alles in allem, und ich versuche mich schlicht und kurz zu halten: Wenn die primären Prozesse gestört werden, geschieht Gefährdung – was Gegenmaßnahmen verlangt, versteht sich. Übersäuern die Meere infolge fossiler Brennstoffnutzung und der Massentierhaltung durch Ausschüttung von CO2 und Methan, reißt ein Glied in der globalen Nahrungskette, und die Welt geht wörtlich unter. Verschwinden die Lebensräume für Tierarten infolge fortschreitender Urbanisierung und industrieller, chemisch-monokultureller Landwirtschaft, führt die schwindende Biodiversität zu Problemen in der Pflanzenbestäubung und mittelbar in der menschlichen Nahrungsversorgung ebenso. Verschmutzen die Böden, das Grundwasser und die Biotope bis zu ihrem Zusammenbruch, wird die Nährstoffaufnahme für die irdische Biomasse überhaupt problematisch.

Die rücksichtslose Einwirkung auf Ökosysteme abseits wissenschaftlicher Kriterien – beispielsweise aus betriebswirtschaftlichen Erwägungen oder Ähnlichem – führt dauernd zu ihrer Degradierung, zu ungewollten Veränderungen, gewichtigen Nebenfolgen, Langzeitschäden oder Zerstörung. Die Warenwirtschaft, soviel steht jedenfalls fest, verhält sich ihren Imperativen und Resultaten nach nicht nachhaltig. Man muss kein Spezialist sein, um zu begreifen, was Ernst Haeckel 1866 mit seiner ersten Definition der Ökologie geliefert hat, nämlich, dass Leben nur unter bestimmten Bedingungen möglich ist – und dass die Verhältnisse der Organismen zur Natur samt ihren existenziellen Voraussetzungen mitbedacht werden müssen. Eines wird wohl nicht nur mir klar sein: Eine gesamtgesellschaftlich strategischere Haltung wäre hierbei vonnöten. Was tun? Gute Frage! Ich komme darauf zurück …

 

Kommentar von Gernot Waldner

Es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass sich der Author@Musil mit dem heutigen Text in ein neues Gebiet gewagt hat. Der Titel des Textes „Was tun? Gute Frage!“ zerfällt in zwei Teile, die den Aufbau des Textes antizipieren und auch deutlich machen, wie sich der Autor seinem neuen Gebiet nähert. Der erste Teil des Titels spielt auf Lenins Hauptwerk von 1902 an, in dem, kurz gesagt, diskutiert wird, ob man eine gesellschaftliche Situation selbst verstehen kann, da man ja in dieser Situation steckt, oder ob einem das Wissen vermittelt werden muss, da es nicht spontan entsteht. Lenin hatte ein Position in dieser Frage, ob seine institutionellen Konsequenzen (Zentralkomitee , etc.) dieser Antwort gerecht wurden, ist ein anderes Thema. Der Author@Musil fragt sich, ausgehende von einem „Freund“ (Kautsky?) ähnliches, kündigt aber bereits im Titel mit einem Ausrufezeichen an, das hier noch einige Dinge zu klären sein werden, bevor es neue Stellenausschreibungen (Naturagitator, Homöostasevorsitzender, etc.) in Kärntner Tageszeitungen zu lesen geben wird.

 

Mir selbst ist die globale Situation, in der wir uns befinden, nicht klar, womit ihre katastrophalen Folgen nicht bezweifelt werden sollen, über letztere herrscht breiter wissenschaftlicher Konsens. Ausgehend vom Text hab ich mir zwei Fragen gestellt:

1) Muss man die Grundlagen verstehen, um die Folgen beachten zu können? Mir scheint zum Beispiel, dass ich eine Rede analysieren kann, ohne Experte für den menschlichen Artikulationsapparat zu sein. Ist das mit den „primäre[n] Prozesse[n]“ der Ökologie anders? Stichwort Emergenz. Oder wäre die primären Prozesse zu ignorieren schon eine Art von ökologischem „Populismus“?

2) Bei einer unserer letzten Gespräche ging es darum, dass es kaum noch gut erhaltene Naturlandschaften in Österreich gibt. Dennoch gab es z.B. in Kärntner Fichtenwäldern eine Art Gleichgewicht, in dem bewaffnete Jäger (trotz aller sozialen Gefahr) die Rolle von Wölfen übernahmen und Wildtiere töteten, was man ökologisch interpretieren kann: Jungbäume wurden gerettet. Kann man in bestimmten Fällen daraus schließen, dass Menschen erst ein Teil eines ökologischen Gleichgewichts erkannt werden, wenn letzteres beschädigt ist? Und heißt das nicht auch, dass es für ein Ökosystem unterschiedliche Formen von Gleichgewicht gibt? Warum klingt das Reden über „Natur“ selten so, als würde es mehrere Formen von Gleichgewicht geben?

 


FOR FOREST -Serie in Kooperation mit dem Musil-Institut, Teil 4

Mladen Savić: Erinnerungen an morgen

Als ich noch ein Kind gewesen bin, ein wenig Traummännlein und allmählich an die Schultasche gewöhnt, hat mich eines Tages ein Albtraum aus dem Schlaf gerissen und wörtlich in den Schweiß getrieben, und ich habe ihn seines Gefühls halber nie vergessen: Nach dem Pflücken einer frischen Feige öffne ich das Gartentor und hopse, den Meeresgeruch in der Nase, bergab zum Strand, um nach ein paar Schritten übergangslos im Wiener Waldmüller-Park zu landen, vor einer vereinsamten Pagode gleich am Straßenrand, gegenüber einer zinnoberroten Ziegelmauer … als mir plötzlich auffällt, dass meine Feige weg ist und ich währenddessen keine Fliege und keinen Vogel bemerkt habe, keine Grille, keinen Käfer, weder Hund noch Eichhörnchen, nicht einmal einen Moskito. Ich blicke mich um, ich lausche, aber – vergebens. Alles tierische Leben ist verschwunden, scheint es. An diesem Punkt befällt mich Panik. Es fühlt sich, obwohl ich von da und dort menschliche Stimmen höre, geradezu gespenstisch an. Da torkelt ein Greis wie eine auf Fäden hängende Puppe auf mich zu, starrt versteinert und spricht, ohne zu sprechen, meine schlimmste Befürchtung aus: „Es gibt nur noch uns!“

Im Nachhinein neige ich dazu, den Stoff des Traums für kaum kindlich und recht abstrakt zu halten, doch das mag inhaltliche Nachdichtung sein oder ein Deutungsüberschuss. Jedenfalls bin ich damals jäh aufgewacht und auf unbestimmte Weise betroffen dagelegen, in Sorge darüber, dass wir Menschen uns in diese Richtung bewegen könnten, weiß Gott oder der Teufel warum. Immer noch erinnere ich mich, wie langsam nur die Enge in der Brust nachgelassen und wie lange es insgesamt gedauert hat, das Ziehen, die Beklemmung, der Schreck. Woher diese urige Angst des Augenblicks? Gottes Ebenbild ganz unter sich! Innerlich und für mich – eine Horrorvision, bis heute. Mit Sicherheit weiß ich noch, dass das Ganze ungefähr in die Zeit gefallen ist, als an der dalmatinischen Küste der Seeigel seltener und am Südpol das Ozonloch größer geworden ist. Eines habe ich in der Familie, das andere in der Schule erfahren. Und die österreichischen Grünen haben sich gerade gegründet, in Klagenfurt übrigens, wie ich unlängst nachgelesen habe.

Die Vorstellung nun, dass die Menschheit alles tilgt, ausnahmslos nämlich, ist unvorstellbar, gleich aus mehreren Gründen, von denen einer eindeutig ihr Ende wäre. Der phylogenetische Stammbaum, gelegentlich Baum des Lebens genannt, weist nicht allein auf die Allverwandtschaft aller Lebewesen hin, sondern auch auf deren gegenseitige Abhängigkeit, wobei zum Überleben bekanntlich die höheren Lebewesen von den niedrigeren mehr abhängen als umgekehrt. Mag die Kirche noch so sehr an ihrer „Krone der Schöpfung“ festhalten – sie irrt, auch wenn es womöglich gut gemeint gewesen ist. Ich selbst finde nicht minder, der Mensch sei das Höchste, Wertvollste und Schönste. Wiederum, wir alle müssen lernen, Wechselwirkungen denken zu können, Folgewirkungen, Zusammenhänge. Sonst wird es nicht besser.

Gleichzeitig drückt jene Albvorstellung meiner Kindheit, das Bildnis einer verstümmelten Mutter Natur ohne Getier, in ihrer Überzeichnung eine tatsächliche Tendenz aus, die als Anlage im Menschen enthalten ist. Wir töten ja Tiere, und ich sage das nicht, weil ich gerne Vegetarier wäre. Es ist kniffliger: Wir töten Pflanzen, Tiere, Menschen, Habitate, einfach alles. Der Tötungsdrang ist uns evolutionär eingeschrieben, aber kulturell nicht austariert, geschweige denn überwunden. Macht steht über Logik, die Gewalt der Gegebenheiten weiterhin über der Stimme des Verstands. Wir sind wirklich imstande, uns selbst auszulöschen, als Gattung ganz und gar, sei es durch Atomwaffen, sei es durch die Übersäuerung der Meere oder die Rodung der tropischen Lungenflügel der Erde. Trivial ist meist nur der Umgang damit. Doch darin hat die Angst meines sonderbaren Traums, bis zu seiner Bedeutung destilliert, ihren Anteil an der Wirklichkeit, welche noch weit sonderbarer sein muss, wenn sie solch eine Absurdität zulässt.

Schon der Begriff des Lebensraums vermittelt sprachlich, dass es sich eben um Raum handle, also um begrenztes Gut, wo gelebt wird und Leben möglich sein soll. Das Wort erklärt sich eigentlich von selbst. Das Konzept davon hinkt hingegen irgendwie hinterher. (Tief gefehlt, haben die Nazis es überhaupt gleich in eine Todeszone verwandelt …) Die Umweltzerstörung zeigt, zumindest neben der nicht-artgerechten Haltung der Menschheit, diesen unsäglichen Umstand an seiner natürlichen Grenze auf, wo Raum zum Leben über kurz oder lang wegfällt oder zur Falle wird, und auch dann, wenn sich hin und wieder die zerstörerische Kraft der Natur entfesselt, etwa in Form von Katastrophen bar unserer Kontrolle.

Vor dem Eintritt ins Gymnasium, und das ist seinerseits über dreißig Jahre her, bin ich thematisch erstmals dem Treibhauseffekt und der Polkappenschmelze über den Weg gelaufen. Ich weiß noch, was dies an kindlicher Erschütterung in mir ausgelöst hat. Der Anstieg des Meeresspiegels hat mich innig beschäftigt, allem voran als Schicksal der Welt, die ich kenne: Häuser, Straßen, Parks und Plätze – unter Wasser. Und die vielen Menschen? Eines Abends habe ich eine Drahtspule und Klebeband aus der Werkzeugkiste sowie Tassen und Trinkgläser aus der Küche mit ins Badezimmer genommen. Mein Meisterplan hat darin bestanden, ein Gerüst zu basteln, welches die Gläser nebeneinander halten würde, wenn ich sie, jeweils gefüllt mit Wasser, kopfüber aus der vollen Wanne hochhebe, bis zum Rand und nicht darüber, wodurch der Wasserspiegel wieder sinkt. Meiner hereingeplatzten, mitunter belustigten Frau Maman, die Teile ihres Geschirrs vermisst hat, habe ich daraufhin mit kolossalem Ernst aus der Badewanne heraus zu erklären versucht, dass wir auf dem offenen Meer riesige Wasserspeicher bauen könnten, um das Ärgste zu verhindern und Holland, wo die bunten Blumen herkommen, vor der Flutung zu retten. Was die Erderwärmung betrifft, bin ich völlig planlos gewesen, und das Ausnahmeklima, das ich niemals habe erleben wollen, gehört mittlerweile zur neuen Normalität wie das Bienensterben samt Dürren, Bränden, Plagen und weißen, touristischen Kunstschneestreifen auf grünen, schneelosen Alpengipfeln.

Mein Verständnis von Katastrophe, muss ich anmerken, ist alles andere als altgriechisch gewesen – das katastrophale Ereignis: nicht als entscheidender Wendepunkt in einem Drama, sondern als Schauder vor der Sinnlosigkeit so einer einseitigen Endlichkeit, vor dem unnötigen Verlust von gemeinsamem Lebensraum, vor der fehlenden Lebensbejahung als solcher. Schließlich kann es auch anders sein, habe ich mir als Kind gedacht. Zu meiner Verteidigung muss ich dazusagen, dass ich zu diesem Zeitpunkt meiner Entwicklung wenig geahnt habe von der Allmacht selbstverstärkender Idiotie in Politik und Ökonomie. Das Richtige würde sich schon durchsetzen, hat meine naive Hoffnung mir nahegelegt: Man müsste es den Politikern nur verraten und erzählen, es ihnen sagen. Ist das nicht süß? Das ökologische Bewusstsein ist seither gewachsen.

Die Menschen müssten „aufhören, nach den Maximen der Vergangenheit zu leben“, sagt Isaac Asimov 1971 in einem Essay über unseren sterbenden Planeten: „Sie haben im Verlaufe ihrer Geschichte einen Verhaltensstil entwickelt, der einer leeren Erde und einer kurzen Lebenserwartung angemessen ist. In einer solchen Welt war es geboten, viele Kinder zu haben, einen Zuwachs an Menschen und Macht anzustreben, in den endlosen Raum vorzudringen und sich für einen begrenzten Teil der Menschheit einzusetzen. All das kann heute nicht mehr gelten.“

Wenn ich jetzt die Plakate und Aussagen der jugendlichen Demonstranten betrachte, bemerke ich, dass der nächste Reifegrad längst erreicht ist und die Naivität meiner Tage sich in der Jugend verflüchtigt hat unter dem zynischen Gegenwind der Profiteure und Umweltsünder. Einerseits freut es mich, andererseits nicht, denn der fordernde Ton der Klima-Bewegung stellt nur insofern einen Fortschritt dar, als er der Verschärfung der Verhältnisse auch angepasst ist, wobei die Botschaft einer Severn Cullis-Suzuki vor dem Umweltgipfel in Rio 1992 der Ansprache einer Greta Thunberg vor den Vereinten Nationen 2019 im Grundtenor ähnelt. An der industriellen Nekrophilie des Kapitalismus hat sich nichts geändert. Der Umweltschutz ist insgesamt zu spießig, um die gesamte Produktionsweise, auf der unsere zukunftslose Existenz beruht, so infrage zu stellen, dass diese Idee auch zur materiellen Gewalt wird, die die notwendigen Veränderungen gegen den Willen der Mächtigen und schneller als nach institutioneller Fasson erzwingt.

Das Sinnvolle wird wohl scheitern, denke ich mir ruckartig, und der Massenselbstmord der Gattung siegen. Sobald es um Interessen geht, wird jede Lüge wahr. So sind wir leider: halb aufgeklärt in halbierter Aufklärung. Ich hebe meinen Kopf vom Blatt Papier vor mir und lege den Stift weg. Draußen ist es still und dunkel. Alle schlafen tief und fest. Auch ich werde mich niederlegen und hoffentlich in dieser Nacht nichts träumen.

 

K O M M E N T A R E

 

Kommentar von Maelle Robertson (For Forest)

Ein persönlicher Text in einem zeitlichen Loch

Mladen lässt uns hier wieder in seine tiefsten Gedanken blicken. In Erinnerungen seiner Kindheit, aber auch in Träume, also in Gedanken, die man selbst nicht so gut verstehen kann. Wir begleiten ihn auf dem Weg, ihre Bedeutung besser zu verstehen. Mladen nimmt eine eher pessimistische Position gegenüber der Klimawandel-Problematik ein. Er ist allein zu Hause, er schreibt in der Stille und „alle schlafen tief und fest“. Er scheint hier als einziger in der Lage zu sein, uns eine Aufklärung zu geben. Die Menschheit schläft und niemand sieht die Gefahren, die vor ihr stehen.
Es scheint zu spät zu sein, um gegen diese Gefahr zu handeln. Mladen sieht, dass es zwar Bewegungen zur Sensibilisierung zum Klimawandel gibt, aber das ist anscheinend noch nicht genug, um Politiker zu beeinflussen. Der Titel „Erinnerung an morgen“ spiegelt auch die Idee wider, dass der Menschheit wenig Hoffnung gelassen wird. Morgen liegt schon in der Vergangenheit, und was in der Vergangenheit liegt, kann man nicht mehr beeinflussen. Man kann aber seine Wahrnehmung sowie die Bedeutung der Vergangenheit noch ändern. Man kann seine Augen schließen und schlafen, als ob nichts gewesen wäre. Morgen sei vielleicht ein verlorener Kampf, aber man kann daraus lernen, um vielleicht übermorgen weniger fatal zu machen.
Diese Vermischung von den Zeiten weist auch auf unsere Unmöglichkeit hin, effizient in der Gegenwart zu handeln. Mladen lässt wenig Platz für das „Jetzt“ im Text, wir befinden uns in einem zeitlichen Loch. Dieses Loch (der Verlust der Zeit) materialisiert sich gewissermaßen in der Realität in der Form eines Ozonlochs. Je mehr es wächst, desto weniger Zeit haben wir übrig, um zu handeln.

Mit anderen Worten wird im Text der Menschheit die Möglichkeit zum Handeln genommen. Oder müssen wir uns nur bemühen, um sie zu ergreifen?


Die Blindheit der Vernunft

Das Loch im Ozon hat einen weiteren interessanten Aspekt. Wir verlieren immer schneller etwas Natürliches, das es lang vor uns gegeben hat. Mit der Zeit ist dieses Loch zwar etwas Messbares geworden, aber es bleibt etwas, das man nicht sehen kann, wenn man nur mit den Augen in den Himmel schaut. Genauso wie wir alle Tiere nicht sehen, die jetzt aussterben. Sie verschwinden aber trotzdem, und das Loch wird trotzdem größer.
Statistik und Wissenschaften beweisen stetig den schlechten Zustand unseres Planeten. Diese Zahlen, auch wenn sie danach streben, uns etwas Konkretes zu geben, bleiben aber für viele gewissermaßen abstrakt. Sie sind „nur“ Zahlen, also auch etwas, das man nicht konkret sieht und spürt. Man verliert den Bezug zu den Zahlen. Welchen Unterschied macht es für mich, ob 10 oder 20 Fußballfelder Wald pro Minute abgeholzt werden? Oder waren es doch 30?
Dahinter steht die Frage, ob Menschen die Fähigkeit haben, sich für Sachen einzusetzen, die sie nicht immer gut wahrnehmen können. Da unsere Wahrnehmungsmöglichkeiten der Welt limitiert sind (Bakterien, Wellen…), sind wir darauf angewiesen, anderen Werkzeugen sowie Zahlen und Fakten (mit anderen Worten Wissenschaft) zu vertrauen. Sie zu ignorieren ist nur eine bewusste Blindheit der Vernunft. Oder wie Mladen schreibt: „Macht steht über Logik“.

Wissenschaft und Religion

Es ist aber auch ironisch zu denken, dass es jetzt unzählige Beweise braucht, um uns zu überzeugen, dass die Erde sich schlecht entwickelt. Mladen macht regelmäßig religiöse Referenzen in seinem Text, und ich muss da an den Unterschied zwischen der Glaubwürdigkeit der Religion gegenüber der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft denken.
Es ist bekannt, dass Menschen ungern eine Lektion über ihr Handeln bekommen. Sie wollen nicht von der Wissenschaft hören, dass ihr eigenes Verhalten nicht umweltfreundlich ist und dadurch Konsequenzen für die ganze Menschheit haben könnte. Wir leben aber in einer Zeit, wo solche Sachen objektiv nachgewiesen werden können.

Gehen wir ein paar Jahrhunderte zurück. Damals wurde jede Naturkatastrophe, jede Dürre als die Rache Gottes wegen einer schlechten Handlung interpretiert. Diese Dinge haben zwar keinen direkt nachweisbaren Zusammenhang (mein alltägliches Handeln beeinflusst nicht, ob der Vulkan ausbrechen wird oder nicht), aber Leute haben daran geglaubt und dementsprechend ihr Verhalten adaptiert.
Wenn so etwas funktioniert hat, wieso kann man jetzt nicht sein Verhalten adaptieren für etwas, das deutlich nachweisbar ist? Wieso haben wir früher einer Jeanne d’Arc und ihren (subjektiven) Erscheinungen glauben können, aber nehmen jetzt eine Jane Goodall und ihre (objektiven) Fakten zur Abholzung des Regenwaldes nicht ernst?
Heute werden nachweisbare Fakten nicht ernst genommen oder nicht geglaubt, weil man denken möchte, dass es eine andere Möglichkeit gibt. Die Menschheit hat zum Glück immer wieder Dinge infrage gestellt, aber Klimawandel sollte nicht eine davon sein. Die Verbreitung von Fake News oder die Annahme, dass es verschiedene Wahrheiten geben kann, werden als Meinungsfreiheit missverstanden.

Man sagt, dass wir in einer Epoche der wissenschaftlichen Revolution leben. Wissenschaft bestimmt unser Leben und das, was wir Menschen werden (Bioengineering, Streben nach Unsterblichkeit) …
Wissenschaft ist wie zu einer Religion (zu einem Schöpfer?) geworden, die gewissermaßen mehr objektive Wahrheit mit sich bringt. Es wäre aber gefährlich, sich nur auf den möglichen Fortschritt der Wissenschaften zu verlassen, um Probleme zu lösen, die wir verursacht haben. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, den die Menschen sehr schwer gewinnen können.
Ein Überleben des Menschen ist untrennbar von dem Überleben unzähliger andere Spezies (wie Mladen mit der Erwähnung von dem Baum des Lebens gemeint hat). Aber auch ein paar Menschen, die reine Liebe für Biodiversität zeigen und dementsprechend ihr Handeln anpassen, sind nicht genug. Wenn diese natürliche Liebe der Schönheit, die die Erde zu bieten hat, uns nicht retten kann, dann vielleicht Egoismus. Der Mensch kann nur überleben, wenn andere Tierarten auch überleben. Ich muss also andere retten, um mich selbst retten zu können.
Diese etwas andere Art von Egoismus (oder opportunistisch Altruismus?) passt zu unserer menschlichen Natur und könnte Leute dazu animieren, die Umwelt zu schützen. In diesem Sinne, was früher eine Sünde in der Religion war, könnte jetzt zu einem Credo werden: Thou shalt be selfish.

 


Kommentar von Stefan Meisterle (For Forest)

Gedanken zum Text „Erinnerungen an morgen“ von Mladen Savic

Mladen Savic beschreibt in seinem Text, dass ihm seit der Kindheit die Zerstörung der Lebensräume, Lebewesen und letztlich der Menschheit bewusst ist. Mladen ist heute über 40 Jahre alt.
Wir alles kennen das Lied „5 Minuten vor 12“ von Udo Jürgens, welches nun schon vor 38 Jahren geschrieben wurde. In knapp fünf Minuten schildert der Kärntner Liedermacher die dramatische Situation, in der sich die Welt befindet. Seit 1982 hat das Lied nichts an seiner Aktualität eingebüßt.

Das Jahr des Waldes 1985
1985 veröffentlichen die Österreichische Post und die Deutsche Bundespost je eine Briefmarke zum Waldsterben. Diese Marken wurden also schon vor 35 Jahren geklebt, um auf das Sterben eines unmittelbaren Ökosystems hinzuweisen. Als begeisterter Philatelist, der ich in meiner Kindheit war, war dies mein erster Berührungspunkt zum Thema „Umweltzerstörung“.

         

1961 wurde der WWF gegründet. 59 Jahre wird unermüdlich darauf hingewiesen, dass die Lebensräume der Welt zerstört werden.

1949 wird in der Deutschen Verfassung das Grundgesetz, im Artikel 20 a, der Umweltschutz verankert und im Artikel 74 „der Schutz des Menschen und seiner natürlichen Umwelt“ gesetzlich eingefordert.

Was ich mit dieser unvollständigen, zufälligen Aufzählung zeigen möchte, ist der Umstand wie lange die Menschheit sich schon bewusst ist, dass wir unaufhörlich unseren Lebensraum zerstören. Wir wissen schon so lange, dass es höchste Zeit ist, etwas zu tun. Etwas verunsichert, ängstlich, aber auch voll Wut, stellt sich mir folgende Frage: Was wurde in den letzten 70 Jahren eigentlich getan? Welche zählbaren Ergebnisse in Sachen Umwelt- und Artenschutz haben wir vorzuweisen? Was sind die positiven Resultate? Und gleichzeitig stellt sich die Frage: Wie enorm und unwiederbringlich war die Zerstörung der Erde in den 70 Jahren?
Auch Mladen Savic ist diese Zerstörung bewusst und stellt fest, dass es viel zu spät ist, etwas gegen die Vernichtung unserer Umwelt und damit unserer Lebensräume zu tun.

Das Bewusstsein alleine, dass etwas getan werden muss, reicht augenscheinlich nicht aus, um etwas zu bewegen. Wir sehen im vollen Wissen zu, dass unsere Zeit auf diesem Planten immer schneller abläuft. Ja, der phylogenetische Stammbaum schlägt in der Menschheit vollkommen durch und anscheinend haben wir eine sehr nahe Verwandtschaft zu den Lemmingen. Mit Juhe und Sing und Sang steuern wir fröhlich dem Abgrund zu.
Wir sind nicht die Krönung der Schöpfung! Letztlich werden wir der Sargnagel der Schöpfung sein.

Passend zum Titel „Erinnerungen an morgen“ fällt auch mein Fazit aus:
4,5 Milliarden Jahre brennt die Sonne und sorgt dafür, dass auf unserem Planeten Leben entsteht. 5 Milliarden Jahre wird diese noch weiter leuchten. Man kann nur hoffen, dass nach der Menschheit, ein intelligenteres Lebewesen die Vorherrschaft der Erde übernehmen wird und letztlich das schwarze Kapitel der „Homo erectus“ überwinden wird. Für viele ein Horrorszenario, für mich ein gewisser, schmerzlicher Trost.

 


Kommentar von Gernot Waldner

Der Titel des Textes, „Erinnerungen an morgen“, verrät seinen Aufbau. Aus der eigenen Biographie schöpfend erinnert sich der Erzähler an mehrere Umweltinitiativen der Vergangenheit, denen es allen darum ging, eine ökologisch bessere Zukunft zu gestalten. Diese einzelnen Momente verdeutlichen auch heute noch unliebsame Aspekte des Umweltschutzes. Erstens operiert er mit einer, wie auch immer explizierten, Dystopie, die den Charakter eines Albtraums hat und die man als solchen auch nicht wahrhaben will – „Hysterie“ wird dafür entstaubt.
Zweitens thematisiert er das Problem der Proportion: das eigene Handeln wirkt angesichts des globalen Ausmaßes der Katastrophe wie das eines Kindes, das sich die Badewanne als Ozean imaginiert. „Warum sollte ich, sollten wir einen Unterschied machen?“
Drittens gelingt es dem Text, indem er aktuelle Forderungen historisch einbettet, die Frage nach Lektionen aufzuwerfen, die gegenwärtige Umweltorganisationen aus der Geschichte ihrer Vorgänger ziehen könnten.
Alle drei Aspekte sind für mich gute Hinweise darauf, wie aktuelle Bewegungen von vergangenen lernen könnten.

An manchen Stellen finde ich den Text nicht drastisch genug, etwa wenn gesagt wird: „Häuser, Straßen, Parks und Plätze – unter Wasser“. Gerade in die konkrete Ausdeutung dieser Szenarien ist in den letzten Jahren einiges an akademischer Energie geflossen.
Steigt die durchschnittliche Temperatur um drei Grad an, so würde das in Asien den Lebensraum von mehr als 100 Millionen Menschen zerstören, in Südamerika von fast 20 Millionen, in Nordamerika von rund 15 Millionen und in Europa von fast 10 Millionen. Welche politischen und gesellschaftlichen Folgen das hätte, kann man sich angesichts der Krise 2015, in denen „nur“ Hunderttausende von Menschen ihren Wohnort unverschuldet verloren haben, nicht vorstellen.
https://www.theguardian.com/cities/ng-interactive/2017/nov/03/three-degree-world-cities-drowned-global-warming

Der Ökonom und Philosoph Otto Neurath hat einmal dazu aufgerufen, die Wissenschaft der Utopistik zu gründen. Er erkannte das rigide, totalitäre oder auch „spießige“ Potential einzelner Utopien und forderte daher auf, immer mehrere Lösungen für bestehende Problem abzuwägen.
Anknüpfend an diese Wissenschaft der Utopistik könnte man einer Stelle der Diagnose des Textes widersprechen: „Der Umweltschutz ist insgesamt zu spießig, um die gesamte Produktionsweise, auf der unsere zukunftslose Existenz beruht, so infrage zu stellen, dass diese Idee auch zur materiellen Gewalt wird […]“ Wenn hier mit „spießig“ die Rückkehr zu einer einfallslosen Ordnung gemeint ist, so fallen mir hier mehrere Gegenbeispiele ein: Aus Pilzen werden inzwischen Möbel produziert, die eine höhere Festigkeit als Holz haben und als Fischfutter entsorgt werden könnten, in der Nahrungsmittelindustrie hätten Pilze und Insekten das Potential uns zu ernähren, „Leder“ kann man wachsen lassen, YouTube lädt hier ein, sich in das Potential ökologisch-kreativer Zerstörung einzusehen: https://www.youtube.com/watch?v=jBXGFOk5_Rs&t=12s

 


FOR FOREST-Serie in Kooperation mit dem Musil-Institut, Teil 3

Mladen Savić: Crusoe in Carinthia

Eine jede Stadt, sagt man gelegentlich, habe ihren Flair, ebenso wie die Menschen, die sie bewohnen und ausmachen, und es ist in der Tat schwer zu entscheiden, was schlimmer anmutet: der lokalpatriotische Stolz oder die Abwesenheit von Eigentümlichkeiten an Orten ohne besondere Note. Die besagte Besonderheit setzt sich zusammen aus unterschiedlichen Dingen, die da hineinwirken, aus Geschichtsspuren und Raumentwicklung, aus Baustilen und Gassenbreiten, aus Sprachkolorit und Kulinarik, aus Landschaft und Vegetation sowie, versteht sich, aus dem allgemeinen Umgang im Alltag. Einen Ort könne man erst wirklich kennenlernen, heißt es entsprechend, wenn man mitverfolgt, wie die Leute in ihrem gewohnten Tun und Treiben ticken, kurz, wie die Stadt atmet, leibt und lebt.

Nun, die sonderbare Lage, in die ich hineingeglitten bin, die Sondersituation gesamtstaatlicher Quarantäne wird mich wohl um diese bereichernde Erfahrung, nach der ich mich eigentlich gesehnt habe, ärmer machen, wie nicht anders zu erwarten, abgesehen davon, dass ich finde, Örtlichkeiten aller Art seien gewissermaßen schön, spannend und genehm, solange man dort nicht Miete zahlen und dazu seine Brötchen verdienen muss, also so lange, bis man eine Meldeadresse und Sozialversicherungsnummer erhält, um endgültig zur amtlichen Statistik zu werden. Die Bedingungen ändern sich dann, und alle Romantik verfliegt recht rasch. Der Tourismus hat, so gesehen, seine Tücken und kann nicht nur ökologisch und virologisch bedenklich, sondern auch psychologisch problematisch sein: als verzogenes Glas mit Verzerrungen für den prüfenden Blick.

Weil es außerhalb der Städte und weitgehend urbanisierten Dörfer, etwa in den Weiten der Berge und Wälder, wo die Natur ganz unsentimental über Lebensqualität und Überleben richtet, keinerlei Kulturgüter gibt, weder die geschützte Bleibe noch das Essen aus dem Lebensmittelladen, keine Kneipen, Kinos und Theater, auch keine Bibliotheken, Krankenhäuser und Schulen, kann man auch sonst nirgends hin außer auf den bekannten Asphalt, sodass ich mir in meinen düsteren Stunden, an meinem eigenen Zweifel kauend, zuweilen denke, die Stadt sei, Obiges einmal mitgedacht, bloß ein Sammellager ohne Zäune – wohin denn auch! Nicht dass ich jemals mit Rousseaus kopflosen Pferden losreiten wollen würde, doch dieser Trojanische Esel, unerkennbar nur für Trottel, hat die Hochkultur von innen fest im Griff.

Wenigstens die hiesige Trockenheit und die vielen sonnigen Tage über dem üblichen Monatsdurchschnitt, unlängst zwinkernd unterbrochen durch zwei skurrile Kärntner Schneetage, verschaffen mir, wenn ich denn die leidige Klimafrage und die Waldbrände ausblende, eine höllische Freude in der Einsamkeit, zu der ich derzeit gezwungen bin. Nach dem Aufwachen, sprich, zwei Bananen und drei Kaffees später, schnappe ich mir meistens die Gitarre und setze mich in den wilden Garten der For-Forest-Villa, um darin erfolglos mit den geradezu unermüdlichen Vögeln um die Wette zu singen. Musizieren ist für mich Medizin. In Augenblicken wie diesen, da ich mich auf mich zurückgeworfen fühle, was mich übrigens noch nie grundlegend gestört hat, stelle ich mir dennoch die Frage nach dem Wesen und Preis der Zweisamkeit gleich mehrmals. Das Alter kommt immer viel zu früh, und ich frage mich in der unfreiwilligen Isolation freilich, ob ich in fortgeschrittenen Lebensjahren jemanden an meiner Seite haben werde oder überhaupt will, der mir zwischendurch ein Glas Wasser reichen oder eben ein Drama bereiten kann. Askese ist an sich nicht mein Ding, dafür Gesinnungsgleichheit und körperliche Nähe – eine lohnende Verbindung in Idealität.

Von der lebenden Stadt selbst kenne ich unweit meiner Kemenate hauptsächlich den neonbeleuchteten Supermarkt, den derzeit lebendigsten Treffpunkt, in welchem ich mich immer wieder beim Versuch ertappe, ähnlich den vereinsamten Wiener Pensionären die Mitarbeiter in Gespräche zu verwickeln. Es wirkt auf mich selbst zum Teil befremdlich, aber im Nachhinein ist es auch irgendwie vergnüglich, was für Inhalte und Gespräche in zeitlich gedrängter Form gegebenenfalls aufbrechen – kleine menschliche Begegnungen, die passieren, wie Einleitungen zu weiteren Vertiefungen, die schließlich nie stattfinden werden. Vielleicht mache ich mir mit derlei Gedanken bloß Mut und suche nach dem Teufel, der einmal mehr meine Gefühlssaite anschlägt und mir etwas vom Guten im Menschen erzählt. Bereits beim Schreiben dieser Zeilen bereue ich, unter Umständen wie alle anderen Seelenstriptease betreibenden Corona-Tagebücher zu klingen. Das will ich nämlich gar nicht, aber es liegt letztlich nicht an mir, darüber zu urteilen. Geschriebene Worte sind nur die eine Hälfte vom Erlebnis.

Jedenfalls verbringe ich vor lauter Aufregung und Ausnahmezustand ungemein viel Zeit damit, zwanghaft Zeitungen zu lesen, wenn ich nicht gerade, sobald nur die Sonne herunterbrennt, am Fahrrad durch die Gegend düse und absurde Denkmäler und Skulpturen entdecke: vom Hain der volksdeutschen Landsmannschaften, wörtlich Blume der Heimat genannt, bis hin zur eisernen Ästhetik einer interessanten Soldatenskulptur mit Wehrmachthelm vor der Handelsakademie. Dabei ist mir schon aufgefallen, dass abseits der landschaftlichen Naturschönheiten – und ich muss zugeben, die in den Himmel ragenden Bergketten um die Stadt herum sind imposant – gerne auch von einer eingekochten Vergangenheit gesprochen wird, von Abwehrkampf ohne Erwähnung des Angriffskriegs zuvor, von Zusammenhalt gegen jemanden, von Freiheit ohne nähere Bestimmung, aber mit einer deutschnationalen Prise hin und wieder. Es ist kaum zu verbergen, sogar in einer ausgestorbenen Stadt wie jetzt.

Erwin Ringel hat, die lokale Sangesfreudigkeit lobend, einst gemeint, herauslesen zu können, dass die Kärntner Kinder auch laut sein dürfen, was angeblich zum Ausbruch aus der österreichischen Zwangsjacke führe, aus der Enge autoritärer Erziehung, in welcher seelisch von Kindheit an Stille herrschen muss und Eltern gefälligst ihre Ruhe haben wollen. Immerhin, der hiesige Menschenschlag sei freier, lauter, lebendiger, weniger im Unterdrücken der inneren Regungen verwurzelt und daher mehr in der lustvollen Durchdringung des Lebensraums. Ich kann ihm glauben oder nicht. Der Abgleich mit der Wirklichkeit bleibt mir als Vergleich verwehrt. Wie die Kärntner Seele nun beschaffen ist, werde ich ein andermal erfahren, wenn die Leute wieder die Öffentlichkeit erobern und ungehindert und ohne Erlaubnis von oben auf Wiesen und Parkbänken sitzen dürfen. Heimat heißt hier und heute, vorerst aus Österreich nicht legal ausreisen zu können …

Selbstverständlich könnte ich stattdessen über positivere Entwicklungen sinnieren und mich ein bisschen darüber freuen, dass die Umwelt sich im Stillstand der viralen Krise kurzfristig erholt, dass, zum Beispiel, durch den Wegfall des Smogs zum ersten Mal seit dreißig Jahren vom nordindischen Pathankot aus plötzlich das Himalaya-Gebirge aus der Ferne sichtbar wird. So sollen schon Delphine in den Kanälen Venedigs gesehen worden sein, doch soweit ich weiß, dringen die sogenannten großen Tümmler, wenn auch selten, höchstens zur Lagune vor. Und ich verstehe das breite Bedürfnis nach guten Nachrichten, Hoffnung und Trost in dieser misslichen Lage vollkommen. Indes, mich beschäftigt, da selbige mir nicht schmeckt, nun einmal weit mehr, ob die Flucht aus der strengen, städtischen Zivilisation als Möglichkeit übrigbleibt, denn brüchig ist sie längst geworden, und ob sich die Fichten in den Wäldern doch noch überzeugen ließen und immer noch Gämsen in den Lawinen finden würden.

 

 

Kommentar von Gernot Waldner

Abstrakt betrachtet beginnt der Text in aristotelischer Weise mit der Suche nach einem dritten Weg, indem er unterschiedliche Extreme zu vermeiden versucht: weder Lokalpatriotismus noch Non-Places (Marc Augé) bejahen, weder Staatsbürger noch Tourist sein. Diese Reflexion endet nicht aus gedanklicher Konsequenz, sondern abrupt mit einem klimatischen Standbild aus mit Gitarre begleiteter Einsamkeit, in die der Erzähler durch die derzeitige Situation „gezwungen“ wurde.

Gregory Bateson hat in einem seiner Aufsätze zwei Arten von Lernen unterschieden,

die beide diesen Übergang ausdeuten könnten. Beide Arten von Lernen ersetzen die gedanklichen Alternativen, mit denen man Erlebnisse versteht (Lokalpatriotismus – Non-Places) durch neue (Bürger und Tourist).

Während die erste Art von Lernen aber nur zwischen bekannten Alternativen wechselt, ist letztere ein radikalerer Wechsel des Systems von Alternativen, ein bewusster Bruch mit bewährten Interpretationen.

Letztere Art des Lernens ist nach Bateson sehr selten, hat in seiner Seltenheit häufig pathogene Tendenzen, gleicht religiösen Bekehrungen und Erlebnissen der Erweckung. Letztere Interpretation könnte auch dem Bischof von Kärnten mitgeteilt werden, sofern die Anspielungen auf Franz von Assisi mit den der Villa For Forest    benachbarten Schulschwestern vom Heiligen Franziskus abgestimmt werden.

 

Ein Absatz widmet sich Erwin Ringel, dem großen Individualpsychologen, der die österreichische Seele für heilbar hielt. Nur drei Absätze nach dem eigenen Gesang wird hier Hoffnung in die Sangesfreudigkeit der Kärntner Kinder gesetzt, deren Lautstärke die Stille der autoritären Erziehung aufbrechen könnte.

Ich denke, ich muss hier Ringel nicht widersprechen, wenn ich auf die Aspekte des Kärntnerliedes hinweise, die eher wenig zum Abbau der autoritären Einstellung  beitragen: musikalisch die Vorsänger-Stimme (nach einem weiteren „Nachbar“, Thomas Koschat), „der intellectuelle und actuelle Führer“ eines Vier- oder Fünfgesangs, die sozialen Folgen der Lieder, die, neben vielem anderen, die Verdrängung des Slowenischen zu einem psychischen Breitenphänomen machten, und die Inhalte der Texte wären hier auch auf ihre Wirkung hin zu analysieren. Ansonsten bliebe der Hinweis auf die Lautstärke ein isolierter Vergleich, wie der Umstand, dass Death Metal noch lauter ist oder dass auch Koschat im fünften Wiener Gemeindebezirk wohnte.

 

Der letzte Absatz des Textes kommt kurz auf ein medial sehr wirksames Motiv zu sprechen, „nature is healing“, liest man oft im Internet. Über diese „guten Nachrichten“, nach denen man sich sicherlich sehnt, wüsste ich gerne mehr. Zwei Thesen, die sich aus diesem Motiv ableiten lassen, wären die folgenden:

1) Wir sind der Virus. Wenn man uns wieder frei lässt, geht es der Natur wieder schlechter, deshalb freuen wir uns für die Natur, so lange wir mehr Zeit dafür haben, ihr weniger Schaden zuzufügen.

2) Wir sind schrecklich gesund. Ohne die rücksichtslose, landwirtschaftliche und industrielle Unterdrückung der Natur, wäre es nie zu diesem Leben gekommen, das wir alle als normal annehmen. Unserem schlechten Gewissen geht es daher besser in der neuen Unfreiheit.

Ich halte beide Thesen für falsch, wie sich der Autor@Musil zu ihnen positioniert, werden wir vielleicht im nächsten Beitrag erfahren.

 

 


FOR FOREST-Serie in Kooperation mit dem Musil-Institut, Teil 2

 

Mladen Savić: Ankunft

I bin a Weana Bazi, sprich, ich bin Wiener, mit allen mir missfallenden Eigenschaften und Stereotypen: im Tonfall teils weinerlich und auch ein bisschen unangenehm, kurz, einer vom „Wasserkopf“, wie man leicht verächtlich in den Bundesländern sagt, mitunter in Kärnten, seit Monarchiezeiten, schon ein Weilchen. Das sprachliche Bild vom geistig Behinderten ist keinesfalls Zufall, wenn man, anstatt dem Volk nur aufs Maul zu schauen, nuancierter hinhorcht und auf dessen Wortwahl hört: Die freilich fremde, ferne Hauptstadt nennt man immer noch einen Wasserkopf, während man in Wirklichkeit, bewusst oder unbewusst, die Kopflosigkeit des Machtzentrums meint, die zentralistische Blindheit für heimische Sorgen, die unausweichliche Fremdheit jeder Verwaltung, gepackt in einen brauchbaren Begriff. Dies ist die unausgesprochene Quintessenz jener Sprechweise und sei darum den lieben Leuten in der Provinz verziehen, denn die Wendung hat bestimmt ihre Gründe – sonst gäbe es sie vermutlich nicht. Sogar die Wiener selbst verwenden den Begriff „Bazi“ zur Selbsterklärung, und selbige bedeutet, bei allem Bedauern, nichts Anderes als Wichtigtuer, Angeber, Großmaul. So ist es auch.

Wie gesagt, ich komme aus der einstigen Kaiserstadt, einem politischen Operettenort stetig abnehmenden Glanzes, aus dem nunmehr nur mehr blass roten Wien, übrigens meinem persönlichen Moloch, den ich wegen seiner polizeilichen Alltagsmentalität, seines gängigen Grants und seiner ebenso ungemütlichen wie stolz gepflegten Übellaunigkeit nicht durchwegs schätzen kann – aus einer geschichtlich reichen und seelisch doch verarmten Stadt demnach, deren erstes und letztes Opfer, lapidar gesprochen, die Lust und Lebensfreude sind. I sog a so, wie es in Kärnten heißt, das behaupte ich einmal, frei weg von der Leber. Die Bundesgeisterhauptstadt Wien … Ihre angebliche Gemütlichkeit, zweifellos ein Ruf, viel rosiger als die Realität, hat bereits Hermann Bahr in Abrede gestellt durch die treffende Bemerkung: „Man lebt in halber Poesie, gefährlich für die ganze.“ Nun bin ich ja in Klagenfurt angekommen, in Celovec, wie der ursprünglich slawische Name lautet, umringt von markanten Bergen mit Schneespitzen und allerlei pittoresken Seen. Und es gibt Unmengen an Wald, allem voran Fichtenforste, wie ich mir habe sagen lassen. Dass der Stadtname, eigentlich eine deutsche Lehnübersetzung, sich aus dem slowenischen „Cviljovec“ ableite, was Ort der Klagen heißt, hat entweder mit Jahrhunderten feudaler Germanisierung zu tun, wie auch anzunehmen ist, oder mit einem sprachlichen Streich der Geschichte, der von da nach dort seine eigenen etymologischen Wanderungen unternimmt.

Die Passanten jedenfalls lächeln hier öfter, ungezwungener und insgesamt mehr. Zumindest blicken sie nicht großstädtisch-atomisiert drein, als wäre ein jeder Vorbeispazierende ihr Feind schlechthin. Das gefällt mir, versteht sich. Vielleicht verbirgt meine Einschätzung sich in der Natur der Dinge, aber so genau will ich das Ganze gar nicht beurteilen. Der Süden liegt in jeder Hinsicht näher als in Wien, nicht nur botanisch, sondern auch lebensweltlich, wenngleich dort daheim „hinterm Ring“ der Balkan oder überhaupt, in Metternichs klassistischem Obrigkeitsjargon, gleich Asien beginnen würde. Irgendwie, und es hat gewiss auch mit dem Ortswechsel zu tun, atme ich freier seit meiner Ankunft – trotz Ausnahmezustand und Staatsquarantäne. Als Schriftsteller, in meinem Fall ein Euphemismus für Stubenhocker, bin ich das Sitzen im trauten Heim größtenteils gewohnt, wobei ich für gewöhnlich nicht die Virusepidemien aussitze, sondern lähmende Phasen einer lavierten Depression. Aber das macht nichts, um ehrlich zu sein, schließlich ist der depressive Grundtenor bewiesenermaßen der Preis für ein realistischeres Weltbild – und ein recht kleiner Preis obendrein, viel kleiner als bei dem vom Göttertrunk naschenden Narren, den so mancher Poet zeitweise um seine Inspiration beneiden könnte.

 

Langer Rede kurzer Sinn, ich fühle mich in meiner neuen Bleibe beileibe wohl. Sogar die Sonnenstrahlen wirken auf mich sonniger und das morgendliche Vogelgezwitscher im verwunschenen Garten hinter dem Gebäude klangvoller, deutlicher und sowieso überwältigend. Manchmal kommt mir vor, als hätte ich es über die Jahre, Rückschläge und Gebrechen verlernt, mich nervlich zu sammeln und ab und zu einzuhalten, um den Singvögeln zu lauschen und mich an ihrer Tonpracht zu ergötzen, unversiegbar wie sie ist. Da denke ich mir dann, das vollends urbane Milieu stelle in seiner Zubetonierung eine in hartes Grau gegossene Irrung dar, einen Holzweg ohne Holz, ein dumpfes Dasein ohne Baum und Strauch, ohne Blätterrascheln, Ästeknarren, Tierlaut oder natürlichen Klang: eine Art geometrischer, grau melierter Wüste, welche sich als zivilisatorische Ordnung gebärdet. Getrübter Sinne, man bedenke doch bloß, bleibt einem Stadtkind wenig übrig, als diese mit starken Reizen nachzuwürzen, meinetwegen, mit künstlichen aus der Unterhaltungsindustrie. Dahingehend funktioniert die digitale Revolution ja. Indes, ich habe vorerst genügend Zeit, um mir die Pflänzchen und Gebüsche nebenan einmal einzeln anzusehen. Wenn man sich Beobachtungen widmet, finde ich, entdeckt man immer etwas, und es ist meistens eine lohnende Erfahrung. Mein täglicher Blick aus dem Fenster ist wuchernde, halbwilde Natur – der reinste Luxus gewissermaßen.

Ein irischer Jugendfreund und krasser Kulturfeind hat mir beizeiten einmal gesagt, warum er die Commonwealth-Kultur unterm Strich nicht mag, nämlich, weil er allein schon aus ästhetischen Erwägungen heraus den englischen Brauch hasse, eine bunte Blumenwiese prompt niederzumähen, um hernach eine einzige Blumensorte einfarbig im Quadrat einzupflanzen. Obwohl ich das Kultivieren der Erde gänzlich anders deute als er, denn Blumenbeete sind weder vorab hässlich noch eine sonderlich britannische Spezialität, hat mich seine national paranoische, aber pointierte Aussage seither nicht mehr völlig losgelassen. Ihr kritischer Kerngedanke hat sich in mir eingenistet. Worte gleichen unsichtbaren Widerhaken, die sich wie Flunkenanker gedanklich in die Seele graben. Auch den Wald, in welchen ich – was weiß ich, warum! – nahezu nie gehe, liebe ich. Ein Stück Natur im unmittelbaren Lebensraum und um ihn herum bedeutet auf Dauer so einiges für die geistige Gesundheit, das innere Wohlbefinden, den gesamten menschlichen Wahrnehmungsapparat. Darum besitzen Villenviertel in der Regel viel Grün, viele Gärten und freie Räume, im Gegensatz zu den modernen Betonzinshäusern, den Arbeiterlegebatterien ohne blumige Flächen, saftige Wiesen und schattenspendende Baumkronen. Margareten, das Grätzl, wo ich aufgewachsen bin, und der einzige Wiener Innenbezirk, der nicht an den Ersten grenzt, wo das betuchte Moralgesindel weilt, kann als billige Betonwüste ein Liedchen davon singen. Weg aus Wien, wie froh ich darüber bin!

Sicherlich wäre es leichter, statt einer Beschreibung in kunstvollen Worten einfach eine Fotografie hinzustellen, ins Netz oder auf eine Buchseite, um einen wirklichkeitsgetreuen Eindruck davon zu vermitteln, was mich an diesem neuen Örtchen umgibt. Ich selbst, aufgewachsen mit Fernseher und Mauern vor der Nase, Städter durch und durch, habe zeitlebens beim Lesen von Romanen immer nur darauf gewartet, dass die allzu literarischen Landschaftsbeschreibungen, bitte, endlich aufhören, spätestens auf der nächsten Seite … Ob es an meiner mangelnden Vorstellungskraft oder meiner Ungeduld gelegen ist, weiß ich nicht. Hingegen, auch eine lautere, bildkräftige Umschreibung in naturalistischer Perfektion würde ihrerseits nur ein Stimmungsbild liefern, getunkt in des Schriftstellers subjektive Feder. So auch hier und jetzt: Die Lage meiner von „For Forest“ zur Verfügung gestellten Wohnung ist in jeder Hinsicht zentral, sodass ich zu Fuß in Minutennähe entfernt von der Innenstadt und dem Bahnhof residiere – und allen anderen Kammern, Ämtern und Kasernen, die sich ebenfalls in Reichweite befinden. Residenz trifft es begrifflich am besten. Die Wohnung ist geräumig, mit riesigen Flügelfenstern und Parkettböden ausgestattet, die Räume sind asymmetrisch, praktisch angelegt und insgesamt sehr hell. Anders als in meiner Wiener Wohnzelle, kann ich mehr als die mir bekannten zwei, drei Schritte in einer Richtung gehen, ohne sofort anzustoßen, und der Selbstbedienungsladen liegt zum Glück in Sichtweite.

Die Zufahrt vors Haus ist nicht hürdenlos gewesen. Am Viktringer Ring muss man mit dem Automobil ein Stückchen weiter fahren, ehe man einbiegen kann, und muss dann, was die Hürde wiederum läppisch erscheinen lässt, ungefähr hundert Meter zurück rollen. Das grüne, eiserne Tor öffnet per Fernbedienung und Automatik, und zwar langsam wie in einem Spielfilm, als würde die bedeutsame nächste Szene damit angekündigt werden. Der Fahrweg nimmt gleich daneben, vor einem slowenisch-katholischen Nonnenwohnheim ein Ende; von dort geht es nicht mehr weiter. Rechts des besagten filmischen Tors erhebt sich die For-Forest-Villa, in sich ruhend wie ein Sommerwohnsitz verarmten Landadels, ein erst auf den zweiten Blick prachtvolles Landhaus samt sympathischem Wildgarten, groß genug zum Ballspielen, und einem sich selbst überlassenen Miniaturacker. Das Hauptgebäude, unter Umständen französischer Klassizismus, zweifellos aber provenzalisch in der Bauart, ragt selbstbewusst, aber unaufdringlich vor der Zufahrt in die Höhe und wird von einem nach allen vier Seiten hin abfallenden Dach friedlich zusammengehalten. Ein paar Schritte weiter noch entlang eines asphaltierten Wegs sind es bis zum einstigen Dienstbotenhäuschen, wie ich annehme, einem kleineren Gebäude gleicher, untertriebener Schlichtheit, das über drei Wohneinheiten verfügt, eine unten und zwei oben, über geräumige Zimmer, wie gesagt, und gönnerhaft große Fenster.

Schnell habe ich es mir einigermaßen kommod eingerichtet: ein süßes Detail hier, ein anderes Detail da, meine Lieblingsschirmlampe aufgestellt, Kuscheldecke aufs Bett, ein paar Jugendstil-Bilder auf die Wände, Küchenzeile eingerichtet, Geschirr eingeräumt, Regale aufgebaut, sogar den passenden Platz für meine Palme gefunden. Nach nur wenigen Tagen genüsslichen Kochens, entspannten Lesens und Flanierens, fröhlicher Begegnungen und erfrischender, intellektueller Bekanntschaften jedoch – der völlige Stillstand nahezu allen gesellschaftlichen Lebens. Scheiß Corona! Die Universitäten, die Schulen, die Kaffeehäuser, Restaurants und sonstigen Geschäfte schließen mehr oder minder über Nacht. Die staatlich verordnete soziale Isolation, situativer Wunschtraum aller seelischen Blockwarte, die mittlerweile im Namen einer übergeordneten Vernunft nach noch mehr Strenge rufen, bricht herein mit der Wucht einer Naturgewalt. Plötzlich fühle ich mich gestrandet, aber auch zum ersten Mal seit Jahren wirklich ausgeschlafen.

Das Einzige, das mir in einer solchen Lage bleibt, abgesehen von „Stay-the-fuck-home“-Botschaften aus dem Internet, telefonischen Lamentos aus dem engeren Freundeskreis und der als solidarisch empfundenen Blitzfaschisierung der Gesellschaft aus den Nachrichten, ist die von alledem weitgehend unberührte Naturschönheit, die es für mich noch zu entdecken gilt. Unter Umständen ist Unberührtheit, wenn ich es mir genauer überlege, der falsche Ausdruck, denn die Natur erholt sich mit jedem Tag, da die Wirtschaft sie nicht vergewaltigt, mehr und mehr. Der Markt betrachtet allen Ernstes nämlich die Erde, aus der wir Wasser holen, Öl pumpen, Erze graben und Nahrung ziehen, als Endlosressource, doch wir alle wissen, es stimmt nicht.

Als ich unlängst mit dem Fahrrad bis zum Vrbsko Jezero, dem Wörthersee, gefahren bin, habe ich links des Badestrands und seiner längst geräumten Kais eine meditative Nische entdeckt: eine verborgene Kleinbucht mit rustikalem Holzbänkchen, ins Wasser hängenden Bäumen und Zweigen, Wurzelwerk auf Schritt und Tritt und lauter Schilf entlang des Ufers. Da fängt, wie ich auf einer Tafel gelesen habe, das Europa-Schutzgebiet Lendspitz-Maiernigg an, Zufluchtsort für eine Unzahl heimischer Arten, von Pfeifengraswiesen über bauchige Windelschnecken bis zu Tüpfelsumpfhühnern. Dort in der verschlagenen Bucht habe ich mich hingesetzt und seit Langem wieder einmal gezeichnet, was sich so selbstlos üppig, wie nur die Natur sein kann, meinem Auge dargeboten hat.

 

Kommentar von Gernot Waldner

1) Der Text beginnt damit, dass sich der Erzähler / Sprecher als Wiener deklariert. Den restlichen Text verbringt er damit, die negativen Behauptungen über Wien (und damit auch über ihn als Wiener) nicht zu erfüllen: der Text ist schön geschrieben und liest sich gut, obwohl man zu Beginn vor seinem Verfasser gewarnt wurde. Zwei gegensätzliche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus:

– Niemand weiß, wie Wien eigentlich ist und Wiener gibt es vielleicht gar nicht, aber die Aufrechterhaltung des Glaubens daran, hat etwas fröhlich-tröstliches für die Provinz, wie ein graues Schauermärchen, das einem nie träumen wird müssen;

– Kärnten hat den Verfasser dermaßen verändert, dass er plötzlich solche Texte schreibt. Welche Texte er davor schrieb – in Wien! – sollte unbedingt durch den Erwerb seiner Bücher überprüft werden, um die Größe dieses Projekts in Ansätzen zu begreifen.

 

2) Der Text besticht durchgehend dadurch, dass er charmant ist, man über alle Phänomene irgendwie mehr erfährt, als über sie gesagt werden kann. Hannah Arendt definiert „Charme“ so, dass er in einer kapitalistischen Welt das ist, was über das vertraglich Vereinbarte hinausgeht. Charme ist, in unser Vokabular gefasst, eine Form von Trinkgeld, mit der man nicht gerechnet hat. Inhaltlich spiegelt sich dieser Charme im Text auf zwei Ebenen:

– die Ankunft des Autors ist die neue Zugabe für die Villa For Forest, sozusagen ein charmanter Vorgang, mit dem so nicht zu rechnen war;

– Mehrere Stellen machen deutlich, dass Literatur / Essayistik oft darin besteht, nur eine Zugabe zu sein, da ihr grundlegende Verträge fehlen, die sie zu mehr als einem Überschuss machen könnten; Ob das nur zum Nachteil der Literatur ist, weiß ich nicht, aber die besagte Ambivalenz scheint wichtig zu sein.

 

3) Das Verhältnis zur Natur deckt bisher, abgesehen von marxistischen Einwürfen, die Romantik und die Naturforschung des 19. Jahrhunderts: man liebt den Wald, man war fast noch nie dort. Man kann Pflanzen und Vögel beim Namen nennen. Wie literarische Romantik und klassifizierende Naturforschung enden, ist historisch bekannt, ob sich das Verhältnis zur Natur in den folgenden Texten des author@musil noch mehr der Gegenwart nähert, werden wir lesen.

 

 


FOR FOREST-Serie in Kooperation mit dem Musil-Institut, Teil 1: