25.06.: OPEN AIR Lesung & Musik mit Mladen Savić

OPEN AIR

LESUNG & MUSIK

mit
author@musil: Mladen Savić

Musik von Richard Klammer, Manfred Plessl und Martin Sadounik

 

Donnerstag, 25.06. 2020

18.00 Uhr

Villa FOR FOREST

Viktringer Ring 21

Eintritt frei – Spenden erlaubt*

 

Nach einer kurzen Buchpräsentation des im März 2020 erschienen Essay-Bands „Narrenschiff auf großer Fahrt“, moderiert von Walter Fanta, und anschließender Podiumsdiskussion findet eine öffentliche Lesung statt, in der unter der Moderation von Gernot Waldner Mladen Savićs Klagenfurter For-Forest-Texte vorgestellt werden,
gefolgt von einem ansprechenden Live-Konzert der Musiker Richard Klammer, Manfred Plessl und Martin Sadounik.

Begrüßungsworte: Anke Bosse, Leiterin Robert-Musil-Institut / Kärntner Literaturarchiv

 

 

Eine gemeinsame Veranstaltung von:

  • Robert-Musil-Institut / Kärntner Literaturarchiv
  • For Forest GmbH
  • Verein Innenhofkultur
  • Drava-Verlag

 

 

Wir freuen uns über Ihr und euer Interesse!

 

*Das Geld für die Spendebox wird an Wildnis Dürrenstein für ihr Projekt „Haus der Wildnis“ gehen. Das Wildnisgebiet Dürrenstein ist das einzige Wildnisgebiet Österreichs und wurde 2017 von der UNESCO zur ersten Weltnaturerbe Österreichs erklärt. Sie fokussieren auf die Sensibilisierung zum Thema Wald und sein Ökosystem.

Miriam H. Auer: Violent Dancing – Lesung der Autorin

Literatur in CORONA-Zeiten
Miriam H. Auer: Violent Dancing

 

Miriam H. Auer liest aus ihrem Roman „Violent Dancing“, der im Januar 2020 als vierzehnter Band der EDITION MEERAUGE im Verlag Heyn erschienen ist.
Am 04.06.2020 hätte sie den Text im Robert-Musil-Institut vorgestellt.

Da die Präsentation des Buchs aufgrund der Corona-Maßnahmen für Veranstaltungen abgesagt werden musste, hat Miriam H. Auer einige Ausschnitte daraus eingelesen.

 

 

»Wirbellose haben unzählige Methoden entwickelt, um sich zu schützen. Rückgratlose auch.«

Menschen, die man allzu leicht übersieht, Tiere vor dem Aussterben, Puppen aus allerlei Weggeworfenem: Auf kunstvoll gebauten Schachteltheaterbühnen lässt Miriam H. Auer die Geschöpfe um ihr Leben tanzen.

Zwischen Gegenwartskritik und Empowerment, Heavy Metal und Tandava, Tang-Poesie und Schopenhauer, sozialem Realismus und Kammerspiel, Schatten-theater und frühem Animationsfilm …

In den Hauptrollen von Violent Dancing tanzen:
Ling aus dem Club Venus Wonnen, die biegsam genug ist, um für ihre Freier in Koffer zu kriechen, und nach einem Unfall das Zimmer 6 des Pflegeheims bezieht.
Rita/Lita mit der Old-Hollywood-Figur, die Ling nicht immer wohlgesonnen war und ihr dennoch nicht von der Seite weicht – vielleicht, weil sie sich in den Fäden der Erinnerung verstrickt hat.
Jens, der mit LKW Elke zwischen Wien und Reggio di Calabria Kunst transportiert, in Dragmars Dragonbaby-Den feiern geht, Zebras liebt und Ling lieber etwas vorspielt als sie aufzugeben.

 


Miriam H. Auer, geboren 1983 in Friesach, Studium der Anglistik und Germanistik, 2015 Promotion zum Thema Poetry in Motion and Emotion, lebt als freie Schriftstellerin und externe Lehrbeauftragte am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Alpen-Adria-Universität in Kärnten und in der Steiermark.

Als Autorin trat Miriam Auer erstmals 2012 in Erscheinung und fiel prompt mit zahlreichen Auszeichnungen bei kleineren Literaturwettbewerben auf. Ihr Buchdebüt Hinter der Zeit. Umnachtungsnovelle (Edition Meerauge 2014) erregte dann größere Aufmerksamkeit: 2015 erhielt die Schriftstellerin den Förderpreis für Literatur des Landes Kärnten, 2016 wurde das Buch auf die Shortlist für den Literaturpreis ALPHA der Casinos Austria gewählt.

Neben Prosa schreibt Auer auch Lyrik, Lesedramen und Songs. Zahlreiche Texte sind in Anthologien, Zeitschriften und Online-Magazinen veröffentlicht, darunter Zebraritäten, in: Aber sicher! Die besten Texte aus dem Ö1-Literaturwettbewerb, Braumüller 2017; 6 Gedichte, ausgezogen, in: Freie Räume, Anthologie zum Wiener Werkstattpreis 2017, Edition FZA; Bärte im Glas 1 – Cruz, in: Lichtungen 151/38. Jg., 2017; Wegen Wes, in: entwürfe Nr. 82, Zürich 2016; Travestie der Einsamen, in: Triëdere Sonderheft alternativlos: flüchtling, Wien 2016; Der Feberkaul, in: tanz.zwischen.welten. Anthologie zum Wiener Werkstattpreis 2015, Peter Schaden (Hg.), Edition FZA, Wien 2015; SEELENGARTELN oder Wurmlöcher im Hortus Animae, in: Mein Garten, Gabi Russwurm-Biró (Hg.), Drava, Klagenfurt/Celovec 2015; Opal crocodile, Text für eine Performance mit Sabinna (Sabina Rachimova), in: Writing Fashion, International Fashion Showcase 2015, London Fashion Week, Another Austria, www.anotheraustria.com

Miriam H. Auer ist Mitglied der IG Autorinnen Autoren und des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes.

 

Harald Schwinger: Das Melonenfeld – Lesung

Literatur in Corona-Zeiten
Harald Schwinger: „Das Melonenfeld“

 

Text und Textauswahl: Harald Schwinger
Stimme: Heinrich Baumgartner
Filmbearbeitung: Siegfried Ortner
Sounds: Hörspielbox

 

Der Roman „Das Melonenfeld“ ist im März 2020 als fünfzehnter Band der EDITION MEERAUGE im Verlag Heyn erschienen.
Die für 02.04.2020 geplante Buchpräsentation im Robert-Musil-Institut musste aufgrund der Corona-Maßnahmen für Veranstaltungen abgesagt werden.

 

 

Ketil ist als Gerichtsvollzieher zuständig für Delogierungen in Manhattan, einem Hochhauskomplex, wo sich die Armut festgebissen hat. Mit dem Job kommt er bestens zurecht, sollte er Mitgefühl für seine Klienten empfinden, kann er das gut verbergen.
Sorgen bereitet ihm vielmehr die eigene Familie: Ehefrau Margot scheint depressiv, zunehmend verwirrt und davon überzeugt, dass in Tochter Metti das Böse schlummert. Tatsächlich ist die 16-Jährige rebellisch und abweisend – aber gefährlich?
Um die Dinge wieder ins Reine zu bringen, unternimmt Ketil mit ihr eine Reise, ausgerechnet auf die Insel, auf der er als junger Soldat im Friedenseinsatz stationiert war.

Harald Schwinger: Das Melonenfeld (Roman)

Edition MEERAUGE
Verlag Heyn, Februar 2020
139 Seiten
ISBN: 978-3-7084-0630-5

 


Buchbesprechung in der KLEINEN ZEITUNG von Marianne Fischer
04. April 2020

Von Macht, Machtmissbrauch und verdrängten Erinnerungen

Harald Schwinger erzählt von einem Gerichtsvollzieher, dem die Familie entgleitet. Packend und bitterböse.

 

„Ein Frosch springt nur an eine bestimmte Stelle, wenn die Chance besteht, dort auch eine Fliege zu fangen. Unser Leben liegt also in der Zukunft, nicht in der Vergangenheit.“ Das hat ihr Ketil erklärt. Aber was tun, wenn verdrängte Erinnerungen wieder an die Oberfläche kommen? Wenn nichts zurückbleibt außer „verbrannter Erde, Asche, Schmerz und Erinnerung“?
Margot glaubt als Archäologin, dass das Jetzt sich aus der Vergangenheit erklärt. Aber nichts fürchtet ihr Mann Ketil mehr als diese Ausgrabungen, hat er doch ein schreckliches Geheimnis zu verbergen.

Harald Schwinger erzählt in seinem neuen Roman „Das Melonenfeld“ von Macht und Machtmissbrauch, von Verwundung und Verdrängung. Ketil ist als Gerichtsvollzieher zuständig für Delogierungen in Manhattan, einem Wohnblock, in dem vor allem sozial Schwächere wohnen. Seine Macht nutzt er gerne für seine eigenen Zwecke: „Manhattan gehört mir, die Menschen, die hier wohnen, gehören mir.“ Nur seine Familie hat er nicht unter Kontrolle: Nicht nur seine Frau Margot macht ihm zunehmend Sorgen, weil sie glaubt, dass in der 16-jährigen Tochter das Böse schlummert. Auch Metti selbst ist rebellisch und schon mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Deshalb beschließt Ketil, mit seiner Tochetr nach Zypern zu reisen, wo er einst als junger Soldat im Rahmen einer Friedensmission stationiert war und ein traumatisches Erlebnis hatte. Doch beim Versuch, mithilfe der Wahrheit die Dinge wieder ins Lot zu bringen, entgleitet sie ihm immer mehr.

Schon im Roman „Die Farbe des Schmerzes“ beschäftigte sich der Villacher Autor, der auch für die Kleine Zeitung schreibt, mit den Folgen von Verdrängen, Totschweigen und der Frage: Wann werden aus Opfern Täter? Manchmal werden die Sünden über Generationen hinweg weitervererbt – in diesem Fall packend und schonungslos erzählt bis zur bitterbösen Abrechnung.

 


Harald Schwinger, geboren 1964, Studium der Anglistik, Amerikanistik und Medienkommunikation, lebt als freischaffender Journalist und Autor von Prosa, Lyrik und dramatischen Texten in Wernberg bei Villach/Österreich. Für seine literarische Arbeit erhielt Harald Schwinger zahlreiche Anerkennungen, darunter der Literaturpreis des Club Carinthia (2000), der Förderpreis des Carl-Mayer-Drehbuchwettbewerbs der Diagonale/Stadt Graz (2004, gemeinsam mit Simone Schönett), der Preis des Kärntner Schriftstellerverbandes (2012), der zweite Platz beim Kärntner Lyrikwettbewerb der STW Klagenfurt Gruppe (2014), der Kärntner Jugendbuchpreis (2018) sowie verschiedene Stipendien.

Harald Schwinger ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung und Mitbegründer des Kunstkollektivs WORT-WERK (www.wort-werk.at), das u. a. die „Nacht der schlechten Texte“, ein Wettbewerb für experimentelle Formen von Literatur, veranstaltet.
Veröffentlichungen (u.a.): „Das dritte Moor“ (2006), „Zuggeflüster“ (Erzählungen, 2011), „Zala. Drama in sieben Bildern / Drama v sedmih slikah“ (gemeinsam mit Simone Schönett, 2011), „Die Farbe des Schmerzes“ (2013), „Mirós Mädchen“ (Erzählungen, 2016), „Held“ (Jugendroman, 2018).

 

FOTO Harald Schwinger: Siegfried Ortner

Paul Auer: FALLEN – Lesung des Autors

Am 28.04.2020 hätte Paul AUER in einer gemeinsamen Lesungsveranstaltung mit Norbert Kröll (Wer wir wären, Edition Atelier 2020) seinen soeben erschienenen Roman Fallen (Septime Verlag, 2020) im Robert-Musil-Institut vorgestellt.
Da die Buchpräsentation, wie alle weiteren Veranstaltungen bis 30. Juni, abgesagt werden musste, hat Paul Auer den Prolog und die Kapitel 1 und 2 aus seinem neuen Roman für das Musil-Institut eingelesen.

 

 

 

 

Im Leben des Mittzwanzigers Christian passieren seltsame Dinge. Seine neue Nachbarin hat rote Augen und beherbergt zwei geheimnisvolle Flüchtlinge. Immer öfter träumt er davon, wie die Geschichte Jesu nach der Kreuzigung weitergegangen sein mochte und spinnt sich in eine Sage über den Teufel ein, die seine Familie seit Generationen in Atem hält. Ein ominöses Foto bringt ihn und seinen Freund Stefan dann auf die Spur einer Verschwörung. Hatte Christian sich nicht längst mit seinem unspektakulären melancholischen Alltag arrangiert? Umso verstörender, welch unerbittlichen Sog die Fiktion ausübt, wie sie nach und nach die behagliche Normalität auslöscht. Bald wird ihm klar, dass er seinen ganzen Heldenmut zusammennehmen, die Grenzen seiner Wahrnehmung sprengen und sich seinen schlimmsten Ängsten aussetzen muss. Ist er in dem Spiel das Opfer oder ist er der Täter? Ist er wirklich der, für den er sich hält?

„Was habe ich von meinem Vater gewusst, was kann man überhaupt wissen? Niemand hat irgendwas gewusst. Ich weiß überhaupt nichts. Es gibt nur Hoffen, Fürchten, Glauben, und das ist das Schlimmste.“

Können wir die Bedingungen unseres Schicksals verstehen, und wie weit würden wir gehen, um herauszufinden, wer wir sind?
Ein märchenhafter Roman über die Wirkmacht von Mythen, Träumen und Traumata, über Identität, Entfremdung und die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies. Vor allem aber erzählt „Fallen“ von einer großen Freundschaft, einer Liebe, die jede Grenze, selbst die des Todes, überwindet.

 

Paul Auer: FALLEN (Roman)
Septime Verlag, Februar 2020
240 Seiten
ISBN: 978-3-902711-88-5

 


Paul Auer, geboren in Villach, studierte Kultur- und Sozialanthropologie in Wien. Nach zahlreichen Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften erfolgte 2017 sein Romandebüt „Kärntner Ecke Ring“ (Septime). Er lebt als freier Schriftsteller in Wien und Millstatt.

Norbert Kröll: No SARS on Mars – ESSAY

Am 28.04.2020 hätte Norbert KRÖLL in einer gemeinsamen Lesungsveranstaltung mit Paul AUER (Fallen, Septime Verlag 2020) seinen soeben erschienenen Roman Wer wir wären (Edition Atelier, 2020) im Robert-Musil-Institut vorgestellt.
Da die Buchpräsentation, wie alle weiteren Veranstaltungen bis 30. Juni, abgesagt werden musste, hat Norbert Kröll einen Essay für das Musil-Institut verfasst, den wir hier erstmals veröffentlichen dürfen.

 

No SARS on Mars

oder was sosl distensi mit Krieg zu tun hat und was Omas Reindling mit Gott

Essay

Nobert Kröll

 

Sie sei ja schon ein bisschen eine Heilige, haucht meine Oma ins Telefon. Deshalb glaube sie, dass die Krise von oben herabkomme, direkt von Gott, als Strafe, gerade weil sie alle betreffe. Ich frage sie, warum die Krise nicht von unten heraufkomme, direkt von Satan, gerade weil sie alle betreffe? Aber nein, lacht sie in den Hörer, der sei doch nicht fürs Bestrafen verantwortlich!

Ich schreibe diesen Text und werfe einen müden Blick auf die Uhr. Es ist fünf Uhr dreißig morgens, meine beiden kleinen Kinder waren zwischen zwei und vier Uhr munter: Hunger? Verdauung? Gehirnentwicklung? Schlecht geträumt? So genau weiß man das nicht, und es macht im Nachhinein auch keinen Unterschied. Das Baby – es kam auf die Welt, als SARS-CoV-2 bereits in China wütete –, hat zuerst geschrien und dann mit breitem Grinsen vor sich hin gebrabbelt, der Zweijährige ist bald über unsere Körper gerollt und hat dabei unaufhörlich abgejandlt, also Wörter erfunden, auf die Jandl sicherlich stolz gewesen wäre. Nun bin ich, nach zwei vollen Windeln, die dringend zu wechseln waren, munter und kann nicht mehr zurück.

Am Schreibtisch meines jugendlichen Stiefsohnes Platz genommen. Er schläft ohnehin wie ein Stein. Der merkt nichts davon, dass ich seinen Schreibtisch zu meinem Schreibtisch umfunktioniere. Homeoffice nennt man das neuerdings. Ich habe das Gefühl, dass wir uns, um unbequeme Veränderungen in unseren Leben zu verschönern, daran gewöhnt haben, auf englische Wörter zurückzugreifen. Homeoffice, das klingt doch schon mal recht sexy. Da schreibt es sich gleich angenehmer. Und Big Data hört sich besonders lässig an, vor allem für Jugendliche, die sich für Datenschutz gerade noch nicht interessieren, sowie für jene, die oftmals blind darauf vertrauen, dass die da oben schon wissen werden, wovon sie sprechen.
Ob sie eine Ahnung habe, was darunter zu verstehen sei, frage ich Oma. Mit Big Ben habe es wohl nichts zu tun, schnauft sie in den Hörer. Mit dem ausgerechnet nicht, sage ich und füge schmunzelnd hinzu, aber sie sei wirklich nahe dran.

 

Meine Oma hat nie Englisch gelernt. Wie sich für sie wohl social distancing anhört? Wie leicht es uns über die Lippen geht. Und wie leicht auch die Umsetzung im täglichen Leben, nicht wahr? (Hier bitte einen zwinkernden Smiley denken.) Mit den beiden Wörtern räumliche Distanzierung hätten wir gewiss gröbere Probleme gehabt. Das wäre uns zu technisch gewesen, da wären wir gestolpert, so genau hätten wir es dann bitteschön gar nicht wissen wollen! Nein, habe ich zu meinem Zweijährigen gesagt, als er gestern mit ausgestreckten Armen auf ein anderes Kind zugelaufen ist, er dürfe in nächster Zeit leider nicht zu den anderen Kindern hin, er müsse Abstand halten. Ob er etwa nicht wisse, was social distancing bedeute, habe ich ihn gefragt (und mich gewundert, warum Kinder nicht von Geburt an ironische Bemerkungen verstehen). Er hat den Kopf geschüttelt, mich angelächelt und versucht, die Wörter zu wiederholen: sosl distensi, hat er gesagt. Genau, wiederholte ich, so nenne man das heutzutage: sosl distensi. Blöd, hat er darauf gemeint. Stimmt, habe ich gesagt, blöd. Aber notwendig.

 

Ich sitze hier und schreibe diesen Text, weil jemand in China, der sogenannte Patient null – ich denke automatisch an einen Mann, warum? –, als erster Mensch vom SARS-CoV-2 Virus befallen wurde. Und der Premierminister von Großbritannien lag deshalb auf der Intensivstation und viele andere liegen genau aus diesem Grund unter der Erde oder zu Asche verbrannt in einer Urne.
Wenn man sich das so überlegt: Dieser eine Mensch, genau betrachtet war er – und ich will ihm hier keine Schuld zuweisen, denn er wusste ja nichts von der zukünftigen Pandemie –, und trotzdem: Diese Person war es, die das Virus weiterverteilt hat. Wäre dieser eine Mensch kurz nach der Infektion niemandem mehr begegnet, wäre es, sagen wir, zufällig ein Eremit gewesen, der sich, bloß um seine Speisekammer aufzufüllen, an jenem verhängnisvollen Tag beim Besuch eines Markts in Wuhan angesteckt hätte, sagen wir, da er von einem Rüpel unsanft weggestoßen worden wäre und daraufhin mit dem Kopf an einen mit Fäkalien beschmutzten Käfig geknallt, worin – wieder rein zufällig – ein mit Covid-19 infiziertes Gürteltier (oder ein anderes Mittlertier, das erst gefunden werden muss) auf seinen Tod gewartet hätte, so wäre der Kelch an uns vorübergegangen. Warum? Nun, er hätte die Krankheit in seiner Einsiedelei bekommen, die Symptome – wenn er denn überhaupt welche gehabt hätte – als Grippe abgetan, und wäre genesen … oder verstorben, ohne dass die Welt davon Notiz genommen hätte.

Aber, und das wissen wir, es wäre nur ein Aufschub gewesen, ein verflixtes Spiel mit der Zeit. Denn solange der Handel mit Wildtieren und dessen Verzehr in China, und dem Rest der Welt, aufrecht erhalten bleibt (man wird noch sehen, ob das Verbot diesmal eingehalten wird, denn nach der SARS-Pandemie 2002/2003 wurde der Verkauf bald wieder erlaubt), solange ist die potentielle Gefahr gegeben, dass eines von den dutzenden verschiedenen Coronaviren der Fledermäuse abermals ein Mittlertier befällt und dort mutiert, um – und an diesem Punkt würde sich gewiss ein gelangweilter Gott ins perfide Spiel einklinken – endlich auf den Menschen überzuspringen. Auf den Menschen, der zu dumm ist, um rechtzeitig die Reißleine zu ziehen, der einerseits fähig ist auf den Mond zu fliegen und Sonden zum Mars zu schicken (will nicht irgendjemand den Hit: No SARS on Mars schreiben? Bei Interesse gebe ich den Titel bei zehnprozentiger Tantiemenbeteiligung gerne her), der fähig ist Teilchenbeschleuniger zu bauen, und doch beschleunigt sich in den Gehirnen der Regierenden relativ wenig, da werden Schulen, Après-Ski-Hütten und Geschäfte nicht oder viel zu spät geschlossen, je nachdem welche Herdenimmunitäts-Theorie gerade en vogue zu sein scheint.

 

Da wird auch bald das Wort Krieg in den Mund genommen, salopp bei einer Rede an die Nation herausgeschüttelt, weil es sich toll anhört, weil jeder Politiker, der einen Krieg führt, an Sympathiewerten gewinnt.
Unverantwortlich, wie ich meine. Denn von diesen Zuständen sind wir weit entfernt. Auch Italien, Frankreich, Spanien, Großbritannien und die USA sind davon weit entfernt. Einige Militärfahrzeuge fahren mit Leichen zur Einäscherung und andernorts werden vorsorglich Massengräber ausgehoben, ja, es ist äußerst tragisch, und das Herz tut mir weh, wenn ich diese und ähnliche Bilder sehe, aber das bedeutet – bei allem Mitleid mit den Covid-19 Opfern – noch lange nicht, dass dort Krieg herrscht.

Denn: Ein Krieg, das ist etwas anderes. Ein Krieg zerreißt Kinder wie Erwachsene, ein Krieg bedeutet, in zerbombten Ruinen wohnen zu müssen, keine oder wenige Arzneien (oder Krankenhäuser, geschweige denn Beatmungsgeräte oder Intensivbetten) zur Verfügung zu haben, keine oder wenig Nahrung zu besitzen, zu hungern, zu hungern, zu hungern und nochmals: zu hungern; wir sind, ganz im Gegensatz zum soeben Erwähnten, dazu verdammt, Fett anzulegen, so wir nicht täglich zehn Mal um den Häuserblock joggen oder uns Fitness-Total-Body-Indoor-Workout Videos reinziehen (freilich ohne die Übungen nachzumachen). Wir stopfen das Essen in uns hinein. Wir haben Tonnen an Klopapier, um uns nach dem Fressen die Ärsche wund zu wischen. Können die Leidenden in einem Kriegsgebiet dasselbe von sich behaupten? Ich glaube kaum. Also reißt´s euch gefälligst zam, ihr Regierenden da draußen, und hört auf, von Krieg zu sprechen, das ist eine unglaubliche Beleidigung für all jene, denen tatsächlich tagtäglich die Kugeln um die Köpfe schwirren, die gezwungen werden, ihre Länder zu verlassen – im Gegensatz zu den im Ausland lebenden Österreicherinnen und Österreichern, die von der Regierung aufgerufen werden, nun, in dieser Krise, nach Hause zurückzukehren!

 

Mein bald vier Monate altes Baby scheint munter zu sein, ich schlüpfe kurz ins Schlafzimmer, hebe es in die Trage, schreite ein paar Kilometer in der Wohnung ab, frage es, was es eigentlich von Homeoffice halte. Es scheint sich nicht für meine Frage zu interessieren, schläft ein. Um es nicht wieder aufzuwecken, nehme ich in Zeitlupentempo am Schreibtisch Platz. Der Stuhl knarzt. Das Baby seufzt, dann Stille. Vorsichtig lehne ich mich zurück, lege die Finger auf die Tastatur. Plötzlich fährt der Kopf meines Stiefsohnes in die Höhe, er murmelt etwas vom Satz des Pythagoras; sein Kopf legt sich daraufhin, als wäre fürs Erste das Wichtigste gesagt, nieder auf den Polster. Homeschooling, frage ich, was er davon halte. Ich wiederhole die Frage. Er antwortet nicht, beginnt leise zu schnarchen. Ich werfe einen Blick auf die Uhr, es ist halb sieben. Gut so, sage ich mir. Endlich können die Kinder nach ihrer eigenen Uhr leben und nicht nach der der Gesellschaft. (Alle Eltern wissen, dass der Schulbeginn um acht Uhr ein kompletter Schwachsinn ist, übrigens auch die Neurologinnen und Neurologen – aber wir bleiben dabei, weil so mach ma das halt, so hammas immer g´macht und aus uns is a wos gwordn, nit wohr?)

          Homeschooling – auch wieder so ein Wort, das ultramodern rüberkommen soll, in Wahrheit aber, na ja, höchstens suboptimal umzusetzen ist. Bei den Lehrerinnen und Lehrern scheint noch keine Vernetzung stattgefunden zu haben. Die einen schicken Aufgaben per Mail, die anderen schreiben sie ins sogenannte digitale Klassenbuch, die einen benützen diese Plattform, die anderen jene, die dann aber wegen der vielen gleichzeitigen Zugriffe überlastet ist und nicht reagiert, sich immerfort aufhängt. Eine Lehrerin schreibt, dass sie die Arbeitsblätter bitte nicht mit dem Handy fotografiert haben will, sondern unbedingt als Scan benötigt. Wie kann sie davon ausgehen, dass jede Familie einen Scanner zuhause rumstehen hat? Laptop oder Computer soll (muss?) ohnehin jedes Kind schon besitzen, sonst ginge überhaupt nichts. Ach, eine schnelle Internet Verbindung wäre fein. Und, wenn´s kein größeres Problem darstellt, dann vielleicht noch ein Headset, falls doch mal eine Unterrichtsstunde gestreamt wird. Dass davon ausgegangen wird, dass sich jede Familie diese Geräte leisten kann, finde ich überheblich. Ebenso, dass wir, als Eltern, plötzlich Lehrer und Eltern zur selben Zeit sein sollen.

Manche Lehrerinnen und Lehrer schicken gleich gar nichts: Warum bittet der Turnlehrer die Kinder nicht, bestimmte Übungen für zu Hause zu machen, als Lockerungsübungen für zwischendurch? Er hat sich tatsächlich kein einziges Mal gemeldet, scheint untergetaucht zu sein. Warum schickt die Deutschlehrerin keine Liste raus mit zeitgenössischen Büchern, die zu lesen wären? Wann, wenn nicht jetzt? Vielleicht, weil es zu viel Arbeit wäre, sich mit einem neuen Buch auseinanderzusetzen? Hauptsache Sturm und Drang hätten sie zum x-ten Mal durchgekaut! (Ja, die Herren Goethe und Schiller, ihr seid eh sehr sehr SEHR wichtig und werdet es auch bleiben, aber ihr wart bestimmt froh, dass ihr zu Lebzeiten rezipiert wurdet, um überleben zu können, nicht?) Wieso verschickt die Biologielehrerin kein Infomaterial über Viren – zum Beispiel im Unterschied zu Bakterien – an die Schülerinnen und Schüler? Es wäre doch eine unglaublich große Chance, dieses Thema aufzugreifen. Warum schickt der Musiklehrer nicht Youtube-Videos von The Knack mit My Sharona und allen dazugehörigen My Corona Coverversionen raus, um die Kinder, nach erfolgreich hochgeladenem Arbeitsblatt über die Renaissancemusik, dem Madrigal und der Viola da gamba, zwischendurch einfach einmal aufzuheitern? Wieso verteilt die Geografielehrerin kein Infomaterial zur derzeitigen Wirtschaftslage an die Kinder? Weshalb empfiehlt der Geschichtelehrer nicht eine interessante Online-Doku über Pandemien, über die spanische Grippe? Weil das ja genau genommen zu Biologie gehöre und nicht zu Geschichte? Echt jetzt? Ist es vom Lehrpersonal zu viel verlangt, Bezüge zur Gegenwart herzustellen? Ist das nicht eigentlich ihre Aufgabe, ihre Pflicht? Geht halt nicht, weil sie nichts Neues durchnehmen dürfen. Weil Camus’ Die Pest heuer leider nicht im Lehrplan steht. Tut das Lehrpersonal absichtlich so, als würden wir im Moment nicht unter einer weltweiten Krise, unter einer absoluten Ausnahmesituation leiden? Würde es einen verpflichtenden Ethikunterricht (für ALLE) geben, könnten auch die psychischen Herausforderungen und philosophischen Implikationen diskutiert werden. Aber ich vergaß: Es stünde nicht im Lehrplan. Am besten also Augen zu und irgendwie durchwurschteln!

 

Das Baby erwacht abermals, schaut mich mit großen Augen an und fragt mich, was es dann sei, wenn es kein Krieg sei? Ganz einfach, erkläre ich ihm: Die Grausamkeit der Natur habe zugeschlagen. Ich korrigiere mich: Die Natur habe zugeschlagen, ohne Grausamkeit. Ich korrigiere mich abermals: Die Natur, sage ich, und füge hinzu, nur die Natur, mehr nicht. Sie schlage nicht zu, sie sei da, umgebe uns und sei in uns. Es selbst sei auch ein Teil davon, sage ich dem Baby. Das Baby nickt. Es ist ein guter Zuhörer. Es fragt, ob Viren auch etwas Gutes bewirken können. Viren seien weder gut noch böse, erkläre ich, aber ja, ich verstehe, was es meine: Viren können Krebszellen töten, sie sorgen für Artenvielfalt und für ein ökologisches Gleichgewicht in den Ozeanen, die Viren der Bakterien unserer Darmflora beeinflussen auch unser Immunsystem, sie waren ein wichtiger Faktor in der menschlichen Evolution. Falls es sich näher dafür interessiere, sage ich dem Baby, könne es sich gerne im Internet darüber informieren, freilich nur als ersten Anknüpfungspunkt, um dann zur Vertiefung die wissenschaftlichen Beiträge in den Zeitungen und einschlägigen Zeitschriften zu lesen. Das Baby sagt: cool. Es schläft weiter.

Ich huste. Oma fragt mich sogleich, ob er trocken sei, der Husten. Ich sage, er sei feucht, meines Erachtens extrem feucht (er ist trocken), außerdem hätte ich mich nur verschluckt. Panik steigt in mir hoch. Es erinnert mich an die ersten Tage im Lockdown. Nun endlich ein Wort, das im Englischen bedrohlicher klingt als das schale Ausgangssperre im Deutschen, aber vermutlich nur deshalb, weil mich der Klang an dystopische Weltuntergangsfilme erinnern lässt. Es wird, denke ich, wegen der trockenen Luft sein, sage ich meiner Oma. Das habe die Erna von der Schattenseite drüben auch gemeint, ich kenne sie doch? Aber ja, sage ich, die gute alte Erna (wer zur Hölle ist Erna?). Sie habe anfangs jedenfalls auch Ausreden parat gehabt, meint Oma, doch nun liege sie im Krankenhaus. Gott möge sie beschützen, fügt sie hinzu. Ob ich das richtig verstanden hätte, frage ich: Gott habe uns zuerst alle absichtlich bestraft, und nun soll er die Erna vor seiner eigenen Strafe beschützen? Lange höre ich nur Omas Schnaufen durch den Hörer. Ich verstehe das halt nicht, sagt sie schließlich und legt nach einer kurzen Entschuldigung auf. Ich werde sie später zurückrufen und fragen, wie ihr der Osterreindling diesmal gelungen sei und ob sie mir nicht ein Stück, das übriggeblieben sei, per Post nach Wien schicken wolle. Das wird sie bestimmt aufheitern. (Sie wird mir keinen halben Reindling schicken, sie wird für mich extra einen neuen backen, was auch meinen Magen aufheitern dürfte.)

Ich öffne die Jalousien, dann die Fenster. Mein Stiefsohn erwacht durch die schräg hereinfallenden Sonnenstrahlen und wirft mit einem Ruck die Decke zurück. Er habe von der Schule geträumt, murmelt er. Seine Freunde, er vermisse sie. Ich öffne den Mund, um ihm Trost zu spenden. Plötzlich schreit das Baby, es will trinken. SOFORT! Zeitgleich trippelt mein Zweijähriger – wie sehr ich dieses Geräusch liebe! – mit einem (leider vergriffenen) Erwin Moser Buch in seinen kleinen Händen ins Zimmer und ruft bestimmt: lesen! Okay, okay. Einatmen. Ausatmen. Ich huste abermals, diesmal bewusst in die Armbeuge. Ich glaube, es wird bloß wegen der trockenen Luft gewesen sein. Oder? Oma würde wohl sagen: Wenn du unbedingt glauben willst, ruf Gott an, aber in diesem konkreten Fall dann doch lieber die 1450!

 

 


Norbert Kröll, geb. 1981 in Villach (Österreich), lebt und arbeitet in Wien.

Sprachkunst Studium an der Universität für angewandte Kunst Wien.

Mitherausgeber des Literaturmagazins JENNY #2 (De Gruyter). Arbeits- und Reisestipendien des Kunstministeriums. Wiener Literatur Stipendium 2016. Forum Land Literaturpreis 2017. Jubiläumsfonds-Stipendiat der Literar-Mechana 2018. Förderpreis für Literatur des Landes Kärnten 2018. Dritter Preis beim Feldkircher Lyrikpreis 2019. Wiener Literatur Stipendium 2020.

Veröffentlichungen in Literatur-Zeitschriften und Anthologien (LICHTUNGEN, Die Rampe, etcetera, DUM, …). Der Debüt-Roman Sanfter Asphalt erschien 2017 im Löcker Verlag. Der Roman Wer wir wären erschien im März 2020 bei Edition Atelier.
http://www.norbertkroell.net/


Neuerscheinung:

Norbert Kröll: Wer wir wären (Roman)
Edition Atelier, März 2020
296 Seiten
ISBN: 978-3-9906502-6-4

05.03.: Andrea Grill: „Cherubino“, Lesung

Andrea Grill

„Cherubino“

Lesung, 19.30 Uhr

 

Musik: Marie Orsini-Rosenberg
Moderation: Christina Glinik

 

Eine starke Frau, zwei Männer, eine Schwangerschaft und die große Oper – in ihrem neuen Roman erzählt Andrea Grill eindringlich von einer Sängerin zwischen Kind und Kunst.

 

Die 39-jährige Sängerin Iris Schiffer ist zielstrebig, selbstbewusst und auf gutem Karriereweg. Demnächst gibt sie als Cherubino in Mozarts Oper „Hochzeit des Figaro“ ihr Debüt an der Met, und unverhofft wird ihr eine Hauptrolle bei den Salzburger Festspielen angeboten. Aber die schönste Nachricht ist ihre Schwangerschaft, von der Iris zunächst weder den beiden in Frage kommenden Vätern noch ihrer Agentin etwas verrät, zumal die Premiere in Salzburg und der Tag der Geburt nah beieinander liegen. Andrea Grill erzählt von einer souverän handelnden Frau, die erst allmählich bereit ist, ihre Schwangerschaft anzunehmen. Von den Männern nimmt sie, was sie braucht. Denn das, was zählt, sind sie und ihr Kind.

 

Andrea Grill, 1975 in Bad Ischl geboren, studierte u. a. in Salzburg und Thessaloniki und promovierte an der Universität Amsterdam in Biologie. Sie wurde u. a. mit dem Förderpreis zum Bremer Literaturpreis (2011) und dem Förderpreis für Literatur der Stadt Wien (2013) ausgezeichnet. Cherubino wurde für die Longlist zum deutschen Buchpreis 2019 ausgewählt.

 

 

20.02.: „Auch Krawattenträger sind Naturereignisse“, Engelbert OBERNOSTERER und VADA

Engelbert Obernosterer

„Auch Krawattenträger sind Naturereignisse“

 19.30 Uhr

Szenische Lesung von VADA – Verein zur Anregung des dramatischen Appetits und mit dem Autor

 

 

Wie schon in früheren seiner neunzehn Prosa-Bände geht der Autor in seinem neuen Miniaturen-Band den als bekannt geltenden Vorgängen des Landlebens nach im Bestreben, die allzu feststehenden Zustände geistig wieder locker zu stellen und für eine andere Sichtweise frei zu machen, eine meist desillusionierende, kühl registrierende, aus unmittelbarer Nähe aufgenommene.

Den Stoff bezieht der Autor sowohl aus der direkten Umgebung wie auch aus der erinnerlichen Kindheit im Gebirge und den dortigen Naturereignissen, zu denen auch die Naturen einzelner Bewohner gehören. Die Achse, um die sich die Studien drehen, ist „ein schrottreifer Altpädagoge“, der sich als bedingt im Sinne von determiniert erlebt und dessen Mechanik des Verhaltens aus nächster Nähe beobachtet und durchleuchtet wird.

 

Engelbert Obernosterer, geboren 1936 in St. Lorenzen im Lesachtal. Besuch des Internatsgymnasiums Tanzenberg. Nach dem Studium der Germanistik und Geschichte in Wien arbeitete er ab 1965 als Volks- und Hauptschullehrer, ab 1975 AHS-Kunsterzieher in Hermagor im Gailtal.

Zahlreiche Veröffentlichungen, in denen er über das schreibt, was ihn beschäftigt: „Da geht es mir darum, dass ich nicht nur die Sonntagswelt schildere, sondern speziell die ausgeblendete, die Werktagswelt, die man nicht so gern herzeigt.“

Zuletzt wurde er 2016 für sein Werk mit dem Humbert-Fink-Literaturpreis ausgezeichnet.

23.01.: Ingram Hartinger. Zum 70. Geburtstag

Ingram Hartinger

Zum 70. Geburtstag

19.30 Uhr

 

Ein Abend für und mit Ingram Hartinger zum 70. Geburtstag.

Eine gemeinsame Veranstaltung mit der GAV (Grazer Autorinnen und Autoren Versammlung) Kärnten

 

Texte und Gratulanten: Lydia Mischkulnig; Erik Adam: „Aus der Vogelperspektive“. Zu Ingram Hartinger und „Storch und Amsel“; Axel Karner: „Ach Schrebergärtner, sei getrost“. Ingram Hartinger zum Geburstag; Josef K. Uhl,

Musik: Georg Maurer, Rainer Spieler

 

Ingram Hartinger

Geboren 1949 in Saalfelden, studierte Romanistik, Psychologie und Medizin. Nach längeren Aufenthalten in Italien, Frankreich und Südamerika lebt der Schriftsteller seit 1979 in Klagenfurt am Wörthersee, wo er bis 2009 im Krankenhaus als Kinderpsychotherapeut tätig war. Literarische Tätigkeit und Veröffentlichungen von Lyrik und Prosa seit 1973. Zahlreiche Buchpublikationen in österreichischen Verlagen; Radiofeatures für den ORF.

Zuletzt erschienen (u.a.): Kigo (2012), Das verschmutzte Denken (2014), Dinge aus Angst (2015), Mangoldgerippe (2018), Storch und Amsel (2019).

 

Ingram Hartinger

„Die Welt schlüpft zuweilen in ihr pflanzliches Kleid zurück.“

 

Kunst ist Hartinger zu wenig. Aber sie ist auch gemeint: sein Schreiben ist Bekenntnis und Experiment, Zerstörung und Assoziation. Der Anspruch, der Raum dieser Textwelt ist enorm.

 

Mit Verve und Vehemenz, mit Subtilität und poetischer Leuchtkraft schreibt der Salzburger Romanist und Psychologe Ingram Hartinger nun seit mehr als vier Jahrzehnten unermüdlich an einem umfassenden Œuvre, kompromisslos und unberührt, eine Ecriture abseits aller Opportunität, sprachgewaltig und energievoll. (Martin Kubaczek)

 

Ingram Hartinger: Storch und Amsel (2019, Wieser Verlag)

Für den Schreiber, Denker und Dichter Giacomo Leopardi sind Vögel »die fröhlichsten Geschöpfe auf der Welt« – von den volatilen Wesen bezaubert ist auch unser Autor. So rät er einer möglichen Leserin dieser Schrift, im Freien oder zumindest bei geöffnetem Fenster zu lesen. Möge es ihr gelingen, sich durch bloßes Gezwitscher in den einen oder anderen Vogel zu versetzen, ihn, der beides kann – fliegen und singen.

Die Methode ist denkbar einfach: Hie die jeweils taxonomisch vorgeführte Spezies und da der Autor. Ob flugtauglich oder nicht, einerlei, sie treten auf, schlüpfen in eine Rolle und sprechen. In Form von Prosavignetten gelangen wir ins Innere einer Zwiesprache. Der Autor, der als Mensch einer viel zu aufgeblasenen Spezies angehört, tritt in diesem Buch verblüffend zurück. Es gibt viele Gründe, warum Vögel zu uns sprechen – sie tun das im Übrigen manchmal so lange, bis uns das Grinsen vergeht. Wenn wir nicht in uns gehen und bei den Vögeln sind, werden wir nie erfahren, welche Botschaft sie singen.

Indes, der Vogel bleibt, so wie der Mensch, ein Mirakel. Gegenstand der Neugierde bleibt der Vogelflug für uns allemal. Nur selten fliegen sie im Kreis. Wir, die wir laufend im Kreis gehen, wissen nicht, was kommt und ob wir uns nicht doch auf die Auflösung der Zeit zubewegen. Am Vogelgezwitscher erkennen wir die vielen unterschiedlichen Bedeutungen unserer gegenwärtigen Fragen.

Mönchsgrasmücke im Großzeitengang:
Die schwarze Federkappe dieses Solitärs wie das Barett eines Intellektuellen. Die leise schwätzende Strophe, der ein schmatzender Erregungslaut folgen kann oder ein leierndes Zwitschern mit unverkennbarem Überschlag. Staubblätter von Mandelbäumen als Menü. Nest wie ein halb offener Napf. Und Bestandszunahmen erstaunlicherweise. Im Gehölz dann Sonnenträume, dem Wettergrollen trotzend. Ein Weltinnesein. Stillebefangener Zustand, wenn Gegenwart bricht. Nonne und Mönch haben beim Anblick dieses Feschen und Artigen Lichtahnungen. Himmlische Spende. Und das Menschliche die ratlose Eigenschaft des Rätsels. Als ob es natürlich sei, den Herzschlag zu hören und zu atmen.

 

 

14.01.: Drago Jančar „Wenn die Liebe ruht“, Lesung in slowenischer und deutscher Sprache

Drago Jančar

„Wenn die Liebe ruht“

19.30 Uhr

Zweisprachige Lesung in slowenischer und deutscher Sprache mit dem Autor und der Übersetzerin Daniela Kocmut

 

Slowenien, Zweiter Weltkrieg: Die junge Medizinstudentin Sonja erkennt in dem SS-Offizier, den sie auf der Straße in Maribor trifft, Ludek wieder, der sie als Kind einmal beim Skifahren aus dem Schnee gezogen hat. Ludek heißt jetzt Ludwig und ist ein überzeugter Nazi. Sonja bittet ihn um Hilfe für ihren inhaftierten Freund Valentin. Für Ludwigs Hilfe zahlt Sonja einen hohen Preis. Doch Valentin, der bei den Partisanen kämpft und später im Kommunismus Karriere macht, dankt Sonja ihren Einsatz nicht.

Stilistisch brillant lotet Jančar in seinem preisgekrönten Roman aus, wie weit wir bereit sind zu gehen, wie der Krieg Beziehungen neu formt und die Liebe, auch wenn das Leben weitergeht, in die Knie zwingt.

 

Drago Jančar, geboren 1948 in Maribor, lebt in Ljubljana und gilt als der bedeutendste zeitgenössische Autor seines Landes; seine Romane, Essays und Stücke wurden in viele Sprachen übersetzt. 1974 wurde er wegen „feindlicher Propaganda“ inhaftiert. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen (u.a.): Prešeren-Preis (1993), Europäischer Preis für Kurzprosa (1994), Jean-Améry-Preis für Essayistik (2007) und Prix Européen de Littérature (2012).

 

Mit freundlicher Unterstützung von SKICA – Slowenisches Kulturinformationszentrum

 

 

09.01.: „Schreiben sehen.“ Buchpräsentation

„Schreiben sehen“. Wie entsteht ein literarischer Text

Buchpräsentation, 19.30 Uhr               

 

Textgenese in der digitalen Edition. Herausgegeben von Anke Bosse und Walter Fanta in der Reihe Beihefte zu Editio, Band 45
Verlag De Gruyter 2019

Im Anfang war das Wort, der Archetyp, das richtige Zeichen, der wahre Text. Am Ende steht das digitale Zeichen, das Bild.

Ein literarischer Text ist nicht einfach ‚da‘, sondern entstanden. Wie lässt sich seine Genese darstellen, seine dritte, zeitliche Dimension? Das zweidimensionale Buch stößt hier an seine Grenzen. Erst mit der Digitalisierung und neuen bild- und textgebenden Verfahren lässt sich nun die zeitliche Dimension von Texten sicht- und erfahrbarer machen, lassen sich die Benutzer*innen einbeziehen. Wie sich neue digitale und hybride Editionen damit auseinandersetzen, zeigt der Band Textgenese in der digitalen Edition. Hg. von Anke Bosse und Walter Fanta.

Passend zu seinem Thema wird der Band von einer digitalen Komponente begleitet. Sie wird an diesem Abend gelauncht.

 

Launch des Online-Panoptikums in einer Präsentation von Leon Bernhofer

Artur R. Boelderl im Gespräch mit Anna Schober-de Graaf, Anke Bosse und Walter Fanta zur Frage, wie Texte entstehen und wie der Entstehungsprozess am besten gezeigt werden kann