Anna Baar – Das Bild

Anna Baar

Das Bild

Das Bild, aufgenommen 1944 im Zeltlager von El Shatt, einem Wüstenort auf der Halbinsel Sinai in Ägypten, nahe der Stadt Suez, zeigt Franka und Antun, meine dalmatinischen Urgroßeltern. Sie und mehr als dreißigtausend dalmatinische Zivilisten, darunter vor allem Angehörige der Partisanen, waren kurz zuvor auf großen Schiffen nach Afrika gebracht worden, um sie vor den Gräueln, so genannten „Strafaktionen“, deutscher Truppen zu schützen. Zum Zeitpunkt der Aufnahme hatten die beiden fast alles verloren: Zwei Jahre zuvor war ihr bäuerliches Haus am Nordrand eines kleinen Fischerdorfs auf der Insel Brač von den kapitulierenden italienischen Faschisten bis auf die Mauern niedergebrannt worden – als Rache für den erbitterten antifaschistischen Widerstand der Partisanen, den ihr jüngster Sohn, mein späterer Großvater, mit zwei seiner Cousins angezettelt und maßgeblich angeführt hatte. Die beiden älteren Söhne waren in den 1920er Jahren mit einem Tabakbeutel voll karger Heimaterde auf Nimmerwiedersehen nach Argentinien ausgewandert, weil die Reblaus die armen Weinbauern um ihre Lebensgrundlage gebracht hatte.

Franka und Antun kehrten 1946 nach Jugoslawien zurück. Die abenteuerliche Flucht nach El Shatt blieb ihre einzige Reise. Das Elternhaus meines Großvaters steht heute noch als Brandruine am Dorfrand – bewachsen von Kapernbüschen.

Helene Gattereder – Die kleine Hexe Zyclame und das Klassenfoto

Helene Gattereder

Die kleine Hexe Zyclame und das Klassenfoto

 

Sie sitzt in der Sonne, neben dem großen Ameisenhügel, wo die Ameisen geschäftig ihre Fichtennadeln in den Bau schleppen. Das ist ein gutes Zeichen, denn dann bleib das Wetter schön. Das weiß die kleine Hexe Zyclame ganz genau, denn sie kennt sich aus in diesem Wald. Von weitem hört sie den Bach rauschen und die Bienen summen in der Wiese zum Waldrand, wo man im Frühling so viele Maiglöckchen findet. Und die duften genauso wie das kleine Hexlein duftet, wenn es ausgeruht ist. Denn nur dann kann es duften, wie eben Zyklamen duften. Von denen hat sie nämlich ihren Namen.

Sie schließt die Augen, lässt die Sonne auf ihre gesprenkelten Füße scheinen und denkt daran, dass jetzt so wenig Kinder am Bach spielen. Die sitzen jetzt immer mit ihren Eltern in einem Auto und flitzen irgendwohin.

Aber nein, da hört sie Stimmen. Zwei Frauen wandern lachend den sandigen Weg entlang. Die kommen ihr aber bekannt vor, wo hat sie die nur schon einmal gesehen? Und jetzt verlieren sie auch noch etwas. Zyclame huscht schnell hinüber, um es aufzuklauben, im Wald soll man ja nichts wegwerfen, und da sieht sie es. Es sind zwei Klassenfotos. Die sind aber schon alt und Zyclame wird neugierig.

Sie schaut den beiden nach. Ist das nicht die Erika, die immer ihre liebe Not mit ihrer Ziege hatte? Na ja, und barfuß gehen sie ja auch nicht mehr. Sie haben flotte Sportschuhe an und ihre bunten blumigen Röcke flattern fröhlich beim Gehen. Aber wer ist die Zweite? Schnell huscht sie auf die große „Fasslbeerstaude“ die ganz knapp am Weg steht, von da aus kann sie alles ganz genau sehen. Und richtig, jetzt weiß sie es. Es ist die KLEINE. Die Kleine auf dem Foto ganz oben rechts mit den dünnen Zöpfen und dem kritischen Blick. Nur ein Mädchen steht zwischen ihr und der geliebten schönen Lehrerin. Na, viel gewachsen ist die aber in der Zwischenzeit auch nicht, denkt sich das Hexlein, lässt seine gesprenkelten Beine baumeln und duftet, was das Zeug hält. Erika und die Kleine setzen sich genau der „Fasslbeerstaude“ gegenüber, rasten ein bisschen, fühlen die warme Sonne und riechen das Hexlein. Aber sie glauben natürlich, dass da irgendwo eine Zyclame sein muss.  Hören den Bach rauschen, schließen die Augen und sind ganz schnell mit den Gedanken in ihrer Kindheit.

Zyclame muss lächeln. Die sind ja noch genau so fröhlich und spitzbübisch wie als Kinder. Sie macht auch die Augen zu, riecht den heißen Sand auf dem Weg, den Duft der Fichtennadeln vom Ameisenhaufen und dann sieht sie sie, in Gedanken natürlich, die KLEINE.

 

Die „KLEINE“                                                                                                                                                                                                             

Wie sie die Landstraße entlang geht. Der Schotter leuchtet schön hell. Aus den Fenstern der Häuser hört sie die Morgensendung im Radio und weiß ganz genau, wie viel Zeit ihr am Schulweg noch bleibt. Sie holt ihre Freundin Elke ab, geht am Friedhof vorbei durch den Wald, 4 Km zur Schule. Sie kommt bei der Stelle vorbei wo im Sommer, gleich hinter der Mulde, die erste Erdbeere steht. Immer an der gleichen Stelle. Aber heute ist Spätherbst, es ist richtig, die erste Lacke ist mit dünnem Eis überzogen. Das Rutschen geht noch nicht, sonst bricht alles. Aber morgen könnte es gehen.

Und jetzt, der verbotene Gang auf den dicken Eisenröhren, die Wasser in das E-Werk für die Fabrik befördern.

Es ist gerade ein Schuh breit Platz, dass man geradestehen kann. Im Winter ist die Oberfläche nass oder leicht gefroren, da kann man leicht ausrutschen, aber auch super in den tiefen Schnee springen. Die Röhren gehen auch über Gräben und da auf hohen betonierten Stelzen.

Wenn man über die Brücke am Bach geht, kann man die Zunge an die Röhre legen und bleibt solang picken, bis man mit warmer Spucke wieder loskommt.

Der E-Werk-Mann schaut immer streng, aber er lässt uns durchgehen. Ist ja eine tolle Abkürzung, auf dem langen Schulweg.

Manchmal, wenn sie allein unterwegs ist, und er sie sieht, geht er hinter sein Wohnhaus damit sie glaubt, er hat sie nicht gesehen und dann geht sie ganz schnell vorbei. Er passt auf sie auf, ob ihr wohl nichts passiert ist.

Am Werksgelände, durch das man eigentlich nicht gehen darf, liegen Berge von Eisenspiralen, die in öligen Farben glänzen.

Das Holz klauben im Wald ist vorbei, wo sie immer bei bestimmten Bäumen das Harz herunter klaubt und wie Kaugummi kauen kann. Ist gut gegen Hunger.

Die Maikäfersammlung in der Schule ist auch vorbei, wo alles voll mit stinkenden Gefäßen voll Maikäfer war. Aber man hat ein paar Groschen dafür bekommen.

Hoffentlich kommt sie heute beim Juvan vorbei, der sie das letzte Mal abpassen wollte und sie musste sich stundenlang unter einem Baumstamm verstecken. Ihr Herz hat geklopft und sie hat an Glockenblumen gedacht.

Zyclame hat aber den Juvan abgelenkt, damit er sie nicht findet. Sie passt ja immer auf.

Die kleine Hexe Zyclame, mit den zerrupften kurzen Haaren, ihrem kurzen, dunkelroten Rock, den braunen, gesprenkelten Beinen und den flachen Schuhen. Sie wäre ja so gerne so groß und blond und hübsch wie die Fee Felicitas vom Pinocchio. Mit ihrem blauen Sternenkleid.

Aber sie ist dafür wieselflink und riecht so gut. Aber für`s Schönsein hat sie einfach zu viel zu tun. Denn immer muss sie auf die Kleine achtgeben. Ja und wo die Kleine ist, ist ja auch die Erika nicht weit. Das hat sich bei diesen Zweien anscheinend gar nicht geändert.  Auch heute sind sie zusammen unterwegs, und da sind aber inzwischen schon viele Jahre vergangen.

Jetzt huscht die kleine Hexe aber wieder unter das Schneerosenblatt beim Ameisenhaufen. Da ist es ein bissl gemütlicher als auf der stupfigen „Fasslbeerstaude“. Das ist heute aber wirklich ein ganz gemütlicher Sommertag. Sie liebt ja diesen Weg und die Wiese und den Bach. Und freut sich wie ein Schneekönig, obwohl der sich ja im Sommer nicht freuen kann, weil da ist er ja schon lange zerronnen. Aber das ist halt so ein Spruch, der dem Hexlein gut gefällt. Also, sie freut sich, wenn Leute vorbeikommen und fröhlich sind.  Sie legt sich unter ein Schneerosenblatt, da ist es schön schattig, sie macht die Augen zu, weil am besten sieht man ja vergangene Sachen, wenn man die Augen zu hat, und sieht, sieht den Sommer, die Ziege, die „Kotla“ vor sich und dann die

Erika                                                                                                                       

Sie ist ein zartes, lebhaftes Mädchen mit dünnen Zöpfen, einem spitzbübischen Lächeln und einem unbändigen Drang nach Draußen, Abenteuer und Gemeinsamkeit.

Das Haus, in dem sie wohnt, war bis nach dem ersten Weltkrieg eine Produktionsstätte der nahen Metallfabrik. Jetzt ist es das Personalhaus des Werkes, in dem nicht nur ihr Vater, sondern auch der Großteil der männlichen Bevölkerung des kleinen Ortes arbeitet.

Vor dem Haus ist einer der Brunnen des Ortes, hinter dem Haus die Holzhütte mit Brennholz, das man im Sommer im Wald klaubt, mit Kohle, und wenn`s ganz gut geht, etwas Koks. Der gibt am meisten Hitze. Und die Ziege ist auch noch da.

Im 1. Stock wohnt der dünne, große, dunkle Mann mit der spitzen Nase. Im Frühling schickt er die Kinder immer zum Maiglöckchen klauben. Diese trocknet er und verwendet sie dann als halluzinogenen Drogen. Sie weiß zwar noch nicht was das ist und wie das heißt, aber irgendwie komisch kommt es ihr schon vor. Und wenn er sie einmal in die Wohnung lässt, dann ist diese voll mit Vögeln in Käfigen. Sie denkt, er muss ein Vogelfänger sein.

Am Gang haben die Leute ihre Speisekästen, das spart Platz in den kleinen Küchen und es ist schön kühl.

Einmal erwischt sie die Nachbarin beim Würfelzucker stibitzen. Sie klopft ihr auf die Finger und Erika läuft zur Mama beichten, sicherheitshalber. Aber zuerst wird von dem auf den Finger klopfen erzählt, da wiegt dann der Würfelzucker nicht so schwer.

Ihre Mutter ist eine zarte, sanfte, gläubige Frau, die einen Witwer geheiratet hat und seinen Sohn mit viel Nachsicht behandelt, damit nur ja kein schlechter Gedanke aufkommt. Außerdem gibt’s heute Gott sei Dank keinen Ritschert, der ihr wirklich vom Herzen nicht schmeckt und der stinkt. Das darf sie aber nicht sagen, da kann dem Vater schon ganz leicht die Hand ausrutschen. Er ist ein bissl jähzornig, was sich bei ihr auch ab und zu bemerkbar macht.

Den ganzen Sommer über ist sie mit der Ziege in der „Kotla“, dem Schwemmgebiet des Loiblbaches wo im Frühling die Lawinen ins Tal donnern und Geröll mitnehmen. Da bilden sich dann Mulden, in denen das Wasser stehen bleibt. Es ist schön warm und man kann richtig baden. Da hockt man sich nieder, macht ganz schnell zwei schwimmartige Bewegungen mit den Armen, das Gleiche mit den Beinen und eigentlich kann man ja schon schwimmen. Was im Schwimmbad in der Stadt nicht so funktioniert, und wo man sich ganz schnell am Boden Desselben findet und auf allen vieren krabbelnd, die rettende Stufe an die Luft findet.

Die Steine sind heiß, hell und rund, das ideale Gebiet auch für Vipern, die es sich gemütlich machen und wenn

man den Kopf aus dem Tümpel hält und einer solchen gerade ins Auge blickt, ist es dann schon gut, wenn man schreit und die Buben kommen. Die gehen dann mit Stöcken auf die Schlangen los. Manche packen sie auch am Schwanz und werfen sie, wenn`s gut geht, nicht in ihre Richtung. Einer kommt immer mit Blindschleichen daher die er in die Blusen steckt. Sie schreit und läuft weg, muss aber wegen der Ziege doch immer dableiben.

Wenn die Ziege nicht nach Hause will, sie mit den Hörnern umstößt und dann auch noch am Boden entlang rollt, kommen ihr die Buben auch zu Hilfe. Momentan sind aber einige zum Großen der Wasserfälle unterwegs, da kann man schön hinter dem Wasservorhang die Wand entlang auf die andere Seite des Baches klettern. Vom Überlauf aus ist ein Zwischenraum zwischen Wasser und Felsen. Das machen aber nur die Buben.

Jetzt muss die kleine Zyclame ganz schnell den Felsen hinter dem Wasserfall ein bissl trocken- wischen, damit die Buben gut auf die andere Seite hinüberkommen. Wo doch alle gar nicht richtig schwimmen können.

Und dann haben die schon wieder ein paar Patronen, die von den Soldaten beim Rückzug aus dem Krieg in den Wäldern weggeworfen wurden, gefunden. Die werden mit Steinen bearbeitet, mit dem Pulver daraus eine lange Linie gezogen und die wird dann angezündet. Aber da schicken sie Erika immer weg. Was sie immer ein bisssl ärgert, aber Angst hat sie auch.

Am Abend „operiert“ der Vater dann die lädierten Füße der Kinder mit einem skalpellähnlichen Messer, schmiert alles mit selbstgemachter „Lärchensalbe“ ein und am nächsten Tag ist alles gut.

Erika wird später in Klagenfurt die Frauen Berufsschule besuchen und abschließen. Der Vater wird den Baugrund, den er sich und seiner Familie vom Mund abgespart hat, verkaufen, damit Erika die Schule und sein jüngster Sohn Siegfried die Montanuniversität in Leoben besuchen kann. Siegfried wird in Deutschland bei einem großen Konzern ein großer Mann und kommt zu allen Treffen, die jetzt organisiert werden, nach Hause.

Erika wird eine schwierige Ehe eingehen, 3 liebevolle, erfolgreiche Kinder haben, in der Welt herumreisen, und die gleiche fröhliche, spitzbübische, schmale, sanfte Person bleiben.

Die kleine Hexe Zyclame war wahrscheinlich gerade auf Urlaub, als sich Erika ihren Lebenspartner ausgesucht hatte. Und dann war`s halt zu spät

 

Zyclame nimmt wieder das Foto in die Hand. Sie ist heute aber besonders neugierig. Wer ist denn bloß das hübsche Mädchen in dem weißen Kleid, den blonden Haaren und dem geraden furchtlosen Blick. So viele Gedanken kommen ihr in den Sinn, und dann freut sie sich, dass sie die DAGMAR erkennt. Dagmar mit ihren dicken Zöpfen. Was wohl aus ihr geworden ist? Sie hat sie ein bisschen aus den Augen verloren, weil sie nicht so viel auf sie aufpassen musste. Sie war ja eine Brave.

 

Dagmar

Diesmal hat sie den Hund zu Hause gelassen, genießt die warme Märzsonne und geht zu Fuß in die Innenstadt, um sich noch schnell ein Puzzlespiel für ihr Enkelkind zu besorgen, bevor sie morgen nach Heiligen Blut fährt, um die letzten schönen Wintertage mit Familie, Schnee, Schi fahren und Freunden zu verbringen.

Plötzlich ein Lärm, zwei Männer rempeln sie an.  Ein rasender Schmerz in der Kniekehle. Sie bleibt stehen, kann sich nicht bewegen, wie eine automatische Puppe, der man den Stecker aus der Dose gezogen hat. Der Splitter einer Glasscheibe, die beim Tumult zerbrochen ist, hat ihr die Sehnen in der Kniekehle durchtrennt.

Während des anschließenden Krankenhausaufenthaltes mit unzähligen Operationen am Bein, und dem mühsamen „wieder Gehen lernen“, fällt er ihr wieder ein.

Dieser mühsame Schulweg im Winter in die 4 km entfernte Schule. Die Schichtarbeiter aus der Fabrik, die in der Morgenschicht um 6.00Uhr hintereinander den langen Weg stapfen, damit ihre Kinder, wenn sie zur Schule gehen, eine Spur haben. Der Schneepflug kam ja erst spät ins Dorf.

Der Vater ist auch dabei. Der Vater, der im gerade erst zu Ende gegangenen Krieg als vielleicht gefürchteter Zöllner beschäftigt war und jetzt froh ist, die Arbeit als Stahlarbeiter zu haben.

In dem Dorf, wo sie beim Schlafengehen und Aufwachen die Berge vor der Nase hat, wo es still ist, am Tag dreimal der Bus in die hinterste Talecke fährt. Und ansonsten nur einer der Zöllner eine Beiwagenmaschine hat. Die anderen müssen die Strecke zum Grenzpass zu Fuß gehen. Auch als Kontrolle. Da finden sie dann im Winter die abgestürzten Flüchtlinge, die mit Akias auf Schiern an den Kindern vorbei, in die Bezirksstadt gebracht werden. Eigentlich sollten die Kinder das ja nicht sehen, aber irgendjemand weiß immer, wann die vorbeikommen.

Im Frühling hört sie dann die Lawinen, die in die Schlucht donnern, den Bach, der dann anschwillt und stärker als sonst rauscht und das Rauschen der Bäume. Das ist ihr „Zu Hause“ und es wird ihr später im Leben immer abgehen.

Der weiche Vater, der seine zwei Töchter niemals straft. Dafür ist sie, die strenge schöne Mutter zuständig. Und zu ihrer Unterstützung hat der Vater am Esstisch immer den „Spanischen“, eine Rute aus einem Pracker, liegen.

Die Prügelei ihrer Mutter mit einer Liebschaft ihres Vaters, die nicht ohne Folgen geblieben ist. Diese Szenen treffen sie so sehr, dass sie zeitlebens auf Harmonie bedacht ist, und ihr Streit aus tiefstem Herzen zu wieder sein wird.

Sie wird die Hauptschule besuchen, dann jeden Tag zu Fuß in die Bezirksstadt gehen, sich in den Bus setzen und in der Landeshauptstadt die Handelsschule besuchen. Sie ist keine glänzende Schülerin und wird bei der Abschlussprüfung, nachdem sie merkt, dass die Noten nicht so gewaltig sind den Prüfer mit den Worten: „Wenn i durchfoll, geh i in die Drau“ unter Druck setzen. Es hat geklappt.

Nach einem Jahr Bürotätigkeit geht sie als Au Pair nach England. Das Heimweh plagt sie so sehr, dass sie glaubt sterben zu müssen.

Sie lebt bis zu ihrem 23. Lebensjahr bei ihren Eltern in der kleinen Wohnung, bis sie ihre Liebe kennenlernt. Heiratet in den Betrieb ihres Mannes ein, bekommt 2 Kinder und arbeitet im Betrieb mit. Und nur mit der Schwiegermutter haperts am Anfang ein bissl. Da vergisst sie zwei Mal ihre Harmoniesucht und dann ist alles gut.

Sie ist in der ganzen Welt unterwegs, lebt in einer Villa in vornehmer Wohngegend und ist das geblieben was sie war. Ein sanftes, fröhliches, hübsches Mädchen mit dicken Zöpfen und einem geraden, furchtlosen Blick.

Ihr Fuß wird nie mehr ganz heilen, sie wird nie mehr ohne Schmerzen sein, und doch wird sie dem verwirrten jungen Mann, der dafür verantwortlich ist, nicht böse sein.

 

Na, und wer ist da noch zu sehen? Das „Lausdirndle“! Heute kommt die kleine Zyclame aus dem Lächeln gar nicht mehr heraus. Die hat sie wirklich auf Trab gehalten. Ihr Balancieren über den Dächern, nein, da ist sie heute noch erschrocken.  Dann erst der Ringelspielausflug. Das hat sie ja schon vergessen, und jetzt gruselt es sie direkt ein bisschen. Aber sie hat alles geschafft und zu gerne möchte sie wissen, was aus dem Kind geworden ist. Sie kann ja, wie alle Hexlein, nicht aus ihrem Bereich heraus, und das „Lausdirndle“ ist dann ja schon bald nicht mehr da gewesen. Aber vielleicht kommt auch die einmal hier vorbei, wie jetzt Erika mit der Dagmar.

Und sie denkt ganz fest ans:

 

„Lausdirndle“

Die Heli, die schon wieder auf dem Straßengeländer balanciert, von dem man vom oberen Ortsteil auf den unteren hinunterschauen kann, bis auf die Dächer und die Balkone der Häuser. Nie kann sie ordentlich gehen. Zyclame bläst schnell jedes Stäubchen von Geländer, sodass die Füße ja nichts Spitzes spüren. Dieses Kind hängt im Apfelbaum, mit den Kniekehlen an einem Ast hängend, schaukelt wie ein Leintuch im Wind, oder steht beim Ringelspielfahren im Sitz auf, weil man da den Wind besser spürt. Und der Ringelspielbesitzer weiß nicht, wie er dieses abstellen soll, ohne dass was passiert. Aber sie sitzt eh schon wieder, weil alle Leute so gestikulieren. Eigentlich sollte ja ihre ältere Schwester auf sie aufpassen, aber die ist gerade dabei ihre Weiblichkeit zu entdecken, schäkert mit den Burschen und da stört die kleine Schwester. Und dann gibt`s Zores.

Ja, ihre große Schwester ist schon so ein eigenes Kapitel. Die hat das Dirndl noch im Kinderwagen über eine Wiese in den Fluss rollen lassen, damit sie endlich nicht mehr da ist. Weil alle Leute immer so ein blödes lächelndes Gesicht gemacht haben und sie so hübsch fanden. Aber Zyclame hat sich schnell einem englischen Soldaten, der gerade in der Nähe war, auf die Schulter gesetzt und ganz laut gerufen: “ Lauf, lauf !!“ und da hat er sie dann aus dem Wasser gefischt. Er hat sich noch gewundert, warum er ein Rufen gehört hat, wo er doch niemanden gesehen hat. Aber das ist halt so mit den Hexlein. Eigentlich kann man sie gar nicht sehen. Unsere kann man aber riechen. Und für die Schwester gab es dann erst recht wieder Zores, als der Soldat das „Dirndle“ zu Hause abgeliefert hat.

Oder wie sie die Kleine im großen Theatersaal, der an das Wohnhaus angebaut war, einmal aufgebahrt hat. Auf der Bühne, mit Kerzen und allem Drum und Dran. Das „Dirndle“ durfte sich nicht rühren, sie war ja tot. Und eigentlich hatte sie nichts dagegen, weil das war ja wie Theater spielen. Dann ist aber eine Kerze umgefallen, alles hat angefangen zu brennen, die Schwester ist weggelaufen und die anderen Kinder auch. Das „Dirndle“ konnte sich vor lauter Angst auch nicht rühren. Gott sei Dank ist ein Zöllner vorbeigekommen und eines der Kinder hat ihn um Hilfe gebeten. Der hat sie dann herausgeholt und alles war gut.

Wie die Schwester dann aber eines Tages alle Geschwister, auf die sie aufpassen sollte, einfach im Wald abgesetzt hat, fast wie bei Hänsel und Gretel, war es dann doch genug. Sie wollte den neuen jungen Kaplan in der Bezirksstadt becircen.

Die Kinder saßen den ganzen Nachmittag am selben Platz, sie sollten ja nicht weggehen. Und gegen Abend, als es schon langsam finster wurde haben sie sich überlegt, ob sie nicht diesen dünnen Baum, den man bis zum Boden biegen konnte, als Schleuder benutzen könnten. Bis in den Himmel zu den Sternen, die schon begonnen hatten zu leuchten. Aber keiner traute sich. Weil, wenn es gelingt, wie kommt man wieder zurück? Dann war aber auf einmal ganz großer Lärm, Fackeln und Lichter im Wald, Leute haben gerufen und alles war wieder gut.

Die Schwester kam dann in ein katholisches Erziehungsheim. Das hat aber nicht viel geholfen. Sie ist ein ganzes Leben lang schwierig gewesen und früh gestorben.

Ab diesem Augenblick aber hat die kleine Zyclame wirklich ganz besonders auf das „Lausdirndle“ aufgepasst. Und da hatte sie immer noch genug zu tun.

Nur wenn das „Dirndle“ seine Nase in einem Buch hat, nicht sieht, rein gar nichts hört und so, oft in einer anderen Welt ist, dann geht’s auch dem kleinen Hexlein gut.

Geschafft, alles gut, die kleine Zyklame kann sich ausruhen. Denn nur wenn sie ausgeruht ist kann sie auch duften. Zyclamenduft ist der schönste Duft, den man sich vorstellen kann. Wie Sonne,

süßer als Zucker, blau wie der Himmel und weiß wie heiße runde Steine. Jetzt kann sie die Sonne genießen, den Ameisen zusehen, und ab und zu mit den Fischen reden. Die kommen ganz hinten aus der Schlucht heraus, flitzen bis in den großen Fluss, der ganz weit unten vorbei rinnt und erzählen die wunderlichsten Dinge von ihrer Reise.

 

Elke

Elke ist ein verzogenes arrogantes Kind mit einem abweisenden kritischen Blick, blonden Zöpfen, die immer mit einer schönen breiten Masche zusammengehalten werden, und schön gebügelten Rüschenkleidern, die niemals schmutzig sind. Sie lebt während und auch noch nach dem Krieg bei ihrer Großmutter und einem jungen Mann in dem kleinen Ort. Die Mutter ist mit einem Deutschen verheiratet und lebt auch dort. Dieser junge Mann wird von ihr „Onki“ gerufen und besucht noch die HTL in der Bezirksstadt. Jeden Morgen holt die Kleine sie zu Hause ab. Sie muss sich aber tummeln, sonst ist Elke weg. Die wartet nicht auf sie. Und nur wenn Elke eventuell ihr Taschentuch zu Hause vergessen hat, dann holt ihre Oma sie herein. Aber sie muss immer in der Türe stehen bleiben, darf nie in den Raum hinein wo in der Mitte ein großer Esstisch steht. Auf einem richtigen Teppich!! An der gegenüberliegenden Wand ein Sofa, auf dem der ganzen Länge nach Puppen sitzen. Eine ganze Reihe voller Puppen. Und nie darf sie eine angreifen. Die Oma ist eine große, dunkle, strenge Frau. Die Kleine fühlt sich nicht wohl in ihrer Nähe.

Hinter dem Haus ist ein alter Holzstadel auf dessen Stiegen die Kinder bei Regenwetter sitzen und spielen. Mit ihren Holz- und Stoffpuppen. Elke hat ihre Schönen, natürlich nicht mit.

Anschließend ans Haus gibt’s eine große Wiese mit Obstbäumen, abgegrenzt zur Straße mit einer dichten Hecke. Hinter der kann man immer lauern und auf den Bäcker warten, der von seiner Brotausfuhr am frühen Nachmittag mit seinem Pferdewagen zurückkommt. Dann kann man ganz schnell hinter der Hecke hervor, auf die Deichsel und von dort in den Wagen springen, so dass der Kutscher das nicht merkt, denn das ist ja nicht erlaubt. Aber einer ist sehr nett und tut so, als ob er uns nicht sehen würde. Dann kann man bis kurz vor die Bäckerei mitfahren und auf die gleiche Weise wieder abspringen. Denn beim Kaiserriegel muss der Kutscher absteigen, und die Bremsen anziehen. Dann ist man aber eh schon wieder weg.

Einmal hat die Elke das auch machen wollen. Die Kleine rennt los, auf die Deichsel, auf den Wagen. Aber die sture Elke ist nicht so geschickt, rutscht schon von der Deichsel ab, das Pferd rennt, Elke schleift auf der unbefestigten Straße mit den Knien, die Kleine schreit: „Lass aus, lass aus…!!“. Aber die Elke ist ein bissl dumm und lässt nicht aus. Bis der Kutscher endlich ihr Schreien hört und stehen bleibt. Schuld war dann aber die Kleine und durfte sie nicht mehr zur Schule abholen kommen. Das hat der Elke aber nichts ausgemacht, die hat dann eben die Ida abgeholt. Ida war die einzige in der Klasse, die noch kleiner als die Kleine war. Und das war schon was für die Kleine, nicht die Letzte in der Reihe im Turnsaal zu sein.

Einmal ist die Elke am Schulweg auf den Röhren bei der vereisten Brücke ausgerutscht und in den darunterliegenden Bach gefallen. Auf den Rücken. Der „Schulpack“ hat aber den Aufprall gedämmt. Und dann hat sie überall erzählt, dass sie Engel gesehen hat, die sie getragen haben. Aber das hat ihr die Kleine nicht geglaubt. Denn als sie einmal von der Brücke in den tiefen Schnee gesprungen ist, wäre sie erstickt, wenn die anderen Kinder nicht den E-Werk-Mann geholt hätten. Und von Engeln war da keine Spur.

Elke ist dann bald zu ihrer Mutter nach Deutschland. Aber vorher hat sie die Kleine noch dazu verleitet im nächsten Ort, wohin ihre Mutter sie zum Broteinkaufen geschickt hatte statt dem Brot, was eh ausgegangen war, 1/8 Zucker mitzunehmen. Auf die Bemerkung der Händlerin, die Mutter hätte eh schon alle Marken aufgebraucht, wurde dann gemeinsam behauptet: „Aber sie braucht das einfach noch.“ Die Kleine konnte jetzt ja nicht mehr zurück. Auf dem 1km langen nach Hause Weg wollte Elke Zucker schlecken, was aber nach Meinung der Kleinen ja nicht geht, weil man ja das Sackerl nicht wieder so schön zusammenlegen kann. Aber Elke fand den Vorschlag mit einem kleinen Loch im Sackerl nicht so schlecht. Aber das Loch wurde mit jedem Schlecker nasser und größer und da blieb halt nur der Weg durch den Wald, damit man nicht gesehen wird. Am Ende war beiden ziemlich schlecht geworden von so viel Zucker. Bei der nächsten Fassung (dem monatlich größeren Einkauf), kam alles ans Licht. Wieder „Elkeverbot “. Die Kleine sitzt tagelang auf der Stiege vor dem Haus und wartet auf Elke.

Die aber geht weit am unteren Rand der Wiese vorbei und schaut nicht einmal herauf. Obwohl das ja eh keiner sehen kann und sie wenigstens ein bissl winken hätte können.

Elke wird bald zu ihrer Mutter nach Deutschland ziehen, dort die Schule besuchen und sich nie bei jemandem im Dorf melden.

Bei einem der Treffen, die dann später regelmäßig im Ort organisiert werden, wird sie der „Kleinen“ gegenübersitzen und so tun, als würde sie sich nicht an sie erinnern. Und die jetzt selbstsichere große „Kleine“ wird sich denken: „Gott sei Dank bin ich nicht so geworden wie sie“. Eine steife, abweisende Person, hinter der man das kleinbürgerliche Reihenhaus sehen kann, und sicher steht sie am Zaun und nimmt den Kindern den Ball weg, wenn er zu ihr hinüberrollt.

Sie tauscht mit der Kleinen ihre Visitenkarte aus, was der ganz gut gefällt, weil sie die Schönere hat. Karton, künstlerisch bedruckt und Elke hat nur ein billiges Aufkleber Etikett. Sie hat kein Interesse als Erste zu schreiben.

Beim nächsten Treffen, zwei Jahre später, kommt Elke nicht mehr. Sie ist in der Zwischenzeit gestorben.

 

Später einmal denkt sich die „Kleine“. Vielleicht war Elke krank, vielleicht hatte sie eine dieser Alterskrankheiten und konnte sich deshalb nicht mehr erinnern. Aber sie kann jetzt niemanden mehr fragen. Auch ihr „Onki“ ist in der Zwischenzeit verstorben.

 

Klassenfoto    7. Schulstufe „Lausdirndle“

Sie ist ein hübsches, fröhliches Mädchen geworden. Jetzt geht sie in Viktring in die Schule. Nicht mehr als 1km von dem Bauern entfernt, wo ihre Mutter sie jedes Jahr wo anders am Anfang der Ferien deponiert hatte. Wer will schon fremde Kinder durch den Sommer füttern. Obwohl sie ja immer arbeiten musste. Kühe halten, auch bei Gewitter mit Blitz und Donner. Wo sie dann unter einem Baum sitzt und weint. Pferde einspannen und aufs Feld führen, wo die „Vieher“ doch so groß sind. Holz sammeln, Garben schleppen. Da wurde ja noch mit der Sense und der Sichel gearbeitet. Beim letzten Bauern hatte ihre Mutter sie einfach nicht mehr abgeholt.

Aber sie fühlt sich gut bei den Leuten, lacht wieder mehr und der Schulweg führt immer an zwei Teichen vorbei. Da riecht sie das Laub, sieht den Fischen zu, freut sich im Frühling an den hell leuchtenden Blättern der Buchen.

Ein bisschen ist sie in den Lehrer verliebt. Er ist jung, ihm fehlt ein Finger. Den hat er sich in der Gefangenschaft abgehackt, damit er ins Lazarett kommt, sonst wäre er erfroren.

Im Singunterricht spiel er Harmonium, ganz schlecht. Später, als er in Pension ist, wird er ihr erzählen, dass sie ihn ausgebessert hat: „Herr Lehrer, das ist falsch, das geht so“, hat sie gesagt, aber er hat es nicht als frech empfunden.

17 Buben und 8 Mädchen gehen in diese Klasse und alle schauen fröhlich drein. Lehrer Lampe wird ihr später am Hochstuhl das Du–Wort antragen. Günther wird wohl später einmal nicht mehr so viel spucken. Gertrude wird mit ihrem Mann in Wien eine Jugendherberge leiten und sie werden sich öfter sehen. Gertrude, sie ist ein wenig „fein“ geworden.

Rudi das Rechengenie, wird Unternehmer und sie werden sich fünfzig Jahre später immer noch jedes zweite Jahr treffen, weil sie für Fredi, der nach Kanada ausgewandert ist, immer ein Treffen organisieren wird. Sie wird ihn und seine Familie dort besuchen und drei wunderschöne Wochen verbringen.

Franz, zweite Reihe Mitte, wird ihr Schwager.

Sie wird jung heiraten, zwei erfolgreiche Kinder haben und erst spät ihr eigenes Leben führen können. Sie wird, wie sie meint, wohl als älteste Schauspielschülerin, die jemals die Prüfung abgelegt hat, in Wien auch bestehen. Sie wird sich endlich mit Gesang, Literatur und Musik beschäftigen können. Am städtischen Theater und an einer renommierten Bühne angestellt sein, kleine Filmrollen haben, ein eigenes  Theaterstück (das auch jahrelang an Schulen gespielt wird) schreiben und wird als einzige „Alte“ an der Musikschule aufgenommen werden um steirische Harmonika zu lernen. Die hat sie von ihrem Vater geerbt und es tut ihr leid, um das schöne Stück. Aber sie tanzt lieber selber, als den anderen dabei zuzusehen.

Sie kommt viel in der Welt herum, und bis auf Australien wird sie jeden Kontinent bereisen.

Taekwondo, ein asiatischer Kampfsport, wird ihr Lebenselixier.

Und sie hat das gute Gefühl, dass ihre Enkelkinder sie bewundern.

 

Jetzt geht es ihr gut und endlich kann die kleine Hexe sich ausruhen und duften. Weil hier ist sie nicht mehr zuständig.

Walter Fanta – Das Haus.

Walter Fanta

Das Haus

auf diesem Schwarz-Weiß-Bild bildet die Fassade für einen Moment aus der Mitte der 1960er. Etwas ist sichtbar, sehr vieles unsichtbar, was zu diesem Bild gehört und erzählbar wäre. Viele und lange Geschichten erregt das Bild, die mit dem Haus Münzgrabenstraße Nr. 114 zusammenhängen und den Menschen, die es bewohnt haben und bewohnen. Zwei von ihnen sind auf dem Bild sichtbar.
Das hübsche Mädchen in der Mitte mit den Zöpfen, mit dem Teddybären und der Trachtenjacke in den Händen, das ist meine Schwester Maria. Sie lächelt sehr freundlich in die Kamera, das tut sie heute noch gern. Ihr gehört jetzt das ganze Haus. Als Dank dafür, dass sie auf die Großtante schaute.
Die immer schwarz gekleidete und immer schlohweiße Tante Steffi wohnte damals in dem Haus, ihr Vater hatte es 1903 gekauft. Im Dachboden gibt es Kisten mit Dokumenten von diesem Urahnen, zusammen mit Marias Erinnerungen, daraunter auch denen aus ursprünglich Tante Steffis Mund, erzählen sie über das Haus die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts. Von Ausbeutung, Krieg, Überleben.
Die Tante Steffi auf dem Bild ist schon alt, sie ist in unseren Erinnerungen immer schon alt gewesen. Doch starb sie erst dreißig Jahre später in dem Haus. Die Großtante schaut nicht her, ihr Gesicht mit den wulstigen Lippen und den Brillen ist ganz dem Mädchen zugewandt, mit ihrem krummen Finger kratzt sie seinen Arm oder den Bauch des Teddys. Der war vielleicht ihr Geschenk.
Der Bub am Bild bin ich. Er schaut eher trotzig in die Kamera. Die Mundstellung deute ich heute als abweisend. Die Wolljacke – welche Farbe? ich erinnere mich nicht – ist gut zugeknöpft, auch der Hemdkragen bis obenhin. Auch die Schachtel unter dem Arm erzeugt einen Abstand. Wahrscheinlich war da mein Geschenk drin. Tante Steffi wurde dann später meine Firmpatin. Aufgezwungen, ich mochte diese Tante nicht, sie war mir unangenehm, unheimlich. Ich wollte mit ihr, mit dem Haus nichts zu tun haben. Hatte dann später auch nichts damit zu tun.
Als Volksschulkinder damals waren Maria und ich ein Pärchen. Nur vierzehn Monate treffen uns im Alter. Meine ersten Freundinnen bekam ich später von ihr. Als sie mit zwanzig zu Tante Steffi in das Haus in Graz zog, war das einer der Schritte der Trennung.
Mir fällt auf, dass die Tür des Hauses offen ist. Wir werden in den VW Käfer steigen (ganz links am Bildrand) und nach Villach fahren. Tante Steffi wird winken und dann gleich durch die offene Tür hineingehen und sich die steile, schmale Stiege hinaufschleppen.
Der unsichtbare Fotograf ist unser Vater. Er ist in dem Haus geboren. Eine dramatische Sturzgeburt auf der steilen, schmalen Stiege am 5. Februar 1931. Tante Steffi war dabei. Warum erzählt sie, dass Onkel Julius sein kleines Brüderchen, als er es in Blut und Schleim erblickte, gleich entsorgen wollte? Das ist eine der finsteren Geschichten, zu denen es keine Bilder gibt.

Lena Leitner – Die Taufe.

Lena Leitner

Die Taufe

 

Auf dem Foto sieht man zwei Mädchen, beschützt von ihrem Vater und ihrer Mutter. Die jüngere Tochter wird heute getauft, es ist meine Mutter. Ihr Name wird Maria sein. Ihr ganzer Name, Maria Schmidt, sie ist die dritte Generation von Mädchen, die diesen Vor- und Familiennamen tragen.

Die erste war meine Urgroßmutter, Maria Schmidt, dann meine Großmutter, die auch Maria Schmidt hieß, und nun wird auch dieses kleine Mädchen, meine Mutter, diesen Namen ebenfalls bekommen. Die Taufe fängt um 13:30 im Stephansdom an. Nach der Taufe wird es im Innenhof meiner Großeltern ein lustiges Fest geben.

Meine Großmutter hat überhaupt keine Ahnung was sie anziehen soll. Sie steht vor dem Spiegel, doch nichts fällt ihr ein. Schließlich entscheidet sie sich für eine graue Bluse und eine Perlenkette, nobel nobel. Ihre Töchtern ziehen weiße Kleider und ihr Ehemann einen dunklen Anzug an.

Es ist 13:00, alle sind aufgeregt. Nur noch dreißig Minuten. Meine Großeltern, ihre Töchter und ein paar Gäste werden von einem bunten Bus zum Stephansdom gebracht.

Die erste Maria Schmidt, meine Urgroßmutter ist auf dem Bild nicht sichtbar, sie lebt bei Ihrem Sohn, meinem Großvater. Ihre Traurigkeit ist immer spürbar. Sie war Jüdin, ist knapp den Nazis entkommen, hat zwar überlebt, aber viele Familienmitglieder und Freunde verloren. Sie ist fast immer still und entzogen. Meine Großmutter, die zweite Maria Schmidt, ist auf dem Foto erkennbar, sie wird eine unpolitische, manchmal lustige aber oft sehr schwierige Mutter.

Meine Großeltern haben meine Mutter zum Taufbecken begleitet. Das kleine Mädchen strahlte wie die Sonne. Alle in der Kirche standen auf um Respekt und Ehrfurcht zu zeigen. Die Taufe dauerte ungefähr eine halbe Stunde, nach der Taufe gab es ein Fotoshooting und dann fuhren alle zum Haus meiner Großeltern. Es ist ein schöner und angenehmer aber auch stressiger Sonntag für meine Großeltern.

Sie besitzen eine Bäckerei und Konditorei, dadurch ist es viel leichter für sie Essen zu organisieren und ein tolles Buffet aufzubauen. Im Innenhof standen zwei lange Tische mit weißen Tischtüchern, dekoriert mit Blumen und Obst.

Die Erwachsenen und die Kinder hatten jeweils einen eigenen Tisch damit zwischen allen Kontakt und Freude entstehen kann. Es ist 15.08, alle genießen das Fest. Für die Kinder wurden lustige Spiele vorbereitet und die Erwachsenen konnten in Ruhe

ihre schönen, brillanten und langen Gespräche führen. Es ist Abend geworden, die Gäste haben sich verabschiedet, und alle fanden die Taufe und das Fest wunderbar. Am Ende dieser Feier entstand auch das beigelegte Foto mit meiner Mutter.

Ich bin die vierte Frauengeneration die den Namen Maria Schmidt übernehmen sollte. Meine Mutter hat jedoch entschieden, dass diese Namenstradition unterbrochen wird und ich nicht Maria Schmidt heißen soll.

 

 

Anna Dragaschnig – Vier Blumen vor dem Krieg.

Anna Dragaschnig

Vier Blumen vor dem Krieg

 

Oft fragt man sich, was Blicke sagen wollen. So individuell und doch so monoton. Augen, die einen anschauen, ganz ruhig und verlassen, auf einem alten Foto. Auf einem alten schwarz­ weiß Foto meiner Vorfahren. Irgendwann vor dem zweiten Weltkrieg oder vielleicht schon mittendrin.

Sechs kleine Augenpaare schauen mich an. Sie beobachten mich, starren auf mich, als ob jedes seine eigene Geschichte erzählen möchte. Eine ganz andere und persönliche Geschichte. Ich kann sie nicht hören, ich kenne sie nicht. Niemand kennt die wahren Geschichten und niemand kann sie hören. Sie werden sanft vom Wind getragen, vorbei an den alten Höfen, auf denen sie geboren wurden, auf denen geschuftet wurde, Tag für Tag und Jahr für Jahr.

Manchmal hört man sie pfeifen, manchmal rascheln und doch bleiben sie immer im Geheimen und niemand wird sie je erfahren. Es sind die Erinnerungen der Vergangenheit, die nur vage von Verwandten und Bekannten weitererzählt werden, ganz vage und ganz unpersönlich. Sie werden einsam weitergegeben, denn ihr Herz und ihre Seele sind irgendwo weit weg und eines Tages werden wir sie vielleicht wiederfinden.

Noch immer beobachten mich die Blicke. Immer tiefer schauen sie in mich hinein. Irgendwie müde und irgendwie traurig und doch so liebevoll. Die kleinen Augen der Mutter wirken erschöpft und ihr Gesicht sieht alt aus, ein bisschen faltig, ein bisschen geschwächt und trotzdem trägt sie dieses liebevolle kleine Lächeln auf ihren Lippen. So klein, dass man es kaum sehen kann und doch ist es da, das scheinbar unwichtige kleine Lächeln, das einem das Gefühl von Geborgenheit gibt. Die Mutter trägt ein schönes, dunkles Kleid. Es ist ein besonderes Kleid, das sie bestimmt nicht jeden Tag trägt. Einzig ihre Schuhe erinnern an den Alltag. Sie sind abgenützt und alt, doch das stört nicht. Auf ihrem Schoß sitzt ihre jüngste Tochter, die sie zärtlich im Arm hält. Das kleine Mädchen blickt düster und unter ihren Augenbrauen liegen dunkle Schatten. In ihren Händen hält sie eine Blume. Die erste Blume. Die erste Blume, die dem Bild einen Hauch von Freude und Freiheit und Lieblichkeit verleiht.

Auch die Hände der drei weiteren Kinder zieren Blumen. Schöne Blumen. Schöne, blühende Blumen, die den Kindern ein bisschen Kindlichkeit schenken und den Eltern ein klein wenig Härte aus ihren kalten, ängstlichen Gesichtern nehmen.

So sieht sie mich an, die Familie. So harmonisch, wie der Vater die kleinen Händchen seiner Kinder an sich drückt, als wären diese sein ganzer Stolz, als wären sie sein weiches Herz. Sein weiches Herz hinter einer schützenden Hülle. Sie ist nicht streng, nein. Nur irgendwie hart und doch so harmonisch und doch so lieblich. Als wäre er eins mit den Blumen. Als wären sie alle eins mit den Blumen, ganz tief in ihrem Inneren. Sie können es nur nicht zeigen.

 

Die Familie (meine Urgroßeltern und ihre Kinder) lebte auf einem Bauernhof am Land wo der Vater nebenbei eine kleine Sparkasse führte.

Insgesamt hatten die Eltern sechs Kinder, die alle um 1930 geboren wurden. 1937 starb die Mutter.

Wenige Jahre später, 1942, wurde die Familie ausgesiedelt und kam in ein Arbeitslager.

1945 durfte sie gemeinsam wieder zurück auf ihren Hof. Drei Jahre später starb der Vater.

Heute sind alle Familienmitglieder verstorben.

 

 

Geschichten wurden nur vage weitergegeben. Ganz vage und ganz unpersönlich und doch irgendwie ein bisschen lieblich. So lieblich wie vier Blumen vor dem Krieg.

 

Otmar Stark – Sehnsucht.

Otmar Stark

Sehnsucht

 

Tagebucheintrag am 21.02.1980

Gestern ging wieder ein Tag zu Ende, der mir gezeigt hat, wie schön das Leben wäre, wenn es keine Sehnsucht gäbe. Der Ausflug, den wir mit der Dorfgemeinschaft Radweg machten, gab mir die Gewissheit, dass der Brand, bei dem ich glaubte, er wird verlöschen, nie mehr aufhören wird zu lodern. Immer wird eine Freude in mir ungeteilt bleiben. Als ich oben am Pyramidenkogel stand und ergreifend über die schöne Heimat blickte, träumend der gottbegnadeten Stille lauschte, schob sich ein Bild vor meine Augen, welches ich nicht imstande bin aus meinem Herzen zu verbannen. Und später die Fahrt auf den Loiblpass. Die herrliche Gebirgswelt Kärntens, die erhabene Schönheit der Berge, das ewige Brausen des Windes, welcher über die Grate und Gipfel rauscht. Alles ist dazu angetan, um die Sehnsucht wieder wach werden zu lassen um Verlorenes, welches man einmal besaß, als Glück zu betiteln. Ja, all die Schönheit der Natur kann die Freude niemals ganz voll machen. Solche Schönheiten kann man nur mit einem Menschen, mit dem man von ganzem Herzen gut ist, erleben. Denn bei einem alleinigen sich freuen, bleibt trotzdem immer die Sehnsucht, solch Herrlichkeiten auch mit einem geliebten Menschen zu erleben, um richtig froh zu werden.

Ja es stimmt, äußerlich habe ich mich nicht über das Alleinsein zu beklagen. Immer wieder klang es in mir und ich sagte mir. Otmar, schau wie herrlich und schön alles ist.  Es sieht mir auch keiner an, dass ich nicht immer bei der Sache war. Ich habe gelernt mein Äußeres zu beherrschen. Nur einer merkt, dass alles nur Komödie ist, um einen tiefen Schmerz zu verbergen. Ja, Schorsch, du hast recht, wenn mein Mund auch anders spricht. Aber solch eine Liebe kann man nicht von Heut auf Morgen wie ein Stück Wäsche wechseln. Dazu gehört Zeit, wenn es überhaupt möglich ist. Bis jetzt ist mein Gefühl für sie so intensiv, wenn nicht noch stärker, dasselbe geblieben. Der letzte Brief, den sie mir als Kameradin schrieb, zeigte mir, dass es auch ihr nicht leicht ist, um das Gewesene zu vergessen. Drum will ich warten und rein bleiben, vielleicht wird meine Treue einmal belohnt. Seit damals, als ich ein unschuldiges Mädel in Liebe erweckte, habe ich mit keiner mehr etwas gehabt. Bis auf ein paar……! Die aber immer mit harmlosen Küssen…..! Ich weiß auch, das soll ich nicht machen, aber der Kussteufel und das Spiel mit der Liebe hält mich noch immer in seinen Krallen. Eigentlich bin ich jetzt ja frei und kann machen was ich will, aber eine innere Stimme befiehlt mir. Bleibe treu, du wirst belohnt werden. Ich will auf sie horchen, sie hat mich noch nie betrogen!

Isabbel Schmitd – Er ist einer von ihnen!

Isabbel Schmidt

Er ist einer von ihnen!

 

Mein Onkel in den Jahren um 1920. Er muss sich heute schön machen und frische Kleidung anziehen. Heute ist sein erster Fototermin beim Militär.  Er ist der Jüngste von allen und somit auch der Zierlichste. Oft hat er Angst, dass ihn jeder übersehen und ihn keiner ernst nehmen wird. Draußen ist es sehr kalt. Es schneit und hundert Wolken bedecken den Himmel. Die Wolken sind grau. Als er bei der Kaserne ankam, ist er sofort ins Badezimmer verschwunden. Er hat Bedenken, dass seine Haare nicht mehr passen. In der Aula, wo das Foto aufgenommen wird, wartet schon seine Trompete auf ihn. Er geht sehr vorsichtig mit ihr um und denkt immer wieder über seinen Opa nach. Es ist ein Geschenk, für welches der Opa ein ganzes Jahr gearbeitet hatte. Alle müssen sich versammeln. Die Traurigkeit fließt noch immer durch seinen Körper. Er muss mit der Gruppe zusammenspielen. Alle sind viel älter als er. Nachdem sie sich eingespielt hatten, fängt der eigentliche Sinn des Tages an – Fotos machen. Noch einmal eilt er ins Badezimmer und schaut sich im Spiegel genau an. Er ist sehr nervös. In seiner rechten Hosentasche hat er einen kleinen Engel eingesteckt. Das ist auch ein kleines Geschenk von seinem Opa. Oft denkt er über ihn nach. Seine Freunde suchen ihn schon. Bald ist seine Gruppe dran und er muss sich vorbereiten. Die einzelnen Namen werden aufgerufen. Auch seinen eigenen hört er. Jetzt steht er mit seinen Freunden vor dem Fotografen. Er hat nicht viel Platz. Alle drängen dicht aneinander, jeder von ihnen will sich gut positionieren. Viele vergessen dabei, dass er nicht der Stärkste in der Gruppe ist, sie übersehen ihn, er kann sich nicht wehren. Die nächsten Sekunden fühlen sich an wie Stunden. Er weiß nicht wie er schauen soll. Ernst, lachend oder doch ganz unauffällig. Ein greller Blitz reißt ihn aus seinen Gedanken. Es ist vorbei. Alle gehen weg von ihm. Sein erstes Foto mit seiner Gruppe. Endlich gehört er auch dazu. Er gehört zu einer Gruppe. Er ist ein Teil davon. Er zuckt zusammen, jemand redet mit ihm, aber er kann nichts hören. Als es leiser wird, hat er verstanden, dass alle zusammen essen gehen. Er kann es nicht glauben. Er ist Teil einer Gruppe. Er ist ein junger zierlicher Mann auf einem Foto. Er ist einer von ihnen!

Livia Hofstätter – Das Meer voller Erinnerungen.

Livia Hofstätter

Das Meer voller Erinnerungen

 

Die Sonne brannte ihr auf der Haut. Dieses Gefühl, vollkommen von der Wärme umhüllt zu sein, hatte sie schon lange nicht mehr. Sie hatte es vermisst, die Sonne, das Meer und das Gefühl nicht alleine zu sein. Sie hatte ihre Augen geschlossen und genoss dieses Gefühl, das ihr so sehr gefehlt hatte. Als Kind war sie oft hier, mit ihrer ganzen Familie. Ihre Mutter hatte diesen Ort geliebt. Sie liebte es zu tauchen und von den Klippen ins Meer zu springen. Sie lag gern im Schatten der großen Olivenbäume und hörte den Möwen zu, wie sie kreischend über das Meer flogen. Sie schwärmte gerne Stunden lag davon, wie schön es sein musste, ein Vogel zu sein. Man könnte über die ewigen Weiten des Meeres schweben, der Sonne entgegen und nichts und niemand würde einen aufhalten. Auch sie hatte es geliebt, das Tauchen mit ihrer Mutter. Sie liebten es beide, wenn man beim Tauchen nach oben an die Wasseroberfläche schaute und sehen konnte, wie die Sonne an der Oberfläche glitzerte und sich die Sonnenstrahlen nach unten in die unendlichen Weiten des Meeres erstreckten. An den niedrigen Stellen des Meeres konnte man sogar am Boden des Meeres beobachten, wie das Licht flackerte und tanzte. Es hatte etwas so unglaublich Zauberhaftes für die beiden, sodass sie sich stundenlang darin verlieren hätten können. Ihr fiel ein, wie sehr sie sich immer darauf freute, das Meer zu riechen. Sie liebte diesen salzig süßen Duft. Und wenn man das Meer auch nur kurz schon aus dem Fenster ihres kleinen Busses sehen konnte, hatte sie sofort diesen Duft in der Nase, auch wenn es noch gedauert hätte, bis sie es wirklich riechen konnte.

Ihre Mutter hatte eine Leidenschaft für die Malerei und zeichnete mit Vorliebe die Natur. Doch was sie liebte zu malen, war das Meer. Sie sagte immer, wenn sie ein Element wäre, wäre sie ohne Zweifel Wasser und am liebsten ein großer, unendlich großer Ozean, denn das Wasser ist immer in Bewegung, aufschäumend und wild. Doch hat es auf der anderen Seite etwas so Beruhigendes, man könnte stundenlang zusehen, wie das Wasser auf die Felsen schlägt und sich ineinander verschlingt. Stunden war sie damit beschäftigt, das Meer zu malen.

Sie schaute ihrer Mutter gerne dabei zu und hoffte, das Meer eines Tages auch so malen zu können wie sie, denn sie schaffte es all die Ausdrücke, die sie mit dem Meer verband, auf dem Papier zu einem Bild zu formen. Sie lag da, noch immer, auf dem heißen Sand. Sie hasste es früher im Sand zu liegen, vor allem wenn sie nass war. Doch jetzt wollte sie die ganze Pracht dieses Ortes erleben und dazu gehörte auch der goldige Sand, der sie früher immer unter den Füßen kitzelte. So lange war sie nicht mehr hier gewesen, seit dem Tod ihrer Mutter. Sie hatte Angst davor, diesen Ort ohne ihre Mutter zu besuchen. Sie hatte Angst davor, die Erinnerungen würden sie überrollen. Als sie hier an diesem Ort ankam, kam es ihr schon ein wenig seltsam und ungewohnt vor, doch sie spürte auch, dass es ihr vielleicht helfen würde, den Schmerz zu lindern. Sie dachte an ihre Mutter und sie fühlte sich nicht traurig, sondern vollkommen geborgen, so als wäre ihre Mutter bei ihr. In gewisser Weise war sie das vielleicht ja auch, denn sie verband ihre Mutter schon immer mit dem Wasser und dem Meer, da ihre Mutter es so geliebt hatte. Und so fühlte sie sich ihr nah, hier an der Stelle, wo das Meer voll mit Erinnerungen war.

Sie öffnete ihre Augen und die Sonne schien ihr ins Gesicht. Sie hielt sich die Hand über die Augen, um etwas sehen zu können. Ihr Blick fiel zu den großen Klippen. Als Kind hatte sie sich nie getraut, von den Klippen ins Wasser zu springen. Sie kamen ihr immer so riesig und unüberwindbar vor. Sie bewunderte jeden, der den Mut aufbrachte, sich von ihnen aus in die Wellen zu stürzen.

Sie stand am Rand der Klippe und blickte auf die Weiten des Meeres bis an den Horizont, der ihr so nah erschien, als könnte sie ihn, wenn sie sich ausstrecken würde, berühren. Die Sonne brachte gerade noch letzte Kraft auf und färbte das Meer und den Himmel in Gold- und Rottöne, bevor sie unter gehen würde. Sie ging einige Schritte nach hinten, um Anlauf zu nehmen. Sie rannte auf das Ende der Klippe zu, wo es nach unten gehen würde, ins Meer. Und sie sprang ohne Angst oder Zweifel und während sie sprang, konnte sie ihre Mutter lachen hören, so als würde sie neben ihr von der Klippe springen. Auch sie schrie und lachte zu gleich. Sie fühlte sich frei und unbeschwert, sie fühlte sich ihrer Mutter so nah wie schon lange nicht mehr.

Helene Gattereder – Wann endlich kämpfen?

Helene Gattereder

Wann endlich kämpfen?

Seine Augen sind dunkel, sanft, wie seine Stimme. Er steht gerade da, die Hände wie immer am Rücken verschränkt steht er in der Tür zum Trainingsraum. Und während sie versucht, sich an ihm vorbei zu drücken, hört sie ihn sagen: „Wann wollen sie anfangen zu kämpfen, mit achtzig?“

Was hat er gesagt?

Er spricht schlecht Deutsch, aber sie hat es genau verstanden.

„Es ist so wichtig zu kämpfen, so viel Potential – und Sie wollen nicht kämpfen“!

 

Vor einer Woche war sie in seinem Büro und hat ihm mitgeteilt, dass sie die Freikampfübungen, die dreimal pro Woche zum Trainingsprogramm gehören, nicht mehr machen will.

„Ich mag nicht, gibt’s nicht“, hat er gesagt. Aber dann hat er ihr doch zugestanden: „Na gut, aber ab und zu doch“.

Dabei war sie grade so stolz auf sich, dem Großmeister ein Ich-Mag-Nicht entgegengesetzt zu haben. Fühlte sich stolz. Endlich nicht mehr so winzig, unwissend und verschreckt. Und jetzt das. Alles in ihr wird eng, wieder nicht durchgehalten, sie weiß ganz genau, sie wird nachgeben. Sie geht auf und ab wie in einem Käfig, dann fällt ihr endlich eine Antwort ein.

„So klein fühl ich mich, wenn ich das machen muss“, sagt sie und deutet die Größe mit Daumen und

Zeigefinger an. Aber das interessiert ihn herzlich wenig, und solche Sätze hört er sowieso nicht gern. Sein Körper zeigt ganz kurz Unwillen und Abwehr. Sie merkt das sofort, sie hat gelernt, auf solche Zeichen zu achten. Er wird aber gleich wieder sanft.

„Es ist so wichtig, zu kämpfen!“, betont er wieder.

Sie geht immer noch auf und ab, die Luft stoßweise und seufzend herauspressend. Dann ein Blick in seine Augen, ganz hinten das Lächeln, das sich jetzt auch bei ihr bemerkbar macht. Er hat ja recht. Wann werde ich wirklich anfangen zu kämpfen? Nicht verteidigen, kämpfen!

„Also gut, ich mach‘s wieder“, sagt sie. Warum tut sie so, als würde sie ihm einen Gefallen tun? Es ist ja wichtig für sie. Sie kann sich nicht beruhigen, immer noch rebelliert sie innerlich. Im Auto spricht sie mit sich selbst, weint und schläft dann auch schlecht.

„Wann wollen Sie anfangen zu kämpfen, mit achtzig?“

 

Wie war das damals?

Sie ist jetzt zwanzig Jahre alt, wohnt am Land. Der Bus fährt immer zehn Minuten nach der Stunde in die Landeshauptstadt. Vierzig Minuten dauert die Fahrt in jeweils eine Richtung, hin und zurück, in die Bezirksstadt sind es zwölf Minuten. Aber dort ist es das Gleiche. Jeder kennt jeden, kein ordentlicher Gesprächsstoff, kaum einer liest ein Buch und die ehemaligen Schulfreundinnen kennt sie kaum mehr. Sie war ja schon viele Jahre nicht mehr hier. Ihr Mann ist Vertreter, auch dann unterwegs, wenn es nicht geschäftlich ist. Mit Freunden, Kumpanen, mit Männern, die gerne trinken, was sie überhaupt nicht mag. Sie ist die ganze Woche allein mit dem Kind in dieser armseligen Behausung.

Zimmer, Küche, Wasser aus dem Ziehbrunnen, den sie vor der Kälte schon im Herbst einwintern muss und der dann doch einfriert und mühselig von ihr immer wieder mit heißem Wasser, das sie oben in die Öffnung beim Schwengel einfüllt, aufgetaut werden muss. Er ist ja nicht da, er fährt mit dem Firmenauto durch die Gegend, schläft in guten Hotels, bringt ab und zu fremde Damen- und komischerweise auch Herrenwäsche nach Hause. Sie tobt. Aber sie weiß ganz genau, sie wird, wie immer, nichts Ernsthaftes unternehmen.

Das Plumpsklo ist eigentlich kaum auszuhalten. Im Sommer stinkt‘s erbärmlich und im Winter friert einem der Arsch ab, wenn man erst durch den frisch gefallenen Schnee stapfen muss, um auf den grauslichen Brettern zu hocken. Und die Mäuse, die ihr durch Kratzgeräusche nachts schreckliche Angst einjagen bis sie endlich weiß, woher diese Geräusche kommen, sitzt sie vor dem Fenster, mit einem Messer in jeder Hand und wartet auf den vermeintlichen Einbrecher. Er muss ja nur einen großen Schritt machen, um über diese niedrige Mauer zu kommen. Alles ist feucht. Die Vorhänge frieren im Winter an der Schlafzimmermauer an. Die kann man erst im Frühling wieder in die richtige Stellung bringen, weil sonst ja alles reißt. Aber es glitzert immer schön, wenn man das Licht einschaltet.

Es ist Freitag, Mitternacht. Er ist wieder von seiner Wochentour zuerst zu seiner Mutter gefahren, hat Freunde getroffen und wird nach Alkohol riechen, wenn er nach Hause kommt. Wird mit ihr schlafen, weil sie glaubt, es ihm schuldig zu sein, weil er ja das Geld verdient und sie froh sein muss, so eine gute Partie gemacht zu haben. Angestellter, das ist schon was, und sie doch aus so einem Milieu kommt. Der Vater Knecht, die Mutter, ein abgelegtes Kind einer Vagabonda bei Bauern. Beide sind Kinder von nicht bekannten Vätern. Nicht nur die Kriegsjahre haben beide gewalttätig gemacht. Das Leben mit fünf Kindern auf Zimmer und Küche bringt schon eher die dunklen Seiten der Menschen zu Tage. Da sind dann Menschen, die zwar auch auf Zimmer und Küche aufwachsen, aber dafür Wasser und ein eigenes WC am Gang hatten, und nur zwei Kinder aufzogen, Privilegierte. Dazu kommt noch, dass er die Hauptschule besuchen durfte.

Nach einem Jahr kam es zum Umzug in eine kleine Wohnung in einem Schloss -Nebengebäude in der Stadt. Wieder Plumpsklo, aber im Haus unter der Stiege. Wieder Mäuse, die werden aber mit Schuhen, die vorsorglich vorm Schlafengehen am Nebenbett deponiert sind, vertrieben. Die Katzen warten schon jeden Morgen vor der Wohnungstüre auf die in den Fallen gefangenen Mäuse. Dann endlich. Eine richtige Wohnung. Dritter Stock, in Villach. Hell, klein aber mit Parkettboden, richtiger Küche, eigenes WC.

Astrid, das zweite Kind wird mit einem Herzfehler geboren, was man ihr aber erst sagt, nachdem sie beim Arzt vorstellig wird, wo denn die Vorladung zur Pockenimpfung bleibt. Die gibt’s nicht für dieses Kind, das hat einen Herzfehler.

 

Beatrix Haidutschek – Dazwischen Liebe.

Beatrix Haidutschek

Dazwischen Liebe

Die Geschichte der Begegnung von Rudolf Haidutschek und der jungen Ingeborg Bachmann während des Zweiten Weltkrieges

 

 

 

Im Zimmer Nummer Sieben des Pflege- und Seniorenheimes fällt gelbes Herbstlicht durch das angelaufene Glas der Balkontüre auf den in der Mitte stehenden Tisch. Ein praktisches Modell. Gerade Formen, abwischbare Kunststoffplatte, zeitlos, beige. Rudolf, seit dem letzten Schlaganfall verwirrt, betrachtet im Sessel vornübergebeugt die vor ihm liegenden, ausgeschütteten Schwarzweißfotografien aus der Zeit des zweiten Weltkrieges. Kleine Bilder mit gewelltem Rand von einer erstaunlichen Schärfe und Qualität. Lange, sehr lange Zeit hat er sie in einer ehemaligen Rasiercremeschachtel, schwarz mit aufgedrucktem Blumenmotiv aufbewahrt. Diese ist mit ihm mehrmals umgezogen und zuletzt, wahrlich zuletzt hier an dieser Endstation seines intensiven Lebens angekommen. Bis zum heutigen Tag waren sie geordnet, teilweise auf der Rückseite beschriftet. Mit Bleistift in akkurat nach rechts gerichteten Buchstabenfolgen und mit Jahreszahlen versehen. Jetzt in blassen, kaum leserlichen Wortinseln verschwommen.

 

Seine Tochter ist auf Besuch. Sie fuhr mit dem Auto aus Klagenfurt nach Arnoldstein. Vierzig Minuten Fahrtzeit auf der Autobahn, gefühlsmäßig eine Ewigkeit.  Sie sitzt ihrem Vater gegenüber wie in einem anderen Raum, getrennt durch die Glasfront der Erinnerungen.

 

Er greift Richtung eines einzelnen Fotos, trifft nicht, schüttelt den mit reinweißem Haar bedeckten Kopf, berührt mit seiner rechten Hand, die seit dem Krieg wie taub ist, sein Kinn und versucht es erneut. Obwohl Schweiß seine Stirn bedeckt und ihn diese Handlung offensichtlich anstrengt. Schwerstarbeit für Geist und Körper. Bilder fallen dabei zu Boden, sie fallen wie nasse Herbstblätter, wollen liegen bleiben. Er bemerkt es nicht. Wiederum ein Versuch. Der „Schwarzweißhügel“ in der Mitte des Tisches bildet einen Krater, wird umgerührt. Sie verharrt regungslos, um ihn nicht zu stören und beobachtet bei sich denkend was er wohl sucht.

 

Im Raum ist das laute Atmen seiner im Bett liegenden Frau zu hören. Zu Mittag muss sie ihren Körper ausruhen lassen, denn tagsüber verbringt sie ihre Zeit im Rollstuhl sitzend. Sie möchte schlafen, rasten.

„Was machst du denn schon wieder?“

Sie kennt ihren Mann schon zweiundsechzig Jahre und spürt seine Unruhe beinahe körperlich.

„Gib doch endlich einmal Ruhe!“

 

Das Fallen der Bilder ist lautlos. Rudolf ist versunken in seinem Fischen nach seinen Geschichten. Seine Sprechweise ist seit dem letzten Schlaganfall verändert. Anfangs schwer verständlich, doch mit längerem Reden besser.

Da, er hat ein Bild gefunden, in seiner Hand. Beim Betrachten richtet sich sein Körper unmerklich auf.

„Da bin ich mit der Inge!“

Sein linker Zeigefinger zeigt auf das kleine Papier in seiner rechten Hand.

„Hab ich dir schon von der Inge erzählt?“

Seine Frau reagiert unvermutet schnell: „Wer will das schon wissen? Deine alten Geschichten, immer dieselben!“

Vater blickt auf, schweigt dazu und macht mit der Hand eine wegwerfende Bewegung, ohne jedoch das Bild von Inge aus den Augen zu verlieren.

Er sieht seine Tochter an und ist für einen kurzen Moment wieder da. Der Vater mit seinem Blick, dem klaren Blick aus seinen ausdrucksstarken hellen Augen.

 

Die Zeit scheint still zu stehen. Langsam zieht es die Tochter in ein vergangenes Geschehen. Bild verbindet sich mit Bild, wird zu fortlaufenden Szenen.

 

Er hat ihr schon von Inge erzählt. Geschichten verbinden sich mit dem Foto und aus diesem erwächst ein Stummfilm. Einst durchlaufend vertont, droht dieser Film an verschiedenen Stellen zu reißen, oder er wird durch die Hitze des Vorführapparates schmelzen, zu einem schwarzen, ausgefransten Etwas, einem Loch. Aus dem mittig wiederum ein weißer Fleck, ein freier Raum dahinter sichtbar werden könnte. Ihr scheint es so, als säße sie in einem alten Kino, wo sich langsam der Vorhang vor der Leinwand beiseiteschiebt. Sie wartet.

Ihr Vater räuspert sich und nimmt sie mit in das Jahr 1943.

 

 

Im Hohen Norden

 

Eine Landschaft zeigt sich. Ohne Berge, Flachland mit hin und wieder eingestreuten Hügeln, bedeckt von weißem Schnee bis an den Horizont. Von Schneeverwehungen versteckte Krüppelbirkenhaine, vereinzelte Felsbrocken, Weite, Kälte, diesiges Licht.

Das Land der Mitternachtssonne. Finnland.

Sie kennt die Bilder ihres Vaters, seine Motive von der Tundra gespeist. Wie ein Puzzleteil setzt sie ihn hinein. Da steht er auf Wache. Später wird er das Lied „Es steht ein Soldat am Wolgastrand – hält Wache für sein Vaterland“ lieben.

Jetzt im Jahre 1943 ist er in einen dicken Innenpelzmantel mit Fellhaube gekleidet. An seinen Füßen Lederschuhe, die steif und kalt bleiben. Nur die in der Heimat von seiner Mutter gestrickten Wollsocken wärmen einigermaßen. Unter den Fußsohlen Eis und Kälte. Zwei Zehen sind erfroren, totes empfindungsloses Gewebe. Hier herrschen Temperaturen von minus fünfunddreißig Grad und mehr.

Die „Eismeerfront“, ein passender Name.

Sie fragt sich: „Was machen diese jungen Männer hier?“ Und ihr fällt ein Spruch von Ludwig van Beethoven ein, den er anlässlich der Uraufführung seiner siebenten Symphonie schrieb:

„Uns alle erfüllt nichts, als das reine Gefühl der Vaterlandsliebe und des freudigen Opfers unserer Kräfte für diejenigen, die uns so viel geopfert haben!“

Damals nach der Völkerschlacht von Leipzig. Jetzt mitten im Zweiten Weltkrieg an der Front, gilt wieder  dasselbe. Frieden scheint uns Menschen weniger zu liegen als der Krieg. Noch zwei Jahre wird er dauern, der totale Krieg – in diesem Jahr ausgerufen. Doch ihr Vater weiß nicht, wie der Krieg ausgehen wird, was aus ihm wird und ob er seine Heimat je wiedersehen wird. Er steht in der Kälte.

 

„Ich war so müde beim Wache stehen. Oft waren es zwei Tage und eine Nacht lang ohne Schlaf. Nichts war so schlimm, wie nicht schlafen zu dürfen.

Vor mir das Feindgebiet, die Russen. Bis auf hundertfünfzig Meter Nähe. Uns Wachen war es verboten, einzuschlafen. Darauf stand die Todesstrafe, denn ein unachtsamer Wachtposten konnte die ganze Kompanie gefährden. Meine Müdigkeit war zeitweise so groß, dass es mir egal war, ob ich dafür erschossen worden wäre.

Die Augen fielen mir zu und ich konnte sie im letzten Moment wieder öffnen. Manche von uns fielen einfach um, blieben schlafend im Schnee liegen, wo man sie dann am nächsten Morgen fand, erfroren. Ich wollte nur mehr schlafen, einsinken in warme weiße Wolkenfelder. In Wärme und Sonnenlicht liegen, geborgen, ohne Bedrohung von Feind oder den eigenen Leuten.“

Vater atmet schwer, reibt wie selbstvergessen seine Hände aneinander und erzählt weiter.

„Stell dir vor, hier herrschte im Winter ein halbes Jahr Dunkelheit mit einer zarten Dämmerung am Morgen. Damals war mir der eisige Wind ein guter Freund. Er schnitt in meine Wangen, drang durch die Fäustlinge, blies von unten in meinen Mantel den Körper aufwärts. Um nicht zu frieren, bewegte ich immer wieder die Beine von links nach rechts. Wir nannten das den „Tundratango“.

Wenn ich die Nordlichter in ihrer rasch bewegten, wechselhaften Schönheit sah, war ich getröstet.“ Das war endlich Licht, Farbe, unbeschreibliches Himmelsgeschehen.

Er dreht sich zu ihr, sein Blick ist weich, verschwommen, die Stimme bricht, wird rauer.

„Es war ein tägliches Warten auf Unvorhersehbares. Keinen Tag, keine Nacht war ich sicher, ob es meine letzte sein sollte.“

Sie fragt ihn: „Wie konntest du das auf die Dauer aushalten?“

„Ich habe immer im Augenblick gelebt. Dadurch hatte ich das Zeitgefühl ausgeschaltet. Vor dem Tod habe ich mich dann nach dem Krieg nicht mehr gefürchtet. Ich sah seine vielen Gesichter und habe später auch im Lazarett die Sterbenden betreut und sie bis zu ihrem Ende begleitet. Sie hatten letztendlich friedliche Züge und ihr letztes Wort war oft „Mama“. Man gewöhnt sich an Vieles.

Ich habe das Glück gehabt, unverletzt aus dem Krieg zurückzukommen. Seit dieser Zeit habe ich kein Problem mehr mich mit dem Tod auseinanderzusetzen.“

 

Mutter meldet sich wieder.

„Red‘ nicht schon wieder vom Krieg! Als ob es nichts anderes als Tod und Verderben gibt, ich kann es nicht mehr hören, deine ewigen Kriegsgeschichten!“

„Du hast ja recht, es gab auch heitere Momente.“

Wie schnell er eine Wendung vollzieht, wenn Mutter sie einfordert. Sie beobachtet wie Vater ein Lächeln auf sein Gesicht setzt und die Geschichte ins Positive lenkt.

Niemals will er Streit und Konfrontation. Harmonie ist sein Wunsch, auch wenn es Verzicht auf seine echte Gefühlswelt bedeutet. Also steckt er Gedanken, Worte über den Tod wieder weg und erzählt vom Holzstehlen, Schachspielen im Bunker.

Aber so leicht lässt sich die damalige Wirklichkeit nicht verstellen. Es drängt ihn zu reden. Da ist die Tochter, die heute zuhört. Das will er wahrnehmen.

„Die Briefe, das war immer ein Höhepunkt.

Die Post aus der Heimat. Manchmal kam sie wöchentlich, dann dauerte es wieder vierzehn Tage oder länger. Mit der Feldpost Nr. 24880. Briefe von Mama und Vater, meinen Schwestern, von Sophie, Astrid und von der Inge. Mama wollte mich nach dem Krieg mit Sophie verkuppeln, Gerüchte kursierten schon in Klagenfurt, bis ich sie mühsam widerlegen konnte. Ich und heiraten, damals undenkbar.

Aus den Briefen erfuhr ich, was daheim so los war. Ich schrieb nur Belangloses und beruhigende Worte. Viele Lügen, um sie nicht zu beunruhigen. Hätte nichts gebracht, nur Kummer. Sie aber schrieben sich alles von der Seele.

Besonders die Inge.

Sie beschäftigte mich, sie war anders. Schüchtern und dennoch irgendwie stark.

Ihre unschuldige Nähe gefiel mir. Doch ihre Briefe, die waren nicht unschuldig, schüchtern. Sie waren schwer, dunkel, gefüllt mit schwarzem Inhalt und Ideen vom Widerstand.“ Er stockt.

 

Bewegung des Herzens. Nach grauen Tagen. Ingeborg Bachmann

Eine einzige Stunde frei sein!

Frei, fern!

Wie Nachtlieder in den Sphären.

Und hoch fliegen über den Tagen

möchte ich

und das Vergessen suchen—

über das dunkle Wasser gehen

nach weißen Rosen,

meiner Seele Flügel geben

und, oh Gott, nichts wissen mehr

von der Bitterkeit langer Nächte,

in denen die Augen groß werden

vor namenloser Not.

Tränen liegen auf meinen Wangen

aus den Nächten des Irrsinns,

des Wahnes schöner Hoffnung,

dem Wunsch, Ketten zu brechen

und Licht zu trinken—

Eine einzige Stunde Licht schauen!

Eine einzige Stunde frei sein!

 

Inge, Inge sprach sein Innerstes an. Sie vermutet, dass es ihn geschmerzt hat, wenn er ihre Worte las, die klar von der Wahrheit im Krieg erzählten. Die Propaganda entlarvte und inneres Elend zur Sprache brachte. Der damalige Rudolf verbarg seine Emotionen geschickt und färbte sein blasses Gesicht mit einem tapferen rosa Schein, um auf seine Art zu überleben.

Später verstand er ihre Gedichte, doch er las wenig von ihr, der berühmten Frau aus Klagenfurt.

 

„Gib mir bitte ein wenig Wasser, mein Mund ist ganz trocken!“

Sie steht auf, reicht ihm den Becher an die Lippen.

„Danke“, er lächelt sie an.

„Ruh‘ dich etwas aus, ich bin ja da, du kannst auch später fortfahren zu erzählen.“

„Wer weiß, vielleicht vergesse ich bald meine Geschichten.“

Ein kurzes Lächeln huscht über sein Gesicht. Sie muss sich kurz abwenden, um nicht ihre aufsteigenden Tränen zu zeigen. Wie lange noch, wer weiß wie lange noch?

Vater legt sich auf sein Bett. An den Wänden hinter und neben ihm hängen gerahmte Bilder aus seinem Leben. Ein Gruppenbild seines Männerbundes. Er vorne sitzend, das leuchtend weiße Haar und sein Lächeln hebt sich vom würdigen Ernst der übrigen Männerblicke ab. Einige Kinder und Jugendfotografien. Darunter eine Aufnahme im Wiener Prater, als so er um die fünf Jahre alt war. Angetan mit kurzen Hosen, einem Jopperl, im Hintergrund eine gemalte Szene mit See und Säule. Der ernste Blick, vom Fotografen angeordnet. Seine Haare kurz geschoren. Sie kennt die Geschichte dazu. Rudolf hatte einen Onkel und eine Tante in Wien. Diese durfte er manchmal besuchen. So wie in diesem Sommer, als das Foto entstand. Nach dem Stillhalten im Studio darf er mit dem Onkel in den Prater gehen. Rudi ist traurig, denn der Haarschnitt hat ihn tief traurig gemacht. So gehen sie an dem am Eingang stehenden großen Chinesenstandbild – dem Kalafati – vorbei zum Wurstelprater.

Rudi sitzt bald unter vielen anderen Kindern und freut sich auf das Puppenspiel. Der Vorhang öffnet sich und Hanswurst begrüßt die Kinder. Nach dem „Seid ihr alle da?“, ruft er in die Menge: „Jö, schau, da sitzt a Glatzata!“ Alle Kinder blicken auf ihn und lachen. Rudi springt auf und rennt davon. Später gehen sie nach Hause zu Tante Erna, die ihn mit einem warmen Kakao zu trösten versucht.

Dieser ehemals kleine Bub liegt nun als neunzig Jahre alter Mann schwer atmend auf seinem Bett im Pflegeheim. Die Jahre scheinen dahinzufliegen wie weiße Vögel auf ihrem Flug in den Süden. Aus der Kälte in die Wärme und wieder zurück, wenn es Zeit ist.

 

Ihr Vater zieht sich wieder aus dem Heute ins Jahr 1943 zurück.

Mit einem Ruck setzt er sich auf und blickt seine Tochter an.

„Dann hab ich sie getroffen. Ich war auf Heimaturlaub in Klagenfurt. Stell dir vor, was für eine lange Reise. Sechstausend Kilometer mit Schiff und dem Zug bis zum Hauptbahnhof  und zu unserer Wohnung vis-à-vis, der Bahnhofstraße fünfzig.“

Zeit für Begegnungen, die Eltern sehen, im eigenen Bett schlafen, Gemeinsamkeit und Ausgehen, um Mädchen und Freunde zu treffen. Weg von Kälte und Krieg, wenigstens kurzfristig.

 

„Hab‘ ich dir schon gesagt, dass ich ein guter Küsser war?“

„Rudi, hör auf, das ist nichts für deine Tochter!“, macht sich Mutter bemerkbar. Erst jetzt. Früher hat sie mitgehört, zwangsläufig. Sie kann nicht ausweichen, mit sich alleine sein. Außer er malt in seinem Atelier. Sonst sind sie aneinander gebunden. Beide in einem Zimmer, Tag und Nacht.

„Das war doch vor dir, du weißt doch „immer dein Rudi“, ab unserer Verlobung bis heute. Und geküsst hab ich dich ja auch!“

Keine Antwort erfolgt. Sie möchte sich auflösen in diesem Hin und Her, dem noch immer traurigen Spiel entkommen. Dazwischen scheint mein Platz zu sein. Geparktes Ausgleichen, vermitteln, harmonisieren aus tiefer Liebe zu den Eltern, sich selbst vergessend. Sie ist dergleichen müde. Die Tochter als Zünglein an der Waage der Beziehung.

„Die warmen Lippen eines Mädels spüren wollte ich und schöne Worte hören. Inge aber hatte so eine dramatische Ader, so wie du meine Tochter!“

Das brauchte sie gerade noch, eine Verbindung zwischen der Schriftstellerin und ihr. Vergleiche, Verwechslungen, Familienaufstellungen. Bitte nicht heute.

Ihre Lippen schließen sich, der Vater bemerkt es nicht. Er spricht mit und für sich.

Im Innen und im Außen. Das Unerhörte mischt sich mit dem Verlauteten.

Er erinnert einen Abend, holt ihn aus der Versenkung und erlebt aufs Neue.

Das Foto mit ihm und Inge zeigt Wirkung. Wieder einmal.

 

 

 

Rudolf zieht seine Ausgehhose und sein kariertes Sakko an. Er steht in der großen ebenerdigen Küche in der Bahnhofstraße fünfzig.

Am Küchentisch sitzt sein Vater auf der Eckbank und liest in einem Buch. Seine Mutter heizt den Kohleherd ein. Trotz Sommerabend ist es hier kühl und der Zichoriekaffee will noch mit heißem Wasser aus dem Wasserkessel aufgegossen werden. Das Feuer knistert und knackt im Ofenloch. Es riecht nach Holz und Rauch, klammen Mauern und Sparsamkeit. Ein Glas der Küchenfenster ist zerbrochen und notdürftig mit Zeitungspapier verdeckt. Glas ist nicht verfügbar. Aus dem Radio erklingt Liszt. Reichsnachrichten und Siegermeldungen. Ein Aufruf der Winterhilfe, jetzt schon Socken für die Soldaten im Norden zu stricken.

„Die halten leider zu wenig warm“, meint Rudolf, „aber besser wie keine Socken.“

„Ja, damals war ich immer froh Zivilkleidung zu tragen!“

Ich war sehr penibel, was meine Kleidung anbelangte. Das Hemd musste sauber und gebügelt sein, das Sakko ausgebürstet und die Schuhe auf Hochglanz poliert.

Die Bügelfalte meiner Hose war besonders wichtig. Ich legte meine Hose immer unter die Matratze und meine Körperwärme mit meinem Gewicht waren das beste Bügeleisen. Im Innenhof der Wohnung putzte ich meine Schuhe. Dank meiner Schwester, die einen Farbenhändler geheiratet hatte, war auch im Krieg Schuhpasta vorhanden. Draufgespukt-glanzpoliert mussten sie sein.

Später habe ich Inge aus der Henselgasse abgeholt. Zum Feiern mit Freunden bei Ribiselsaft und Ribiselwein. Ich weiß nicht mehr, ob wir damals auch was gegessen hatten, aber unser Lachen und die Gemeinsamkeit beim Tisch sind mir in guter Erinnerung. Auch der Duft der Mädchen und ihre Anwesenheit, so Seite an Seite, vergesse ich nicht. Damals wollte ich Inge bitten den Inhalt ihrer Briefe zu ändern. Keine solchen Gedichte mehr von schwarzen Vögeln und wogenden Leichenbergen.

Mein Lebensmotto war immer „nur der feige stirbt vor seinem Tode“, doch damals war ich feige. Ich war zu feige ihr zu sagen, dass ich ihre Briefe alle verbrannt hatte. So gaben sie wenigstens im Feuer des kleinen Metallofens im Bunker Wärme ab. Wärme, die ich damals so ersehnte.

„Wenn du damals gewusst hättest, wie berühmt sie einmal werden würde…“, meint seine Frau leise, „hättest du sie nur aufgehoben!“

„Bis auf ein paar Mal miteinander ausgehen ist aus uns beiden kein Paar geworden. So hab‘ ich dich getroffen und jetzt sind wir miteinander hier.“

Ruhe erfasst den Raum. Der Krieg verzieht sich wie dieser Abend in die Grauzonen des alten Mannes zurück. Es ist Zeit, die Eltern sich selbst zu überlassen.

Sie drückt ihrem Vater einen Kuss auf die Stirn, dreht sich um und will sich noch von der Mutter verabschieden. Doch diese ist wieder in sich gekehrt und sagt noch: „Danke für deinen Besuch!“ Und sieht wieder verloren vor sich hin.

Sie legt der Mutter behutsam die Hand auf die Schulter und geht aus dem Zimmer. Hinaus auf den Gang. Hinaus aus dem Speisesaal. Hinaus auf den Parkplatz zu ihrem Auto.

Noch kann sie nicht fahren, sich von dem Ort verabschieden. Morgen komme ich wieder, kein Entkommen. Stellungskrieg.