Ankunft

Ankunft

 

I bin a Weana Bazi, sprich, ich bin Wiener, mit allen mir missfallenden Eigenschaften und Stereotypen: im Tonfall teils weinerlich und auch ein bisschen unangenehm, kurz, einer vom „Wasserkopf“, wie man leicht verächtlich in den Bundesländern sagt, mitunter in Kärnten, seit Monarchiezeiten, schon ein Weilchen. Das sprachliche Bild vom geistig Behinderten ist keinesfalls Zufall, wenn man, anstatt dem Volk nur aufs Maul zu schauen, nuancierter hinhorcht und auf dessen Wortwahl hört: Die freilich fremde, ferne Hauptstadt nennt man immer noch einen Wasserkopf, während man in Wirklichkeit, bewusst oder unbewusst, die Kopflosigkeit des Machtzentrums meint, die zentralistische Blindheit für heimische Sorgen, die unausweichliche Fremdheit jeder Verwaltung, gepackt in einen brauchbaren Begriff. Dies ist die unausgesprochene Quintessenz jener Sprechweise und sei darum den lieben Leuten in der Provinz verziehen, denn die Wendung hat bestimmt ihre Gründe – sonst gäbe es sie vermutlich nicht. Sogar die Wiener selbst verwenden den Begriff „Bazi“ zur Selbsterklärung, und selbige bedeutet, bei allem Bedauern, nichts Anderes als Wichtigtuer, Angeber, Großmaul. So ist es auch.

Wie gesagt, ich komme aus der einstigen Kaiserstadt, einem politischen Operettenort stetig abnehmenden Glanzes, aus dem nunmehr nur mehr blass roten Wien, übrigens meinem persönlichen Moloch, den ich wegen seiner polizeilichen Alltagsmentalität, seines gängigen Grants und seiner ebenso ungemütlichen wie stolz gepflegten Übellaunigkeit nicht durchwegs schätzen kann – aus einer geschichtlich reichen und seelisch doch verarmten Stadt demnach, deren erstes und letztes Opfer, lapidar gesprochen, die Lust und Lebensfreude sind. I sog a so, wie es in Kärnten heißt, das behaupte ich einmal, frei weg von der Leber. Die Bundesgeisterhauptstadt Wien … Ihre angebliche Gemütlichkeit, zweifellos ein Ruf, viel rosiger als die Realität, hat bereits Hermann Bahr in Abrede gestellt durch die treffende Bemerkung: „Man lebt in halber Poesie, gefährlich für die ganze.“ Nun bin ich ja in Klagenfurt angekommen, in Celovec, wie der ursprünglich slawische Name lautet, umringt von markanten Bergen mit Schneespitzen und allerlei pittoresken Seen. Und es gibt Unmengen an Wald, allem voran Fichtenforste, wie ich mir habe sagen lassen. Dass der Stadtname, eigentlich eine deutsche Lehnübersetzung, sich aus dem slowenischen „Cviljovec“ ableite, was Ort der Klagen heißt, hat entweder mit Jahrhunderten feudaler Germanisierung zu tun, wie auch anzunehmen ist, oder mit einem sprachlichen Streich der Geschichte, der von da nach dort seine eigenen etymologischen Wanderungen unternimmt.

Die Passanten jedenfalls lächeln hier öfter, ungezwungener und insgesamt mehr. Zumindest blicken sie nicht großstädtisch-atomisiert drein, als wäre ein jeder Vorbeispazierende ihr Feind schlechthin. Das gefällt mir, versteht sich. Vielleicht verbirgt meine Einschätzung sich in der Natur der Dinge, aber so genau will ich das Ganze gar nicht beurteilen. Der Süden liegt in jeder Hinsicht näher als in Wien, nicht nur botanisch, sondern auch lebensweltlich, wenngleich dort daheim „hinterm Ring“ der Balkan oder überhaupt, in Metternichs klassistischem Obrigkeitsjargon, gleich Asien beginnen würde. Irgendwie, und es hat gewiss auch mit dem Ortswechsel zu tun, atme ich freier seit meiner Ankunft – trotz Ausnahmezustand und Staatsquarantäne. Als Schriftsteller, in meinem Fall ein Euphemismus für Stubenhocker, bin ich das Sitzen im trauten Heim größtenteils gewohnt, wobei ich für gewöhnlich nicht die Virusepidemien aussitze, sondern lähmende Phasen einer lavierten Depression. Aber das macht nichts, um ehrlich zu sein, schließlich ist der depressive Grundtenor bewiesenermaßen der Preis für ein realistischeres Weltbild – und ein recht kleiner Preis obendrein, viel kleiner als bei dem vom Göttertrunk naschenden Narren, den so mancher Poet zeitweise um seine Inspiration beneiden könnte.

 

Langer Rede kurzer Sinn, ich fühle mich in meiner neuen Bleibe beileibe wohl. Sogar die Sonnenstrahlen wirken auf mich sonniger und das morgendliche Vogelgezwitscher im verwunschenen Garten hinter dem Gebäude klangvoller, deutlicher und sowieso überwältigend. Manchmal kommt mir vor, als hätte ich es über die Jahre, Rückschläge und Gebrechen verlernt, mich nervlich zu sammeln und ab und zu einzuhalten, um den Singvögeln zu lauschen und mich an ihrer Tonpracht zu ergötzen, unversiegbar wie sie ist. Da denke ich mir dann, das vollends urbane Milieu stelle in seiner Zubetonierung eine in hartes Grau gegossene Irrung dar, einen Holzweg ohne Holz, ein dumpfes Dasein ohne Baum und Strauch, ohne Blätterrascheln, Ästeknarren, Tierlaut oder natürlichen Klang: eine Art geometrischer, grau melierter Wüste, welche sich als zivilisatorische Ordnung gebärdet. Getrübter Sinne, man bedenke doch bloß, bleibt einem Stadtkind wenig übrig, als diese mit starken Reizen nachzuwürzen, meinetwegen, mit künstlichen aus der Unterhaltungsindustrie. Dahingehend funktioniert die digitale Revolution ja. Indes, ich habe vorerst genügend Zeit, um mir die Pflänzchen und Gebüsche nebenan einmal einzeln anzusehen. Wenn man sich Beobachtungen widmet, finde ich, entdeckt man immer etwas, und es ist meistens eine lohnende Erfahrung. Mein täglicher Blick aus dem Fenster ist wuchernde, halbwilde Natur – der reinste Luxus gewissermaßen.

Ein irischer Jugendfreund und krasser Kulturfeind hat mir beizeiten einmal gesagt, warum er die Commonwealth-Kultur unterm Strich nicht mag, nämlich, weil er allein schon aus ästhetischen Erwägungen heraus den englischen Brauch hasse, eine bunte Blumenwiese prompt niederzumähen, um hernach eine einzige Blumensorte einfarbig im Quadrat einzupflanzen. Obwohl ich das Kultivieren der Erde gänzlich anders deute als er, denn Blumenbeete sind weder vorab hässlich noch eine sonderlich britannische Spezialität, hat mich seine national paranoische, aber pointierte Aussage seither nicht mehr völlig losgelassen. Ihr kritischer Kerngedanke hat sich in mir eingenistet. Worte gleichen unsichtbaren Widerhaken, die sich wie Flunkenanker gedanklich in die Seele graben. Auch den Wald, in welchen ich – was weiß ich, warum! – nahezu nie gehe, liebe ich. Ein Stück Natur im unmittelbaren Lebensraum und um ihn herum bedeutet auf Dauer so einiges für die geistige Gesundheit, das innere Wohlbefinden, den gesamten menschlichen Wahrnehmungsapparat. Darum besitzen Villenviertel in der Regel viel Grün, viele Gärten und freie Räume, im Gegensatz zu den modernen Betonzinshäusern, den Arbeiterlegebatterien ohne blumige Flächen, saftige Wiesen und schattenspendende Baumkronen. Margareten, das Grätzl, wo ich aufgewachsen bin, und der einzige Wiener Innenbezirk, der nicht an den Ersten grenzt, wo das betuchte Moralgesindel weilt, kann als billige Betonwüste ein Liedchen davon singen. Weg aus Wien, wie froh ich darüber bin!

Sicherlich wäre es leichter, statt einer Beschreibung in kunstvollen Worten einfach eine Fotografie hinzustellen, ins Netz oder auf eine Buchseite, um einen wirklichkeitsgetreuen Eindruck davon zu vermitteln, was mich an diesem neuen Örtchen umgibt. Ich selbst, aufgewachsen mit Fernseher und Mauern vor der Nase, Städter durch und durch, habe zeitlebens beim Lesen von Romanen immer nur darauf gewartet, dass die allzu literarischen Landschaftsbeschreibungen, bitte, endlich aufhören, spätestens auf der nächsten Seite … Ob es an meiner mangelnden Vorstellungskraft oder meiner Ungeduld gelegen ist, weiß ich nicht. Hingegen, auch eine lautere, bildkräftige Umschreibung in naturalistischer Perfektion würde ihrerseits nur ein Stimmungsbild liefern, getunkt in des Schriftstellers subjektive Feder. So auch hier und jetzt: Die Lage meiner von „For Forest“ zur Verfügung gestellten Wohnung ist in jeder Hinsicht zentral, sodass ich zu Fuß in Minutennähe entfernt von der Innenstadt und dem Bahnhof residiere – und allen anderen Kammern, Ämtern und Kasernen, die sich ebenfalls in Reichweite befinden. Residenz trifft es begrifflich am besten. Die Wohnung ist geräumig, mit riesigen Flügelfenstern und Parkettböden ausgestattet, die Räume sind asymmetrisch, praktisch angelegt und insgesamt sehr hell. Anders als in meiner Wiener Wohnzelle, kann ich mehr als die mir bekannten zwei, drei Schritte in einer Richtung gehen, ohne sofort anzustoßen, und der Selbstbedienungsladen liegt zum Glück in Sichtweite.

Die Zufahrt vors Haus ist nicht hürdenlos gewesen. Am Viktringer Ring muss man mit dem Automobil ein Stückchen weiter fahren, ehe man einbiegen kann, und muss dann, was die Hürde wiederum läppisch erscheinen lässt, ungefähr hundert Meter zurück rollen. Das grüne, eiserne Tor öffnet per Fernbedienung und Automatik, und zwar langsam wie in einem Spielfilm, als würde die bedeutsame nächste Szene damit angekündigt werden. Der Fahrweg nimmt gleich daneben, vor einem slowenisch-katholischen Nonnenwohnheim ein Ende; von dort geht es nicht mehr weiter. Rechts des besagten filmischen Tors erhebt sich die For-Forest-Villa, in sich ruhend wie ein Sommerwohnsitz verarmten Landadels, ein erst auf den zweiten Blick prachtvolles Landhaus samt sympathischem Wildgarten, groß genug zum Ballspielen, und einem sich selbst überlassenen Miniaturacker. Das Hauptgebäude, unter Umständen französischer Klassizismus, zweifellos aber provenzalisch in der Bauart, ragt selbstbewusst, aber unaufdringlich vor der Zufahrt in die Höhe und wird von einem nach allen vier Seiten hin abfallenden Dach friedlich zusammengehalten. Ein paar Schritte weiter noch entlang eines asphaltierten Wegs sind es bis zum einstigen Dienstbotenhäuschen, wie ich annehme, einem kleineren Gebäude gleicher, untertriebener Schlichtheit, das über drei Wohneinheiten verfügt, eine unten und zwei oben, über geräumige Zimmer, wie gesagt, und gönnerhaft große Fenster.

Schnell habe ich es mir einigermaßen kommod eingerichtet: ein süßes Detail hier, ein anderes Detail da, meine Lieblingsschirmlampe aufgestellt, Kuscheldecke aufs Bett, ein paar Jugendstil-Bilder auf die Wände, Küchenzeile eingerichtet, Geschirr eingeräumt, Regale aufgebaut, sogar den passenden Platz für meine Palme gefunden. Nach nur wenigen Tagen genüsslichen Kochens, entspannten Lesens und Flanierens, fröhlicher Begegnungen und erfrischender, intellektueller Bekanntschaften jedoch – der völlige Stillstand nahezu allen gesellschaftlichen Lebens. Scheiß Corona! Die Universitäten, die Schulen, die Kaffeehäuser, Restaurants und sonstigen Geschäfte schließen mehr oder minder über Nacht. Die staatlich verordnete soziale Isolation, situativer Wunschtraum aller seelischen Blockwarte, die mittlerweile im Namen einer übergeordneten Vernunft nach noch mehr Strenge rufen, bricht herein mit der Wucht einer Naturgewalt. Plötzlich fühle ich mich gestrandet, aber auch zum ersten Mal seit Jahren wirklich ausgeschlafen.

Das Einzige, das mir in einer solchen Lage bleibt, abgesehen von „Stay-the-fuck-home“-Botschaften aus dem Internet, telefonischen Lamentos aus dem engeren Freundeskreis und der als solidarisch empfundenen Blitzfaschisierung der Gesellschaft aus den Nachrichten, ist die von alledem weitgehend unberührte Naturschönheit, die es für mich noch zu entdecken gilt. Unter Umständen ist Unberührtheit, wenn ich es mir genauer überlege, der falsche Ausdruck, denn die Natur erholt sich mit jedem Tag, da die Wirtschaft sie nicht vergewaltigt, mehr und mehr. Der Markt betrachtet allen Ernstes nämlich die Erde, aus der wir Wasser holen, Öl pumpen, Erze graben und Nahrung ziehen, als Endlosressource, doch wir alle wissen, es stimmt nicht.

Als ich unlängst mit dem Fahrrad bis zum Vrbsko Jezero, dem Wörthersee, gefahren bin, habe ich links des Badestrands und seiner längst geräumten Kais eine meditative Nische entdeckt: eine verborgene Kleinbucht mit rustikalem Holzbänkchen, ins Wasser hängenden Bäumen und Zweigen, Wurzelwerk auf Schritt und Tritt und lauter Schilf entlang des Ufers. Da fängt, wie ich auf einer Tafel gelesen habe, das Europa-Schutzgebiet Lendspitz-Maiernigg an, Zufluchtsort für eine Unzahl heimischer Arten, von Pfeifengraswiesen über bauchige Windelschnecken bis zu Tüpfelsumpfhühnern. Dort in der verschlagenen Bucht habe ich mich hingesetzt und seit Langem wieder einmal gezeichnet, was sich so selbstlos üppig, wie nur die Natur sein kann, meinem Auge dargeboten hat.

 

Gernot Waldner: Zum Text

1) Der Text beginnt damit, dass sich der Erzähler / Sprecher als Wiener deklariert. Den restlichen Text verbringt er damit, die negativen Behauptungen über Wien (und damit auch über ihn als Wiener) nicht zu erfüllen: der Text ist schön geschrieben und liest sich gut, obwohl man zu Beginn vor seinem Verfasser gewarnt wurde. Zwei gegensätzliche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus:

– Niemand weiß, wie Wien eigentlich ist und Wiener gibt es vielleicht gar nicht, aber die Aufrechterhaltung des Glaubens daran, hat etwas fröhlich-tröstliches für die Provinz, wie ein graues Schauermärchen, das einem nie träumen wird müssen;

– Kärnten hat den Verfasser dermaßen verändert, dass er plötzlich solche Texte schreibt. Welche Texte er davor schrieb – in Wien! – sollte unbedingt durch den Erwerb seiner Bücher überprüft werden, um die Größe dieses Projekts in Ansätzen zu begreifen.

 

2) Der Text besticht durchgehend dadurch, dass er charmant ist, man über alle Phänomene irgendwie mehr erfährt, als über sie gesagt werden kann. Hannah Arendt definiert „Charme“ so, dass er in einer kapitalistischen Welt das ist, was über das vertraglich Vereinbarte hinausgeht. Charme ist, in unser Vokabular gefasst, eine Form von Trinkgeld, mit der man nicht gerechnet hat. Inhaltlich spiegelt sich dieser Charme im Text auf zwei Ebenen:

– die Ankunft des Autors ist die neue Zugabe für die Villa For Forest, sozusagen ein charmanter Vorgang, mit dem so nicht zu rechnen war;

– Mehrere Stellen machen deutlich, dass Literatur / Essayistik oft darin besteht, nur eine Zugabe zu sein, da ihr grundlegende Verträge fehlen, die sie zu mehr als einem Überschuss machen könnten; Ob das nur zum Nachteil der Literatur ist, weiß ich nicht, aber die besagte Ambivalenz scheint wichtig zu sein.

 

3) Das Verhältnis zur Natur deckt bisher, abgesehen von marxistischen Einwürfen, die Romantik und die Naturforschung des 19. Jahrhunderts: man liebt den Wald, man war fast noch nie dort. Man kann Pflanzen und Vögel beim Namen nennen. Wie literarische Romantik und klassifizierende Naturforschung enden, ist historisch bekannt, ob sich das Verhältnis zur Natur in den folgenden Texten des author@musil noch mehr der Gegenwart nähert, werden wir lesen.

Otmar Stark – Sehnsucht.

Otmar Stark

Sehnsucht

 

Tagebucheintrag am 21.02.1980

Gestern ging wieder ein Tag zu Ende, der mir gezeigt hat, wie schön das Leben wäre, wenn es keine Sehnsucht gäbe. Der Ausflug, den wir mit der Dorfgemeinschaft Radweg machten, gab mir die Gewissheit, dass der Brand, bei dem ich glaubte, er wird verlöschen, nie mehr aufhören wird zu lodern. Immer wird eine Freude in mir ungeteilt bleiben. Als ich oben am Pyramidenkogel stand und ergreifend über die schöne Heimat blickte, träumend der gottbegnadeten Stille lauschte, schob sich ein Bild vor meine Augen, welches ich nicht imstande bin aus meinem Herzen zu verbannen. Und später die Fahrt auf den Loiblpass. Die herrliche Gebirgswelt Kärntens, die erhabene Schönheit der Berge, das ewige Brausen des Windes, welcher über die Grate und Gipfel rauscht. Alles ist dazu angetan, um die Sehnsucht wieder wach werden zu lassen um Verlorenes, welches man einmal besaß, als Glück zu betiteln. Ja, all die Schönheit der Natur kann die Freude niemals ganz voll machen. Solche Schönheiten kann man nur mit einem Menschen, mit dem man von ganzem Herzen gut ist, erleben. Denn bei einem alleinigen sich freuen, bleibt trotzdem immer die Sehnsucht, solch Herrlichkeiten auch mit einem geliebten Menschen zu erleben, um richtig froh zu werden.

Ja es stimmt, äußerlich habe ich mich nicht über das Alleinsein zu beklagen. Immer wieder klang es in mir und ich sagte mir. Otmar, schau wie herrlich und schön alles ist.  Es sieht mir auch keiner an, dass ich nicht immer bei der Sache war. Ich habe gelernt mein Äußeres zu beherrschen. Nur einer merkt, dass alles nur Komödie ist, um einen tiefen Schmerz zu verbergen. Ja, Schorsch, du hast recht, wenn mein Mund auch anders spricht. Aber solch eine Liebe kann man nicht von Heut auf Morgen wie ein Stück Wäsche wechseln. Dazu gehört Zeit, wenn es überhaupt möglich ist. Bis jetzt ist mein Gefühl für sie so intensiv, wenn nicht noch stärker, dasselbe geblieben. Der letzte Brief, den sie mir als Kameradin schrieb, zeigte mir, dass es auch ihr nicht leicht ist, um das Gewesene zu vergessen. Drum will ich warten und rein bleiben, vielleicht wird meine Treue einmal belohnt. Seit damals, als ich ein unschuldiges Mädel in Liebe erweckte, habe ich mit keiner mehr etwas gehabt. Bis auf ein paar……! Die aber immer mit harmlosen Küssen…..! Ich weiß auch, das soll ich nicht machen, aber der Kussteufel und das Spiel mit der Liebe hält mich noch immer in seinen Krallen. Eigentlich bin ich jetzt ja frei und kann machen was ich will, aber eine innere Stimme befiehlt mir. Bleibe treu, du wirst belohnt werden. Ich will auf sie horchen, sie hat mich noch nie betrogen!

Isabbel Schmitd – Er ist einer von ihnen!

Isabbel Schmidt

Er ist einer von ihnen!

 

Mein Onkel in den Jahren um 1920. Er muss sich heute schön machen und frische Kleidung anziehen. Heute ist sein erster Fototermin beim Militär.  Er ist der Jüngste von allen und somit auch der Zierlichste. Oft hat er Angst, dass ihn jeder übersehen und ihn keiner ernst nehmen wird. Draußen ist es sehr kalt. Es schneit und hundert Wolken bedecken den Himmel. Die Wolken sind grau. Als er bei der Kaserne ankam, ist er sofort ins Badezimmer verschwunden. Er hat Bedenken, dass seine Haare nicht mehr passen. In der Aula, wo das Foto aufgenommen wird, wartet schon seine Trompete auf ihn. Er geht sehr vorsichtig mit ihr um und denkt immer wieder über seinen Opa nach. Es ist ein Geschenk, für welches der Opa ein ganzes Jahr gearbeitet hatte. Alle müssen sich versammeln. Die Traurigkeit fließt noch immer durch seinen Körper. Er muss mit der Gruppe zusammenspielen. Alle sind viel älter als er. Nachdem sie sich eingespielt hatten, fängt der eigentliche Sinn des Tages an – Fotos machen. Noch einmal eilt er ins Badezimmer und schaut sich im Spiegel genau an. Er ist sehr nervös. In seiner rechten Hosentasche hat er einen kleinen Engel eingesteckt. Das ist auch ein kleines Geschenk von seinem Opa. Oft denkt er über ihn nach. Seine Freunde suchen ihn schon. Bald ist seine Gruppe dran und er muss sich vorbereiten. Die einzelnen Namen werden aufgerufen. Auch seinen eigenen hört er. Jetzt steht er mit seinen Freunden vor dem Fotografen. Er hat nicht viel Platz. Alle drängen dicht aneinander, jeder von ihnen will sich gut positionieren. Viele vergessen dabei, dass er nicht der Stärkste in der Gruppe ist, sie übersehen ihn, er kann sich nicht wehren. Die nächsten Sekunden fühlen sich an wie Stunden. Er weiß nicht wie er schauen soll. Ernst, lachend oder doch ganz unauffällig. Ein greller Blitz reißt ihn aus seinen Gedanken. Es ist vorbei. Alle gehen weg von ihm. Sein erstes Foto mit seiner Gruppe. Endlich gehört er auch dazu. Er gehört zu einer Gruppe. Er ist ein Teil davon. Er zuckt zusammen, jemand redet mit ihm, aber er kann nichts hören. Als es leiser wird, hat er verstanden, dass alle zusammen essen gehen. Er kann es nicht glauben. Er ist Teil einer Gruppe. Er ist ein junger zierlicher Mann auf einem Foto. Er ist einer von ihnen!

Livia Hofstätter – Das Meer voler Erinnerungen.

Livia Hofstätter

Das Meer voller Erinnerungen

 

Die Sonne brannte ihr auf der Haut. Dieses Gefühl, vollkommen von der Wärme umhüllt zu sein, hatte sie schon lange nicht mehr. Sie hatte es vermisst, die Sonne, das Meer und das Gefühl nicht alleine zu sein. Sie hatte ihre Augen geschlossen und genoss dieses Gefühl, das ihr so sehr gefehlt hatte. Als Kind war sie oft hier, mit ihrer ganzen Familie. Ihre Mutter hatte diesen Ort geliebt. Sie liebte es zu tauchen und von den Klippen ins Meer zu springen. Sie lag gern im Schatten der großen Olivenbäume und hörte den Möwen zu, wie sie kreischend über das Meer flogen. Sie schwärmte gerne Stunden lag davon, wie schön es sein musste, ein Vogel zu sein. Man könnte über die ewigen Weiten des Meeres schweben, der Sonne entgegen und nichts und niemand würde einen aufhalten. Auch sie hatte es geliebt, das Tauchen mit ihrer Mutter. Sie liebten es beide, wenn man beim Tauchen nach oben an die Wasseroberfläche schaute und sehen konnte, wie die Sonne an der Oberfläche glitzerte und sich die Sonnenstrahlen nach unten in die unendlichen Weiten des Meeres erstreckten. An den niedrigen Stellen des Meeres konnte man sogar am Boden des Meeres beobachten, wie das Licht flackerte und tanzte. Es hatte etwas so unglaublich Zauberhaftes für die beiden, sodass sie sich stundenlang darin verlieren hätten können. Ihr fiel ein, wie sehr sie sich immer darauf freute, das Meer zu riechen. Sie liebte diesen salzig süßen Duft. Und wenn man das Meer auch nur kurz schon aus dem Fenster ihres kleinen Busses sehen konnte, hatte sie sofort diesen Duft in der Nase, auch wenn es noch gedauert hätte, bis sie es wirklich riechen konnte.

Ihre Mutter hatte eine Leidenschaft für die Malerei und zeichnete mit Vorliebe die Natur. Doch was sie liebte zu malen, war das Meer. Sie sagte immer, wenn sie ein Element wäre, wäre sie ohne Zweifel Wasser und am liebsten ein großer, unendlich großer Ozean, denn das Wasser ist immer in Bewegung, aufschäumend und wild. Doch hat es auf der anderen Seite etwas so Beruhigendes, man könnte stundenlang zusehen, wie das Wasser auf die Felsen schlägt und sich ineinander verschlingt. Stunden war sie damit beschäftigt, das Meer zu malen.

Sie schaute ihrer Mutter gerne dabei zu und hoffte, das Meer eines Tages auch so malen zu können wie sie, denn sie schaffte es all die Ausdrücke, die sie mit dem Meer verband, auf dem Papier zu einem Bild zu formen. Sie lag da, noch immer, auf dem heißen Sand. Sie hasste es früher im Sand zu liegen, vor allem wenn sie nass war. Doch jetzt wollte sie die ganze Pracht dieses Ortes erleben und dazu gehörte auch der goldige Sand, der sie früher immer unter den Füßen kitzelte. So lange war sie nicht mehr hier gewesen, seit dem Tod ihrer Mutter. Sie hatte Angst davor, diesen Ort ohne ihre Mutter zu besuchen. Sie hatte Angst davor, die Erinnerungen würden sie überrollen. Als sie hier an diesem Ort ankam, kam es ihr schon ein wenig seltsam und ungewohnt vor, doch sie spürte auch, dass es ihr vielleicht helfen würde, den Schmerz zu lindern. Sie dachte an ihre Mutter und sie fühlte sich nicht traurig, sondern vollkommen geborgen, so als wäre ihre Mutter bei ihr. In gewisser Weise war sie das vielleicht ja auch, denn sie verband ihre Mutter schon immer mit dem Wasser und dem Meer, da ihre Mutter es so geliebt hatte. Und so fühlte sie sich ihr nah, hier an der Stelle, wo das Meer voll mit Erinnerungen war.

Sie öffnete ihre Augen und die Sonne schien ihr ins Gesicht. Sie hielt sich die Hand über die Augen, um etwas sehen zu können. Ihr Blick fiel zu den großen Klippen. Als Kind hatte sie sich nie getraut, von den Klippen ins Wasser zu springen. Sie kamen ihr immer so riesig und unüberwindbar vor. Sie bewunderte jeden, der den Mut aufbrachte, sich von ihnen aus in die Wellen zu stürzen.

Sie stand am Rand der Klippe und blickte auf die Weiten des Meeres bis an den Horizont, der ihr so nah erschien, als könnte sie ihn, wenn sie sich ausstrecken würde, berühren. Die Sonne brachte gerade noch letzte Kraft auf und färbte das Meer und den Himmel in Gold- und Rottöne, bevor sie unter gehen würde. Sie ging einige Schritte nach hinten, um Anlauf zu nehmen. Sie rannte auf das Ende der Klippe zu, wo es nach unten gehen würde, ins Meer. Und sie sprang ohne Angst oder Zweifel und während sie sprang, konnte sie ihre Mutter lachen hören, so als würde sie neben ihr von der Klippe springen. Auch sie schrie und lachte zu gleich. Sie fühlte sich frei und unbeschwert, sie fühlte sich ihrer Mutter so nah wie schon lange nicht mehr.

Helene Gattereder – Die kleine Hexe Zyclame und das Klassenfoto.

Helene Gattereder

Die kleine Hexe Zyclame und das Klassenfoto

 

 

 

Sie sitzt in der Sonne, neben dem großen Ameisenhügel, wo die Ameisen geschäftig ihre Fichtennadeln in den Bau schleppen. Das ist ein gutes Zeichen, denn dann bleib das Wetter schön. Das weiß die kleine Hexe Zyclame ganz genau, denn sie kennt sich aus in diesem Wald. Von weitem hört sie den Bach rauschen und die Bienen summen in der Wiese zum Waldrand, wo man im Frühling so viele Maiglöckchen findet. Und die duften genauso wie das kleine Hexlein duftet, wenn es ausgeruht ist. Denn nur dann kann es duften, wie eben Zyklamen duften. Von denen hat sie nämlich ihren Namen.

Sie schließt die Augen, lässt die Sonne auf ihre gesprenkelten Füße scheinen und denkt daran, dass jetzt so wenig Kinder am Bach spielen. Die sitzen jetzt immer mit ihren Eltern in einem Auto und flitzen irgendwohin.

Aber nein, da hört sie Stimmen. Zwei Frauen wandern lachend den sandigen Weg entlang. Die kommen ihr aber bekannt vor, wo hat sie die nur schon einmal gesehen? Und jetzt verlieren sie auch noch etwas. Zyclame huscht schnell hinüber, um es aufzuklauben, im Wald soll man ja nichts wegwerfen, und da sieht sie es. Es sind zwei Klassenfotos. Die sind aber schon alt und Zyclame wird neugierig.

 

Sie schaut den beiden nach. Ist das nicht die Erika, die immer ihre liebe Not mit ihrer Ziege hatte? Na ja, und barfuß gehen sie ja auch nicht mehr. Sie haben flotte Sportschuhe an und ihre bunten blumigen Röcke flattern fröhlich beim Gehen. Aber wer ist die Zweite? Schnell huscht sie auf die große „Fasslbeerstaude“ die ganz knapp am Weg steht, von da aus kann sie alles ganz genau sehen. Und richtig, jetzt weiß sie es. Es ist die KLEINE. Die Kleine auf dem Foto ganz oben rechts mit den dünnen Zöpfen und dem kritischen Blick. Nur ein Mädchen steht zwischen ihr und der geliebten schönen Lehrerin. Na, viel gewachsen ist die aber in der Zwischenzeit auch nicht, denkt sich das Hexlein, lässt seine gesprenkelten Beine baumeln und duftet, was das Zeug hält. Erika und die Kleine setzen sich genau der „Fasslbeerstaude“ gegenüber, rasten ein bisschen, fühlen die warme Sonne und riechen das Hexlein. Aber sie glauben natürlich, dass da irgendwo eine Zyclame sein muss.  Hören den Bach rauschen, schließen die Augen und sind ganz schnell mit den Gedanken in ihrer Kindheit.

Zyclame muss lächeln. Die sind ja noch genau so fröhlich und spitzbübisch wie als Kinder. Sie macht auch die Augen zu, riecht den heißen Sand auf dem Weg, den Duft der Fichtennadeln vom Ameisenhaufen und dann sieht sie sie, in Gedanken natürlich, die KLEINE.

 

Die „KLEINE“                                                                                                                                                                                                             

Wie sie die Landstraße entlang geht. Der Schotter leuchtet schön hell. Aus den Fenstern der Häuser hört

sie die Morgensendung im Radio und weiß ganz genau, wie viel Zeit ihr am Schulweg noch bleibt. Sie holt ihre Freundin Elke ab, geht am Friedhof vorbei durch den Wald, 4 Km zur Schule. Sie kommt bei der Stelle vorbei wo im Sommer, gleich hinter der Mulde, die erste Erdbeere steht. Immer an der gleichen Stelle. Aber heute ist Spätherbst, es ist richtig, die erste Lacke ist mit dünnem Eis überzogen. Das Rutschen geht noch nicht, sonst bricht alles. Aber morgen könnte es gehen.

Und jetzt, der verbotene Gang auf den dicken Eisenröhren, die Wasser in das E-Werk für die Fabrik befördern.

Es ist gerade ein Schuh breit Platz, dass man geradestehen kann. Im Winter ist die Oberfläche nass oder leicht gefroren, da kann man leicht ausrutschen, aber auch super in den tiefen Schnee springen. Die Röhren gehen auch über Gräben und da auf hohen betonierten Stelzen.

Wenn man über die Brücke am Bach geht, kann man die Zunge an die Röhre legen und bleibt solang picken, bis man mit warmer Spucke wieder loskommt.

Der E-Werk-Mann schaut immer streng, aber er lässt uns durchgehen. Ist ja eine tolle Abkürzung, auf dem langen Schulweg.

Manchmal, wenn sie allein unterwegs ist, und er sie sieht, geht er hinter sein Wohnhaus damit sie glaubt, er hat sie nicht gesehen und dann geht sie ganz schnell vorbei. Er passt auf sie auf, ob ihr wohl nichts passiert ist.

Am Werksgelände, durch das man eigentlich nicht gehen darf, liegen Berge von Eisenspiralen, die in öligen Farben glänzen.

Das Holz klauben im Wald ist vorbei, wo sie immer bei bestimmten Bäumen das Harz herunter klaubt und wie Kaugummi kauen kann. Ist gut gegen Hunger.

Die Maikäfersammlung in der Schule ist auch vorbei, wo alles voll mit stinkenden Gefäßen voll Maikäfer war. Aber man hat ein paar Groschen dafür bekommen.

 

Hoffentlich kommt sie heute beim Juvan vorbei, der sie das letzte Mal abpassen wollte und sie musste sich stundenlang unter einem Baumstamm verstecken. Ihr Herz hat geklopft und sie hat an Glockenblumen gedacht.

Zyclame hat aber den Juvan abgelenkt, damit er sie nicht findet. Sie passt ja immer auf.

Die kleine Hexe Zyclame, mit den zerrupften kurzen Haaren, ihrem kurzen, dunkelroten Rock, den braunen, gesprenkelten Beinen und den flachen Schuhen. Sie wäre ja so gerne so groß und blond und hübsch wie die Fee Felicitas vom Pinocchio. Mit ihrem blauen Sternenkleid.

Aber sie ist dafür wieselflink und riecht so gut. Aber für`s Schönsein hat sie einfach zu viel zu tun. Denn immer muss sie auf die Kleine achtgeben. Ja und wo die Kleine ist, ist ja auch die Erika nicht weit. Das hat sich bei diesen Zweien anscheinend gar nicht geändert.  Auch heute sind sie zusammen unterwegs, und da sind aber inzwischen schon viele Jahre vergangen.

Jetzt huscht die kleine Hexe aber wieder unter das Schneerosenblatt beim Ameisenhaufen. Da ist es ein bissl gemütlicher als auf der stupfigen „Fasslbeerstaude“. Das ist heute aber wirklich ein ganz gemütlicher Sommertag. Sie liebt ja diesen Weg und die Wiese und den Bach. Und freut sich wie ein Schneekönig, obwohl der sich ja im Sommer nicht freuen kann, weil da ist er ja schon lange zerronnen. Aber das ist halt so ein Spruch, der dem Hexlein gut gefällt. Also, sie freut sich, wenn Leute vorbeikommen und fröhlich sind.  Sie legt sich unter ein Schneerosenblatt, da ist es schön schattig, sie macht die Augen zu, weil am besten sieht man ja vergangene Sachen, wenn man die Augen zu hat, und sieht, sieht den Sommer, die Ziege, die „Kotla“ vor sich und dann die

Erika                                                                                                                       

Sie ist ein zartes, lebhaftes Mädchen mit dünnen Zöpfen, einem spitzbübischen Lächeln und einem unbändigen Drang nach Draußen, Abenteuer und Gemeinsamkeit.

Das Haus, in dem sie wohnt, war bis nach dem ersten Weltkrieg eine Produktionsstätte der nahen Metallfabrik. Jetzt ist es das Personalhaus des Werkes, in dem nicht nur ihr Vater, sondern auch der Großteil der männlichen Bevölkerung des kleinen Ortes arbeitet.

Vor dem Haus ist einer der Brunnen des Ortes, hinter dem Haus die Holzhütte mit Brennholz, das man im Sommer im Wald klaubt, mit Kohle, und wenn`s ganz gut geht, etwas Koks. Der gibt am meisten Hitze. Und die Ziege ist auch noch da.

Im 1. Stock wohnt der dünne, große, dunkle Mann mit der spitzen Nase. Im Frühling schickt er die Kinder immer zum Maiglöckchen klauben. Diese trocknet er und verwendet sie dann als halluzinogenen Drogen. Sie weiß zwar noch nicht was das ist und wie das heißt, aber irgendwie komisch kommt es ihr schon vor. Und wenn er sie einmal in die Wohnung lässt, dann ist diese voll mit Vögeln in Käfigen. Sie denkt, er muss ein Vogelfänger sein.

 

Am Gang haben die Leute ihre Speisekästen, das spart Platz in den kleinen Küchen und es ist schön kühl.

Einmal erwischt sie die Nachbarin beim Würfelzucker stibitzen. Sie klopft ihr auf die Finger und Erika läuft zur Mama beichten, sicherheitshalber. Aber zuerst wird von dem auf den Finger klopfen erzählt, da wiegt dann der Würfelzucker nicht so schwer.

Ihre Mutter ist eine zarte, sanfte, gläubige Frau, die einen Witwer geheiratet hat und seinen Sohn mit viel Nachsicht behandelt, damit nur ja kein schlechter Gedanke aufkommt. Außerdem gibt’s heute Gott sei Dank keinen Ritschert, der ihr wirklich vom Herzen nicht schmeckt und der stinkt. Das darf sie aber nicht sagen, da kann dem Vater schon ganz leicht die Hand ausrutschen. Er ist ein bissl jähzornig, was sich bei ihr auch ab und zu bemerkbar macht.

Den ganzen Sommer über ist sie mit der Ziege in der „Kotla“, dem Schwemmgebiet des Loiblbaches wo im Frühling die Lawinen ins Tal donnern und Geröll mitnehmen. Da bilden sich dann Mulden, in denen das Wasser stehen bleibt. Es ist schön warm und man kann richtig baden. Da hockt man sich nieder, macht ganz schnell zwei schwimmartige Bewegungen mit den Armen, das Gleiche mit den Beinen und eigentlich kann man ja schon schwimmen. Was im Schwimmbad in der Stadt nicht so funktioniert, und wo man sich ganz schnell am Boden Desselben findet und auf allen vieren krabbelnd, die rettende Stufe an die Luft findet.

 

Die Steine sind heiß, hell und rund, das ideale Gebiet auch für Vipern, die es sich gemütlich machen und wenn man den Kopf aus dem Tümpel hält und einer solchen gerade ins Auge blickt, ist es dann                                                                                                                                                                                                                                                            schon gut, wenn man schreit und die Buben kommen. Die gehen dann mit Stöcken auf die Schlangen los. Manche packen sie auch am Schwanz und werfen sie, wenn`s gut geht, nicht in ihre Richtung. Einer kommt immer mit Blindschleichen daher die er in die Blusen steckt. Sie schreit und läuft weg, muss aber wegen der Ziege doch immer dableiben.

Wenn die Ziege nicht nach Hause will, sie mit den Hörnern umstößt und dann auch noch am Boden entlang rollt, kommen ihr die Buben auch zu Hilfe. Momentan sind aber einige zum Großen der Wasserfälle unterwegs, da kann man schön hinter dem Wasservorhang die Wand entlang auf die

andere Seite des Baches klettern. Vom Überlauf aus ist ein Zwischenraum zwischen Wasser und Felsen. Das machen aber nur die Buben.

Jetzt muss die kleine Zyclame ganz schnell den Felsen hinter dem Wasserfall ein bissl trocken- wischen, damit die Buben gut auf die andere Seite hinüberkommen. Wo doch alle gar nicht richtig schwimmen können.

Und dann haben die schon wieder ein paar Patronen, die von den Soldaten beim Rückzug aus dem Krieg in den Wäldern weggeworfen wurden, gefunden. Die werden mit Steinen bearbeitet, mit dem Pulver daraus eine lange Linie gezogen und die wird dann angezündet. Aber da schicken sie Erika immer weg. Was sie immer ein bisssl ärgert, aber Angst hat sie auch.

Am Abend „operiert“ der Vater dann die lädierten Füße der Kinder mit einem skalpellähnlichen Messer, schmiert alles mit selbstgemachter „Lärchensalbe“ ein und am nächsten Tag ist alles gut.

 

Erika wird später in Klagenfurt die Frauen Berufsschule besuchen und abschließen. Der Vater wird den Baugrund, den er sich und seiner Familie vom Mund abgespart hat, verkaufen, damit Erika die Schule und sein jüngster Sohn Siegfried die Montanuniversität in Leoben besuchen kann. Siegfried wird in Deutschland bei einem großen Konzern ein großer Mann und kommt zu allen Treffen, die jetzt organisiert werden, nach Hause.

 

Erika wird eine schwierige Ehe eingehen, 3 liebevolle, erfolgreiche Kinder haben, in der Welt herumreisen, und die gleiche fröhliche, spitzbübische, schmale, sanfte Person bleiben.

Die kleine Hexe Zyclame war wahrscheinlich gerade auf Urlaub, als sich Erika ihren Lebenspartner ausgesucht hatte. Und dann war`s halt zu spät

 

Zyclame nimmt wieder das Foto in die Hand. Sie ist heute aber besonders neugierig. Wer ist denn bloß das hübsche Mädchen in dem weißen Kleid, den blonden Haaren und dem geraden furchtlosen Blick. So viele Gedanken kommen ihr in den Sinn, und dann freut sie sich, dass sie die DAGMAR erkennt. Dagmar mit ihren dicken Zöpfen. Was wohl aus ihr geworden ist? Sie hat sie ein bisschen aus den Augen verloren, weil sie nicht so viel auf sie aufpassen musste. Sie war ja eine Brave.

 

Dagmar

Diesmal hat sie den Hund zu Hause gelassen, genießt die warme Märzsonne und geht zu Fuß in die Innenstadt, um sich noch schnell ein Puzzlespiel für ihr Enkelkind zu besorgen, bevor sie morgen nach Heiligen Blut fährt, um die letzten schönen Wintertage mit Familie, Schnee, Schi fahren und Freunden zu verbringen.

Plötzlich ein Lärm, zwei Männer rempeln sie an.  Ein rasender Schmerz in der Kniekehle. Sie bleibt stehen, kann sich nicht bewegen, wie eine automatische Puppe, der man den Stecker aus der Dose gezogen hat. Der Splitter einer Glasscheibe, die beim Tumult zerbrochen ist, hat ihr die Sehnen in der Kniekehle durchtrennt.

Während des anschließenden Krankenhausaufenthaltes mit unzähligen Operationen am Bein, und dem mühsamen „wieder Gehen lernen“, fällt er ihr wieder ein.

 

Dieser mühsame Schulweg im Winter in die 4 km entfernte Schule. Die Schichtarbeiter aus der Fabrik, die in der Morgenschicht um 6.00Uhr hintereinander den langen Weg stapfen, damit ihre Kinder, wenn sie zur Schule gehen, eine Spur haben. Der Schneepflug kam ja erst spät ins Dorf.

Der Vater ist auch dabei. Der Vater, der im gerade erst zu Ende gegangenen Krieg als vielleicht gefürchteter Zöllner beschäftigt war und jetzt froh ist, die Arbeit als Stahlarbeiter zu haben.

In dem Dorf, wo sie beim Schlafengehen und Aufwachen die Berge vor der Nase hat, wo es still ist, am Tag dreimal der Bus in die hinterste Talecke fährt. Und ansonsten nur einer der Zöllner eine Beiwagenmaschine hat. Die anderen müssen die Strecke zum Grenzpass zu Fuß gehen. Auch als Kontrolle. Da finden sie dann im Winter die abgestürzten Flüchtlinge, die mit Akias auf Schiern an den Kindern vorbei, in die Bezirksstadt gebracht werden. Eigentlich sollten die Kinder das ja nicht sehen, aber irgendjemand weiß immer, wann die vorbeikommen.

Im Frühling hört sie dann die Lawinen, die in die Schlucht donnern, den Bach, der dann anschwillt und stärker als sonst rauscht und das Rauschen der Bäume. Das ist ihr „Zu Hause“ und es wird ihr später im Leben immer abgehen.

 

Der weiche Vater, der seine zwei Töchter niemals straft. Dafür ist sie, die strenge schöne Mutter zuständig. Und zu ihrer Unterstützung hat der Vater am Esstisch immer den „Spanischen“, eine Rute aus einem Pracker, liegen.

Die Prügelei ihrer Mutter mit einer Liebschaft ihres Vaters, die nicht ohne Folgen geblieben ist. Diese Szenen treffen sie so sehr, dass sie zeitlebens auf Harmonie bedacht ist, und ihr Streit aus tiefstem Herzen zu wieder sein wird.

Sie wird die Hauptschule besuchen, dann jeden Tag zu Fuß in die Bezirksstadt gehen, sich in den Bus setzen und in der Landeshauptstadt die Handelsschule besuchen. Sie ist keine glänzende Schülerin und wird bei der Abschlussprüfung, nachdem sie merkt, dass die Noten nicht so gewaltig sind den Prüfer mit den Worten: „Wenn i durchfoll, geh i in die Drau“ unter Druck setzen. Es hat geklappt.

Nach einem Jahr Bürotätigkeit geht sie als Au Pair nach England. Das Heimweh plagt sie so sehr, dass sie glaubt sterben zu müssen.

 

Sie lebt bis zu ihrem 23. Lebensjahr bei ihren Eltern in der kleinen Wohnung, bis sie ihre Liebe kennenlernt. Heiratet in den Betrieb ihres Mannes ein, bekommt 2 Kinder und arbeitet im Betrieb mit. Und nur mit der Schwiegermutter haperts am Anfang ein bissl. Da vergisst sie zwei Mal ihre Harmoniesucht und dann ist alles gut.

Sie ist in der ganzen Welt unterwegs, lebt in einer Villa in vornehmer Wohngegend und ist das geblieben was sie war. Ein sanftes, fröhliches, hübsches Mädchen mit dicken Zöpfen und einem geraden, furchtlosen Blick.

Ihr Fuß wird nie mehr ganz heilen, sie wird nie mehr ohne Schmerzen sein, und doch wird sie dem verwirrten jungen Mann, der dafür verantwortlich ist, nicht böse sein.

 

Na, und wer ist da noch zu sehen? Das „Lausdirndle“! Heute kommt die kleine Zyclame aus dem Lächeln gar nicht mehr heraus. Die hat sie wirklich auf Trab gehalten. Ihr Balancieren über den Dächern, nein, da ist sie heute noch erschrocken.  Dann erst der Ringelspielausflug. Das hat sie ja schon vergessen, und jetzt gruselt es sie direkt ein bisschen. Aber sie hat alles geschafft und zu gerne möchte sie wissen, was aus dem Kind geworden ist. Sie kann ja, wie alle Hexlein, nicht aus ihrem Bereich heraus, und das „Lausdirndle“ ist dann ja schon bald nicht mehr da gewesen. Aber vielleicht kommt auch die einmal hier vorbei, wie jetzt Erika mit der Dagmar.

Und sie denkt ganz fest ans:

 

„Lausdirndle“

Die Heli, die schon wieder auf dem Straßengeländer balanciert, von dem man vom oberen Ortsteil auf den unteren hinunterschauen kann, bis auf die Dächer und die Balkone der Häuser. Nie kann sie ordentlich gehen. Zyclame bläst schnell jedes Stäubchen von Geländer, sodass die Füße ja nichts Spitzes spüren. Dieses Kind hängt im Apfelbaum, mit den Kniekehlen an einem Ast hängend, schaukelt wie ein Leintuch im Wind, oder steht beim Ringelspielfahren im Sitz auf, weil man da den Wind besser spürt. Und der Ringelspielbesitzer weiß nicht, wie er dieses abstellen soll, ohne dass was passiert. Aber sie sitzt eh schon wieder, weil alle Leute so gestikulieren. Eigentlich sollte ja ihre ältere Schwester auf sie aufpassen, aber die ist gerade dabei ihre Weiblichkeit zu entdecken, schäkert mit den Burschen und da stört die kleine Schwester. Und dann gibt`s Zores.

Ja, ihre große Schwester ist schon so ein eigenes Kapitel. Die hat das Dirndl noch im Kinderwagen über eine Wiese in den Fluss rollen lassen, damit sie endlich nicht mehr da ist. Weil alle Leute immer so ein blödes lächelndes Gesicht gemacht haben und sie so hübsch fanden. Aber Zyclame hat sich schnell einem englischen Soldaten, der gerade in der Nähe war, auf die Schulter gesetzt und ganz laut gerufen: “ Lauf, lauf !!“ und da hat er sie dann aus dem Wasser gefischt. Er hat sich noch gewundert, warum er ein Rufen gehört hat, wo er doch niemanden gesehen hat. Aber das ist halt so mit den Hexlein. Eigentlich kann man sie gar nicht sehen. Unsere kann man aber riechen. Und für die Schwester gab es dann erst recht wieder Zores, als der Soldat das „Dirndle“ zu Hause abgeliefert hat.

 

Oder wie sie die Kleine im großen Theatersaal, der an das Wohnhaus angebaut war, einmal aufgebahrt hat. Auf der Bühne, mit Kerzen und allem Drum und Dran. Das „Dirndle“ durfte sich nicht rühren, sie war ja tot. Und eigentlich hatte sie nichts dagegen, weil das war ja wie Theater spielen. Dann ist aber eine Kerze umgefallen, alles hat angefangen zu brennen, die Schwester ist weggelaufen und die anderen Kinder auch. Das „Dirndle“ konnte sich vor lauter Angst auch nicht rühren. Gott sei Dank ist ein Zöllner vorbeigekommen und eines der Kinder hat ihn um Hilfe gebeten. Der hat sie dann herausgeholt und alles war gut.

Wie die Schwester dann aber eines Tages alle Geschwister, auf die sie aufpassen sollte, einfach im Wald abgesetzt hat, fast wie bei Hänsel und Gretel, war es dann doch genug. Sie wollte den neuen jungen Kaplan in der Bezirksstadt becircen.

Die Kinder saßen den ganzen Nachmittag am selben Platz, sie sollten ja nicht weggehen. Und gegen Abend, als es schon langsam finster wurde haben sie sich überlegt, ob sie nicht diesen dünnen Baum, den man bis zum Boden biegen konnte, als Schleuder benutzen könnten. Bis in den Himmel zu den Sternen, die schon begonnen hatten zu leuchten. Aber keiner traute sich. Weil, wenn es gelingt, wie kommt man wieder zurück? Dann war aber auf einmal ganz großer Lärm, Fackeln und Lichter im Wald, Leute haben gerufen und alles war wieder gut.

Die Schwester kam dann in ein katholisches Erziehungsheim. Das hat aber nicht viel geholfen. Sie ist ein ganzes Leben lang schwierig gewesen und früh gestorben.

 

Ab diesem Augenblick aber hat die kleine Zyclame wirklich ganz besonders auf das „Lausdirndle“ aufgepasst. Und da hatte sie immer noch genug zu tun.

Nur wenn das „Dirndle“ seine Nase in einem Buch hat, nicht sieht, rein gar nichts hört und so, oft in einer anderen Welt ist, dann geht’s auch dem kleinen Hexlein gut.

Geschafft, alles gut, die kleine Zyklame kann sich ausruhen. Denn nur wenn sie ausgeruht ist kann sie auch duften. Zyclamenduft ist der schönste Duft, den man sich vorstellen kann. Wie Sonne,

süßer als Zucker, blau wie der Himmel und weiß wie heiße runde Steine. Jetzt kann sie die Sonne genießen, den Ameisen zusehen, und ab und zu mit den Fischen reden. Die kommen ganz hinten aus der Schlucht heraus, flitzen bis in den großen Fluss, der ganz weit unten vorbei rinnt und erzählen die wunderlichsten Dinge von ihrer Reise.

 

Elke

Elke ist ein verzogenes arrogantes Kind mit einem abweisenden kritischen Blick, blonden Zöpfen, die immer mit einer schönen breiten Masche zusammengehalten werden, und schön gebügelten Rüschenkleidern, die niemals schmutzig sind. Sie lebt während und auch noch nach dem Krieg bei ihrer Großmutter und einem jungen Mann in dem kleinen Ort. Die Mutter ist mit einem Deutschen verheiratet und lebt auch dort. Dieser junge Mann wird von ihr „Onki“ gerufen und besucht noch die HTL in der Bezirksstadt. Jeden Morgen holt die Kleine sie zu Hause ab. Sie muss sich aber tummeln, sonst ist Elke weg. Die wartet nicht auf sie. Und nur wenn Elke eventuell ihr Taschentuch zu Hause vergessen hat, dann holt ihre Oma sie herein. Aber sie muss immer in der Türe stehen bleiben, darf nie in den Raum hinein wo in der Mitte ein großer Esstisch steht. Auf einem richtigen Teppich!! An der gegenüberliegenden Wand ein Sofa, auf dem der ganzen Länge nach Puppen sitzen. Eine ganze Reihe voller Puppen. Und nie darf sie eine angreifen. Die Oma ist eine große, dunkle, strenge Frau. Die Kleine fühlt sich nicht wohl in ihrer Nähe.

Hinter dem Haus ist ein alter Holzstadel auf dessen Stiegen die Kinder bei Regenwetter sitzen und spielen. Mit ihren Holz- und Stoffpuppen. Elke hat ihre Schönen, natürlich nicht mit.

Anschließend ans Haus gibt’s eine große Wiese mit Obstbäumen, abgegrenzt zur Straße mit einer dichten Hecke. Hinter der kann man immer lauern und auf den Bäcker warten, der von seiner Brotausfuhr am frühen Nachmittag mit seinem Pferdewagen zurückkommt. Dann kann man ganz schnell hinter der Hecke hervor, auf die Deichsel und von dort in den Wagen springen, so dass der Kutscher das nicht merkt, denn das ist ja nicht erlaubt. Aber einer ist sehr nett und tut so, als ob er uns nicht sehen würde. Dann kann man bis kurz vor die Bäckerei mitfahren und auf die gleiche Weise wieder abspringen. Denn beim Kaiserriegel muss der Kutscher absteigen, und die Bremsen anziehen. Dann ist man aber eh schon wieder weg.

Einmal hat die Elke das auch machen wollen. Die Kleine rennt los, auf die Deichsel, auf den Wagen. Aber die sture Elke ist nicht so geschickt, rutscht schon von der Deichsel ab, das Pferd rennt, Elke schleift auf der unbefestigten Straße mit den Knien, die Kleine schreit: „Lass aus, lass aus…!!“. Aber die Elke ist ein bissl dumm und lässt nicht aus. Bis der Kutscher endlich ihr Schreien hört und stehen bleibt. Schuld war dann aber die Kleine und durfte sie nicht mehr zur Schule abholen kommen. Das hat der Elke aber nichts ausgemacht, die hat dann eben die Ida abgeholt. Ida war die einzige in der Klasse, die noch kleiner als die Kleine war. Und das war schon was für die Kleine, nicht die Letzte in der Reihe im Turnsaal zu sein.

 

Einmal ist die Elke am Schulweg auf den Röhren bei der vereisten Brücke ausgerutscht und in den darunterliegenden Bach gefallen. Auf den Rücken. Der „Schulpack“ hat aber den Aufprall gedämmt. Und dann hat sie überall erzählt, dass sie Engel gesehen hat, die sie getragen haben. Aber das hat ihr die Kleine nicht geglaubt. Denn als sie einmal von der Brücke in den tiefen Schnee gesprungen ist, wäre sie erstickt, wenn die anderen Kinder nicht den E-Werk-Mann geholt hätten. Und von Engeln war da keine Spur.

Elke ist dann bald zu ihrer Mutter nach Deutschland. Aber vorher hat sie die Kleine noch dazu verleitet im nächsten Ort, wohin ihre Mutter sie zum Broteinkaufen geschickt hatte statt dem Brot, was eh ausgegangen war, 1/8 Zucker mitzunehmen. Auf die Bemerkung der Händlerin, die Mutter hätte eh schon alle Marken aufgebraucht, wurde dann gemeinsam behauptet: „Aber sie braucht das einfach noch.“ Die Kleine konnte jetzt ja nicht mehr zurück. Auf dem 1km langen nach Hause Weg wollte Elke Zucker schlecken, was aber nach Meinung der Kleinen ja nicht geht, weil man ja das Sackerl nicht wieder so schön zusammenlegen kann. Aber Elke fand den Vorschlag mit einem kleinen Loch im Sackerl nicht so schlecht. Aber das Loch wurde mit jedem Schlecker nasser und größer und da blieb halt nur der Weg durch den Wald, damit man nicht gesehen wird. Am Ende war beiden ziemlich schlecht geworden von so viel Zucker. Bei der nächsten Fassung (dem monatlich größeren Einkauf), kam alles ans Licht. Wieder „Elkeverbot “. Die Kleine sitzt tagelang auf der Stiege vor dem Haus und wartet auf Elke.

Die aber geht weit am unteren Rand der Wiese vorbei und schaut nicht einmal herauf. Obwohl das ja eh keiner sehen kann und sie wenigstens ein bissl winken hätte können.

Elke wird bald zu ihrer Mutter nach Deutschland ziehen, dort die Schule besuchen und sich nie bei jemandem im Dorf melden.

Bei einem der Treffen, die dann später regelmäßig im Ort organisiert werden, wird sie der „Kleinen“ gegenübersitzen und so tun, als würde sie sich nicht an sie erinnern. Und die jetzt selbstsichere große „Kleine“ wird sich denken: „Gott sei Dank bin ich nicht so geworden wie sie“. Eine steife, abweisende Person, hinter der man das kleinbürgerliche Reihenhaus sehen kann, und sicher steht sie am Zaun und nimmt den Kindern den Ball weg, wenn er zu ihr hinüberrollt.

Sie tauscht mit der Kleinen ihre Visitenkarte aus, was der ganz gut gefällt, weil sie die

Schönere hat. Karton, künstlerisch bedruckt und Elke hat nur ein billiges Aufkleber Etikett. Sie hat kein Interesse als Erste zu schreiben.

Beim nächsten Treffen, zwei Jahre später, kommt Elke nicht mehr. Sie ist in der Zwischenzeit gestorben.

 

Später einmal denkt sich die „Kleine“. Vielleicht war Elke krank, vielleicht hatte sie eine dieser Alterskrankheiten und konnte sich deshalb nicht mehr erinnern. Aber sie kann jetzt niemanden mehr fragen. Auch ihr „Onki“ ist in der Zwischenzeit verstorben.

 

 

Klassenfoto    7. Schulstufe „Lausdirndle“

 

Sie ist ein hübsches, fröhliches Mädchen geworden. Jetzt geht sie in Viktring in die Schule. Nicht mehr als 1km von dem Bauern entfernt, wo ihre Mutter sie jedes Jahr wo anders am Anfang der Ferien deponiert hatte. Wer will schon fremde Kinder durch den Sommer füttern. Obwohl sie ja immer arbeiten musste. Kühe halten, auch bei Gewitter mit Blitz und Donner. Wo sie dann unter einem Baum sitzt und weint. Pferde einspannen und aufs Feld führen, wo die „Vieher“ doch so groß sind. Holz sammeln, Garben schleppen. Da wurde ja noch mit der Sense und der Sichel gearbeitet. Beim letzten Bauern hatte ihre Mutter sie einfach nicht mehr abgeholt.

Aber sie fühlt sich gut bei den Leuten, lacht wieder mehr und der Schulweg führt immer an zwei Teichen vorbei. Da riecht sie das Laub, sieht den Fischen zu, freut sich im Frühling an den hell leuchtenden Blättern der Buchen.

Ein bisschen ist sie in den Lehrer verliebt. Er ist jung, ihm fehlt ein Finger. Den hat er sich in der Gefangenschaft abgehackt, damit er ins Lazarett kommt, sonst wäre er erfroren.

Im Singunterricht spiel er Harmonium, ganz schlecht. Später, als er in Pension ist, wird er ihr erzählen, dass sie ihn ausgebessert hat: „Herr Lehrer, das ist falsch, das geht so“, hat sie gesagt, aber er hat es nicht als frech empfunden.

17 Buben und 8 Mädchen gehen in diese Klasse und alle schauen fröhlich drein.

 

Lehrer Lampe wird ihr später am Hochstuhl das Du–Wort antragen.

Günther wird wohl später einmal nicht mehr so viel spucken.

Gertrude wird mit ihrem Mann in Wien eine Jugendherberge leiten und sie werden sich öfter sehen. Gertrude, sie ist ein wenig „fein“ geworden.

 

Rudi das Rechengenie, wird Unternehmer und sie werden sich fünfzig Jahre später immer noch jedes zweite Jahr treffen, weil sie für Fredi, der nach Kanada ausgewandert ist, immer ein Treffen organisieren wird. Sie wird ihn und seine Familie dort besuchen und drei wunderschöne Wochen verbringen.

Franz, zweite Reihe Mitte, wird ihr Schwager.

 

Sie wird jung heiraten, zwei erfolgreiche Kinder haben und erst spät ihr eigenes Leben führen können. Sie wird, wie sie meint, wohl als älteste Schauspielschülerin, die jemals die Prüfung abgelegt hat, in Wien auch bestehen. Sie wird sich endlich mit Gesang, Literatur und Musik beschäftigen können. Am städtischen Theater und an einer renommierten Bühne angestellt sein, kleine Filmrollen haben, ein eigenes  Theaterstück (das auch jahrelang an Schulen gespielt wird) schreiben und wird als einzige „Alte“ an der Musikschule aufgenommen werden um steirische Harmonika zu lernen. Die hat sie von ihrem Vater geerbt und es tut ihr leid, um das schöne Stück. Aber sie tanzt lieber selber, als den anderen dabei zuzusehen.

Sie kommt viel in der Welt herum, und bis auf Australien wird sie jeden Kontinent bereisen.

Taekwondo, ein asiatischer Kampfsport, wird ihr Lebenselixier.

Und sie hat das gute Gefühl, dass ihre Enkelkinder sie bewundern.

 

Jetzt geht es ihr gut und endlich kann die kleine Hexe sich ausruhen und duften. Weil hier ist sie nicht mehr zuständig

Beatrix Haidutschek – Dazwischen Liebe.

Beatrix Haidutschek

Dazwischen Liebe

Die Geschichte der Begegnung von Rudolf Haidutschek und der jungen Ingeborg Bachmann während des Zweiten Weltkrieges

 

 

 

Im Zimmer Nummer Sieben des Pflege- und Seniorenheimes fällt gelbes Herbstlicht durch das angelaufene Glas der Balkontüre auf den in der Mitte stehenden Tisch. Ein praktisches Modell. Gerade Formen, abwischbare Kunststoffplatte, zeitlos, beige. Rudolf, seit dem letzten Schlaganfall verwirrt, betrachtet im Sessel vornübergebeugt die vor ihm liegenden, ausgeschütteten Schwarzweißfotografien aus der Zeit des zweiten Weltkrieges. Kleine Bilder mit gewelltem Rand von einer erstaunlichen Schärfe und Qualität. Lange, sehr lange Zeit hat er sie in einer ehemaligen Rasiercremeschachtel, schwarz mit aufgedrucktem Blumenmotiv aufbewahrt. Diese ist mit ihm mehrmals umgezogen und zuletzt, wahrlich zuletzt hier an dieser Endstation seines intensiven Lebens angekommen. Bis zum heutigen Tag waren sie geordnet, teilweise auf der Rückseite beschriftet. Mit Bleistift in akkurat nach rechts gerichteten Buchstabenfolgen und mit Jahreszahlen versehen. Jetzt in blassen, kaum leserlichen Wortinseln verschwommen.

 

Seine Tochter ist auf Besuch. Sie fuhr mit dem Auto aus Klagenfurt nach Arnoldstein. Vierzig Minuten Fahrtzeit auf der Autobahn, gefühlsmäßig eine Ewigkeit.  Sie sitzt ihrem Vater gegenüber wie in einem anderen Raum, getrennt durch die Glasfront der Erinnerungen.

 

Er greift Richtung eines einzelnen Fotos, trifft nicht, schüttelt den mit reinweißem Haar bedeckten Kopf, berührt mit seiner rechten Hand, die seit dem Krieg wie taub ist, sein Kinn und versucht es erneut. Obwohl Schweiß seine Stirn bedeckt und ihn diese Handlung offensichtlich anstrengt. Schwerstarbeit für Geist und Körper. Bilder fallen dabei zu Boden, sie fallen wie nasse Herbstblätter, wollen liegen bleiben. Er bemerkt es nicht. Wiederum ein Versuch. Der „Schwarzweißhügel“ in der Mitte des Tisches bildet einen Krater, wird umgerührt. Sie verharrt regungslos, um ihn nicht zu stören und beobachtet bei sich denkend was er wohl sucht.

 

Im Raum ist das laute Atmen seiner im Bett liegenden Frau zu hören. Zu Mittag muss sie ihren Körper ausruhen lassen, denn tagsüber verbringt sie ihre Zeit im Rollstuhl sitzend. Sie möchte schlafen, rasten.

„Was machst du denn schon wieder?“

Sie kennt ihren Mann schon zweiundsechzig Jahre und spürt seine Unruhe beinahe körperlich.

„Gib doch endlich einmal Ruhe!“

 

Das Fallen der Bilder ist lautlos. Rudolf ist versunken in seinem Fischen nach seinen Geschichten. Seine Sprechweise ist seit dem letzten Schlaganfall verändert. Anfangs schwer verständlich, doch mit längerem Reden besser.

Da, er hat ein Bild gefunden, in seiner Hand. Beim Betrachten richtet sich sein Körper unmerklich auf.

„Da bin ich mit der Inge!“

Sein linker Zeigefinger zeigt auf das kleine Papier in seiner rechten Hand.

„Hab ich dir schon von der Inge erzählt?“

Seine Frau reagiert unvermutet schnell: „Wer will das schon wissen? Deine alten Geschichten, immer dieselben!“

Vater blickt auf, schweigt dazu und macht mit der Hand eine wegwerfende Bewegung, ohne jedoch das Bild von Inge aus den Augen zu verlieren.

Er sieht seine Tochter an und ist für einen kurzen Moment wieder da. Der Vater mit seinem Blick, dem klaren Blick aus seinen ausdrucksstarken hellen Augen.

 

Die Zeit scheint still zu stehen. Langsam zieht es die Tochter in ein vergangenes Geschehen. Bild verbindet sich mit Bild, wird zu fortlaufenden Szenen.

 

Er hat ihr schon von Inge erzählt. Geschichten verbinden sich mit dem Foto und aus diesem erwächst ein Stummfilm. Einst durchlaufend vertont, droht dieser Film an verschiedenen Stellen zu reißen, oder er wird durch die Hitze des Vorführapparates schmelzen, zu einem schwarzen, ausgefransten Etwas, einem Loch. Aus dem mittig wiederum ein weißer Fleck, ein freier Raum dahinter sichtbar werden könnte. Ihr scheint es so, als säße sie in einem alten Kino, wo sich langsam der Vorhang vor der Leinwand beiseiteschiebt. Sie wartet.

Ihr Vater räuspert sich und nimmt sie mit in das Jahr 1943.

 

 

Im Hohen Norden

 

Eine Landschaft zeigt sich. Ohne Berge, Flachland mit hin und wieder eingestreuten Hügeln, bedeckt von weißem Schnee bis an den Horizont. Von Schneeverwehungen versteckte Krüppelbirkenhaine, vereinzelte Felsbrocken, Weite, Kälte, diesiges Licht.

Das Land der Mitternachtssonne. Finnland.

Sie kennt die Bilder ihres Vaters, seine Motive von der Tundra gespeist. Wie ein Puzzleteil setzt sie ihn hinein. Da steht er auf Wache. Später wird er das Lied „Es steht ein Soldat am Wolgastrand – hält Wache für sein Vaterland“ lieben.

Jetzt im Jahre 1943 ist er in einen dicken Innenpelzmantel mit Fellhaube gekleidet. An seinen Füßen Lederschuhe, die steif und kalt bleiben. Nur die in der Heimat von seiner Mutter gestrickten Wollsocken wärmen einigermaßen. Unter den Fußsohlen Eis und Kälte. Zwei Zehen sind erfroren, totes empfindungsloses Gewebe. Hier herrschen Temperaturen von minus fünfunddreißig Grad und mehr.

Die „Eismeerfront“, ein passender Name.

Sie fragt sich: „Was machen diese jungen Männer hier?“ Und ihr fällt ein Spruch von Ludwig van Beethoven ein, den er anlässlich der Uraufführung seiner siebenten Symphonie schrieb:

„Uns alle erfüllt nichts, als das reine Gefühl der Vaterlandsliebe und des freudigen Opfers unserer Kräfte für diejenigen, die uns so viel geopfert haben!“

Damals nach der Völkerschlacht von Leipzig. Jetzt mitten im Zweiten Weltkrieg an der Front, gilt wieder  dasselbe. Frieden scheint uns Menschen weniger zu liegen als der Krieg. Noch zwei Jahre wird er dauern, der totale Krieg – in diesem Jahr ausgerufen. Doch ihr Vater weiß nicht, wie der Krieg ausgehen wird, was aus ihm wird und ob er seine Heimat je wiedersehen wird. Er steht in der Kälte.

 

„Ich war so müde beim Wache stehen. Oft waren es zwei Tage und eine Nacht lang ohne Schlaf. Nichts war so schlimm, wie nicht schlafen zu dürfen.

Vor mir das Feindgebiet, die Russen. Bis auf hundertfünfzig Meter Nähe. Uns Wachen war es verboten, einzuschlafen. Darauf stand die Todesstrafe, denn ein unachtsamer Wachtposten konnte die ganze Kompanie gefährden. Meine Müdigkeit war zeitweise so groß, dass es mir egal war, ob ich dafür erschossen worden wäre.

Die Augen fielen mir zu und ich konnte sie im letzten Moment wieder öffnen. Manche von uns fielen einfach um, blieben schlafend im Schnee liegen, wo man sie dann am nächsten Morgen fand, erfroren. Ich wollte nur mehr schlafen, einsinken in warme weiße Wolkenfelder. In Wärme und Sonnenlicht liegen, geborgen, ohne Bedrohung von Feind oder den eigenen Leuten.“

Vater atmet schwer, reibt wie selbstvergessen seine Hände aneinander und erzählt weiter.

„Stell dir vor, hier herrschte im Winter ein halbes Jahr Dunkelheit mit einer zarten Dämmerung am Morgen. Damals war mir der eisige Wind ein guter Freund. Er schnitt in meine Wangen, drang durch die Fäustlinge, blies von unten in meinen Mantel den Körper aufwärts. Um nicht zu frieren, bewegte ich immer wieder die Beine von links nach rechts. Wir nannten das den „Tundratango“.

Wenn ich die Nordlichter in ihrer rasch bewegten, wechselhaften Schönheit sah, war ich getröstet.“ Das war endlich Licht, Farbe, unbeschreibliches Himmelsgeschehen.

Er dreht sich zu ihr, sein Blick ist weich, verschwommen, die Stimme bricht, wird rauer.

„Es war ein tägliches Warten auf Unvorhersehbares. Keinen Tag, keine Nacht war ich sicher, ob es meine letzte sein sollte.“

Sie fragt ihn: „Wie konntest du das auf die Dauer aushalten?“

„Ich habe immer im Augenblick gelebt. Dadurch hatte ich das Zeitgefühl ausgeschaltet. Vor dem Tod habe ich mich dann nach dem Krieg nicht mehr gefürchtet. Ich sah seine vielen Gesichter und habe später auch im Lazarett die Sterbenden betreut und sie bis zu ihrem Ende begleitet. Sie hatten letztendlich friedliche Züge und ihr letztes Wort war oft „Mama“. Man gewöhnt sich an Vieles.

Ich habe das Glück gehabt, unverletzt aus dem Krieg zurückzukommen. Seit dieser Zeit habe ich kein Problem mehr mich mit dem Tod auseinanderzusetzen.“

 

Mutter meldet sich wieder.

„Red‘ nicht schon wieder vom Krieg! Als ob es nichts anderes als Tod und Verderben gibt, ich kann es nicht mehr hören, deine ewigen Kriegsgeschichten!“

„Du hast ja recht, es gab auch heitere Momente.“

Wie schnell er eine Wendung vollzieht, wenn Mutter sie einfordert. Sie beobachtet wie Vater ein Lächeln auf sein Gesicht setzt und die Geschichte ins Positive lenkt.

Niemals will er Streit und Konfrontation. Harmonie ist sein Wunsch, auch wenn es Verzicht auf seine echte Gefühlswelt bedeutet. Also steckt er Gedanken, Worte über den Tod wieder weg und erzählt vom Holzstehlen, Schachspielen im Bunker.

Aber so leicht lässt sich die damalige Wirklichkeit nicht verstellen. Es drängt ihn zu reden. Da ist die Tochter, die heute zuhört. Das will er wahrnehmen.

„Die Briefe, das war immer ein Höhepunkt.

Die Post aus der Heimat. Manchmal kam sie wöchentlich, dann dauerte es wieder vierzehn Tage oder länger. Mit der Feldpost Nr. 24880. Briefe von Mama und Vater, meinen Schwestern, von Sophie, Astrid und von der Inge. Mama wollte mich nach dem Krieg mit Sophie verkuppeln, Gerüchte kursierten schon in Klagenfurt, bis ich sie mühsam widerlegen konnte. Ich und heiraten, damals undenkbar.

Aus den Briefen erfuhr ich, was daheim so los war. Ich schrieb nur Belangloses und beruhigende Worte. Viele Lügen, um sie nicht zu beunruhigen. Hätte nichts gebracht, nur Kummer. Sie aber schrieben sich alles von der Seele.

Besonders die Inge.

Sie beschäftigte mich, sie war anders. Schüchtern und dennoch irgendwie stark.

Ihre unschuldige Nähe gefiel mir. Doch ihre Briefe, die waren nicht unschuldig, schüchtern. Sie waren schwer, dunkel, gefüllt mit schwarzem Inhalt und Ideen vom Widerstand.“ Er stockt.

 

Bewegung des Herzens. Nach grauen Tagen. Ingeborg Bachmann

Eine einzige Stunde frei sein!

Frei, fern!

Wie Nachtlieder in den Sphären.

Und hoch fliegen über den Tagen

möchte ich

und das Vergessen suchen—

über das dunkle Wasser gehen

nach weißen Rosen,

meiner Seele Flügel geben

und, oh Gott, nichts wissen mehr

von der Bitterkeit langer Nächte,

in denen die Augen groß werden

vor namenloser Not.

Tränen liegen auf meinen Wangen

aus den Nächten des Irrsinns,

des Wahnes schöner Hoffnung,

dem Wunsch, Ketten zu brechen

und Licht zu trinken—

Eine einzige Stunde Licht schauen!

Eine einzige Stunde frei sein!

 

Inge, Inge sprach sein Innerstes an. Sie vermutet, dass es ihn geschmerzt hat, wenn er ihre Worte las, die klar von der Wahrheit im Krieg erzählten. Die Propaganda entlarvte und inneres Elend zur Sprache brachte. Der damalige Rudolf verbarg seine Emotionen geschickt und färbte sein blasses Gesicht mit einem tapferen rosa Schein, um auf seine Art zu überleben.

Später verstand er ihre Gedichte, doch er las wenig von ihr, der berühmten Frau aus Klagenfurt.

 

„Gib mir bitte ein wenig Wasser, mein Mund ist ganz trocken!“

Sie steht auf, reicht ihm den Becher an die Lippen.

„Danke“, er lächelt sie an.

„Ruh‘ dich etwas aus, ich bin ja da, du kannst auch später fortfahren zu erzählen.“

„Wer weiß, vielleicht vergesse ich bald meine Geschichten.“

Ein kurzes Lächeln huscht über sein Gesicht. Sie muss sich kurz abwenden, um nicht ihre aufsteigenden Tränen zu zeigen. Wie lange noch, wer weiß wie lange noch?

Vater legt sich auf sein Bett. An den Wänden hinter und neben ihm hängen gerahmte Bilder aus seinem Leben. Ein Gruppenbild seines Männerbundes. Er vorne sitzend, das leuchtend weiße Haar und sein Lächeln hebt sich vom würdigen Ernst der übrigen Männerblicke ab. Einige Kinder und Jugendfotografien. Darunter eine Aufnahme im Wiener Prater, als so er um die fünf Jahre alt war. Angetan mit kurzen Hosen, einem Jopperl, im Hintergrund eine gemalte Szene mit See und Säule. Der ernste Blick, vom Fotografen angeordnet. Seine Haare kurz geschoren. Sie kennt die Geschichte dazu. Rudolf hatte einen Onkel und eine Tante in Wien. Diese durfte er manchmal besuchen. So wie in diesem Sommer, als das Foto entstand. Nach dem Stillhalten im Studio darf er mit dem Onkel in den Prater gehen. Rudi ist traurig, denn der Haarschnitt hat ihn tief traurig gemacht. So gehen sie an dem am Eingang stehenden großen Chinesenstandbild – dem Kalafati – vorbei zum Wurstelprater.

Rudi sitzt bald unter vielen anderen Kindern und freut sich auf das Puppenspiel. Der Vorhang öffnet sich und Hanswurst begrüßt die Kinder. Nach dem „Seid ihr alle da?“, ruft er in die Menge: „Jö, schau, da sitzt a Glatzata!“ Alle Kinder blicken auf ihn und lachen. Rudi springt auf und rennt davon. Später gehen sie nach Hause zu Tante Erna, die ihn mit einem warmen Kakao zu trösten versucht.

Dieser ehemals kleine Bub liegt nun als neunzig Jahre alter Mann schwer atmend auf seinem Bett im Pflegeheim. Die Jahre scheinen dahinzufliegen wie weiße Vögel auf ihrem Flug in den Süden. Aus der Kälte in die Wärme und wieder zurück, wenn es Zeit ist.

 

Ihr Vater zieht sich wieder aus dem Heute ins Jahr 1943 zurück.

Mit einem Ruck setzt er sich auf und blickt seine Tochter an.

„Dann hab ich sie getroffen. Ich war auf Heimaturlaub in Klagenfurt. Stell dir vor, was für eine lange Reise. Sechstausend Kilometer mit Schiff und dem Zug bis zum Hauptbahnhof  und zu unserer Wohnung vis-à-vis, der Bahnhofstraße fünfzig.“

Zeit für Begegnungen, die Eltern sehen, im eigenen Bett schlafen, Gemeinsamkeit und Ausgehen, um Mädchen und Freunde zu treffen. Weg von Kälte und Krieg, wenigstens kurzfristig.

 

„Hab‘ ich dir schon gesagt, dass ich ein guter Küsser war?“

„Rudi, hör auf, das ist nichts für deine Tochter!“, macht sich Mutter bemerkbar. Erst jetzt. Früher hat sie mitgehört, zwangsläufig. Sie kann nicht ausweichen, mit sich alleine sein. Außer er malt in seinem Atelier. Sonst sind sie aneinander gebunden. Beide in einem Zimmer, Tag und Nacht.

„Das war doch vor dir, du weißt doch „immer dein Rudi“, ab unserer Verlobung bis heute. Und geküsst hab ich dich ja auch!“

Keine Antwort erfolgt. Sie möchte sich auflösen in diesem Hin und Her, dem noch immer traurigen Spiel entkommen. Dazwischen scheint mein Platz zu sein. Geparktes Ausgleichen, vermitteln, harmonisieren aus tiefer Liebe zu den Eltern, sich selbst vergessend. Sie ist dergleichen müde. Die Tochter als Zünglein an der Waage der Beziehung.

„Die warmen Lippen eines Mädels spüren wollte ich und schöne Worte hören. Inge aber hatte so eine dramatische Ader, so wie du meine Tochter!“

Das brauchte sie gerade noch, eine Verbindung zwischen der Schriftstellerin und ihr. Vergleiche, Verwechslungen, Familienaufstellungen. Bitte nicht heute.

Ihre Lippen schließen sich, der Vater bemerkt es nicht. Er spricht mit und für sich.

Im Innen und im Außen. Das Unerhörte mischt sich mit dem Verlauteten.

Er erinnert einen Abend, holt ihn aus der Versenkung und erlebt aufs Neue.

Das Foto mit ihm und Inge zeigt Wirkung. Wieder einmal.

 

 

 

Rudolf zieht seine Ausgehhose und sein kariertes Sakko an. Er steht in der großen ebenerdigen Küche in der Bahnhofstraße fünfzig.

Am Küchentisch sitzt sein Vater auf der Eckbank und liest in einem Buch. Seine Mutter heizt den Kohleherd ein. Trotz Sommerabend ist es hier kühl und der Zichoriekaffee will noch mit heißem Wasser aus dem Wasserkessel aufgegossen werden. Das Feuer knistert und knackt im Ofenloch. Es riecht nach Holz und Rauch, klammen Mauern und Sparsamkeit. Ein Glas der Küchenfenster ist zerbrochen und notdürftig mit Zeitungspapier verdeckt. Glas ist nicht verfügbar. Aus dem Radio erklingt Liszt. Reichsnachrichten und Siegermeldungen. Ein Aufruf der Winterhilfe, jetzt schon Socken für die Soldaten im Norden zu stricken.

„Die halten leider zu wenig warm“, meint Rudolf, „aber besser wie keine Socken.“

„Ja, damals war ich immer froh Zivilkleidung zu tragen!“

Ich war sehr penibel, was meine Kleidung anbelangte. Das Hemd musste sauber und gebügelt sein, das Sakko ausgebürstet und die Schuhe auf Hochglanz poliert.

Die Bügelfalte meiner Hose war besonders wichtig. Ich legte meine Hose immer unter die Matratze und meine Körperwärme mit meinem Gewicht waren das beste Bügeleisen. Im Innenhof der Wohnung putzte ich meine Schuhe. Dank meiner Schwester, die einen Farbenhändler geheiratet hatte, war auch im Krieg Schuhpasta vorhanden. Draufgespukt-glanzpoliert mussten sie sein.

Später habe ich Inge aus der Henselgasse abgeholt. Zum Feiern mit Freunden bei Ribiselsaft und Ribiselwein. Ich weiß nicht mehr, ob wir damals auch was gegessen hatten, aber unser Lachen und die Gemeinsamkeit beim Tisch sind mir in guter Erinnerung. Auch der Duft der Mädchen und ihre Anwesenheit, so Seite an Seite, vergesse ich nicht. Damals wollte ich Inge bitten den Inhalt ihrer Briefe zu ändern. Keine solchen Gedichte mehr von schwarzen Vögeln und wogenden Leichenbergen.

Mein Lebensmotto war immer „nur der feige stirbt vor seinem Tode“, doch damals war ich feige. Ich war zu feige ihr zu sagen, dass ich ihre Briefe alle verbrannt hatte. So gaben sie wenigstens im Feuer des kleinen Metallofens im Bunker Wärme ab. Wärme, die ich damals so ersehnte.

„Wenn du damals gewusst hättest, wie berühmt sie einmal werden würde…“, meint seine Frau leise, „hättest du sie nur aufgehoben!“

„Bis auf ein paar Mal miteinander ausgehen ist aus uns beiden kein Paar geworden. So hab‘ ich dich getroffen und jetzt sind wir miteinander hier.“

Ruhe erfasst den Raum. Der Krieg verzieht sich wie dieser Abend in die Grauzonen des alten Mannes zurück. Es ist Zeit, die Eltern sich selbst zu überlassen.

Sie drückt ihrem Vater einen Kuss auf die Stirn, dreht sich um und will sich noch von der Mutter verabschieden. Doch diese ist wieder in sich gekehrt und sagt noch: „Danke für deinen Besuch!“ Und sieht wieder verloren vor sich hin.

Sie legt der Mutter behutsam die Hand auf die Schulter und geht aus dem Zimmer. Hinaus auf den Gang. Hinaus aus dem Speisesaal. Hinaus auf den Parkplatz zu ihrem Auto.

Noch kann sie nicht fahren, sich von dem Ort verabschieden. Morgen komme ich wieder, kein Entkommen. Stellungskrieg.

 

 

Anna Baar – Das Bild.

Anna Baar

Das Bild

 

Das Bild, aufgenommen 1944 im Zeltlager von El Shatt, einem Wüstenort auf der Halbinsel Sinai in Ägypten, nahe der Stadt Suez, zeigt Franka und Antun, meine dalmatinischen Urgroßeltern. Sie und mehr als dreißigtausend dalmatinische Zivilisten, darunter vor allem Angehörige der Partisanen, waren kurz zuvor auf großen Schiffen nach Afrika gebracht worden, um sie vor den Gräueln, so genannten „Strafaktionen“, deutscher Truppen zu schützen. Zum Zeitpunkt der Aufnahme hatten die beiden fast alles verloren: Zwei Jahre zuvor war ihr bäuerliches Haus am Nordrand eines kleinen Fischerdorfs auf der Insel Brač von den kapitulierenden italienischen Faschisten bis auf die Mauern niedergebrannt worden – als Rache für den erbitterten antifaschistischen Widerstand der Partisanen, den ihr jüngster Sohn, mein späterer Großvater, mit zwei seiner Cousins angezettelt und maßgeblich angeführt hatte. Die beiden älteren Söhne waren in den 1920er Jahren mit einem Tabakbeutel voll karger Heimaterde auf Nimmerwiedersehen nach Argentinien ausgewandert, weil die Reblaus die armen Weinbauern um ihre Lebensgrundlage gebracht hatte.

Franka und Antun kehrten 1946 nach Jugoslawien zurück. Die abenteuerliche Flucht nach El Shatt blieb ihre einzige Reise. Das Elternhaus meines Großvaters steht heute noch als Brandruine am Dorfrand – bewachsen von Kapernbüschen.

 

Julia Woltsche – The Last Page.

Julia Woltsche

The Last Page

 

Komplett emotionslos, mit einer trockenen, beinahe ausdruckslosen Mine, betrachtete er die kleine, metallene Kugel, welche sich ihm mit einschüchternder Geschwindigkeit näherte. Er hatte fast das Gefühl, das gesamte Geschehen würde sich in Zeitlupe abspielen. Eine Sekunde kam ihm dabei wie eine halbe Ewigkeit vor, doch das machte ihm nichts aus, da er sich so wenigstens noch etwas mit seinen Gedanken auseinandersetzen konnte.

Hamilton wusste, dass seine Frau und Kinder, gerade mal 15km von ihm entfernt, ihn bereits erwarten würden, unwissend, in was dieser sich eingelassen hatte. Auch seine Feder lag auf dem Nachttisch. Kurz zuvor fand er noch Gebrauch für sie, um den letzten Text seines Lebens verfassen zu können.

All das hatte er für seine Ehre aufgegeben. Alles nur, weil er sich das degradierende Verhalten seines Kindheitsfreundes nicht gefallen lassen konnte. Obwohl sein Stolz davor schon mehrfach beschädigt und angeknackst wurde, doch dieses Mal ging es ihm zu weit.

Ihm gegenüber stand sein Kindheitsfreund, bewaffnet mit einer geladenen, altmodischen Pistole und seiner selbstbewussten Fassade, durch welche nur wenige einen Hauch von Reue und Angst erkennen konnten.

In der Zeit, die ihm noch blieb, schossen ihm immer wieder folgende Fragen durch den Kopf. Was hatte er eigentlich in seinem bisherigen Leben erreicht? Hatte all das überhaupt einen Nutzen, konnte er jemandem helfen? Würden seine Worte Gehör finden? Wer würde sich an seinen Namen und seine Geschichte erinnern können? Fragen über Fragen, doch nicht auf eine einzige wusste er eine Antwort, die ihn zufriedenstellen könnte. Er, der sonst für jede Frage eine passende Antwort parat hatte, war ratlos.

Früher hätte er alles dafür gegeben, eines Tages so von Statten gehen zu können.

Ein armer, aber begabter Waise, als nicht mehr und nicht weniger war er damals bekannt. Nur ein einsamer Junge in der Karibik, der sein Glück einzig und allein im Schreiben fand. Niemanden außer seiner Feder konnte er als seinen Freund bezeichnen, doch mithilfe genannter Sache hatte er die Möglichkeit, Worte so ausdrucksstark wie eine Treppe zu erschaffen, eine Treppe, die ihm den Weg zu seinem Glück weisen würde. Doch Hochmut kommt vor dem Fall, Niedergeschriebenes */wandte sich gegen ihn, führte zu Verachtung zu Hass für das, was er seiner Familie angetan hatte. Alles nur, weil er es nicht schaffte, sich auszuruhen und eine Pause vom Schreiben einzulegen. Stattdessen war er davon überzeugt, die Leere seines deprimierten Selbst durch gekaufte Liebe füllen zu können. Was er dabei jedoch vergaß, oder wohl eher verdrängte, dass jene Aktion ihm die letzten Menschen, die ihm wichtig waren, zu nehmen vermochte, seine Familie. Er zog den Namen jener durch den Dreck und nahm ihnen dabei gleichzeitig die Liebe und Geborgenheit, die er ihnen früher um jeden Preis bereitstellen wollte.

Sich selbst einredend, dass er aus seinen Fehlern gelernt hatte, gab er seinem Sohn einen Rat, welcher ihm schlussendlich das Leben gekostet hatte. Wer hätte gedacht, dass er sich eines Tages in der exakt gleichen Situation wiederfinden würde? Er selbst war sich dessen zu jeder Zeit seines Lebens bewusst, schließlich schrieb er den Roman seines Lebens mit seiner eignen kleinen Feder. Er wusste, was ihn erwarten würde, auch wenn dies manchmal in Vergessenheit gerat.

Seine Passion war immer das Schreiben gewesen.  Er schrieb und schrieb, als gäbe es nichts anderes in seinem Leben. War das wahr, oder verdrängte er es einfach? Für die Literatur gab er alles, auch sein Leben, auf, doch das war alles in seiner Intention.

Zwar sah er seinen Sohn, seine Kameraden, seine Mutter ihren letzten Atemzug in seinen Armen nehmen, doch das war Teil seiner Geschichte und daran ließ sich nun mal nichts ändern. Also gab er sich einfach seinem Schicksal hin und hoffte, seine Passion könne ihm noch ein letztes Mal den Weg weisen.

Doch seine Geschichte war hier zu Ende. Sein ganzes Leben hatte er nur damit verbracht, Texte zu verfassen und jetzt musste er hoffen, dass jene anderen Leute inspirieren können. Doch das lag nicht mehr in seiner Verantwortung. Nun würde er endlich seine wohlverdiente Pause genießen können, während die letzten Worte seiner Geschichte niedergeschrieben wurden.

Selbstsicher hob er seine Pistole als Zeichen der Kapitulation, während er ‚Hebe dein Glas für den Frieden‘, etwas, das sein verstorbener geheimer Fiancé immer gesagt hatte, flüsterte.

Ein stechender Schmerz machte sich Nahe seines Herzens breit, ehe er zu Boden fiel und der Roman seines Lebens einen Abschluss fand.

Franz Supersberger – „Schnee ist nicht weiß“.

Franz Supersberger

„Schnee ist nicht weiß“

Zwei Buben, etwa elf Jahre alt, haben sich auf den Stufen einer Eingangstreppe für ein Foto aufgestellt. Hinter ihnen sind die Glastüren eines wahrscheinlich öffentlichen Gebäudes erkenntlich. Der Größere trägt einen Kärntneranzug, darunter ein weißes Hemd, am Kragen zugeknöpft. Der Rock spannt sich um die Mitte, die Ärmel und die Hosenbeine sind schon etwas zu kurz geraten. Es ist anzunehmen, dass er sich im Wachsen befindet und der Anzug ihm zu klein geworden ist. Sein Kumpel trägt eine lange Sommerhose, eine helle Strickweste, ein kariertes Hemd und dazu karierte Socken. Beide lächeln, der Kleinere spitzbübisch mit halbgeöffnetem Mund, der Größere verschmitzt mit geschlossenen Lippen. Der Größere im Kärntneranzug bin ich. Der Anzug wurde vom „Avemichlschneider“ in der Beinten vor meinem Eintritt in das Bischöfliche Knabenseminar Tanzenberg maßgeschneidert. Er hat dabei versprochen, dass er in den Kärntneranzug Stoffreserven einbauen wird, damit der Anzug mit mir mitwachsen kann. Jeweils in den großen Schulferien wird er ihn an meine Körpergröße anpassen.

Es ist ein Sonntagvormittag im Frühsommer, Anfang der 60er Jahre, das erste Schuljahr neigt sich dem Ende zu. Wir stehen vor dem Schulgebäude von Tanzenberg, eine Expositur vom Bundesgymnasium Klagenfurt. Wir besuchen dieselbe Klasse und sind im angeschlossenen Knabenseminar untergebracht. Beide stammen wir aus dem Drautal, der Kumpel aus Paternion, ich aus Ferndorf.  Die Vorfreude auf die großen Schulferien schimmert auf unseren Gesichtern ein wenig durch. Das Internat begeht einen Festtag, den Seminartag. Aus allen Tälern von Kärnten treffen Eltern, Geschwister und Verwandte der Zöglinge ein. Es ist ein Tag der „offenen Tür“, wo für die Besucher die Studier- und Schlafsäle, Waschräume, Musikzimmer, der Speisesaal und andere Einrichtungen geöffnet werden. Von den Schülern der Oberstufe werden Gesangs- und Theateraufführung dargeboten. In einigen Klassenzimmern sind Arbeiten aus dem Zeichen- und Werkunterricht ausgestellt. Am späten Nachmittag bekommen die Gäste im Innenhof des Renaissanceschlosses Tanzenberg eine Jause serviert. In der folgenden Stunde erwarten wir unsere Väter, die sich wahrscheinlich schon während der Zugfahrt begegnet sind. Vor ihnen liegt der Fußmarsch auf der kurvigen Straße, vom Bahnhof Maria Saal auf die Anhöhe Tanzenberg. Wenn sie Glück haben, werden sie von anderen Besuchern in einem Pkw mitgenommen.

*

Eine kurze Lederhose war vor meinem Eintritt in das Knabenseminar den Sommer über das liebste Kleidungsstück. Unverwüstlich und praktisch, weil unempfindlich. Ich konnte mir daran die Hände abwischen, egal wie schmutzig sie waren. Indem sie regelmäßig mit einer Speckschwarte eingerieben wurde, blieb sie geschmeidig. Mit dem Übertritt in das Gymnasium bekam ich eine schönere und feinere Garderobe. Die Internatsleitung hatte den Eltern eine lange Liste mit den benötigten Kleidern und der Wäsche zugesandt. Die Anzahl der Unterhosen, Unterleibchen, Socken, Hemden, Hosen und Jacken, Pullover, Trainingsanzüge, Sporthosen, Handtücher, Hausschuhe, Turnpatschen und Sonntagsschuhe war genau angegeben. Dazu kamen die Bettwäsche, zwei Leintücher, zwei Flanell-Leintücher, zwei Steppdeckenüberzüge und zwei Polsterüberzüge. Die Mutter habe ich zum Einkaufen verschiedener Kleidungsstücke nach Villach, in das Kaufhaus Warmuth, begleitet. In Ferndorf bestiegen wir den Personenzug, setzten uns auf die Holzbänke in der zweiten Klasse und los ging die Fahrt, immer der Drau entlang. Einmal war der Fluss nahe an den Bahngeleisen, ein andermal weiter weg, die Auwälder standen teilweise unter Wasser. Vom Bahnhof marschierten wir über die Draubrücke zum Hauptplatz und betraten das in ganz Oberkärnten bekannte Kaufhaus. Im Erdgeschoß gab es Töpfe, Pfannen, Gläser, Löffel, Messer und anderes Gerät für den Haushalt. Ein Herr im Anzug und mit Krawatte erkundigte sich nach unseren Wünschen und begleitet uns zum Aufzug. Dort erwartete uns ein junger Bursche, welcher den Lift bediente. Mit ihm fuhren wir in die oberen Stockwerke. Die Mutter wurde von eleganten Verkäuferinnen in grünen Arbeitsmänteln begrüßt, die ihr vielerlei Bekleidung zum Aussuchen zeigten. Nach dem langweiligen Anprobieren in mehreren Abteilungen fuhren wir mit dem Lift in das Erdgeschoß. Die ausgesuchten Kleidungs- und Wäschestücke wurden gerade in ein Packpapier mit grünen Streifen zu zwei Paketen verpackt und mit einer grünweißen Kordel verschnürt. Ich erhielt einen Luftballon. Zurück am Bahnhofvorplatz kehrten wir in der Jausenstation ein und die Mutter bestellte zwei Paar Frankfurter mit extra viel Senf. Für die Heimfahrt kaufte sie bei einem Obst- und Süßwarenstand zwei Stück Bananen. In jedes der Kleidungs- und Wäschestücke wurde meine Zöglingsnummer 231 eingenäht. Zum Großteil hat dies meine Schwester gemacht. Die Steppdecken- und Polsterüberzüge zierten ein kleinteiliges Rosenmuster. Ich bekam eine Toilettentasche mit Seife und Zahnputzzeug und einen Wäschesack zum Abgeben der Schmutzwäsche, alles mit der Nummer 231 versehen.

Ich war ein unauffälliger Volksschüler, der gerne in die Schule ging und dafür mit guten Noten belohnt wurde. Zu den Vorzugsschülern gehörte ich nicht. Als eifriger Leser borgte ich mir wöchentlich ein Buch aus der Schulbibliothek aus. Der Schulweg, eine Schotterstraße von St. Paul nach Politzen, war etwa vier Kilometer lang. Dafür brauchte ich über eine Stunde. Erlaubte es die Witterung, setzte ich mich beim Heimgehen am Wegrand nieder und begann im ausgeborgten Buch zu lesen. Das eine und andere Mal wurde ich dabei von vorbeikommenden Nachbarn aufgefordert, nach Hause zu gehen. Bei drei bis vier Mitschülern war es vorgesehen, dass diese ein Gymnasium besuchen. Darunter der Sohn vom Gemeindearzt, die Tochter eines Lehrers und der Sohn vom Betriebsleiter des Heraklithwerk. In der Zeit nach Ostern hat mich der Vater bei der abendlichen Stallarbeit, beim Füttern und Melken der Kühe gefragt, ob ich Lust hätte, in Tanzenberg das Gymnasium zu besuchen. Bei der Pfarrgemeinderatssitzung vor zwei Tagen hat ihm der Pfarrer vorgeschlagen, einen von seinen vier Buben nach Tanzenberg zu schicken.  Der Vater war über das Ansinnen vom Pfarrer sichtlich erfreut. Aus unserer Nachbarschaft, vom Bauernhof vulgo Grabner, ging der Sohn Alois in Tanzenberg zur Schule. Von ihm erhofften sich die Kirchenbesucher, dass er einmal Pfarrer werden wird. Als Ministrant konnte ich ein wenig Latein, vieles nur auswendig. Bis Anfang der sechziger Jahre feierten die Priester die heilige Messe in lateinischer Sprache, das Evangelium wurde auf Deutsch verlesen. Als Ministranten antworteten wir dem Pfarrer auf seine Gebete auf Lateinisch: „Dominus vobiscum. Et cum spiritum tuam.“ – „Im Internat gibt es gleichaltrige Buben und du könntest viel Neues lernen. Alois, der zwei Jahre älter ist, würde sich in den ersten Monaten um dich kümmern. Die Waschräume, Schlaf- und Studiersäle sind beheizt, es gibt Warm- und Kaltwasser“, schwärmte mir der Vater vor. Annehmlichkeiten, die wir am Bauernhof nicht hatten, welche ich aber auch nicht vermisste. Der einzige beheizte Raum im Bauernhaus war die Küche. Unsere Stuben zum Schlafen waren nicht beheizt, wir hatten auch kein Badezimmer. Im Winter wickelten wir um einen Dachziegel, der vorher im Backrohr des Holzherdes aufgewärmt wurde, einige Stofffetzen und nahmen diesen in das Bett mit. Unter dem Bett stand ein Nachttopf, den wir morgens nach dem Aufstehen vor das Haus trugen und in den Abfluss von den Dachabwässern leerten. Am Bauernhaus angebaut war ein Plumpsklo. Für die morgendliche Wäsche stand in einer Ecke der Küche eine Waschschüssel mit warmem Wasser. Beim Wechseln des Wassers wurde das Wasser aus dem Küchenfenster in die Wiese gekippt.

Wenn ich fleißig lerne, könne ich nach der Matura etwas studieren, Rechtsanwalt oder Professor. Nicht alle „Tanzenberger“ werden Pfarrer. Als Rechtsanwalt hätte ich dereinst ein angenehmeres Leben als ein Elektriker oder Schichtarbeiter im Heraklithwerk, ich solle darüber nachdenken, meinte der Vater zum Schluss. Neugierde und die Aussicht auf einen kurzen Schulweg, vom Internat direkt in das Schulgebäude, ließen den Gedanken, von den Eltern und Geschwistern getrennt zu sein, verschwinden. In meine Überlegungen mischte sich ein wenig Stolz, ein Gymnasium besuchen zu dürfen. Unterhielten sich Erwachsene über „Tanzenberger“, dann voller Bewunderung. In den Ferien, vor dem Eintritt in das Marianum, ging ich einmal wöchentlich mit Alois in das Pfarrhaus. Gemeinsam mit dem Pfarrer wiederholten wir den Lehrstoff in Deutsch und Rechnen. Alois verbesserte mit Unterstützung des Pfarrers seine Latein- und Griechischkenntnisse. Mein kindlicher Alltag richtete sich bis jetzt nach den Erfordernissen der Schule und nach den Abläufen am Bauernhof. Das ganze Jahr über sorgten wir Buben dafür, dass die Holzkiste in der Küche gefüllt

und das Wasserschiff im Herd voll war. Vor dem Mittagessen holten wir für den Vater einen Krug Most aus dem Keller und machten dort zuerst einmal einen Schluck. Nach dem Mittagessen blieb ich am Küchentisch sitzen und erledigte die Hausaufgaben. Danach folgte ich, vom Frühjahr bis in den Herbst, den Erwachsenen auf das Feld, den Acker oder in den Obstgarten. Bei den Feldarbeiten kam es vor, dass etwas an Werkzeug, ein Pickel, ein Hammer, ein Krampen oder ein Weidekorb fehlte und ich wurde nach Hause geschickt, um es zu holen. Abends war ich beim Füttern der Kühe behilflich und kehrte mit dem Weidenrutenbesen den Viehstall auf. Beim Melken erzählte ich dem Vater was ich in der Schule gelernt hatte oder übte mit ihm das Einmaleins. Meine besten Freunde waren der gutmütige Hofhund „Wächter“ und der schwarze Kater „Murli“. Es waren meine letzten Sommerferien als Kind, wo alles noch seine Richtigkeit hatte. Kühe waren Kühe, Schafe waren Schafe und das Pferd war ein Pferd.

*

Über Nacht wurden die Eltern von einem Präfekten, einem korpulenten Mann in einem schwarzen Talar, abgelöst. Seinen Anweisungen musste ich jetzt Folge leisten. Meine neuen Brüder waren Buben aus allen Teilen von Kärnten, die genauso verunsichert waren wie ich. Sie kamen aus Dörfern und Tälern, wo ich noch nie gewesen war, die ich nur von der Landkarte kannte. Statt einem Klassenlehrer hatten wir stündlich einen anderen Professor.  Zusätzlich zu den neuen Vorgesetzten kam ein überirdisches Wesen. Für uns Zöglinge eine ganz und gar unheimliche Person, weil dieser nichts verborgen bleibt. Egal ob im Waschraum mit einem Mitschüler darüber gestritten wird, wer als nächster das Waschbecken benutzen darf oder im Schlafraum geschwätzt wird, dem lieben Gott, wie er von dem Präfekten genannt wurde, bleibt nichts verborgen. Selbst böse Gedanken, die ich gegenüber einem Freund hege, weil er mir bei der Hausaufgabe nicht behilflich war oder von seinen Manner Schnitten nichts geschenkt hatte, von alldem wusste Gott. Dem Präfekten blieb bei der Beaufsichtigung von uns viel Ärger erspart, es genügte sein Hinweis, dass Gott alles sieht, auch wenn wir es vor seiner Person vertuschen.

Die Algorithmen der Suchmaschinen und der Onlinehändler ziehen aus unseren persönlichen Aktivitäten im Internet Schlüsse und präsentieren uns unaufgefordert ihre Vorschläge. Sie erstellen ein Angebot für den nächsten Urlaub, den Fahrradkauf und den Flachbildschirm. Großen Widerstand gibt es heute gegen die immer weiter um sich greifende Installation von Videokameras, gekoppelt mit der neuesten Technologie der Gesichtserkennung. Dazu kommen aktuell Vorbehalte gegen die digitale Speicherung von persönlichen Daten, wie Krankenbefunde und Medikamentenkonsum, gegen die Aufzeichnung vom Internet- und Emailverkehr. Für mich, als ehemaligen Zögling, der in einem Klima aufgewachsen ist, wo nach Aussage der Präfekten der liebe Gott alles sieht, auch wenn ich es verheimliche, haben diese Vorbehalte keinen Stellenwert. Die geistlichen Erzieher erklärten mir, dass der liebe Gott auch die geheimsten Gedanken lesen könne. Über diese Fähigkeit verfügen heute die besten Algorithmen nicht. Die Katzen verfügen über die sprichwörtliche Veranlagung, jedes noch so kleine Geräusch wahrzunehmen. Öffnete ich in der Küche einen Müller Joghurt, dann sind die Katzen Charly und Undine, egal wo sie gerade waren, angerannt. Die zu Besuch weilende Enkelin war über diesen guten Gehörsinn erstaunt. Besorgt äußerte sie ihre Bedenken, ob die Katzen ihre geheimsten Gedanken hören könnten?

Im Verhältnis zu den Räumen am Bauernhof waren die Schlafzimmer, der Studiersaal und der Speisesaal im Internat riesig und gewöhnungsbedürftig. Die Räume waren, gemessen an unserer Körpergröße, sehr hoch. Beim Arkadengang rund um den Innenhof reichte unser Kopf gerade bis zur Brüstung und im besten Fall erhaschten wir einen Blick vom Innenhof. Der glatte Steinboden war ideal, um darauf mit den Hausschuhen Schlittschuh zu fahren, aber untersagt. Das ungestüme Laufen auf den Gängen und über die breiten Stiegen, mit dem Verbot des Präfekten im Kopf nicht zu laufen, war ein Ausbruchversuch aus der Hausordnung.  Wer erreichte als erster den Speisesaal oder den Kinosaal? Verschlafen eilten wir frühmorgens zur Heiligen Messe in die Internatskirche. Danach drängelten wir aus der Kirche und stürmten zum Frühstück. Der Tischsenior, eine Kanne dampfender Milchkaffee, Butter und Marmelade erwarteten uns schon. Zu keiner anderen Essenszeit herrschte so geschwind Silentium wie frühmorgens. Vor und nach jeder Mahlzeit ertönte ein Glockenton. Etwa dreihundert Zöglinge standen von den Tischen auf, waren mäusestill und sprachen gemeinsam das Tischgebet. Nach dem Frühstück eilten wir hinauf in den Studiersaal und mit den Schulutensilien in das angeschlossene Gymnasium, ein Katzensprung. Oberstes Gebot war es, keine Schulsachen zu vergessen. Notfalls konnten wir in der Pause etwas aus dem Internat holen. Wenn, durften wir dabei nicht von einem Präfekten erwischt werden, sonst gab es eine Strafarbeit. Es waren unaufgeregte Schultage, außer es stand eine Schularbeit auf dem Stundenplan. An diesem Tag versuchte ich während der Frühmesse mit dem lieben Gott einen Pakt abzuschließen. Für eine gute Note versprach ich, künftig während der Messfeier aufmerksamer zu sein. War es Unverständnis von Seiten Gottes oder war es mein mangelnder Lerneifer, dass sich nicht immer die erwünschte Note einstellte? Hilfreicher war es, wenn ich neben oder in der Nähe von einem besseren Schüler saß.  Kein Kopfzerbrechen bereitete uns Schülern die Inspektionen des Direktors Eggermann aus Klagenfurt, dies war eine Herausforderung für die Professoren. Für eine Inspektion in der Klasse bevorzugte der Direktor die Unterrichtsstunden in Latein, Griechisch und Geschichte. Die geschickten Professoren animierten die Vorzugsschüler dazu, bei den Fragen des Direktors sofort aufzuzeigen. Allgemeine Erleichterung verbreitete sich, verließ der Direktor das Klassenzimmer. Für den Rest der Lateinstunde lockten wir Professor Braunecker mit einer Frage zum römischen Kaiser Augustus aus der Reserve. Er war der bessere Geschichtenerzähler als der Geschichtsprofessor. Sein geschichtliches Wissen war geprägt durch seine Arbeit als Archäologe in Ägypten und Griechenland.

*

Erlaubte es die Witterung, stürmten wir nachmittags in das Freie. Jede Schulstufe hatte am Fuße vom Schloss einen Fußballplatz. Zumeist war es ein Stück Wiese, welche notdürftig zum Fußballspielen adaptiert wurde. Die Fußballfelder der Unterstufe waren leicht abschüssig, dies erschwerte das genaue Zuspielen des Balles. Ich war kein Stürmer, aber als festverwurzelter Verteidiger ganz brauchbar. Manches Mal stolperte ich nicht über den Ball oder die Füße des anstürmenden Gegners, sondern über eine Baumwurzel. Die Oberstufenschüler durften das große, gepflegte Fußballfeld benutzen. Auf diesem wurden an den Sonntagnachmittagen zwischen Schulsportvereinen Freundschaftsspiele ausgetragen. Wir Zöglinge bildeten eine lautstarke Kulisse. Bei einem Fußballspiel konnten die Spieler und wir als Zuschauer unseren Emotionen freien Lauf lassen. Am Sonntagnachmittag gab es für mich die Gelegenheit, in der Nähe vom Fußballplatz im Gras zu liegen und meinen Tagträumen nachzuhängen. Ein Tagtraum beruhte darauf, dass Sonja, eine Mitschülerin aus der Volksschule, meine Eltern fragte: „Stimmt es, dass Franz Pfarrer werden will, wie es die Leute in Politzen erzählen? Dann will ich bei ihm Pfarrersköchin sein.“ Im Frühsommer gab es ein Fußballmatch zwischen den Professoren und den Präfekten. Die ehrwürdigen Professoren, ansonsten immer tadellos mit Anzug und Krawatte, und die Präfekten, ansonsten in ihren langen schwarzen Gewändern, hetzten halbnackt und schwitzend über den Fußballplatz. Für mich ein befremdendes Schauspiel. Wir freuten uns diebisch, kam jemand von ihnen außer Atem oder stürzte.

 

Während der Wintermonate war Fußballpause. In der Nähe vom Schloss gab es einen Hang zum Schifahren, auf dem Schlossteich konnten wir Eislaufen. Im engeren Umkreis vom Marianum in der Winterlandschaft Spazierengehen. Beflügelt durch abenteuerliche Geschichten aus dem Wilden Westen spielte eine kleine Schar aus unserer Klasse in den umliegenden Wäldern Indianer und Siedler. Mit kindlichem Übermut trotzten wir der kalten Jahreszeit und trafen uns auch bei Schneefall und kniehohem Schnee im Wäldchen hinter dem Professorenhaus. Meiner Erinnerung nach war dies eine Schlafstätte für die Junggesellen unter den Professoren. Als Späher vom Stamm der Apatschen bewies ich beim Auskundschaften der Siedlertrecks Geschick. Glückte der Überfall, dann zerrten wir die Bleichgesichter in unser Lager und banden sie an den Marterpfahl. Auf das Anzünden von einem Lagerfeuer verzichteten wir, um die Heimleitung nicht herauszufordern. Mit nassen Hosen bis zu den Knien, durchnässten Socken und Schuhen, kamen wir zurück in das Internat. Daran störte sich niemand. Die Halbschuhe vom Linder Schuster in Ferndorf boten im Winter keinen Schutz gegen Schnee und Kälte. Nur mit einem Pullover und Rock bekleidet verbrachte ich die ersten Winter im Freien.

*

Zu den samstäglichen Ritualen gehörte das gemeinschaftliche Duschen und die Beichte. Über die Wendeltreppe erreichten wir den Duschraum im Erdgeschoss, hinauf ging es in das Dachgeschoß zur Internatsbibliothek. Die Beichte war die Voraussetzung für den täglichen Empfang der Heiligen Kommunion. Bei der Frage nach möglichen Sünden habe ich mir bei der Gewissenserforschung schwergetan. Was sollte ich beichten? Zu den lässlichen Sünden zählten Streitereien und Raufereien mit Mitschülern, Verletzung des Silentiums, Unachtsamkeit während der Messfeier.  Zu den schweren Sünden gehörte der Ungehorsam gegenüber Präfekten und Professoren und die Unkeuschheit, begangen in Gedanken, Worten und Taten. Als Elfjähriger wusste ich nicht, was unkeusche Gedanken und Taten sind. Aus meiner kindlichen Not heraus habe ich wöchentlich den Beichtstuhl gewechselt und immer dieselben lässlichen Sünden gebeichtet. Bei etwa dreihundert sündigen Zöglingen habe ich angenommen, dass sich kein Beichtvater jeden reuigen Sünder und dessen Sünden merken wird.

Für Abwechslung im Internatsalltag sorgte das gemeinsame Fernsehen am späten Mittwoch- und Samstagnachmittag. Jeder Studiersaal hatte einen Fernseher, der nur mit Erlaubnis des Präfekten eingeschaltet wurde. In der Unterstufe konnten wir die Tierserien „Fury und Lassie“ anschauen. Fury beginnt damit, dass Joey den Namen seines Mustangs „Fury“ laut in die Prärie hinausruft. Diesen Ruf vernimmt das Pferd und galoppiert über Stock und Stein zu seinem Freund Joey. Dieser tätschelt den Hals des schwarzen Hengstes und sagt: „Na Fury, wie wär’s mit einem kleinen Ausritt, hast du Lust?“, worauf Fury freudig wiehert und Joey sich auf das Pferd schwingt und beide davon galoppieren. Der Präfekt benutzte die Fernseherlaubnis, um eine Klasse von Jungen zu bändigen. Waren wir während der Studierstunde unruhig und nicht mit Eifer beim Lernen, drohte er uns das Fernsehen zu streichen. Vor Beginn der Sendung stellten wir unsere Stühle in Richtung Fernseher, mussten mucksmäuschenstill sein, dann wurde der Fernseher eingeschaltet.

Nach dem Abendessen und vor der abendlichen Studierstunde gab es die Möglichkeit, im hauseigenen Kiosk Schul- und Toilettenartikel zu kaufen. Der etwa 25 m2 große Raum, im Durchgang vom Internat zur Schule gelegen, wurde durch eine Budel geteilt, dahinter befanden sich die Regale mit den Lern- und Pflegeutensilien. Als Verkäufer agierte der Hausmeister. Schon vor dem Öffnen um 19 Uhr gab es am Gang eine Ansammlung von bis zu dreißig Schülern. Nach dem Aufsperren stürmten alle den Kiosk und für die Vordersten bestand die Gefahr, von den Nachfolgenden an der Budel erdrückt zu werden. Der Kauf einer Zahnpasta, eines Heftes oder eines Radiergummis war für einen Unterstufenschüler eine Geduldsprobe. Bedient wurden zuerst die Schüler der Oberstufe. Die lange Wartezeit war eine Entschuldigung, wenn ich zur abendlichen Studierstunde zu spät gekommen bin.

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Von der Mutter erhielt ich monatlich einen Brief, wo sie mir die Vorkommnisse von daheim schilderte: Was die Geschwister machten, ob sie gesund waren und wie es ihnen in der Schule ging. Vom Alltag in der Landwirtschaft, dass die Kuh Mirna ein Kalb bekommen hatte und beide wohlauf sind. Der Vater mit dem Pferd beim Schmied in Molzbichl war, um die Hufeisen zu erneuern. Sie war mit der Kutsche in Spittal/Drau und hat in der Lagersiedlung die frisch geernteten Zwetschken und Äpfel verkauft. Die Kartoffelernte musste wegen Regen um einige Tage verschoben werden. Stattdessen haben sie die Krautköpfe eingeschnitten und zu Sauerkraut verarbeitet. Um die Tage von Nikolo kam der Vater mit dem Zug zum ersten Elternsprechtag nach Tanzenberg. Nach den Vorsprachen bei den Professoren und dem Gespräch mit dem Präfekten Kadras, blieb bis zu seiner Heimfahrt noch etwas Zeit und wir spazierten zum nahegelegenen Kollerwirt. In Begleitung eines Besuches war es uns Zöglingen erlaubt, die Gastwirtschaft zu besuchen. Ich trank einen Almdudler und bekam ein Packerl Manner Schnitten.

Außer Alois und mir besuchten noch einige Schüler aus dem mittleren Drautal das Knabenseminar. Der Vater von einem Klassenkameraden hatte einen Pkw-Kombi. Dieser erklärte sich bereit, mich und – soweit Platz vorhanden – noch andere mitzunehmen. Dies hat die Heimfahrt und die Anreise in das Marianum für die Zukunft vereinfacht. Ungeduldig warteten wir vor unseren ersten Weihnachtsferien am Platz vor dem Internat auf seine Ankunft. Zu sechst saßen wir im Auto, der Kofferraum voll beladen und wir hatten noch Reisetaschen am Schoß. Von Ferndorf führte ein schmaler, steiler Güterweg nach Politzen, der unzureichend vom Schnee geräumt war. Der Vater des Klassenkameraden war Landwirt und Viehhändler, mit Erfahrung bei winterlichen Fahrverhältnissen. Dazu verfügte er über eine Portion Gelassenheit und Humor, den er beibehielt, als das Auto im Steilstück in das Rutschen kam. Wir mussten aussteigen und das Auto anschieben. Sein Spruch war: „Mir miaßn schaun, dos ma aufekemman, dos Muatale wortat schoan.“ Vor dem Bauernhaus war der Schnee autobreit freigeschaufelt. Ein schmaler Steig zweigte links zum Hühner- und Schweinestall ab, durch den Torbogen ging es hinab zum Viehstall. Das Elternhaus erschien mir nach dem Aussteigen unscheinbar, die Fenster klein. Die Haustüre war gefühlsmäßig schmal und niedrig, instinktiv bückte ich mich beim Eintreten. Seit Wochen ging ich in einem Renaissanceschloss mit einer riesigen Eingangstüre, die wir Erstklässler nur mit Kraftanstrengung öffnen konnten, ein und aus. In der Labn standen die Eimer für das Schweinefutter, die Milchkannen und an der Wand hing die zerlegte Melkmaschine. An einem Nagelbrett hängen Arbeitsmäntel, Winterjacken und ein Hut. Ein paar Schritte weiter und ich stand in der Küche mit dem großen Holzherd, dem Diwan in einer Ecke, dem Esstisch mit der Eckbank in der anderen. Zwischen zwei Fenstern stand die zweiteilige Kredenz, mit einem Ober- und Unterschrank. Auf einem Türl vom Oberschrank klebte das Kalenderblatt vom Rauchfangkehrer, versehen mit allerlei Notizen. Auf dem anderem Türl steckten hinter einer Holzleiste die Lagerhauslieferscheine, die Streifen von der Stromrechnung und die Abrechnungen von der Molkerei. Am Fußende vom Diwan und an den Enden von der Eckbank lagen Kleidungsstücke vom Vater und den Geschwistern. Unter der Eckbank standen die Arbeits- und Sonntagsschuhe, Stiefel und Hauspatschen. Auf einem Nebentisch stapelten sich alte Ausgaben vom „Kärntner Bauer“ und die Zeitung der Raiffeisengenossenschaft, der Reimmichlkalender, Handschuhe und Mützen, eine Taschenlampe und das Nähzeug. Unbeholfen stand ich inmitten der Küche, schaute zur niederen Decke empor und blickte aus den kleinen Fenstern in die Abenddämmerung hinaus. Das eigene Schreibpult, mein Nachtkästchen und den eigenen Kleiderschrank gab es hier nicht. Der Tagesablauf des Internats war außer Kraft. Soviel Nähe war ich nicht mehr gewohnt. Ich wusste nicht, wo ich meine Tasche abstellen und was ich als nächstes tun sollte. Ich setzte mich dort auf der Eckbank nieder, wo ich früher immer gesessen bin. Die Mutter fragte mich, ob ich hungrig sei. Die Geschwister und der Vater kamen von der Tenne, dem Stall und der Holzhütte in die Küche und schauten mich, den Studenten, neugierig an. Innerlich überlegten sie wohl, ob ich für die Stallarbeit und zum Holzmachen noch tauglich sei. Wächter, der Hofhund, kratzte an der Küchentür und verlangte Einlass. Er begrüßte mich mit wedelndem Schwanz und gab mir die Pfote.

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Rund um das Schloss Tanzenberg erstreckten sich die weitläufigen Äcker, Wiesen, Obst- und Gemüsegärten der Meierei. Diese belieferte die Internatsküche mit Lebensmittel, Obst und Gemüse. Im Spätherbst haben wir klassenweise die Meierei bei der Kartoffel- und Obsternte unterstützt. Die Kartoffeläcker waren um vieles größer als daheim am Bergbauernhof. In Tanzenberg kamen mechanische Erntehelfer, Kartoffelroder und Traktoren zum Einsatz. Daheim wurden die Kartoffeln in gebückter Haltung mühsam mit einer Haue aus der Erde gebuddelt, hier besorgte es der Kartoffelroder. Das Aufklauben der Erdäpfel erledigten die vielen Kinderhände der Zöglinge. Wir unterstützten die Meierei ebenso bei der Obsternte. Nach getaner Arbeit gab es für uns im Speisesaal eine Jause. Wir bekamen einen heißen Tee, dazu eine Knackwurst mit Brot und Senf. Die häufigste Beilage bei den Hauptspeisen war Kartoffelpüree, danach Reis und Salzkartoffeln. Eine Lieblingsspeise von mir war eine Scheibe Schweinsbraten, dazu Kartoffelpüree mit Soße und ein Teller grüner Salat. Davor bekamen wir eine Suppe, mit Buchstaben oder Frittaten als Einlage, als Nachspeise Apfelkompott. Abends wurde zu einer Schale Milch eine Süßspeise, wie Schmarrn, Palatschinken oder Milchreis serviert. Der Sonntag bescherte uns zum Frühstück Kakao, dazu ein Weißbrot mit Rosinen. Abends gab es heißen Tee und Wurstbrote mit Essiggurken. Der Tischsenior, ein Oberstufenschüler, überwachte die Einhaltung der Tischsitten und sorgte dafür, dass jeder Zögling am Tisch eine gleich große Portion erhielt.

Für die Pause im Unterricht konnten wir morgens ein Stück Schwarzbrot mitnehmen. Am Nachmittag fanden wir bei unseren Jausenfächern gefüllte Brotkörbe vor. Jeder hatte in Studiersaalnähe ein Jausenfach. Für die „Butter auf das Brot“ sorgten die Eltern, die mir regelmäßig ein Postpaket mit einem Stück Speck, Hauswürsteln, einen Becher Marmelade und ein Glas Honig schickten. Dabei war auch eine Schachtel Rupp-Käse, die mit dem blauen Enzian darauf:  Das beste Eck vom Käse. Das Viertel Kilo Butter wurde mit den Wochen ranzig, dies störte nicht im Geringsten. Nach dem Öffnen des Jausenpaketes las ich zuerst den Brief von der Mutter, der zumeist oben auf lag. Danach begann ich nach etwas Süßem zu suchen.

Im Speisesaal spürte ich die Macht des Regens Lex, die er über uns Zöglinge ausübte und zugleich unsere Ohnmacht. Ein bis zweimal in der Woche versah er Dienst im Speisesaal. Bei ihm erhoben sich alle Zöglinge schon mit dem ersten Klingelton von den Bänken, schwiegen und waren bereit für das Tischgebet. Brauchte es einen zweiten oder dritten Klingelton bis Silentium herrschte, mussten wir mit der Streichung einer Vergünstigung rechnen. Dies konnte eine Kinovorführung im Festsaal oder ein Ausflug am Wochenende sein. Die Schuld dafür lag bei uns, die Schuldigen waren unter uns.

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Einmal wöchentlich hatten wir die Möglichkeit, aus der Internatsbibliothek Bücher mit sittlichem Wert auszuborgen. Die Bücherei befand sich im Ostturm des Internatsgebäudes und war über die Wendeltreppe erreichbar. Beliebt waren in der Unterstufe die Erzählungen von Karl May. Mich haben am meisten Bücher interessiert, in denen die Missionare ihre gefährlichen Einsätze in Afrika, Indien und China schilderten. Ich habe mit ihnen mitgefiebert, wenn sie im Dschungel von den Ureinwohnern mit Giftpfeilen angegriffen wurden. Es gab viele Gefahren, denen sie ausweichen mussten – Giftschlangen, Leoparden und Krokodile. Bei einem Fußmarsch durch den verwachsenen Dschungel konnten sie in eine mit Laub getarnte Grube stürzen und gepfählt werden. Ebenso in eine Wildfalle geraten und kopfüber von einem Ast hängen. Meine Fantasie wurde immer angeregt. Eine „Leseratte“ aus unserer Klasse verschlang einen Karl May Band nach dem anderen und konnte die Abenteuer spannend nacherzählen.

Vor dem Einschlafen knieten wir uns am Bettende nieder, warteten auf den Präfekten und sein Kreuzzeichen auf unsere Stirn. Hatte ich keinen guten Tag oder war ich beleidigt, stellte ich mich schlafend. Danach löschte der Präfekt Moritz das Licht im Schlafsaal, schloss die Tür hinter sich und seine Schritte wurden am Gang immer leiser. Wir waren hellwach und warteten ungeduldig auf die Nacherzählung von der „Leseratte“, zumeist aus den Karl May Büchern. Andermal hat er von den verwegenen Taten der „Seebacher Stierzler“ erzählt. Diese trieben in seinem Wohnort nahe bei Villach ihr Unwesen. Schenkte uns ein Verwandter ein Buch, mussten wir dieses dem Präfekten vorlegen. Dieser hat darüber entschieden, ob die Lektüre jugendfrei war. Meine Schwester schenkte mir das Buch „Lachender Süden“ von Birgit Lindgreen. Darin gab es eine Kussszene, diese wurde vom Präfekten beim Durchblättern übersehen.

Die Diözese Gurk besitzt auf der Flattnitz eine Jugendherberge. Dorthin fuhren wir in der dritten Klasse zu einer Schiwoche. Begleitet wurden wir vom Klassenvorstand Professor Schinner und Professor Seebacher. Professor Schinner unterrichtete uns in Leibesübungen und Deutsch. Bei ihm durfte ich den Mitschülern meine geglückten Aufsätze vorlesen. Ich konnte nicht Schifahren und hatte keine Schiausrüstung. Die Schulleitung stellte mir Schi und Schischuhe leihweise zur Verfügung. Der Schi war von der neuesten Machart und mit einer Sicherheitsbindung ausgestattet. Manche Kameraden blickten neidisch auf meine Brettln, teilweise hatten sie ältere Modelle. Es war ihnen unverständlich, warum ich als Anfänger so tolle Brettln bekomme. Zu Weihnachten hatte ich vom Christkind einen Anorak und Keilhosen bekommen. Meine Schwester schenkte mir eine selbstgestrickte Schi-Haube. Mit dieser Ausstattung konnte auch ich am Schikurs teilnehmen. Die ersten Tage verbrachte ich am sogenannten Idiotenhügel und versuchte sicher auf den Schiern zu stehen. Ich übte das Pflugfahren, erlernte mit Mühe den Stemmbogen, Eines nach dem Anderen. Am vorletzten Tag fuhr ich mit dem Schlepplift, in der Begleitung vom Professor, die Piste hoch.  Oben angekommen lag vor mir eine grauslich steile Abfahrt. Mit Überwindung startete ich von der Bergkante, besiegte meine Unsicherheit und fuhr im Stemmschwung den Hang hinunter. Am letzten Tag gab es einen Riesentorlauf mit Zeitmessung. Ich schaffte es, den Riesentorlauf fehlerfrei zu absolvieren. Von der Fahrzeit her war ich der Letzte. Nach dem Abendessen folgte die Siegerehrung. Als Preise gab es Schokoladetafeln in verschiedenen Größen. Schokolade gehörte unter uns Zöglingen zu den Raritäten und wurde zumeist während der Studierstunde, Riegel für Riegel, vernascht. Versteckt unter ein paar Heften, sodass es dem Präfekten verborgen blieb. Die ersten fünf Preise waren vergeben und noch immer lag eine Tafel Schokolade am Tisch von den Professoren. Da wurde ich vom Professor Schinner aufgerufen und erhielt die eine Tafel Schokolade, weil ich den Riesentorlauf fehlerfrei gefahren war. Vor lauter Freude konnte ich danach lange nicht einschlafen.

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Auf einem Erdhügel hat sich eine Schulklasse zu einem Erinnerungsfoto zusammengehockt. Der Kleidung, dem Seesack und dem Umfeld nach zu schließen ist es während der Rast bei einem Wandertag. Zwischen den teilweise hochgeschossenen Jugendlichen ist die Lehrperson auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Im Vordergrund steht eine halbvolle Coca-Cola-Flasche, seitlich sieht man Tische und Stühle eines Gastgartens. Einige Jugendliche haben einen Eisbecher in der Hand und schauen selbstbewusst in die Fotolinse: Was kostet die Welt? Der Kumpel, der bei einem anderen Foto mit mir auf den Stufen einer Eingangstreppe steht, hockt in der Mitte und zeigt sein spitzbübisches Lächeln. Der Mann mit dem offenen, gestreiften Hemd ist Professor Schinner. Auf der rechten Bildhälfte lugt mein Kopf in der letzten Reihe, als zweiter von rechts, zwischen zwei Schulkameraden hervor. Ich trage eine Brille. Die Entdeckung meiner Sehschwäche hatte mit dem Schönschreiben im Zeichenunterricht zu tun. In der Zeichenstunde mussten wir die Gotische Schrift üben. Professor Hetzendorfer malte mit der Kreide gekonnt die gotischen Buchstaben, Buchstabe für Buchstabe, auf die Tafel. Der Zeichensaal war etwa doppelt so groß als ein normales Klassenzimmer. Jeweils ein Schüler saß an einem Tisch. Vor mir lag ein weißes Blatt Papier, in der rechten Hand hielt ich einen Federstil mit Breitfeder, am Tisch stand ein Glas blaue Tinte. Ich bemühte mich redlich die Buchstaben nachzumalen. Mit prüfendem Blick ging der Professor von einem Schüler zum anderen. Bei meinen Schreibübungen geriet er außer sich: „Bist du nicht in der Lage, richtig von der Tafel abzuschreiben? Deine Buchstaben sind weder gotisch noch romanisch, sie sind einfach nur für den Müll.“ Ziemlich unsanft forderte er mich auf, nach vorne, an die Tafel zu gehen. Meine gotischen Buchstaben am Zeichenblatt waren entweder zu breit oder zu schmal. Der aufgesuchte Augenarzt stellte bei mir Kurzsichtigkeit fest und verordnete mir eine Brille. Für das fehlerfreie Abschreiben der Gotischen Schrift kam die Brille zu spät. Zeichnerisches Talent war ich keines. Der Professor Hetzendorfer sagte zu mir: „Du bist farbenblind. Es gibt keine grünen Bäume und keinen weißen Schnee, du musst sehen lernen. Aus dir wird kein Picasso.“ – „Supersberger, dos wird nix“, hat er des Öfteren zu mir gesagt, bevor die Zeichnung von ihm zerrissen wurde und in den Papierkorb wanderte. In der vierten Klasse unterrichtete uns Professor Hetzendorfer auch in Stenografie und seiner Meinung nach würde aus mir kein Parlamentsstenograf werden.

In der vierten Schulstufe, nach dem Halbjahreszeugnis, debattierten wir im Studiersaal unter uns darüber, ob es sinnvoll sei, weiter im Internat zu bleiben.  Wer will bleiben, wer will austreten? Wer fühlte sich von Gott zum Priestertum berufen? Inzwischen wussten wir was Unkeuschheit, begangen in Gedanken, Worten und Taten, sein kann. Während der Osterferien habe ich dem Vater bei der Stallarbeit von meiner Absicht, aus dem Internat auszutreten, erzählt. Daraufhin hat er mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, den Bergbauernhof zu übernehmen. Mein Wunsch war es, in einer Bücherei oder Buchhandlung zu arbeiten und später Journalist zu werden.

 

 

Biografie

Franz Supersberger wurde 1951 in Politzen, Gemeinde Ferndorf, auf einem Bergbauernhof geboren. Er war von 1961 bis 1965 Zögling im Bischöflichen Knabenseminar Tanzenberg und besuchte das angeschlossene Gymnasium. Nach dem Austritt aus dem Internat machte er eine Ausbildung zum Buchhändler. Von 1972 bis 2011 war er selbstständiger Buch- und Papierhändler in Arnoldstein, mit eigenem Geschäft. Franz Supersberger führte mit über vierzig Gemeindebürgern Interviews, die im Nachrichtenblatt Arnoldstein „Arnoldsteiner Porträts“ veröffentlicht werden. Franz Supersberger lebt als Buchhändler in Muse in Villach.

Die erste literarische Veröffentlichung von Franz Supersberger war eine Kurzgeschichte in der „Kärntner Volkszeitung“. Mit Veröffentlichungen in den „Manuskripten“ und „Sterz“ wurde er einem größeren literarischen Publikum bekannt. Mehrmals die Woche verfasst er eine Literaturminiatur und teilt dies per Weblog „Schlagloch“ einer wachsenden Lesergemeinde mit. Vom Deutschen Literaturarchiv Marbach wird das Weblog auf der Plattform Literatur-im-Netz langzeitarchiviert. Einige „Schlaglöcher“ hat er materialisiert und zu Büchern gemacht: Bruchstellen (2015); Wahrnehmungen beim Überqueren der Straße (2018). Weitere Informationen zur Person und seinen Büchern auf der Homepage www.schlagloch.at

Emily Suttnig – Der Weg der Erinnerung.

Emily Suttnig

Der Weg der Erinnerung

 

Als ich aus meinem Traum erwache, blicke ich die Berge an. Sie kommen mir so groß und nahe vor, als könnte ich meine Hand ausstrecken, um sie zu berühren, aber doch sind sie so weit weg. Um mich vor der kalten Bergluft zu schützen, kuschle ich mich nochmal unter meine Bettdecke. Ich gehe in meinen Gedanken durch, was ich heute alles zu erledigen habe und komme zu dem Entschluss, dass ich heute keine Pläne habe. Mit meinen Gedanken noch im Bett, stehe ich mühevoll auf und gehe ins Bad, um mich fertig zu machen und frisch in den Tag zu starten. Ich ziehe mein Gewandt an und mache mich auf den Weg in die Küche. Als ich in der Küche ankomme, sehe ich, wie alle meine sechs Kinder hin und her laufen. Der Tisch ist gedeckt und es riecht nach verbranntem Toast. Als sie mich entdecken, kommen sie hastig hergelaufen. Mein ältester Sohn Thomas mit einem Strauß voller Rosen in der Hand. Fast gleichzeitig wie im Chor wünschen sie mir alles Gute zum Muttertag. Meine Tochter Klara, die zweitälteste, gibt mir ein kleines Päckchen, in das vermutlich eine Kette reinpasste und Thomas drückt mir die Rosen in die Hand und gibt mir einen Kuss auf die Wange. Jedes Kind hat eine einzelne Rose in der Hand und gibt mir einen Kuss auf die Wange. Sie führen mich zum Tisch und wir beginnen zu Frühstücken. Es war ein schönes Gefühl, alle meine sechs wundervollen Kinder so beisammen zu sehen. Bevor wir unseren täglichen Spaziergang machen, gehen wir beim Garten vorbei, um noch ein schönes Bild von mir mit meinem schönen Blumenstrauß zu machen.

Klara:

Ich wachte schweißgebadet und mit einem rasenden Herzen auf. Ich war zu benommen, um zu realisieren, dass es ein Albtraum war. Auch ich als Erwachsene habe noch immer Albträume, aber so einen schlimmen hatte ich schon seit Jahren nicht mehr. Das letzte Mal zu Muttertag. Als ich wieder langsam zu mir kam, schreite es plötzlich durchs ganze Haus. Ich schluckte also meinen Albtraum hinunter und folgte dem Geschrei. Ich öffnete meine Zimmertüre und sah, dass alle meine Geschwister vor der geöffneten Tür unserer Mutter standen. Alle weinten fürchterlich und konnten nicht aufhören zu schluchzen. Ich kam immer näher und als ich das Bett meiner Mutter sah, lief es mir eiskalt den Rücken hinunter. Ein lebloser Körper lag auf dem Bett und mein Bruder kniete daneben. Ich war wie gelähmt und meine Augen füllten sich mit Tränen. Sie kann doch nicht einfach tot sein, oder doch? Ich weiß nichts mehr, ich konnte nicht mehr klar denken, mein Magen verkrampfte sich und ich spürte einen Schmerz, den ich noch nie fühlte. Ich könnte losschreien, aber ich musste stark bleiben, meine Geschwister hätten es nicht verkraftet, wäre ich vor ihnen zusammengebrochen. Also schnappte ich mir jeden einzelnen und schleppte sie ins Wohnzimmer. Ich ging nochmal zurück, um nach meinem Bruder zu sehen. Als ich bei ihm ankam, legte ich meine Hand auf seine Schulter, um ihn zu beruhigen, obwohl ich selbst so aufgebracht war. Er stand auf und schaute mir tief in die Augen. Auch seine waren mit Tränen gefüllt. Ich fühlte mich schwer und  versuchte meine Tränen zu unterdrücken, aber es ging nicht. Eine gewisse Leere breitete sich in mir aus und Kummer durchströmte meinen Körper. Ich stand auf und umarmte meinen großen Bruder.

Wochen vergingen als der stärkste Schmerz vorüber war. Wir begannen gerade uns mit dieser Situation zurecht zu finden, aber es änderte nichts daran, welches Loch es hinterlassen hatte. Es nahm schon langsam wieder Form eines täglichen Alltags an. Wir gingen wieder zu Arbeiten auf dem Feld und versuchten unseren Nachbarn mit verschiedenen Sachen zu helfen, um wenigstens ein paar Groschen zu verdienen. Natürlich brauchten wir noch Zeit, aber es war ein Anfang. Der Postbote gab mir am nächsten Tag einen Brief in die Hand. Ich machte ihn hastig auf und sah meine Mutter mit einem großen Blumenstrauß in der Hand. Es war das Bild, das wir zu Muttertag machten. Als ich sah, wie glücklich meinte Mutter auf dem Bild lachte, flossen nacheinander meine Tränen hinunter. Nicht nur aufgrund der Trauer, auch eine gewisse Freude brach aus, denn ich wusste, dass meine Mutter glücklich war. Eingerahmt hängt es auf der Wand mit dem ewigen Wissen, sie immer bei uns zu haben.

Ende!